GabyRothDéjà-vu-Gefühl

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Milo Wagner lebte das Leben eines durchschnittlichen mittelständischen Deutschen in der friedlichen Waldgemeinde Borkheide, ca. 20 Minuten südöstlich gelegen von Berlin. Er war Vater von zwei Töchtern und lebte mit seiner Frau in einem kleinen Einfamilienhaus, dessen Bau vor einem knappen Jahr nach vielen Rückschlägen fertig gestellt wurde. Durch diesen Bau hatten sie sich höher verschuldet als ursprünglich geplant. So war das halt, wenn man seinen Traum verwirklichen möchte, dachte er zumindest. Er pendelte mit der Bahn täglich nach Berlin zu der Versicherungsfirma am Potsdamer Platz, in der er seit mehr als 5 Jahren tätig war. Ursprünglich studierte er BWL in Potsdam, allerdings schaffte er seinen Abschluss nicht, da er wahrscheinlich einfach kein Prüfungsmensch war und mit dem Druck nicht klarkam. Seine Frau Sabrina, die von allen immer liebevoll Rina genannt wurde, arbeitete als Zahnarzthelferin in Teilzeit in einer kleinen Praxis in der Nähe. Die Bezahlung war zwar relativ schlecht, aber die Nähe zum Heim glich das wieder aus, da sie dadurch die Betreuung ihrer Kinder intensiver absichern konnte. Die Töchter Tessa und Stella waren eineiige Zwillinge und somit zum Verwechseln ähnlich. Die beiden standen sich sehr nahe, so dass man hätte meinen können, dass die Eine der Schatten der Anderen sein könnte, da sie auch ständig aufeinander hockten. Obwohl sie unterschiedliche Interessen entwickelten, schienen diese sich allerdings wieder zu ergänzen. Tessa spielte für ihr Leben gern Violine, wobei Stella lieber mit Farbe ihrer Kreativität nachging. Stella zeichnete nach Tessas Musik und Tessa ließ sich von den Malereien ihrer Schwester zu Musik inspirieren. Da die beiden privaten Zeichen- bzw. Musikunterricht nahmen, was Milo eigentlich gar nicht verstehen konnte, da er der Meinung war, die Mädels könnten eher den Lehrern noch etwas beibringen, waren diese Hobbies recht kostenintensiv. Er musste zusehen, dass das Haushaltsbudget am Ende des Monats noch ausreicht, um etwas Vernünftiges zu essen auf dem Tisch zu bekommen. Rinas Arbeit war zwar auch sehr energieintensiv, obwohl sie unterbezahlt war. Allerdings wollte sie nur ungerne diese Stelle aufgeben, da der eigentliche Arbeitsweg kurz war. Sie meinte immer, lieber verdiene sie etwas weniger, hat aber dafür einen sicheren Arbeitsplatz und kann im Notfall innerhalb von 15 Minuten bei den Kindern sein, wenn etwas sein sollte. Diese Tatsache hatte sich in den letzten Jahren auch ab und an mal bestätigt. Damals, als die Zwillinge noch in den Kindergarten gegangen waren und Stella plötzlich Fieber bekam, hatte die Kitaleitung Rina deswegen auf Arbeit angerufen. Sie konnte im Nu los düsen und war innerhalb kürzester Zeit da und konnte ihre Töchter abholen, um zum Arzt zu fahren.  Das Kuriose war, dass in der Zwischenzeit auf dem Weg zum Arzt, Tessa ebenfalls einen Fieberschub bekam, obwohl sie vorher keinerlei Anzeichen für eine Erkrankung zeigte. Bei Zwillingen hörte man oft, dass sie mit einer Art unsichtbaren Band verbunden seien. Das was die eine erlebte, fühlte die andere mit. Es war letztendlich auch nichts Dramatisches. Sie hatten einen Infekt der oberen Atemwege und der Körper reagierte urplötzlich mit Fieber darauf. Am Ende war Rina die restliche Woche mit den Mädels daheim, bis es ihnen wieder besser ging.

 

Es war der 21.06. – Sommersonnenwende. Der längste Tag im Jahr. Heute sollten so viele Veranstaltungen stattfinden, dass man gar nicht wusste, was man machen sollte. Der örtliche Sportverein hatte eine Sommerfeier geplant, zu der Milo gehen wollte. Eigentlich wollte Rina zu einer Geburtstagsfeier von einer Bekannten gehen, die sie im Grunde genommen nicht sehr gut kannte. Ihre Freundin Lara bat sie letzte Woche bereits darum, mitzukommen, da sie ungerne allein gehen wollte. Und sie hatte zu dem Zeitpunkt nicht mehr an die Vereinsfeier gedacht. Was ist mit den Mädels? Weder das eine noch das andere war geeignet für zwei 7jährige Kinder, die weder Sport mochten, noch langweilige Erwachsenengeburtstage, bei denen sie niemanden kannten. Nach einer ausgiebigen Diskussion zwischen Rina und Milo, hatten sie sich geeinigt, dass er diesmal zur Sommerfeier gehen konnte und sie daheimblieb, weil sie die Bekannte sowieso kaum kannte und am nächsten Wochenende könnte Rina mit ihrer Freundin etwas anderes unternehmen, um die Absage wieder gutmachen zu können.

Der Nachmittag verging und Milo machte sich fertig für die Sommerfeier. Er gelte sich sogar die Haare und legte sein gutes Eau de Toilette von Davidoff Cool Water auf. Verabschiedete sich von seinen Mädels und schnappte sich sein Rad und radelte los. Dort angekommen, bemerkte er, dass es bereits köstlich nach Grillfleisch roch. Er freute sich schon sehr auf das erste Stück Fleisch, aber zuerst kam das Willkommensbierchen, deren Flasche er in fast nur einem Zug leerte, da er bereits einen riesigen Durst verspürte, obwohl es nicht besonders heiß war. Der Wetterbericht kündigte etwa 24 Grad Celsius an, was für einen Spätjunitag im Vergleich zum letzten Jahr recht kühl wirkte. Aber wahrscheinlich war es einfach nur die Vorfreude auf einen entspannten Abend mit Leuten, mit denen man auch mal über sich erzählen konnte und nicht nur ständig über die Kinder, Geld und Haushalt. Er war in letzter Zeit wieder sehr angespannt und seine ständigen Stimmungsschwankungen machten auch ihn zu schaffen. Er opferte sich Tag für Tag für seine Familie auf, damit sie ein angenehmes Leben führen könnten, aber danken tat es ihm niemand. Um so mehr wollte er diesen Abend genießen und war froh darüber, dass Rina mit den Kindern daheimblieb. Die Stunden verstrichen und er aß, trank und unterhielt sich prächtig. Gegen 2 Uhr morgens, es war doch schon sehr frisch geworden und ein leichter Wind zog auf, war er mit Klausi und Wolffi, zwei Sportler des Vereins, die letzten in der Runde. Die anderen waren alle bereits gegangen. Milo fühlte sich so wohl, dass er noch gar nicht ans nach Hause gehen dachte und holte noch eine angefangene Flasche Whisky vor und leerte diese mit seinen beiden Kumpanen. Als auch diese Flasche geleert war, machten sie sich endlich auf den Heimweg. Jeder in eine andere Richtung. Da Milo mit seinem Fahrrad, das er fahrend nicht mehr unter Kontrolle hatte, durch den Wald schieben musste, hatte ich er sich wohlwissenderweise eine Taschenlampe eingesteckt. Als er einen schmalen Trampelpfad entlangtorkelte bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung. Da sein Reaktionsvermögen nicht mehr ganz zuverlässig war, drehte er sich nur mühselig, aber ruckartig zur Seite, verlor dabei sein Gleichgewicht und fiel mit samt Fahrrad hin. Da er in diesem Zustand auch nicht mehr Herr über seinen Körper war und somit nicht rechtzeitig genug seine Hände nach vorne ziehen konnte, um den Sturz abzufedern, landete er mit dem Gesicht auf einer Wurzel und schrammte sich sein Kinn auf, so dass es sofort anfing zu bluten. Ein Gutes hatte dieser alkoholisierte Zustand. Und zwar, sein Schmerzempfinden war gemindert und er empfand nicht nur weniger Schmerz, sondern auch weniger Scham. Als er aufstand, sah er, dass ihm sein Handy aus seiner Tasche gefallen sein musste und nahm es, um es gleich wieder in seiner Jackentasche zu verstauen. Als er blutüberströmt endlich zu Hause ankam, versuchte er sich hineinzuschleichen, damit keiner mitbekam, wie spät es eigentlich sei. Obwohl, er wusste es auch nicht, denn er konnte die Uhrzeit auf seiner Smartwatch nicht mehr erkennen. Genau wie er auch nicht mehr mitbekam, dass er sich bei seinem Sturz eingenässt haben musste.

Da Rina damit vorher schon rechnete, dass Milo etwas über die Stränge schlagen würde, hatte sie seine Bettwäsche bereits auf dem Sofa deponiert, damit er in der Nacht nicht die Zwillinge wachmacht, wenn er ins Bett wollte. Er schaffte es gerade noch, sich das Blut vom Gesicht und den Händen zu waschen. Ohne Einwendungen machte er es sich auf der Couch bequem, wobei er auch hätte auf einem Steinklotz nächtigen können, in diesem Zustand hat er rein gar nichts mehr gespürt außer das mulmige Gefühl in der Magengegend, das ihm sagen wollte, dass das letzte Stück Grillsteak den ursprünglichen Eingang als Ausgang benutzen wollte. Somit taumelte er noch einmal zur Toilette, gerade rechtzeitig, um der Natur seinen Lauf zu lassen. Danach schlief er, zurückgetrieben auf die Couch, sprichwörtlich wie ein Baby.

Am nächsten Morgen, als die Nachtigall ihren täglichen morgendlichen Weg durch den Kiefernwald bereits vor 2 Stunden hinter sich hatte, wurde Milo durch ein eigenartiges Geräusch geweckt. Bis er begriff, dass diese ungewohnte Melodie, die ihm jedoch irgendwie bekannt vorkam, von seinem Smartphone, das er in der Nacht auf dem Stubentisch abgelegt hatte, kam. Er konnte gerade noch erkennen, dass eine SMS eingegangen war. Was eigentlich eigenartig war, denn wer schrieb heutzutage noch eine herkömmliche SMS? Es ist schließlich das Zeitalter von WhatsApp. Ohne das ging fast gar nichts mehr. Er nahm sein Samsung Galaxy S7 in die Hand und entsperrte es mit seinem rechten Zeigefinger auf dem Fingerabdrucksensor. Er ging in das SMS-Menü und las die Nachricht von der unbekannten Nummer:

„DU WIRST BÜßEN, FÜR DAS WAS DU GETAN HAST.“

Nicht mehr und nicht weniger. Er grübelte einige Zeit darüber nach, von wem diese Nachricht kommen konnte. Vielleicht wollte sich jemand von der gestrigen Feierlichkeit einen Scherz mit ihm erlauben. Als er die Handynummer googeln wollte, stellte er plötzlich fest, dass sein komplettes Menü auf dem Handy irgendwie durcheinander aussah, und einige Apps waren gar nicht mehr vorhanden. Erst schob er es selbst alles auf seinen „Ausnahme“zustand, aber als er durch Zufall auf das Icon der Galerie tippte, wurde er ganz blass. Noch blasser, als er ohnehin schon war durch seine allgemeine Befindlichkeit. Das erste Bild, das er erkennen konnte, zeigte eine Gruppe von Leuten, die zusammenstanden und mit Plastikbechern anstießen. Auf diesem Bild konnte er sehen, dass er hinten rechts seinen Bierbecher ebenfalls in die Luft hielt. Aber wie kann das sein? Wie konnte denn dieses Bild entstanden sein? Er wusste ganz genau, dass er sein Telefon niemandem gegeben hatte, um zum Beispiel Fotos machen zu lassen. Er dachte zumindest, dass er es ganz genau wusste. Er wischte das Bild von rechts nach links weg, sodass das nächste Bild zu sehen war. Auf diesem stand er gerade am Grill und unterhielt sich mit Klausi über das letzte Fußballergebnis. Milo konnte sich noch ziemlich gut an das Gespräch erinnern, denn Klausi erzählte voller Stolz von seinem Kumpel im Tor, wie er diesen fiesen Angriff der Gegner abgewehrt hatte und somit das Spiel zu ihren Gunsten mit dem Ergebnis 3:2 sichern konnte. Da er sich die Entstehung der Fotos erstmal nicht erklären konnte und er einen so starken Brand verspürte, dass er hätte die Havel leertrinken können, legte er das Handy vorerst zur Seite und schlürfte in die Küche. Er drehte den Wasserhahn auf und ging mit seinem Mund direkt an den Wasserstrahl, damit er dieses brennende Gefühl beseitigen konnte, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Danach formte er seine Hände zu einer Schale, um sich mit dem damit aufgefangenen Wasser anschließend sein Gesicht bespritzen zu können. In der Zwischenzeit hatte er sich gedacht, dass er sich das nur eingebildet hatte und wenn er zurückging und nachschaute, die üblichen anderen Bilder vorfinden würde, die er mal geschossen hatte. Er ist kein begnadeter oder geduldiger Hobbyfotograf. Wenn er Fotos machte, dann wurde das Handy nur schnell Pi mal Daumen in Richtung des Objektes gehalten, rasch die entsprechende Taste gedrückt und gehofft, dass das, was drauf sein sollte, auch einigermaßen drauf ist. Jedoch versuchte er diese Eindrücke zu verdrängen und setzte erst einmal eine Kanne mit Kaffee auf. Der Kaffee musste diesmal etwas stärker sein als sonst. Also füllte er einen weiteren gehäuften Löffel Kaffeepulver in die Kaffeemaschine ein. Das behagliche glucksende Geräusch der Maschine wirkte sich wohltuend auf Milos Wohlbefinden aus, genau wie der angenehme Duft, der sich so langsam in der Küche verbreitete. Als die Maschine durchgelaufen war und er sich seine erste Tasse vollgoss mit der schwarzen Brühe, in der hätte auch ein Kaffeelöffel aufrecht stehen können, setzte er sich erneut auf das Sofa und überlegte, ob er sich das Handy jetzt noch mal zur Hand nehmen sollte. Er tätigte einen kräftigen, laut schlürfenden Schluck aus seiner Tasse.

Er entschied sich dafür, es noch einmal zu versuchen, denn Milo und ohne Handy war eine unvorstellbare Sache, wie ein Meer ohne Wasser oder ein All ohne Sterne. Zuerst suchte er seine WhatsApp-App. Er konnte sie nicht finden. Dann suchte er seine Fußball-App und dann die Facebook-App. Nichts. Seine ganzen Apps, die er tagtäglich nutzte, waren weg. Einfach verschwunden. Aber er würde sie doch niemals einfach so löschen. Somit entschloss er sich, doch noch einmal in die Galerie zu gehen. Dort stellte er fest, dass die Bilder, die er vorher gesehen hatte, immer noch da waren. Und er zwang sich, weiter zu wischen. Auf dem nächsten Bild war er zu sehen, wie er gerade auf dem Fahrrad unterwegs ist. Auf dem danach, wie er, gekleidet im Anzug, auf dem Weg von oder zur Arbeit in der Bahn war. Das nächste Bild zeigte ihn, wie er sich gerade, wahrscheinlich in der Mittagspause, ein Baguette bei Subways bestellte. Und es ging immer so weiter. Ein Bild nach dem anderen zeigte ihn, wie er gerade sein Leben lebte und er konnte sich nicht erklären, wie das sein konnte, dass er offenbar beobachtet und verfolgt wurde, ohne es zu bemerkt zu haben. Ist das überhaupt sein Handy? Ja, es musste seins sein, denn die Entsperr-Funktion mit dem Fingerabdruck, war bisher immer zuverlässig gewesen. Er hatte es extra so eingerichtet, dass keiner an seine Daten rankäme oder falls Rina wieder auf die Idee gekommen wäre, ihm nachspionieren zu wollen. Somit war es ausgeschlossen, dass er auf der Feier versehentlich das Handy mit jemandem vertauscht hätte. Als Rina zum Frühstücken herunterkam, traute Milo sich nicht darüber zu sprechen, denn sie würde es gleich wieder auf sein Alkoholproblem schieben. Womit er nicht Unrecht haben sollte, denn sie schien sehr angespannt zu sein. Sie wirkte sauer und äußerte sich nur mit einem: „Morgen. Na, war wohl gestern etwas länger als erwartet.“. Milo nickte ihr nur zu und achtete darauf, dass er nichts sagte, das sie dazu bringen konnte, sich weiterhin beschweren zu können. Zum Glück war heute erst Samstag und Milo hätte heute und Sonntag genug Zeit, um sich etwas zu erholen, bevor es Montag wieder voll in die Presche gehen würde.

Als er nun endlich etwas Ruhe und Zeit hatte, in dem er sich auf die Toilette zurückzog, sah er sich nochmals das Handy genauer an. Nichts hätte darauf hinweisen können, dass es sich nicht um sein Telefon handeln könnte. Da auch keinerlei Kontakte vorhanden waren, dachte er auch kurz, vielleicht hat er letzte Nacht das Handy versehentlich resetet. Er tippte seine eigene Nummer ein und wartete, dass ein Freizeichen ertönen würde. Jedoch ging gleich eine wohlbekannte Stimme ran, die ihm verkündete, dass die Nummer vorübergehend nicht erreichbar sei und er es später noch einmal versuchen solle. Gerade als er nochmals in die Galerie schauen wollte, kam wieder eine SMS an mit dem Inhalt:

„MILO, PASS AUF, DASS DEINEN KINDERN NICHT DAS GLEICHE SCHICKSAL WIEDERFÄHRT.“

Nun verstand er gar nichts mehr. Was hatten seine Töchter mit dem Handy zu tun? Panisch sprang er auf und ging an seinen Laptop. Er wollte versuchen, die unbekannte Nummer ausfindig zu machen. Nach einiger Recherchezeit gelang es ihm nur, herauszufinden, dass es sich um eine PrePaid-Nummer handelte. Somit hatte er nichts gewonnen. Er goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein und überlegte, ob er einfach zurückschreiben soll. Aber was? Er begann mit Schreiben. „Hey, ich weiß nicht, was hier getrieben wird und es ist mir auch egal. Mir ist auch egal wer du bist, aber: lass meine Kinder in Ruhe und rücke sofort mein Telefon wieder raus.“ Er las sich die Nachricht noch ein paarmal durch, bevor er sie abschickte. Es dauerte nicht lange, da kam schon eine Antwort:

„MILO, JETZT HAB DICH DOCH NICHT SO. WIR WISSEN BEIDE, DASS DU AUF SPIELCHEN STEHST. KEIN ANDERER KENNT DICH SO GUT WIE ICH. ICH WERDE DIR ZEIGEN, WAS ES HEIßT, ANDEREN EIN LEID ZUZUFÜGEN, SO WIE DU ES EINST GETAN HAST. DAS RICHTIGE SPIEL BEGINNT SEHR BALD:“

Kurz darauf ging eine MMS ein. Ein Bild von Tessa und Stella. Dieses Bild kam ihm sehr bekannt vor. Er überlegte noch kurz bis es ihm einfiel. Na klar, dachte er sich. Es ist abfotografiert von dem Leinwandbild, das im Flur hängt. Das Bild wurde damals im Kindergarten aufgenommen, als der Fotograf da war. Aber wie konnte es sein, dass der Unbekannte ein Bild davon hatte. Er war so zornig, dass er gleich zurückschrieb, ohne großartig darüber nachzudenken, was er schrieb. Er musste einfach seiner Wut Luft machen: „Du krankes Schwein, lass meine Töchter in Ruhe. Geschieht ihnen nur das Geringste, werde ich dich finden und ich werde dich fertig machen. Und wenn du dich nicht gleich zu erkennen gibst, gehe ich zur Polizei.“ Das muss wohl gesessen haben, denn es kam keine Antwort, jedenfalls nicht gleich und Milo dachte, er hätte es wirklich geschafft, ihn oder sie einzuschüchtern.

Milo war sehr aufgebracht. Eigentlich war für heute noch ein Besuch im Baumarkt geplant, denn er wollte einige Materialien besorgen, um den alten Schuppen, der ein Relikt aus einer Zeit war, als sich auf dem Grundstück noch ein abrissreifer Wochenendbungalow befand. Das kam hier in der Gegend öfter vor, denn früher waren oftmals Urlauber aus Berlin oder Sachsen mit Zweitwohnsitz ansässig, um ihren langweiligen Leben etwas Abwechslung zu gönnen. Rina und Milo hatten damals, vor knapp 3 Jahren Glück, dass der Bebauungsplan gerade erst neu erstellt worden und aus dem Erholungsgrundstück Bebauungsland geworden war. Sie schlugen gleich zu mit dem Plan, das marode Gebäude aus den 30er Jahren abzureißen, um sich ihren eigenen Traum aufbauen zu können.

Milo ging zum Kinderzimmer seiner Töchter. Es wirkte alles noch sehr ruhig, als er vor der Tür stand und versuchte zu horchen. Da bemerkte er, dass sich ein Druck oberhalb seiner Brauen an der Stirn breit machte. Er ahnte schon, wenn er nicht bald ein Aspirin zu sich nahm, brummte sein Schädel in der nächsten halben Stunde so heftig, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Aber er musste sich erst einmal davon überzeugen, dass seine Töchter wohl behalten in ihren Zimmern waren. Es ist Samstag, der 22.06., morgens um 7:03 Uhr. Wo sollten Stella und Tessa sich sonst aufhalten, denn sie waren wie ihre Mutter Langschläfer. Rina war heute ungewöhnlich früh auf, da sie noch zu ihrer kranken Oma ins Krankenhaus fahren wollte und vorher den ganzen Haushalt erledigen wollte, damit sie sich nicht damit das restliche Wochenende versaute, hatte sie gemeint.

Milo öffnete Tessas Tür langsam und leise. Wie schon vermutet, lag sie noch im Bett und träumte vermutlich die unschuldigsten Mädchenträume von fliegenden Einhörnern oder bunten Regenbögen, an deren Ende sich ein unermesslicher Schatz befand.  Als er sich danach in Stellas Zimmer schleichen wollte, musste er feststellen, dass Stella sich nicht mehr im Bett befand. Sie saß stattdessen bereits an ihrem Schreibtisch und schien etwas zu malen. Er dachte sich dabei nichts, denn Stella liebte das Malen. Also schloss er die Tür wieder ganz leise, damit er sie nicht störte und ging erleichtert in die Küche zurück.

Irgendwie schaffte Milo es nicht, einen klaren und rationalen Gedanken zu fassen und nahm endlich eine Aspirin ein. Er konnte noch nicht zur Polizei gehen, denn er hatte keine stichhaltigen Beweise. Diese Nachrichten konnten auch als schlechter Scherz gedeutet werden und er als paranoider Säufer dargestellt werden. Diese Blöße wollte sich Milo nicht geben, denn dann würde seine Frau wieder Recht behalten. Milo dachte sich, wenn dies wirklich nur ein Scherz sein sollte, würde es vielleicht helfen, wenn er mitspielte, damit dies bald beendet sein würde und der anonyme SMS-Schreiber endlich Ruhe gab, wenn sein kranker Humor gestillt war. Er nahm das Handy wieder zur Hand und stellte fest, dass eine weitere SMS eingegangen war. Da fiel ihm ein, dass er den Ton sowie die Vibrationsfunktion ausgestellt hatte, denn die eingestellte Melodie jagte ihm auf eigenartiger Weise Angst ein.

„DIE POLIZEI WIRD DIR EH NICHT HELFEN, DAFÜR HAST DU BEREITS MIT DEINEN ALKOHOLESKAPADEN GESORGT.“

Danach folgte wieder ein Bild, auf dem Milo zu sehen war, wie er an einem Straßenrand zur Seite gebeugt steht. Es ist zu erkennen, dass es ihm nicht gut ging. Er sah dort sehr blass aus. Beim Heranzoomen erkannte man, dass er sich gerade übergeben haben musste, denn ein langer Speichelfaden hing aus seinem Mund runter. „Oh je“, dachte sich Milo. Das war der Abend, an dem er total ausgeflippt war. Er wusste nicht mehr, worum es ging. Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass er seinem damaligen Nachbarn Thilo in einem Wutausbruch die Nase gebrochen hatte. Da Rina auf Thilos Frau Bea gut einreden konnte, wurde von einer Anzeige abgesehen, allerdings wechselten sie kein Wort mehr miteinander und es dauerte keine zwei Wochen, und es hing ein „zu verkaufen“-Schild am Zaun.

Milo schrieb sodann schnellstmöglich zurück, damit er endlich wieder zur Ruhe kam, wenn dieser Idiot es aufgegeben hat, ihn verarschen zu wollen. „Sag mir einfach, wer du bist und was du willst und ich werde zusehen, dass ich dir helfen kann.“

Rinas Aufmerksamkeit war es nicht entgangen, dass Milo sich eigenartig verhält und er häufiger als sonst am Smartphone war. Vielleicht hatte er wieder eine Affäre, wie damals vor knapp 6 Jahren. Damals hatte er sich ein Zweithandy und eine neue Simkarte zugelegt, damit Rina nichts bemerkte. Allerdings hatte sie damals durch Zufall das Telefon gefunden und heimlich die SMS gelesen mit den Liebesbekundungen. Sie hatte ihn damals zur Rede gestellt und er bat sie um Verzeihung und wollte es wieder gut machen. In den Wochen danach gab er sich sehr viel Mühe, seiner Rina zu zeigen, wie sehr er sie liebte. Diese Janine ging damals in seinen Kurs und sie verstanden sich einfach sehr gut. Die Zwillinge waren damals noch sehr klein und es war eine anstrengende Zeit, für alle. Milo hatte nicht mehr die Aufmerksamkeit erhalten, die er sich gewünscht hatte und seine Stimmungsschwankungen waren schlimmer als sonst. Es war ein großer Fehler, wie er sich dann eingestehen musste. Seitdem war Rina allerdings recht misstrauisch, da sie nie wieder ein Vertrauen aufbauen konnte, wie es eigentlich in einer gesunden Ehe sein sollte.

Milo beschloss nun doch noch in den Baumarkt zu fahren. Nicht nur, um die benötigten Materialien zu besorgen, sondern zum einen, damit er sich kurzzeitig ablenken konnte und zum anderen, um Rinas aufmerksamen Beobachtungen aus dem Weg gehen zu können. Nach etwa 2 Stunden war er auf dem Heimweg, als er plötzlich von weitem einen Krankenwagen und einen Streifenwagen sah, die nach allem Anschein vor seinem Grundstück standen. Ihm wurde ganz unwohl in der Magengegend und konnte nun nicht genau ausmachen, ob es Panik war, die in ihm aufstieg, weil etwas Schlimmes passiert sein könnte oder ob es noch der Restalkohol in seiner Blutbahn dieses Gefühl hervorrief. Als er näher kam, konnte er Rina erkennen, wie sie aufgelöst am Straßenrand stand und Stella tröstend in den Armen hielt. Als sie das Auto von Milo sah, sprang sie ihm bereits wutentbrannt in seine Richtung. Er stieg aus, als Rina ihm bereits entgegen brüllte, warum er sich so lange rumtrieb und nicht an sein Telefon gegangen war. Er konnte sich das nicht erklären, denn er hatte doch sein Telefon dabei. Halt. Da fiel ihm wieder ein, dass es ja nicht sein Telefon war. „Was ist los Rina? Wo ist Tessa? Was ist passiert?“, fragte Milo.  Rinas Stimme zitterte, sie war kurz vorm Zusammenbrechen. Milo musste sie abstützen, damit sie nicht gleich in sich zusammensack.

„Es… es… es ist Tessa. Sie wollte nicht aufwachen. Und als ich nach ihr sah, stellte ich fest, dass sie kaum noch atmete. Sie hat nicht reagiert. Verstehst du? Sie hat auf nichts reagiert. Oh Gott, mein kleines Baby.“ „Beruhige dich erstmal, Rina. Ich kann dir gar nicht richtig folgen“, sagte Milo. „Ich soll mich beruhigen? Milo, sie hat versucht sich umzubringen“, brüllte Rina ihn hysterisch an. Wahrscheinlich hat sie eine Überdosis an Beruhigungsmitteln zu sich genommen. Wie kann das sein? Sie ist doch erst 7 Jahre alt. Warum sollte sie so etwas tun und woher hat sie das Zeug. Ist es von dir? Hast du dich deshalb die ganze Zeit so komisch abwesend benommen?“ Milo musste schlucken. Er konnte die ganze Situation immer noch nicht begreifen. Rina setzte sich hinten in den Rettungswagen und fuhr mit in die Klinik. Milo packte in der Zwischenzeit einige Sachen von Tessa, während Stella bereits im Auto saß und auf ihn wartete. Milo vernahm noch Musik aus Stellas Zimmer und ging nochmals hinein, um die Musikanlage auszustellen, als er zufällig mit seinen Augen über Stellas neuestes Werk glitt. Er blieb wie angewurzelt stehen. Es war ein sehr düsteres Bild, auf denen drei unterschiedlich große Schattengestalten zu erahnen waren. Es wirkte sehr abstrakt, aber man konnte erkennen, dass dort zwei kleine Grabstellen zu sehen waren. Er fühlte sich auf einmal sehr unwohl. Das lag auch wahrscheinlich an der Musik aus dem Radio. Die Melodie kam ihm sehr vertraut vor. Es war das Lied von Adamski und Seal mit dem Titel „Killer“ aus dem Jahre 1990. Er schüttelte seine Gedanken ab und versuchte wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Er schaltete das Radio ab und ging zum Auto, wo Stella nach wie vor geduldig wartete, denn sie stand scheinbar unter einer Art Schock, da sie besonders ruhig und irgendwie gedankenverloren wirkte. Sie fuhren in das Krankenhaus. Als sie dort ankamen und Rina gefunden hatten, berichtete sie, dass Tessa in der Zwischenzeit der Magen ausgepumpt worden war. Sie hatte höchstwahrscheinlich ein Mittel mit dem Wirkstoff Bromazepam mit einem Becher Sahnelikör eingenommen. Eigentlich ist dies ein angstlösendes Mittel, aber in höherer Konzentration und in Verbindung mit Alkohol, könnte es vor allem bei einem Kind tödlich wirken.  Die Ärzte haben es irgendwie geschafft, den kompletten Mageninhalt zu entleeren. Tessa wurde danach auf die Intensivstation verlegt und war noch bewusstlos, aber laut der Ärzte, könnte sie gut aus der Sache rauskommen. Nur 10 Minuten später und sie hätten nichts mehr für sie tun können. Rina und Milo machten sich fürchterliche Sorgen und gegenseitige Vorwürfe. Wie kam Tessa überhaupt an dieses Mittel sowie den Alkohol? Und wie bekam sie das alles runtergeschluckt? Jeder weiß, dass es für Kinder und Ungeübte ziemliche Überwindung brauchte, eine Tablette zu schlucken, geschweige denn hochprozentigen Alkohol zu konsumieren. Und ja, zu der Medikamentenüberdosis hatte sie nun auch noch eine Alkoholvergiftung.

Als Milo losging, um sich und Rina einen Kaffee und Stella einen Saft zu holen, fiel ihm sein Handy und der mysteriöse Schreiber wieder ein. Er holte das Handy aus seiner Tasche und stellte fest, dass eine weitere Nachricht eingegangen war.

„NA MILO? DA HAT DIE HÜBSCHE TESSA JA NOCHMAL GLÜCK GEHABT. SCHADE, DASS EIN SO JUNGER MENSCH NICHT MEHR UNTER DEN LEBENDEN VERWEILEN MÖCHTE, ODER?“

Milo war auf einmal schwindelig und er bekam rasende Kopfschmerzen. Ihm wäre das Telefon beinahe aus der Hand gefallen. Was hatte dieses Arschloch nur mit Tessas angeblichem Selbstmordversuch zu tun? Er hatte das Gefühl in einem Déjà-vu festzustecken, denn diese Situation kam ihm irgendwie grotesk, aber dennoch vertraut vor. Aber er konnte sich nicht erklären, was es direkt sein könnte. Er fühlte sich öfter mal leer, als ob irgendetwas in seinem Leben fehlte, aber er konnte es bisher nicht so richtig deuten. Vielleicht lag das auch ein sein Trauma aus seiner Kindheit. Er hatte als Kind einen Autounfall mit seinen Eltern, wobei seine Mutter damals noch vor Ort verstarb. Während sein Vater nur leichte Prellungen einstecken musste, hatte Milo ein Schädelhirntrauma in Verbindung mit einer anhaltenden Amnesie erleiden müssen. Von da an fehlten ihm ein Großteil seiner Kindheitserinnerungen. Und immer wenn ihm dieses Déjà-vu-Gefühl übermannte, hatte er das Bedürfnis einen über den Durst trinken zu wollen. Mit zitternden Fingern, schrieb er in das Smartphone: „Was hast du meiner Tochter angetan, was habe ich dir angetan, dass meine Tochter so etwas verdient hat? Gib dich endlich zu erkennen, du Stück Scheiße.“

Es dauerte nicht lange, vielleicht nur 15 bis 20 Sekunden, da kam schon eine Antwort:

„ES IST SEHR SCHADE, DASS DU ES NICHT MEHR WEISST. ICH HATTE GEHOFFT, DU KOMMST VON ALLEINE DRAUF, BRUDERHERZ.“

„Bruderherz? Nein. Das ist wirklich ein übler Scherz. Aber, was ist, wenn doch?“, dachte sich Milo. „Nein, das ist unmöglich. Ich war damals auf seiner Beerdigung. Wie lange war es her? Fast 30 Jahre?“. Als er langsam zurück zu Rina und Stella ging, allerdings ohne Getränke, da er es einfach im Wahn vergessen hatte, schrieb er dem Unbekannten: „Wen stellst du eigentlich dar? Ich weiß nicht wer oder was du bist, ich weiß nur, dass du ziemlich gestört sein musst, so ein Psychospiel mit mir zu treiben. Was willst du nun?“ Als Milo zurück bei Rina war, setzte er sich neben sie, ohne ein Wort zu sagen und starrte nur auf sein Handy und wartete auf die nächste Nachricht. Rina fragte nach dem Kaffee, aber Milo antwortete ihr nicht, da er sie geistesabwesend nicht hörte. Rina sprang wütend auf und wollte ein paar Schritte gehen, als sie sich wunderte, wo Stella abgeblieben war. Vielleicht war sie in den Kinderwartebereich gegangen, um etwas zu lesen oder zu zeichnen. Sie machte sich auf dem Weg, um sie zu suchen und da sie merkte, dass Milo sowieso nicht ansprechbar war und da sie etwas Ablenkung benötigte, ging sie alleine.

In der Zwischenzeit kam die nächste Antwort vom dem SMS-Schreiber:

„ICH WILL DICH EINFACH NUR LEIDEN SEHEN.

HAST DU MAL DARÜBER NACHGEDACHT, DASS DAMALS DER AUTOUNFALL VIELLEICHT KEIN VERSEHENTLICHER UNFALL WAR? PAPA LITT UNTER EINER BIPOLAREN STÖRUNG UND HAT ES EINFACH NICHT MEHR ERTRAGEN KÖNNEN, DASS EINER SEINER SÖHNE UNTER SOLCHEN UMSTÄNDEN AUS DER WELT GESCHIEDEN IST. UND WUSSTES DU, DASS DIESE PSYCHISCHE STÖRUNG VERERBBAR IST? DU HAST MIR MEIN LEBEN VERSAUT, MILO. ODER SOLLTE ICH LIEBER SAGEN: TONI?“

Milo sprang auf, schlug um sich, als ob er einen Unsichtbaren zum Erliegen bringen wollte und schrie: „Nein, das kann nicht sein!“ Sein Herz raste, als ihm die Erkenntnis kam. Nun ergab alles einen Sinn. Das mysteriöse fremde Handy. Der passende Fingerabdruck. Die Fotos. Das Bild mit den 2 Gräbern. Der angebliche Selbstmordversuch. Die Melodie auf dem Handy. „Na klar,“ dachte sich Milo, „das war in den 90 Jahren mein Lieblingshit. „Killer“ hieß das Lied. Das hatte ich immer gesungen; zusammen mit meinem Bruder, bevor…“ Milo rief nach Rina und vor allem rief er nach Stella. „Stella, wo bist du? Herrgott nochmal, Stella. Rina, wo ist Stella? Wir müssen zu Tessa.“ Er rannte aufgebracht durch das Krankenhaus. Die Schwestern riefen bereits den Sicherheitsdienst.  Er fand Rina und schrie sie regelrecht an, wo Stella sei. Sie gab zu verstehen, dass sie sie im Kinderbereich der Klinik suchte, aber nicht dort sei. Milo erklärte Rina, sie müsse schnell mitkommen. Sie müssten dringend zu Tessa. „Aber sie liegt doch noch auf der Intensivstation, da dürfen wir vorerst nicht hin.“ Milo war es offenbar egal. Er rannte zurück zur Station. Er bemerkte, dass sich der Sicherheitsdienst näherte und rannte weiter in Richtung Tessas Zimmer. Er hatte es gleich geschafft und riss die Tür zu Tessas Raum auf und siehe da. Was kam zum Vorschein? Stella. Sie war gerade dabei ein weißes Klinik-Kopfkissen auf Tessas Gesicht zu drücken. Milo stürzt rein, riss Stella vom Bett weg, nahm ihr das Kissen aus der Hand und schrie nach Hilfe. Sie atmete nicht mehr. „Ich brauche Hilfe!“, winselte er nur noch während er sich über Tessa beugte und versuchte sie nicht gerade sanft wach zu schütteln. Ihre Lippen waren bereits blau angelaufen und die Augen grotesk verdreht. Der Sicherheitsdienst erreichte das Krankenzimmer. Sie sahen Milo mit dem Kissen in der Hand, das in der Mitte bereits einen nassen Fleck vom Speichel und Nasensekret des Kindes hatte. Sie schnappten sich Milo, während der zuerst eintreffende Arzt versuchte, Tessa wieder zu beleben. Vergeblich. Rina stand in der Tür und schrie einfach nur vor inneren Schmerz. Es fühlte sich so an, als würde ihr jemand das Herz aus der Brust reißen und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Während die Sicherheitsmänner Milo rausschafften, schrie er: „Sie war es! Sie hat ihre Schwester getötet! Sie hat ihre Schwester genauso auf dem Gewissen, wie ich Milo damals.“ Dann flüsterte er so, als würde er nun mit sich selbst sprechen: „So wie ich meinen Bruder… Milo.“ Dann brach er zusammen und wurde bewusstlos.

 

 Epilog

„Rina-Schatz! Stella! Kommt und beeilt euch. Sonst kommen wir zu spät zur Schlussverhandlung.“ „Ach Toni, muss ich da wirklich hin?“, frage Rina. „Die Verhandlungen gehen jetzt schon 2 Jahre. Du musst damit auch einen Abschluss finden und glaub mir, er wird den Rest seines Lebens in der Geschlossenen verbringen. Wir müssen uns aber jetzt ranhalten, wenn wir Stella vorher noch bei ihrem Opa absetzen wollen.“ „Was würde ich bloß ohne dich machen, Toni? Es ist unglaublich, wie ähnlich du Milo siehst. Wenn du nicht so unglaublich liebenswert wärst, würde es mir schon fast Angst einjagen. Ich liebe dich.“ Die zwei umarmten sich. Beim Hinausgehen drehte sich Toni noch einmal zu Stella und sie zwinkerten sich gegenseitig zu, bevor sie dann ins Auto stiegen.

 

                                                                                                                                

 

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2 thoughts on “Déjà-vu-Gefühl

  1. Liebe Gaby
    Mann, da hast du aber einen rausgehauen.
    Wahnsinn, deine Geschichte.
    Sie ist super spannend, verwirrend, irritierend.
    Zudem gut geschrieben und mit einem großen Gespür für Rechtschreibung und Grammatik.

    Deine Geschichte schreit nach einer Verfilmung. Wirklich.

    Hat mir extrem gut gefallen.
    Du beschreibst alles sehr gut und genau. Und das Ende ist der reine Hammer.

    Böse, intelligent, fast schon Horror.
    Alle Parameter perfekt umgesetzt.

    Kompliment.

    Einige Tipps:
    Setz mehr Absätze/ Kapitel.
    Damit der Leser mal zur Ruhe kommen kann.
    Du schreibst oft wie „in einem durch“.

    Versuch, da und dort Wiederholungen und zu genaue Beschreibungen zu kürzen.
    Fördert den Lesefluss.

    Lass vor einer Veröffentlichung IMMER eine andere Person gegenlesen.
    Fremdleser entdecken immer noch Fehler, die man selbst nicht findet.

    Insgesamt eine großartige Idee, eine großartige Leistung, eine großartige Story.
    Sei stolz auf dich.
    Bitte schreib weiter.
    Du hast ein Talent.

    Deine Ideen und Storylines sind jetzt bereits Klasse. Arbeite etwas an dem professionellen „Wie“ und du wirst in der Lage sein, durch das Schreiben noch wirkliche Erfolge zu haben.
    Vor allem, für dich persönlich.

    Liebe Grüße,
    Swen Artmann (artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust, auch meine Story zu lesen. Über einen Kommentar und vielleicht sogar ein Like würde ich mich extrem freuen.

    Pass auf dich auf.

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