KatrinRPetzoldDie Vergangenheit erwartet dich

7+

 

Wie hatte Jenna reagiert, als sie geknebelt und an einem Stuhl gefesselt erwacht war?

 

Ein Lächeln umspielte Claires Lippen, als sie an den zunächst panischen, dann verängstigten Blick der jungen Frau dachte. Jenna war etwas ganz Besonderes gewesen. Eins ihrer jüngsten Opfer und Teil ihres neuesten Bestsellers.

 

Claires Finger hoben sich von der Tastatur. Sie lehnte sich zurück und fixierte ein kleines Loch an der Wand, welches von einem Nagel stammte.

 

Es war viel zu leicht gewesen Jenna ausfindig zu machen und im Park zu entführen. Wie so oft hatte Claire sich als ältere Dame verkleidet, die dringend Hilfe benötigte und Jenna war, wie alle anderen auch, in ihre Falle getappt. Es war so leicht gewesen, ihr das in Chloroform getauchte Tuch auf Mund und Nase zu drücken. Der schwere Teil war eher, sie ohne Schleifspuren zu ihrem Auto zu bekommen. Aber auch darin war Claire mittlerweile geübt.

 

Sie setzte sich aufrecht hin und legte ihre Finger auf die Tastatur. Wie würde der Mörder in ihrem neusten Thriller sein Opfer sehen?

 

Die durch die Tränen verlaufene Wimperntusche unterstrich ihre dunklen Augenringe. Ein schmaler Weg der Farbe verlief über ihre hohen Wangenknochen, ehe die Spur sich knapp unter ihnen verlor.

 

Ja, das klang doch ganz gut. Claire nickte zufrieden. Genau so sah Jenna aus, als sie das Messer in ihrer Hand entdeckt hatte. Selbstzufrieden atmete Claire durch und lehnte sich wieder zurück. Innerlich lobte sie sich selbst für ihren genialen Einfall, den sie vor einigen Jahren hatte. Jemanden einfach zu entführen und zu töten. So konnte sie am besten herausfinden, wie Menschen in Gefahrensituationen reagierten. Oder was für Geräusche sie von sich gaben, wenn man unterschiedliche Folterinstrumente austestete. Natürlich diente alles nur den Recherchezwecken für ihre Romane. Zudem hielt man ihre Testobjekte nur für verschwunden und nicht für tot. Nicht auszudenken, wie hellhörig die Polizei sonst werden würde, sollten sie jemals eine ihrer Leichen entdecken. Immerhin verhalfen sie ihr zu ihrem großen Durchbruch!

 

Kopfschüttelnd versuchte Claire ihre Gedanken loszuwerden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es lag an ihr die Menschen dort draußen zu unterhalten und mit einem neuen Thriller von ihr zu fesseln. Wege und Mittel spielten dabei keine Rolle.

 

Ein Lichtblitz erhellte plötzlich ihr Arbeitszimmer und riss sie aus ihren Gedanken. Claire fuhr herum und sah gerade noch einen Schatten hinter dem Fenster verschwinden. Na warte, dachte sie, sprang auf und rannte zur Eingangstür. Papparazzi suchten sie eher selten Zuhause auf, jedoch schätzte sie ihre Privatsphäre. Dem würde sie ihre Meinung sagen, sodass er sich nicht mehr wagte auch nur in die Nähe ihres Hauses zu kommen.

 

Der Weg um das Haus herum zu dem Bürofenster war mit wenigen Schritten überbrückt, doch nirgends war auch nur eine Menschenseele zu sehen. „Diese blöden Papparazzi“, fluchte sie leise und wandte sich zum Gehen, als ihr Blick auf ein Licht am Boden fiel. Ein Smartphone. Das musste der Übeltäter wohl verloren haben, dachte Claire und hob es auf. Der Bildschirm war noch entsperrt und zeigte ein Foto, auf dem sie vor ihrem Laptop saß. Instinktiv löschte sie das Bild. Wenn der Papparazzo sein Handy wiederbekam, sollte seine Arbeit nicht noch belohnt werden. Sie würde es gleich heute Nachmittag der Polizei übergeben und die konnten sich der Sache annehmen.

 

Gerade als Claire den Bildschirm sperren wollte, wurde ihr das nächste Bild angezeigt. Ihr Herzschlag setzte für einen Augenblick aus. Eine Eiseskälte breitete sich in ihren Adern aus und lies sie zittern. Sie konnte ihren Augen nicht trauen. Das durfte nicht wahr sein!

 

Der Paparazzo hatte ein Foto von Jenna und ihr auf dem Smartphone. Claire konnte man trotz ihrer Verkleidung gut erkennen, jedoch sah man weder das in Chloroform getauchte Tuch hinter ihrem Rücken, noch wie sie die bewusstlose junge Frau anschließend hinter sich herzog. Doch wenn dieses Bild existierte, musste die Person es beobachtet haben. Sollte die Polizei an das Smartphone kommen, würden auch sie das Foto sehen und somit wäre Claire die letzte Person, die Jenna lebend zu Gesicht bekommen hatte. So viel Aufmerksamkeit konnte sie sich nicht leisten. Nicht, wo sie ihren Keller noch nicht wiederhergerichtet hatte. Mit kalten Fingern umklammerte sie das Telefon. Das Foto musste verschwinden.

 

Claire sah sich ein letztes Mal um, ehe sie zurück ins Haus lief. Die Tür schloss sie gleich hinter sich ab, als könnte sie ihre Verfolger so von sich fernhalten.

 

Mit zitternden Händen ließ sie sich auf den Schreibtischstuhl fallen. Sie war doch bei jedem Opfer achtsam gewesen und hatte sich mehrmals vergewissert, dass sie allein waren. Wo kam also diese Person her?

 

Der Bildschirm wurde schwarz und Claire drückte sofort auf den kleinen Knopf um ihn wieder anzuschalten. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Für eine Sekunde hoffte sie, dass die Person ihr Smartphone nicht abgesichert hatte und sie hatte Glück. Wem auch immer das Smartphone gehörte, er scherte sich nicht um doppelte Sicherheit. Claire löschte das Foto und erstarrte erneut. Wie in einem Bann wischte sie immer weiter und sah sich nacheinander alle Fotos auf dem kleinen Bildschirm an.

 

Drei.

 

Der Unbekannte hatte sie mit drei Opfern fotografiert. Jedes Mal, kurz bevor sie zur Tat übergegangen war. Es konnte nichts zu bedeuten haben, oder dahinter steckte einfach alles. Für die Polizei wäre sie auf jeden Fall eine potenzielle Tatverdächtige. Jedes Jahr ein neues Opfer. Jenna war Nummer acht. Wenn Claire es nicht clever genug anstellte, würde es keine neunte Person mehr geben.

 

Ihr Blick wanderte zum kleinen Firmenlogo des Smartphones und sie runzelte ihre Stirn. Allgemein schien es sich um ein neueres Modell zu handeln, also warum waren veraltete Bilder hier drauf zu finden?

 

Jemand musste sie erneut hochgeladen haben. Claire setzte sich aufrechter hin und klickte sich durch das Menü. Keine gespeicherten Kontakte, keine weiteren Bilder und keine Nachrichten oder getätigte Anrufe. Der Papparazzo oder wer auch immer sie beobachtet hatte, wollte, dass sie dieses Telefon fand.

 

Claire schluckte und starrte weiter auf den Bildschirm, als könnte jeden Moment eine Nachricht auf dem Display erscheinen. Oder vielleicht würde man sie anrufen? Irgendwelche abwegigen Bedingungen würde die Person stellen, um sie nicht zu verraten. Vielleicht Geld? Oder ein Autogramm oder Foto? Nein, diese Sachen waren alles Nichtigkeiten gegenüber dem Druckmittel.

 

Nach wie vor war der Bildschirm ihres Laptops hell erleuchtet. Das geöffnete Dokument ihres neusten Romans schien sie zu verhöhnen. Frustriert griff sie nach dem Gerät und wollte es gewaltsam zuklappen, als sie mitten in der Bewegung erstarrte und Entsetzen sich in ihr ausbreitete.

 

Ich weiß, was du getan hast.

 

Dieser Satz stammte nicht von ihr. Das hatte sie nicht geschrieben!

 

Ein Schauer lief über ihren Rücken. Sie war nicht allein. Jemand war in ihrem Haus.

 

Claire sprang von ihrem Stuhl auf, der abrupt nach hinten kippte und auf dem Boden aufschlug. Panisch zuckte sie bei dem Knall zusammen und ließ das Handy fallen.

 

Verdammt! Ihr Herz begann zu rasen, als sie es vorsichtig aufhob. Der Bildschirm war nach wie vor intakt und erleichtert atmete Claire auf. Ob das eher gut oder schlecht war, konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.

 

Ihr kam der Gedanke, dass sich nach wie vor eine unbekannte Person mit ihr im Haus befand, die ein Zeuge all ihrer Entführungen war. Wenn sie auch nur ein wenig recherchierte, würde sie herausfinden, dass ihre kein Mensch niemand mehr zu Gesicht bekommen hatte. Andererseits wusste die Person in ihrem Haus all das mit Sicherheit längst.

 

Was sollte Claire machen? Die Polizei rufen stand nicht zur Debatte. Einfach abhauen und hoffen, dass die Person irgendwann verschwand, ebenfalls nicht. Wenn sie eine Kamera besaß und den Keller entdeckte … Claire schüttelte sich. Sie mochte es nicht in der Rolle des Opfers zu stecken. Sie war stets die Täterin, die Mörderin, und so sollte es auch bleiben.

 

Claire musste die Person ausfindig machen, herausfinden, ob es irgendwelche Kopien gab und die Forderungen ihres Erpressers erfüllen, wenn nötig. Im Zweifel könnte sie ihn einfach umbringen. Dann hatte sie gleich Stoff für ihren nächsten Thriller und musste sich nicht erst die Mühe machen, ein neues Opfer zu finden.

 

Normalerweise suchte Claire diese gezielt aus und stellte Nachforschungen an, um etwas über ihr Umfeld zu lernen. Aber diesmal würde sie eine Ausnahme machen und das Risiko eingehen.

 

Sie steckte das Telefon ein und näherte sich dem Flur. Hier im Raum war niemand, also blieben nur noch zwei Räume auf dieser Etage, drei weitere oben und der Keller.

 

In der Küche hatte sie ein paar schöne Messer in der Schublade liegen. Natürlich lagerte sie im Keller bessere Dinge, aber sie wollte nicht riskieren, dass jemand ihr den Weg abschnitt oder sie dort einsperrte.

 

Also blieb Claire an der Tür zum Flur stehen und lauschte. Nichts. Stille. Die Person war entweder unglaublich leise, oder sie hatte ihr Versteck bereits gefunden. Was war ihr Ziel?

 

So leise wie möglich schlich Claire in die gegenüberliegende Küche. Auch hier war niemand zu sehen. Die Schublade ließ sich geräuschlos öffnen, jedoch stand sie vor dem nächsten Problem. Irgendwie musste sie es hinbekommen, geräuschlos ein Messer aus der Schublade zu entwenden.

 

Claire hielt mitten in ihrer Bewegung inne und lauschte den Schritten in der Etage über ihr. Da steckte der Einbrecher also. Instinktiv griff sie nach dem erstbesten Messer und stürzte Richtung Treppe. Anspannung breitete sich in ihrem Körper aus und ließ ihr Herz schneller schlagen. Ihr war nicht mehr nach warten zumute. Wenn dieser Idiot es wagte ihr ein Handy mit einer eindeutigen Nachricht dazulassen, musste er auch mit den Konsequenzen leben.

 

Wie von selbst trugen ihre Beine sie zur Treppe und übergingen dabei die erste knarrende Stufe, die Claire bereits seit Monaten reparieren lassen wollte. Irgendwie musste der Person es gelungen sein, sie ebenfalls zu übergehen. Oder Claire war zu diesem Zeitpunkt noch draußen gewesen.

 

Oh, warum hatte sie nicht gleich die Tür hinter sich geschlossen und einfach den Schlüssel mitgenommen? Sie ärgerte sich über ihre Naivität, dass ihr hier niemand etwas anhaben konnte.

 

Der Griff um das Messer herum verstärkte sich, als sie langsam um die Ecke sah und einen leeren Flur vorfand. Das Badezimmer lag gleich gegenüber der Treppe. Leise ging sie auf die angelehnte Tür zu und versuchte zunächst etwas durch den Spalt zu erkennen. Zu ihrem Vorteil war es durch das große Fenster hell erleuchtet, doch befand sich zumindest auf der einen Seite niemand im Raum. Claires Hände waren feucht und sie befürchtete, ihr würde jeden Moment das Messer aus der Hand rutschen. Schließlich drückte sie die Tür auf und betrat mit dem Knall das Badezimmer. Es war leer und verstecken konnte man sich nicht mal in der Dusche.

 

Claire merkte, dass ihr die Sache etwas zu viel Spaß machte. Der Nervenkitzel und die Angst jeden Moment erwischt zu werden und in einen Hinterhalt zu geraten bereitete ihr unerwartete Freude. In ihr brodelten schon neue Ideen für ihren Thriller, die sie später unbedingt niederschreiben wollte.

 

Ein dumpfes Geräusch ertönte, dass sie nicht zuordnen konnte. Claire horchte auf. Kam es aus ihrem Schlafzimmer nebenan, oder doch aus dem Gästezimmer, das am Ende des Flures lag? Zögernd näherte sie sich der ersten Tür. Sperrangelweitoffen gab sie den Blick auf das gesamte Zimmer frei. Ihr Kleiderschrank war geöffnet.

 

Langsam bewegte sie sich in den Raum und lies ihren Blick durchs Zimmer schweifen. Niemand da. Also war ihr ungebetener Gast im Gästezimmer. Welch Ironie.

 

Schnelle Schritte näherten sich und bevor Claire reagieren konnte, zog ein schwarzgekleideter Mann die Tür zu. „Hey!“, rief sie und hastete zu ihr, um sie zu öffnen. Poltern auf den Treppenstufen war zu hören, gefolgt von einem Knarren und einem Krachen, als die Eingangstür ins Schloss fiel.

 

„So ein Mistkerl“, fluchte Claire. Die Anspannung verschwand und als sie die Treppe runterging, fühlte sie die Ruhe zurückkehren. Nach wie vor hatte dieser Idiot ihr nicht gesagt, was er im Gegenzug für die Vernichtung der Fotos haben wollte und jetzt war er einfach abgehauen. Er hatte es wohl mit Angst zu tun bekommen.

 

Claire straffte die Schultern und ging zurück in ihr Büro, als wäre nichts gewesen. Genug neuen Stoff für ihren Thriller hatte sie jetzt auf jeden Fall. Das Smartphone legte sie gleich neben dem Messer auf den Schreibtisch ab und richtete dann den Stuhl wieder auf.

 

Ein letztes Mal noch atmete sie tief durch, bevor sie ihre Hände auf die Tastatur legte und die letzten Worte des Unbekannten löschen wollte.

 

Dreh dich mal um.

 

Komisch, stand da gerade nicht noch etwas anderes?

 

Plötzlich drückte ihr jemand ein Tuch auf Mund und Nase. Ein süßlicher Geruch breitete sich aus und ihr Puls beschleunigte sich. Verdammt! Sie griff nach der Hand und versuchte sie von ihrem Gesicht wegzuzerren, aber der Mann war einfach viel zu stark.

 

„Du hättest dich umdrehen sollen“, hauchte ihr eine raue Stimme ins Ohr.

 

Der Raum begann sich zu drehen und immer mehr schwarze Flecken tauchten in ihrem Blickwinkel auf. Blindlings tastete sie nach dem Messer auf ihrem Schreibtisch und bekam es tatsächlich zu fassen. Kurzerhand stach sie einfach nach hinten und traf auf einen Widerstand.

 

Der darauffolgende Schmerzensschrei klang wie ein liebliches Glockenspiel in ihren Ohren. Das Tuch wurde von ihrem Gesicht genommen und Claire nutzte die Chance um aufzustehen.

 

Ihre Beine gaben nach und sie schaffte es gerade so sich rechtzeitig am Tisch festzuhalten.

 

„Na warte, du kleines Miststück.“ Das Messer steckte noch in seinem Oberarm und er war schlau genug es trotz der Schmerzen, die sie von seinem verzerrten Gesicht ablesen konnte, stecken zu lassen. Es würde eine riesige Schweinerei geben, sollte er es rausziehen. Und je nachdem wo genau sie ihn getroffen hatte, würde er vielleicht sogar verbluten … Möglicherweise konnte sie die kleine Aufgabe für ihn erledigen.

 

Andererseits fühlte sie sich immer noch unglaublich schwach, obwohl ihre Gedanken bereits auf Hochtouren liefen.

 

Claire ließ den Tisch los und versuchte einige Schritte zu gehen. Sie kam bis zur Tür, als der Mann ihre Haare packte und mit einem Ruck nach hinten riss. Sie landete unsanft auf dem Boden und die Luft wurde ihr bei dem Aufprall aus den Lungen gepresst. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie versuchte den Schmerz herunter zu schlucken.

 

„Du wirst hier nicht mehr lebend rauskommen.“

 

Er war sich zu sicher. Claire griff nach oben und zog mit einem kräftigen Ruck das Messer aus seinem Arm. Leider glitt es aus ihrer Hand und landete klirrend auf dem Boden. Der Mann schrie erneut auf und taumelte zurück. Das war ihre Chance um in die Küche zu gelangen und sich wieder zu bewaffnen. Sie wollte seine Leiche sehen.

 

Claire hatte ihre Beine wieder voll unter Kontrolle und machte große Schritte, rannte praktisch gegen die Tür und drückte die Klinke nach unten.

 

Moment, wann hatte sie die Tür überhaupt geschlossen?

 

Keine Sekunde später knallte sie mit dem Gesicht voran gegen das unnachgiebige Holz. Es knackte und von ihrer Nase ging ein unglaublicher Schmerz aus, der sie Sterne sehen ließ.

 

Verdammte Scheiße! Stöhnend griff sie nach ihr und zuckte bei der kleinsten Berührung zusammen. Ihre Hand war voller Blut.

 

Fassungslos griff sie erneut nach der Klinke, doch die Küchentür gab nicht nach. Dieser Kerl hatte sie abgeschlossen! Irgendwann, bevor sie nach unten gekommen war.

 

„Ich sagte doch, dass du hier nicht mehr lebend rauskommen wirst.“ Er lachte und im nächsten Moment spürte sie einen harten Schlag auf ihrem Hinterkopf.

 

***

 

 

 

Langsam öffnete Claire ihre Augen, die sie gleich darauf wegen zu grellem Licht wieder zusammenpresste. Es dauerte einige Sekunden, bis sie es erneut wagte und es diesmal schaffte sie offen zu behalten.

 

Claire befand sich in ihrem eigenen Keller auf dem Platz, an dem normalerweise ihre Opfer saßen. Ein raues Seil kratzte an ihren Handgelenken und Knöcheln, als sie versuchte sich zu bewegen. „Fuck“, stieß sie aus und sah sich um.

 

Der Mann war nicht zu sehen, jedoch zeigte ein Blick auf den Tisch vor ihr, dass er sich mit diesem Raum bereits vertraut gemacht hatte. Mehrere Messer unterschiedlicher Breite und Länge lagen aufgereiht nebeneinander, gefolgt von einer Zange, einem Skalpell und einem etwas aufgebesserten Sparschäler. Letzteren hatte Claire noch nicht getestet, was sie erschaudern ließ. All diese Dinge erfüllten unter anderem einen Zweck: Sie sollten ihr Schmerzen bereiten.

 

Wie lange war sie bewusstlos gewesen?

 

„Ah, du bist wach.“ Der Mann kam die Treppe zu ihrer linken herunter. Seine Lippen deuteten ein schmales Lächeln an. Die dunklen Haare hatte er zurückgegelt, während seine stechend blauen Augen dadurch noch mehr hervorstachen. Unter anderen Umständen würde sie ihn attraktiv finden.

 

„Wer sind Sie?“, verlangte sie von ihm zu wissen. Claire reckte ihr Kinn und hoffte so mutiger und selbstbewusster zu wirken. Innerlich überlegte sie fieberhaft, wie sie aus dieser Situation wieder rauskommen sollte. Die Schmerzen, die von ihrer Nase sowie von ihrem Hinterkopf ausgingen, waren zu einem dröhnenden Schmerz geworden, welches ihr das Denken erschwerte.

 

„Es ist unwichtig wer ich bin. Dass ich hier bin, hast du dir selbst zuzuschreiben. Du musst lernen, dass dein Handeln Konsequenzen hat.“ Ganz klar eine Anspielung auf ihre kleinen Rechercheopfer. Ihr fiel der Verband an seinem Oberarm auf. Er hatte also genug Zeit gehabt um sich einen Verband anzulegen, sie zu fesseln und die Gegenstände aufzureihen.

 

„Das waren Menschen, die keine Freunde hatten, oder von ihrer Familie schlecht behandelt wurden“, versuchte sie ihr Handeln zu rechtfertigen. Nicht umsonst hatte sie ihre Auserwählten mindestens einen Monat lang beobachtet. Es sollte niemanden geben, der diese Personen vermissen würde.

 

„Das gibt dir noch lange nicht das Recht über ihr Leben zu entscheiden. Jeder Mensch hat es verdient zu leben, abgesehen von denen, die das der anderen nehmen.“ Seine Stimme wirkte ruhig und er griff nach dem Skalpell.

 

Claire schluckte. Jede seiner Bewegungen verfolgte sie stumm und überlegte angespannt, wie sie ihn davon abhalten konnte, ihr mit dem Ding zu nah zu kommen.

 

Reden. Er musste weiter reden. Vielleicht hielt ihn das kurzzeitig auf und sie würde mehr Zeit bekommen um sich einen Fluchtplan auszudenken.

 

„Wie sind Sie auf mich aufmerksam geworden?“, fragte Claire ruhig und sogar ernsthaft interessiert.
„Du wirst deine Strafe nur weiter hinauszögern, mich aber nicht davon abhalten, dir die Schmerzen zu bereiten, die du verdienst.“

 

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“ Claire zog an den unnachgiebigen Fesseln, bis ihre Handgelenke blutig waren. Der Mann beobachtete das Szenario schmunzelnd und ließ sie weiter sich selbst verletzen.

 

Schließlich lehnte er sich gegen den Tisch und setzte zu einer Antwort an. „Ich habe dich vor vier Jahren mit deinem damaligen Opfer gesehen.“

 

„Vor vier Jahren.“, grübelte sie leise. Wen hatte sie vor vier Jahren getötet? Um den Dreh rum müsste ihr Thriller „Engelsmord“ rausgekommen sein, in dem das Opfer seine Lungen auf die Schultern gelegt bekkam. Danach kam …

 

„Anne. Anne habe ich zu recherchezwecken benutzt.“

 

Benutzt.“ Der Mann lachte und schüttelte seinen Kopf. „Getötet! Sprich es doch aus. Du ermordest Menschen! Du bist eine Serienmörderin.“

 

Claire schüttelte ihren Kopf. Sie war keine Serienmörderin. Sie tötete doch nur, damit ihre Thriller besser und detailgetreuer wurden.

 

„Anne war meine Freundin. Und ich wollte sie an jenem Abend im Park treffen. Ich war mehrere Wochen berufsbedingt nicht im Land …“ Er stockte. Die Verbitterung war deutlich aus seiner Stimme zu hören.

 

Claire schluckte. Das hatte sie nicht gewusst. Anne lebte mit ihren 18 Jahren bereits in einer eigenen Wohnung und war kein einziges Mal bei ihren Eltern zu Besuch gewesen.

 

„Aber ich habe sie nie mit Freunden gesehen“, versuchte Claire es weiter, wobei ihre Stimme nicht mehr so selbstsicher klang wie zuvor.

 

„Sie ist zwei Monate vorher erst in die Gegend gezogen und ihr fiel es schwer neue Leute kennenzulernen. Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich sie nicht retten konnte.“ Er senkte zunächst seinen Blick, bevor er ihn wieder hob. In seiner Miene vermischten sich Schmerz und Hass und wurden zu einem. „Wie viele deiner Opfer hatten wohl ein schönes Leben, bis du es ihnen genommen hast? Wie viele Menschen mussten durch dein Handeln leiden?“

 

Zweifel überkamen Claire so plötzlich, dass sie am liebsten gleichzeitig weinen und schreien wollte. Das alles war nicht ihre Absicht gewesen.

 

„Bevor ich Anne von dir befreien konnte, war sie schon in deinem Auto. Ich hätte deine anderen Opfer retten können und die Schuld wird auf ewig auf meinen Schultern lasten, aber ich wollte erst genug Beweise sammeln, bevor ich zur Polizei gehe. Und dann habe ich mir gedacht, dass ich es ja einfach selbst in die Hand nehmen könnte.“ Sein Blick fiel auf das Skalpell. „Im wahrsten Sinne des Wortes.“ Ein schelmisches Lächeln zierte sein Gesicht.

 

Claire erkannte, dass es nicht leicht werden würde, den Mann davon abzuhalten, sie zu töten. Hatte sie überhaupt eine Chance?

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5 thoughts on “Die Vergangenheit erwartet dich

  1. Liebe Katrin,
    Mir gefällt deine Geschichte wirklich gut. Sie lässt sich richtig flüssig lesen, durch deine angemessenen Absätze. Auch dein Schreibstil gefällt mir persönlich sehr gut, wobei das einfach persönlich zu bewerten ist.
    Dein Ende hast du offen gelassen, das ist natürlich auch in Ordnung so. Allerdings habe ich lieber kein Happy End oder ein schlechtes Ende als gar keins. Das ist aber wieder nur meine persönliche Meinung. Dran bleiben! Dabei spreche ich wahrscheinlich für alle 😉

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  2. Hi, endlich mal eine andere Herangehensweise. Eine sehr gute Geschichte, meiner Meinung nach hätte sie sogar Potential, zu einem richtigen Thriller zu werden.
    Vielleicht hast du ja Lust, daraus eine große Geschichte zu machen. Mich hättest du sicher als Leser…

    P.S. vielleicht hast du ja Lust, auch meine Geschichte zu lesen >>Glasauge

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  3. Moin Kathrin,

    da ist dir was richtig tolles gelungen. Flüssiger, packender Schreibstil. Die Idee hinter dieser Geschichte finde ich grandios. Wie du das Katz und Maus Spiel in ihrer Wohnung beschreibst ist richtig klasse. Dabei die Absätze als Stilmittel zu benutzen um dadurch Spannung zu erzeugen, ist dir richtig, richtig gut gelungen. Und wie du es schaffst das der Täter zum Opfer wird hat mir auch mega gut gefallen! Alles in allem eine richtig gute Geschichte! Mein Like geb ich dir mit Freude.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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  4. Liebe Katrin,
    wow, mal etwas komplett anderes. Wenn alle Thriller-Autoren erst einmal selbst Hand anlegen müssten, … nicht auszudenken 😱 ! Deine Idee hat mich vom Hocker gehauen und ich hätte dir auch gerne an irgendeiner Stelle konstruktive Kritik gegeben, aber sowohl inhaltlich als auch sprachlich ist es tipi topi. Deine Art zu schreiben hat mich mitgerissen. Vielen Dank dafür!
    Viel Glück weiterhin 🍀! Mein Like 👍 hast du und wenn dich meine Geschichte interessiert, sie heißt „Happy birthday“ 🎈.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/happy-birthday
    Du kannst sie auch anhören. Der Link zum Hörbuch steht in meinem Profil oben.
    Liebe Grüße,
    Martina

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