Sophie SommerEine Sekunde

Terry! Terry, bleib stehen!“

Du kannst mich mal, Paul! Du wusstest davon, oder? Und du hast nichts gesagt!“ Seine Worte hallten in meinem Kopf wieder, kalt und hohl. Wir waren gerade vom Anwalt zurückgekehrt, der Mamas Erbe verlesen hatte. Ich hatte ihr Grundstück geerbt, mitsamt der prächtigen Stadtvilla, während Terry ihr Auto und den mickrigen Pflichtteil bekommen hatte. Eigentlich sollte er Mamas Haus bekommen, aber dann hatte ich mich scheiden lassen und das alleinige Sorgerecht bekommen. Und ihre Pläne änderten sich.

Komm einfach wieder rein, dann können wir in Ruhe darüber reden“, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber er hörte nicht.

Seit wann weißt du es?“, fragte er noch einmal und ich biss mir auf die Lippen. „Mama hat mich vor ein paar Monaten darauf angesprochen. Sie wollte mir das Haus überlassen, wegen Emily.“

Wegen Emily? Warum kannst du mir deiner beschissenen Tochter nicht in eurer Wohnung blieben?“

Seine Worte trafen mich. Wut stieg in mir auf, breitete sich aus, von meinem Herzen bis in die Fingerspitzen.

Was hast du gesagt?“

Du hast mich schon verstanden.“ Terry beugte sich vor. „Ich habe es satt, dass du immer bevorzugt wirst. Nur wegen deiner beschissenen Tochter.“

Ich verlor die Kontrolle, nur eine Sekunde lang. Aber die Sekunde reichte aus. Meine Faust traf auf Terrys Schläfe. Mir war nicht bewusst, wie viel Kraft ich hatte, bis Terrys Kopf durch die Autoscheibe flog. Das Blut, das aus den Schnittwunden spritzte, war schlimm, aber nicht so schlimm wie das Blut, das in sein Gehirn floss.

Danach war Terry ein anderer Mensch. Halbseitig gelähmt, unfähig einen ganzen Satz zu bilden. Die Schuld zerfraß mich fast. Ich nahm Terry bei mir auf, er bekam das Zimmer neben Emily, und ich kümmerte mich um ihn. Trotzdem wurde ich meine Schuldgefühle nie ganz los.

Rückblickend weiß ich, dass das die Sekunde war, an der alles schief ging. Die Sekunde, in der ich Emily verlor. Aber rückblickend ist man ja bekanntlich immer schlauer.

Guten Morgen.“ Die große Tür mir gegenüber wird geöffnet und ein Mann titt ein. In einer Hand trägt er ein Klemmbrett, mit der anderen zieht er den Stuhl zurück. Das Metall quietscht, als es über den Boden gezogen wird. Ich verziehe das Gesicht.

Ich werde Ihnen erst ein paar Fragen stellen, danach können Sie erzählen. Also, wann haben Sie ihre Tochter das letzte Mal gesehen?“

Ich schlucke. „2010. Emily war damals 15.“

Sie ist zu ihrer Mutter nach Hamburg gezogen, richtig?“

Ich nicke.

Meiner Kollegin erzählten Sie, dass sie nicht wissen, warum sie damals gegangen ist.“

Ich nicke wieder. „Wir hatten keinen Streit, und sie erklärte es auch nicht. Eins Morgens war sie weg. Kurz darauf kam die Nachricht ihrer Mutter, dass Emily bei ihr sei. Es ginge ihr gut, aber sie wolle nicht mit mir reden.“

Seit dem hatten sie keinen Kontakt mehr mit ihr?“

Ich schüttele den Kopf. „Kein Kontakt“, bestätige ich.

Gut.“ Der Mann notiert etwas auf seinem Klemmbrett, dann legt er es beiseite und sieht mich an. „Dann fangen Sie mal an zu erzählen. Am besten mit dem Tag, an dem Sie dachten, sie wiederzusehen.“

Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück. „In den letzten Jahre hatte ich oft das Gefühl, Emily wiederzusehen. Das erste Mal stand ich im Supermarkt an der Kasse, als ich aus dem Augenwinkel lange, dunkle Haare wahrnahm. Ich drehte mich um, doch die Haare gehörten nicht Emily, sondern einer Frau mittleren Alters. Einmal saß ich im Kino, als sich während der Werbung ein Pärchen auf die Sitzreihe vor mir schob. Wie gebannt starrte ich auf den dunklen Pferdeschwanz, versuchte ihrem Gespräch zu lauschen und bildete mir sogar ein, ihr Lachen zu hören. Nach der Hälfte des Films hielt ich es nicht mehr aus und verließ das Kino, nur, um mich an der Tür noch einmal umzudrehen und einen Blick auf sie zu erhaschen. Doch von vorne hatte die Frau keine Ähnlichkeit mit meiner Tochter.“

Ich schlucke. „Ein andermal saß ich im Zug, als ich erneut dachte, sie zu sehen. Sie sah auf ihr Handy, die dunklen Haare fielen ihr ins Gesicht und verdeckten es beinahe komplett, und doch war ich mich sicher. Alles stimmte, die Struktur, die Haare, die Kleider. Sie trug sogar die gleichen Sneaker wie Emily. Sie tippte etwas auf ihr Handy, dann drehte sie sich um und verschwand in der Menschenmenge.

Ohne darüber nachzudenken sprang ich auf, schob mich durch die gerade schließende Zugtür und rannte los. Ich drängelte mich an den Menschen vorbei, stellte mich auf eine Bank, reckte den Hals und entdeckte sie bei den Rolltreppen.

Ich rannte los, erreichte die Rolltreppe, nahm zwei Stufen auf einmal. Jetzt waren es nur noch wenige Meter. Ich streckte meinen Arm nach ihr aus, rief ihren Namen und packte sie an der Schulter. Die Frau drehte sich um, und ich blickte geradewegs in zwei große, dunkelbraune Augen. „Was soll das denn?“, fauchte sie wütend. „Entschuldigen Sie. Ich habe sie verwechselt“, stellte ich fest. „Sieht so aus“, bemerkte die Frau spitz, dann drehte sie sich um und lief davon. Inzwischen war mein Zug natürlich längst weitergefahren, mitsamt meinem Rucksack, meinem Handy, meinem Geldbeutel und meinem Schlüssel.“

Ich lache, aber der Mann lacht nicht mit. „Das ist witzig, weil die Frau Emily bei genauerem Hinsehen überhaupt nicht ähnlich sah. Ihre Augen hatten die falsche Farbe, ihre Nase war zu groß, ihr Mund zu klein“, erkläre ich, aber der Mann lacht trotzdem nicht. Also fahre ich fort. „Ich hatte mir wirklich oft eingebildet, sie wiederzusehen, aber es war immer nur Einbildung gewesen. Bis zum 7. Mai, als ich geradewegs mit ihr zusammenstieß.

Ich war auf dem Weg zur Uni, meine Vorlesung begann in 10 Minuten, als wir aneinander prallten. Wie im Film flogen meine Unterlagen herum und vermischten sich mit dem Stapel Papier, den die Frau auf dem Arm hatte.

Hoppla!“ Die Frau bückte sich und begann die Zettel einzusammeln. Ich bückte mich, um ihr zu helfen. Da trafen sich unsre Blicke, und, ich kann es nicht anders beschreiben, ich erstarrte. Ihre Augen waren grün, aber es war nicht irgendein grün, sondern ein helles Grün, mit einer dunklen Iris. Es waren die gleichen Augen, die mich jeden Morgen im Spiegel ansahen.“

Ich mache eine dramatische Pause und beuge mich vor, damit der Mann meine Augen besser sehen kann.

Die Frau lächelte schüchtern und entschuldigte sich. Als sie sprach kam eine kleine Zahnlücke zum Vorschein. Genau wie bei Emily. Als Kind hätte sie eine Zahnspange gebraucht, aber sie wollte keine. Also blieb die Lücke. „Meine Mutter sagt immer, ich muss an meiner Tollpatschigkeit arbeiten“, meinte die Frau, aber ich hörte sie kaum. In Sekunden scannte ich ihr Gesicht ab, versuchte, einen Unterschied zu entdecken, eine winzige Kleinigkeit, irgendetwas. Aber es stimmte alles. Die Augen, die dichten Augenbrauen, die geschwungenen Lippen, die kleine Stupsnase. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Die Frau beugte sich sorgenvoll zu mir herüber. „Tut ihnen etwas weh?“

Der einzige Unterschied waren die Haare. Die Frau trug einen blonden Bob. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, alles gut.“

Puh, da bin ich erleichtert. Ich hatte schon befürchtet, dass sie durch den Zusammenstoß einen Herzinfarkt bekommen haben.“ Sie lachte, dann streckte sie mir die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Rebecca.“ Ich erwidert ihren Händedruck, dann…“

Moment!“ Der Mann hebt die Hand. „Die Frau stellte sich mit Rebecca vor?“

Ich nicke. „Ja, das war Teil ihrer Tarnung!“

Was für eine Tarnung?“

Emily wollte nicht erkannt werden. Sie war damals abgehauen, ohne Grund. Jetzt wollte sie wieder Kontakt mit mir, traute sich aber nicht, direkt auf mich zuzugehen. Also legte sie sich eine andere Identität zu, um mir trotzdem nah sein zu können.“ In meinem Kopf klingt es ganz logisch, der Mann aber hebt nur verwirrt die Augenbrauen.

Okay. Sprechen Sie weiter.“

Ich beschloss, ihr Spiel mitzuspielen. Also stellte ich mich ebenfalls vor, schüttelte ihre Hand und fragte, ob sie hier studieren würde. „Ja, seit April. Ich bin im ersten Semester.“ Wir wechselten noch eins, zwei Worte, dann verabschiedeten wir uns. Ich ging in Richtung Hörsaal, sie verließ den Campus. Ich kam gerade noch rechtzeitig zur Vorlesung, die Studierenden warteten schon, und packte hektisch meine Tasche aus, als das hier herausfiel.“

Ich ziehe ein Handy aus meiner Hosentasche. Ein schwarzes iPhone 8, der Display war zersprungen. „Als ich es anmachte, lächelten mir zwei junge Frauen entgegen, die eine hatte dunkelrote Locken, die andere war Emily..“

Sie haben das Handy gestohlen?“, fragt der Mann und ich schüttele den Kopf. „Nein, sie hat es verloren. Bei dem Zusammenstoß muss es in meine Tasche gerutscht sein.“

Und sie haben es ihr nicht wiedergegeben?“

Doch, das wollte ich. Aber ich konnte sie ja schlecht anrufen, oder?“ Ich lache. „Also nahm ich es mit nachhause. Dort entsperrte ich es beim ersten Versuch, der Code war Emilys Geburtsdatum. Es waren kaum Nachrichten vorhanden, aber ein Haufen Bilder. Und wissen sie, was für Fotos das waren?“

Wieder lege ich eine dramatische Pause ein. „Fotos von mir. Auf einigen war ich alleine zu sehen, andere waren Bilder von früher, auf denen Emily und ich zusammen abgebildet waren. Die Fotos waren der Beweis dafür, dass ich mich nicht getäuscht hatte.“

Ich beuge mich vor. „In den nächsten Tagen sah ich sie dann häufiger. Aber ich wollte ihr das Handy nicht einfach so zurückgeben. Ich hatte Angst, dass dadurch meine einzige Kontaktmöglichkeit zu ihr verloren geht. Ich wollte die perfekte Gelegenheit für die Übergabe abpassen, und sie dabei noch einmal in ein Gespräch verwickeln. Also beobachtete ich sie. Ich sah online nach, wann sie Vorlesungen hatte, und folgte ihr, um zu sehen, was sie danach unternahm. Meistens ging sie in das Café am Marktplatz, dann ging sie in das Studentenwohnheim.“

Der Mann schreibt etwas auf sein Klemmbrett, dann sieht er mich an. „Sie haben sie gesalkt.“

Nein, nein!“ Ich lache. Mein Lachen hallt durch den Raum, unnatürlich schrill. „Ich habe sie nur beobachtet und bin ihr ab und zu gefolgt.“

Das ist die Definition von stalken.“

Nein, nein, ich hab nicht… ich bin doch nicht, ich meine…“

Der Mann winkt ab. „Lassen wir das. Erzählen Sie weiter.“

Während meinen Beobachtungen fand ich heraus, dass Emily den Campus jeden Dienstag um halb 12 verlässt. Also fing ich sie am 19. Mai dort ab. Ich sagte, dass ich ihr Handy gefunden habe, und es ihr gerne wiedergeben würde. An dem Tag hatte ich es nicht dabei, also verabredeten wir uns für den Abend. Wir trafen uns im Café am Marktplatz. Als ich dort ankam, entdeckte ich ihren blonden Bob sofort. Sie saß an einem der Fensterplätze und hatte mir den Rücken zugewandt. Ich lief auf sie zu, sie drehte sich um, aber es war nicht Emily, die mir gegenüberstand. Es war eine junge Frau in Emilys Alter aber sie war mindestens einen Kopf größer. Sie hatte große braune Augen und ein Gesicht voller Sommersprossen. Als sie lächelte, kamen perfekte Zähne zum Vorschein. Keine Zahnlücke, nichts. Für einen Moment stockte ich. Die Frau kam auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen. „Schön, dass Sie es geschafft haben. Haben Sie mein Handy dabei?“ Wie gelähmt ließ ich mich auf den Platz ihr gegenüber fallen. Ich verstand nicht, was passiert war. Wo war Emily? Und wer war diese Frau?“

Ich atme tief durch. Die Hand des Mannes fliegt nur so über das Klemmbrett und notiert jedes Wort.

Ein Kellner erschien und reichte der Frau einen Cappuccino. „Hier, ist dein Kaffee Rebecca“, meinte er, und seine Worte rauschten in meinem Kopf. Die Frau nahm einen Schluck, dann sah sie mich fragend an. „Also, haben Sie mein Handy dabei?“ Mir wurde schwindelig. Ich verstand überhaupt nichts mehr. „Wo ist Emily?“, fragte ich, und die Frau sah mich fragend an. „Wer?“ Ich lachte. Sie wusste schließlich genau, wen ich meinte. „Na, Emily. Wir hatten uns hier verabredet. Also, wo ist sie?“ „Wir hatten uns hier verabredet“, sagte die Frau mit Nachdruck, aber das war natürlich Blödsinn. „Wo ist sie? Steht sie draußen und beobachtet uns?“ Die Frau sah sich unsicher um, sie war wirklich eine grandiose Schauspielerin. „Wen meinen Sie?“, fragte sie noch einmal. „EMILY!“, rief ich und knallte das Handy auf den Tisch. Die Frau zuckte zusammen und ein paar Cafébesucher drehten sich zu uns um, aber das war mir egal. Ich entsperrte das Handy, tippte auf Fotos, wollte ihr die Bilder von Emily und mir zeigen zeigen. Ich hielt ihr das Handy unter die Nase, sie warf einen Blick darauf und schrie.“

Ich mache eine Pause, um meine Gedanken zu ordnen. „Die Frau sprang auf. „Sie haben mich fotografiert!“, rief sie, „sie haben mich verfolgt und fotografiert!“ Ich blickte verwirrt auf das Handy, aber die Fotos von mir waren verschwunden. Stattdessen war die Fotogalerie voll mit Bildern der Frau, die mir gegenüber saß. Ein paar Fotos zeigten sie beim Verlassen der Uni, andere im Café, andere zeigten sie in ihrer Wohnung.“

Das war der Moment, in dem sie durchdrehten“, schlussfolgert der Mann, und ich nicke. „Sie hat mich ausgetrickst. Ich weiß nicht wie, und erst recht nicht wieso, aber Emily hat mir eine Falle gestellt. Aber Emily war nicht da, also habe ich die Frau angeschrien. „WO IST EMILY?“, habe ich gerufen, dann habe ich mich auf sie gestürzt. Ich habe sie an den Armen gepackt und auf den Boden gedrückt. Dann hat wohl jemand die Polizei gerufen, und naja, jetzt bin ich hier.“

Der Mann sieht mich nachdenklich an, wirft einen Blick auf seine Notizen, dann wieder auf mich. „Sie müssen sich in einer Art Illusion befunden haben. Sie haben sich so sehr gewünscht, ihre Tochter wiederzusehen, dass dieser Wunsch für Sie Realität geworden ist.“

Ich sehe den Mann fassungslos an. „Nein, nein, ich bin mir ganz sicher! Ich bin nicht verrückt, ich meine…“

Schon gut.“ Der Mann lächelt milde. „Man muss nicht verrückt sein, um hier zu landen, dafür reicht ein einfachere Nervenzusammenbruch. Ihrer war eben einer der besonderen Art.“

Ich will protestieren, da steht der Mann auf. „Wir machen morgen weiter. Jetzt haben Sie Besuch.“

Er geht zur Tür, öffnet sie, und Emily kommt herein. So, wie ich sie in Erinnerung hatte. Braune Haare, glatt, lang, grüne Augen, die mich unsicher ansehen. Ich schnappe nach Luft. „Aber, aber, das ist sie! Das ist Emily! Sie sehen sie doch auch, ich…“

Ja. Wir haben ihre Tochter angerufen, und sie über Ihren Zustand informiert. Wenn etwas ist, Frau Sommer, dann drücken Sie einfach auf den Schalter hier. Dann holen wir Sie hier raus.“

Emily nimmt einen kleinen Schalter entgegen und nickt. Der Mann lächelt ihr noch einmal aufmunternd zu, dann schließt er die Tür und wir sind alleine.

Emily.“ Ich schließe meine Augen. „Es tut mir so leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, ich hätte schwören können, dass du das…“

Stopp“, unterbricht Emily mich. „Ich bin nicht hergekommen, um mir dein Gerede anzuhören.“ Ihre Stimme klingt wütend. Ich öffne die Augen. Ihr unsicherer Gesichtsausdruck ist verschwunden, stattdessen liegt etwas anderes in ihm. Hass. „Ich wollte das nicht. Wirklich, ich wünschte, es hätte einen anderen Weg gegeben. Ich dachte, es reicht, wenn ich einfach weggehe, und nicht zurückkomme. Nicht zu dir, und nicht zu…“ Emilys Unterlippe beginnt zu zittern. „Terry.“

Ich schlucke.

Aber es hat nicht gereicht. All die Jahre Abstand haben nichts gebracht, absolut gar nichts. Ich brauche immer noch Schlaftabletten, ich habe immer noch Panikattacken, und ich habe es immer noch nicht geschafft, eine richtige Beziehung zu führen. Es ist alles gut, bis wir uns küssen, und die… die ganze Erinnerung zurückkommt.“

Emily atmet tief ein, dann aus, dann wieder ein. „Jedes Mal, wenn sich ein andere Mann mir auch nur nähert, sehe ich Terrys Gesicht vor mir. Ich höre das Knarzen meiner Zimmertür, dann das Schleifen seines Beines, dann sein Flüstern, dann…“

Emily, bitte, du musst nicht…“

Doch!“ Emily schreit. „Ich will, dass du es verstehst! Dass du endlich verstehst, wie es mir all die Jahre ging! Wie es für mich war, als er mich angefasst hat, überall, jede Nacht!“

Er war verrückt, Emily, er wusste nicht, was er tut.“

Er vielleicht nicht, aber du wusstest es ganz genau. Und du hast ihn geschützt, weil du ihm das angetan hast. Dein schlechtes Gewissen hat dich ebenso verändert wie Terry seine Hirnblutung.

Am Anfang dachte ich, dass du es nicht merkst. Dass du wirklich so tief schläfst, dass du die Geräusche nicht hörst, weder das Quietschen vom Bett, noch Terrys Stöhnen. Aber dann ist mir dein Blick aufgefallen, dein mitleidiger Blick, jedes Mal, wenn Terry besonders lange in meinem Zimmer war. Du hast es gewusst. Du hast es die ganze Zeit gewusst, und du hast nichts, aber auch absolut GAR NICHTS unternommen, um mir zu helfen! Du hättest ihn rausschmeißen müssen, verdammt, du hättest ihn Anzeigen müssen!“

Ihre Worte schnüren mir die Luft ab. „Terry ist tot“, sage ich, mehr bringe ich nicht hervor.

Ich weiß. Als er vor zwei Jahren gestorben ist, dachte ich wirklich, dass es mir besser geht. Aber es war nicht so. Was Terry mir angetan hat war schlimm, aber noch schlimmer war das, was du mir angetan hast. Du hättest für mich da sein müssen. Du hättest mich schützen müssen, so, wie du Terry all die Jahre geschützt hast.“

Meine Augen füllen sich mit Tränen. „Es tut mir leid. Es tut mir so leid, Emmy.“

Tja, aber leider bringt das nichts mehr. Du hast mein Leben ruiniert, Papa. Indem du Terrys Kopf durch die Scheibe geschlagen hast, hast du nicht nur sein Leben kaputt gemacht, sondern auch meins. Und ich will, dass du dafür bestraft wirst.“

Plötzlich begreife ich. „Deswegen bin ich hier, oder? Das warst du? Ich hatte doch recht, die ganze Zeit, das warst wirklich du!“

Emily wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, kneift die Lippen zusammen und reckt ihr Kinn in die Höhe. Dann lächelt sie. „Ja. Abgesehen von der Frau im Café, das war eine Freundin von mir. Eigentlich war der Plan, dich ins Gefängnis zu bringen. Stalking und ein Angriff auf eine unschuldige Frau, dazu noch Diebstahl, sollten meiner Meinung nach ausreichen, um dich ein paar Monate wegzusperren. Aber, wenn ich so darüber nachdenke, passt die Psychiatrie eigentlich noch besser zu dir. Nur ein Geisteskranker würde es zulassen, dass seine Tochter Missbraucht wird.“

Emily steht auf, und ich habe das Gefühl, dass mir die Luft wegbleibt. „Also, ich hoffe, dass sie dir hier ordentlich Medikamente verabreichen. Und ich hoffe, dass sie es schaffen, dich zu heilen. Mach’s gut, Papa.“

Mit den Worten dreht Emily sich um, strafft die Schultern und läuft davon. Ihre Schritte hallen dumpf auf dem Boden wieder, aber alles, was ich sehe ist meine Faust, die auf Terrys Gesicht trifft. Ein Schlag, eine Sekunde. Das Ende vom Anfang, der Anfang vom Ende. Die Sekunde, in der ich meine Tochter verlor. Für immer.

2 thoughts on “Eine Sekunde

  1. Hi,
    deine Geschichte gefällt mir gut und das Ende kam unerwartet. Flüssig zu lesen. Sehr gut gefällt mir, dass das Handy mit Emilys Geburtsdatum zu entsperren war. Eine schöne Abwechslung ist es auch, dass du unterschiedliche Zeitfomen für die gegenwärtigen Ereignisse und die Erzählungen verwendest. Eine so logische Sache, die aber nur selten gemacht wird.

    Falld du Lust hast freue ich mich auch über ein Feedback und eine ehrliche Kritik 🙂
    LG, Simone
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/momentaufnahme

  2. Hallo Sophie,
    Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sehr flüssig zu lesender Schreibstil. Auch die Idee hat mir sehr gut gefallen. Man wusste nicht was wahr ist und was nicht. Auch, dass Du mit Deiner Geschichte zeigst, dass eine „kleine Sache“ sehr schwere Folgen nach sich ziehen kann finde ich super. Ein ähnliches Motiv habe ich auch in meiner Geschichte
    Auf jeden Fall ein ♥️ von mir!

    Vielleicht magst Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, das würde mich sehr freuen. 🌻🖤

    Liebe Grüße, Sarah! 👋🌻 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

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