Lia Belle JonesHinter dem Riss

13+

Hinter dem Riss

Endlich war die Schicht vorbei. Es war wieder einmal eine heftige Nacht gewesen. Immerhin hatte ich für das kleine Mädchen mit den dunklen Kulleraugen noch rechtzeitig die richtige Diagnose gestellt. Dadurch würde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder vollkommen genesen. Also war es alles in allem eine gute Schicht. Trotzdem sehnte ich mich nur noch nach einer Dusche und nach meinem Bett. Meine Nachbarin unten rechts war schon wieder auf den Beinen und spähte neugierig aus dem Fenster, als ich von meinem Wagen zur Haustür lief. Wenn ich tagsüber arbeitete, verbrachte mein Kater Mauno oft seine Zeit bei dieser griesgrämigen Frau. Die meisten anderen Nachbarn im Haus waren ganz okay, man kannte sich und grüßte, sonst hatte man meist seine Ruhe.

Vor ein paar Jahren hatte ich eine Zeit lang eine richtig großartige Nachbarin. Laura und ich hatten genau die gleiche Wellenlänge, den gleichen schrägen Humor. Ungewöhnlich schnell hatten wir uns angefreundet, besonders für meine Verhältnisse. Es war völlig normal gewesen, dass ich nach einer Nachtschicht noch zum Frühstücken und Plaudern zu ihr gegangen war. Als sie nach nicht einmal zwei Jahren wieder wegzog, verloren wir uns schnell aus den Augen. An Tagen wie diesem vermisste ich es noch, entspannt mit ihr zu quatschen und runterzukommen, bevor ich hoch in meine Wohnung ging.

Nachdem ich allein gefrühstückt hatte, ging ich ins Bad, um den anstrengenden Arbeitstag abzuduschen. Das heiße Wasser entspannte meine verspannten Muskeln und spülte alles, was mir an diesem Tag nahegegangen war, fort.

Nachher musste ich wieder zurück ins Krankenhaus, viel Freizeit blieb mir nicht. Ich würde nur noch ein bisschen lesen und dann schlafen gehen, damit ich die Nachtschicht später ausgeruht würde antreten können.

Bevor ich mich hinlegte, holte ich noch ein Glas Wasser aus der Küche. Das war eine ganz alltägliche Sache, das tat ich immer, bevor ich mich hinlegte.

 Normalerweise lag nur nicht dieses Smartphone auf meinem Küchentisch. Irritiert blieb ich stehen und sah das Gerät an, als könnte es mir erzählen, wie es dahin gekommen war. Ich lebte allein, ich hatte es nicht dort hingelegt. Wie denn auch, wenn ich es nie zuvor gesehen hatte? Es gehörte mir nicht.

Eine Gänsehaut breitete sich auf meinem ganzen Körper aus. Was war hier los? Seit Laura weggezogen war, hatte niemand mehr meinen Zweitschlüssel. Viel zu durcheinander zum Denken sah ich mich in der Küche um. War sonst etwas verändert worden? Fehlte etwas? Die Fenster waren verschlossen. Ich ging in den Flur, auch die Wohnungstür war verschlossen. Beunruhigt sah ich mich in der ganzen Wohnung um. Alle Fenster waren geschlossen, es gab keine Auffälligkeiten, außer diesem unbekannten Smartphone.

Es blieb mir wohl nichts anderes übrig, als es genauer anzuschauen. Der Gedanke löste in mir gegensätzliche Gefühle aus. Einerseits war da der neugierige, wissenschaftliche Teil in mir, der dem Rätsel auf den Grund gehen wollte, andererseits war da dieses Gefühl. Fast schon greifbar, so intensiv war die Angst, die die bloße Existenz dieses Smartphones in meiner Wohnung in mir auslöste.

All diese Gefühle und Gedanken hätten mich nicht auf das Entsetzen vorbereiten können, das mich kurz darauf ergriff. Das Smartphone wurde einfach dadurch entsperrt, dass ich es ansah. Klar kannte ich diese Technologie. Aber wer, wenn nicht ich, konnte mein Gesicht zur Freigabe speichern?

Vage erinnerte ich mich an ein Buch über dissoziative Identitätsstörungen, das ich während meines Medizinstudiums gelesen hatte. Aber das konnte nicht sein, das war unmöglich.

Aber dachten das die einzelnen Persönlichkeiten nicht immer?

Ein kluger Mann hatte einmal gesagt, dass die naheliegendste Lösung immer die richtige war.

Das war so unheimlich, dass ich ernsthaft überlegte, ob ich Daniel anrufen sollte. Schnell verwarf ich den Gedanken jedoch wieder. Daniel und ich waren lose befreundet. Wir mochten uns, da ich jedoch den Eindruck hatte, dass er sich mehr erhoffte, blockte ich all seine Versuche, unsere Bekanntschaft zu vertiefen, ab.

Eigentlich war das fast schade, denn mit ihm hätte ich mir eine Freundschaft gut vorstellen können. Andererseits hielt ich die meisten Menschen nicht ohne Grund auf Abstand. Andere Freunde hatte ich nicht, nicht seit Laura weggezogen war.

Meist war das für mich okay, ich war gerne allein, allerdings nicht gerade jetzt im Moment.

Weil ich feige war, ging ich erstmal in die Küche und schenkte mir ein Glas Weißwein aus der bereits geöffneten Flasche aus dem Kühlschrank ein. Nach dem ersten großen Schluck nahm ich das Handy erneut in die Hand. Wieder entsperrte es sich wie durch Zauberhand. Dieses Mal ignorierte ich den kalten Schauder, der meinen Rücken hinab wanderte.

Soweit ich das beurteilen konnte, waren nur die Apps darauf, die vorinstalliert waren. Nur eine einzige Telefonnummer war gespeichert, eine Mobilnummer unter dem Kürzel ICU. Natürlich assoziierte ich das sofort mit der Intensivstation – Intensive Care Unit. Da es keine Festnetznummer war, stand das Kürzel wohl für etwas anderes. Allerdings fiel mir spontan nichts weiter ein. Vielleicht waren es nur Initialen.

Nach einem weiteren großen Schluck Wein beschloss ich, das Handy erst einmal weiter zu durchforsten, bevor ich mich mit der Frage plagen würde, ob ich diese Nummer anrufen sollte.

Es gab keine Textnachrichten, keine Notizen und auch keine Sprachmemos, nichts. Also öffnete ich als Nächstes die Foto-App. Ich hörte das Zerschellen meines Weinglases auf dem Parkettboden nicht, ich bemerkte nicht einmal, dass es mir vor Entsetzen entglitten war. Entgegen der übrigen Apps war diese nicht leer. Die Fotos, die ich dort fand, ließen mir das Blut in den Adern gefrieren. Das war ich. Auf den Bildern, auf allen Bildern. ICH.

Das war aber noch nicht einmal das Schlimmste daran. Denn es waren nicht nur aktuelle Bilder, sie reichten Jahre zurück. Jahre. Bis damals. Als das Unaussprechliche geschehen war. Als ich … Wie konnte es Fotos davon geben? Wer hatte diese Bilder aufgenommen? Und wer war so kaltblütig, sie mir zu schicken? Weshalb ausgerechnet jetzt? Nach all den Jahren?

Zum Glück hatte ich Daniel nicht hergebeten. Das war das einzig Gute an diesem Morgen. Was sollte ich nur tun? Spontan sah ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich trank diese Flasche leer und vielleicht noch eine weitere und ging dann schlafen, oder ich ging mit System an die Sache heran.

Meine Müdigkeit war längst vom Adrenalin vertrieben worden, daher entschied ich mich, Fakten zu sammeln. Ein Professor an der Uni hatte immer gesagt, man solle sich im Zweifel an die Fakten halten und die Emotionen rauslassen. In diesem speziellen Fall war das wohl auch das Beste. Ich schloss meine Augen, atmete tief ein und langsam wieder aus. Dann begann ich, in der Wohnung auf- und abzulaufen. Ich hoffte, dass es mir helfen würde, das Adrenalin abzubauen und gleichzeitig Bewegung in meine Gedanken zu bringen.

Fakt 1: Außer mir kam niemand in meine Wohnung, ohne Einbruchsspuren zu hinterlassen.

Fakt 2: Mein Gesicht reichte zur Entsperrung des Gerätes.

Fakt 3: Ich hatte mich definitiv nicht selbst fotografiert.

Auch wenn ich versuchte, das Ganze sachlich anzugehen, musste ich zugeben, dass mich der dritte Punkt beruhigte. Denn was wäre, wenn ich mir selbst nicht mehr trauen könnte? Dieser Gedanke verstörte mich mehr als die Möglichkeit, dass mich all die Jahre jemand Fremdes beobachtet und fotografiert hatte.

Mein Herz raste. Ich musste mich beruhigen.

Was wusste ich noch? Welche Hinweise gab es? Meine Gedanken kreisten ziellos in meinem Kopf und versanken dann wie in Treibsand. Wäre ich doch vorletztes Jahr nur länger mit diesem neurotischen Profiler ausgegangen. Aber er war, nun ja, zu neurotisch. Mist.

Ich versuchte trotzdem, mich in ihn hineinzuversetzen. Was hätte er zu diesem Szenario gesagt? Was für ein Mensch musste man sein, um so etwas zu tun?

Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte – ich musste mir die Bilder genauer ansehen. Nachdem ich alle angesehen hatte, erstellte ich eine Liste, in der ich alle 52 Fotografien aufführte, beschrieb und diese zeitlich und räumlich einordnete. Danach war ich kaum schlauer. Ich beschloss, es erst einmal gut sein zu lassen und schlafen zu gehen.

 

Später, auf dem Weg zur Arbeit, kam mir ein Gedanke, der mich nicht mehr losließ. Was wäre, wenn ich das Rätsel nie lösen würde? Was wäre, wenn das auch gar nicht nötig war? Was wäre, wenn ich es einfach ignorieren und mein Leben weiterleben würde?

Was sollte schon passieren? Mein Geheimnis könnte ans Licht kommen. Ja, das war ein Problem. Andererseits: Diese Fotos existierten schon so lange und bisher hatte mich keiner verraten.

Die nächsten Tage verliefen tatsächlich ruhig. Auch wenn ich den Vorfall nicht vergessen konnte, so erwog ich doch, ihn ad acta zu legen.

Im Verdrängen war ich richtig gut. Ich musste mich nicht einmal verstellen, als ich Daniel zufällig im Krankenhaus traf und er mich fragte, was es Neues bei mir gab. Seelenruhig erzählte ich ihm, dass es bei mir langweilig war, wie immer.

»Du wirkst viel zu interessant, als dass dein Leben so langweilig sein könnte.« Sein charmantes Lächeln ließ mich nicht kalt, aber genau das war Grund genug, mich unter einem fadenscheinigen Grund zu verabschieden und auf meine Station zu eilen. Erst später fiel mir auf, wie unhöflich es gewesen war, ihn nicht zu fragen, was es bei ihm Neues gab.

Nach der Schicht ging ich über den Parkplatz zu meinem Auto. Es war ein schnittiger kleiner Flitzer und ich liebte ihn. Die meisten meiner Kollegen waren überrascht gewesen, sie hatten mir ein solches Auto nicht zugetraut. Im Grunde freute ich mich über ihre falsche Einschätzung. Meine Fassade saß also gut genug. Ich konnte es mir nicht leisten, zu enge Bindungen einzugehen. Es gab einen Teil in mir, der nie zum Vorschein kommen durfte, nie wieder.

Zu Hause angekommen, schaltete ich den Fernseher ein, einfach, weil mir die Stille plötzlich unheimlich war. Mein Verstand sagte mir zwar, dass die Stille besser wäre, denn dann würde ich es sofort hören, sollte ich nicht allein hier sein. Trotzdem gab ich meinem Verlangen nach und ließ alte Sitcoms laufen. Wieder öffnete ich eine Flasche Wein, damit sie atmen konnte, während ich meine Einkäufe verstaute. Ich suchte meine Lieblings-Yogahose, bis ich sie im Wäschekorb fand. Mist, ich war mir sicher gewesen, dass ich sie schon gewaschen hatte. Also kümmerte ich mich jetzt gleich darum. Im Waschkeller flackerte das Licht schon seit Jahren – an diesem Tag beunruhigte mich das zum ersten Mal.

Ich verzichtete auf mein tägliches Training, machte mir stattdessen gleich einen Tomatensalat und Grillkäse. An diesem Tag war es im Krankenhaus wieder drunter und drüber gegangen. Das war eine gute Ablenkung gewesen, aber kaum war ich wieder nach Hause gekommen, spürte ich das Handy in der Schublade meines alten Holzschreibtisches liegen. Mit einem Glas Wein in der Hand ging ich nach dem Essen in mein Arbeitszimmer und sah nach. Es war noch da. Es gab keine entgangenen Anrufe oder Nachrichten. Seit ich es in meiner Küche gefunden hatte, hatte ich überlegt, ob ich die eingespeicherte Nummer einfach mal anrufen sollte. Noch hielt mich eine innere Stimme zurück. Sollte ich diese Büchse der Pandora tatsächlich öffnen? Würde ich die Stimme am anderen Ende erkennen? Und was sollte ich sagen? Ich legte das Handy zurück in die Schublade und versuchte den Vorfall nicht weiter zu beachten.

Am nächsten Tag wachte ich alles andere als erholt auf. Der Schichtwechsel machte mir immer zu schaffen, am Abend zuvor war ich auf der Couch eingeschlafen. Nun fühlte ich mich wie gerädert und musste mich beeilen.

Wo zum Teufel war mein Schlüssel? Klar gab es Leute, die ständig ihre Schlüssel suchten, dazu gehörte ich jedoch nicht. Er lag immer in der Schale auf dem Bord direkt neben der Wohnungstür.

Es war einfach nicht mein Tag. Beim Duschen war mir aufgefallen, dass mein Shampoo so gut wie leer war. Ich hätte schwören können, dass es das letzte Mal noch mindestens halb voll gewesen war.

Vermutlich lag es am Stress. Wie die meisten Mediziner war auch ich im Dauerstress. Die wenigen, die trotz des täglichen Trubels im Krankenhaus entspannt blieben, konnte ich nur bewundern. Daniel war einer von ihnen.

Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass ich nun wirklich losmusste. Der Zweitschlüssel war zumindest an seinem Platz.

 

Erst als ich von der Schicht wieder nach Hause kam und ein zerbrochenes Ei vor meinem Kühlschrank auf dem Boden fand, war ich mir sicher, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Auch mein Schlüsselbund war wie durch Zauberhand wieder in der Schale gewesen. Hatte ich ihn heute früh übersehen können? Unwahrscheinlich, aber ganz ausschließen konnte man das wohl nicht.

Dieses Ei hatte ich jedoch mit absoluter Sicherheit nicht einfach erst fallen und dann liegen gelassen.

Entweder ich wurde langsam verrückt, oder ich sollte es mit der Angst zu tun bekommen. Denn wenn ich nicht verrückt wurde und keine zusätzlichen Persönlichkeiten in mir hatte, hatte jemand Zugang zu meiner Wohnung. Vermutlich jemand, der mich schon lange beobachtete, und zwar so lange, dass diese Person mein dunkelstes Geheimnis kannte.

Entschlossen schob ich die Panik beiseite. Die Zeit des Zögerns war vorbei. Ich wählte die Nummer, ängstlich und gespannt zugleich. Die Mailbox sprang an. Es war keine Standardansage drauf, stattdessen erklangen lediglich drei computerverzerrte Worte in meinem Ohr: I see you.

Die Worte lösten eine Gänsehaut an meinem ganzen Körper aus. Ich war nicht verrückt. Scheiße. Sollte ich die Polizei rufen? Weshalb kam ich eigentlich erst jetzt auf diese Idee?

Mir wurde bewusst, dass ich die ganze Zeit hatte verdrängen wollen, was sich nun bestätigte. Jemand wusste Bescheid. Die Polizei war keine Option. Mein Herz schlug ungewöhnlich schnell. Ich hatte ein ernsthaftes Problem. Bevor die Angst mich lähmen konnte, versuchte ich, es wieder einmal rational zu sehen.

Die Ansage erklärte zumindest die Abkürzung ICU, unter der die Nummer gespeichert war. Also waren es doch keine Initialen.

Spontan entschloss ich mich, nicht mehr einfach darauf zu warten, dass etwas Ungewöhnliches passieren und meine Passivität die Angst übermächtig werden lassen würde. Ich nahm das Smartphone und schrieb eine Textnachricht: »Wer bist du?«

Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich mit einer Antwort gerechnet hatte. Wenn überhaupt, dann vielleicht mit so etwas Plattem wie »Ich bin dein schlimmster Albtraum«.

Eine Million Mal grusliger war die Antwort, die ich kurze Zeit später erhielt.

»In dem schwarzen Glanz der Sonne sehe ich meine Chancen schwinden,

für hier und jetzt und immerdar.

Wenn der Mond dann leise säuselt, mir Glück in alle Ewigkeit verspricht,

dann spüre ich es in mir streiten. Mond gegen Sonnenlicht.«

Das war nicht möglich. Dieses Gedicht kannte ich nicht nur, ich hatte es in einer melancholischen Phase als Teenager selbst geschrieben. Aber ich hatte es nie jemandem gezeigt. Niemand außer mir kannte diese Zeilen.

Ich wusste, dass tief in mir etwas schlummerte, etwas so Dunkles, dass ich es tief in mir verschlossen hatte. Seit damals. Seit ich gelernt hatte, dass man nicht nur vor anderen Angst haben konnte, sondern auch vor sich selbst. Nie würde ich vergessen, was geschehen war, sosehr ich es auch wünschte.

Aber so war das hier nicht. Der dunkle Teil in mir war keine zweite Persönlichkeit, er war ein Teil meiner Persönlichkeit, den ich gezähmt hatte. Den ich ständig kontrollierte. Keiner durfte je davon erfahren.

Ein Klingeln riss mich aus meinen Gedanken. Erschrocken brauchte ich einen Moment, bis ich begriff, dass es mein eigenes Smartphone war. Ohne auf das Display zu schauen, ging ich ran.

»Hallo?«

»Hey Maya, wie geht es dir?«

»Daniel?« Leider konnte ich das leichte Zittern nicht aus meiner Stimme verbannen.

»Ja, ich bin es. Was ist los?«, wollte er alarmiert wissen. Offenbar hörte er mir an, dass ich kurz davor war, durchzudrehen.

»Nichts. Was soll schon los sein?«, fragte ich mit möglichst neutraler Stimme.

»Maya, seit Tagen läufst du herum wie ein Zombie. Also was ist los?«

»Ni…«

»Wenn du jetzt wieder ›nichts‹ sagst, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als bei dir vorbeizukommen und dich so lange zu löchern, bis du mir endlich erzählst, was dich belastet.«

»Zum Glück bist du nicht aufdringlich.«

»Sarkasmus hilft dir nicht weiter.«

»Ehrlich Daniel, es ist alles in Ordnung.«

»Darf ich trotzdem reinkommen?«

»Wie bitte?«

»Ich stehe vor deiner Tür. Und Mauno ist auch da.«

Dieser Mistkerl, ihm war klar, dass ich meine Katze nicht einfach draußen stehen lassen würde.

Genervt öffnete ich die Tür und ließ die beiden rein.

Als ich Daniel in der Küche ein Glas Wein einschenkte, fragte ich ihn, wo er Mauno denn aufgegabelt hatte. Normalerweise ließ sich mein Kater nicht so einfach von Fremden mitnehmen.

»Er war bei deiner Nachbarin unten. Ach, und sie meinte, er würde vielleicht krank werden. Er hat nicht mal seine Lieblingsleckerlies gegessen.«

 Zurück im Wohnzimmer sah ich mir meinen kleinen Racker genauer an. Ja, er benahm sich ungewohnt. Ich verdrängte meine Sorge und holte schnell eine kleine Taschenlampe, um seine Pupillenreaktion zu untersuchen. Bevor ich zurückkam, rief Daniel bereits nach mir. Er saß bei meinem Kater auf dem Boden und sah ihm in das Maul. »Schnell, er zittert unkontrolliert, die Schleimhäute sehen ungewöhnlich aus. Wir sollten sofort zum Tierarzt.« Vergiftungssymptome, ganz eindeutig.

Wir waren beide keine Veterinärmediziner, eine Erstversorgung war bei Menschen mit Vergiftungserscheinungen ganz anderes.

Daniel fuhr, während ich Mauno im Auge behielt, was mit diesem blöden Katzenkorb gar nicht so leicht war. Daniel behielt die Nerven. Ob die Worte, die er leise von sich gab, eher meinen Kater, mich oder ihn selbst beruhigen sollten, war mir egal. Es half. Mauno lebte nun seit vier Jahren bei mir. Ich liebte dieses störrische Tier. Ich verbot mir jeden Gedanken darüber, wie hoch seine Überlebenschancen waren und ob er bleibende Schäden davontragen würde. Diese Gedanken wären unerträglich.

Als Ärztin hatte ich schon vor langer Zeit gelernt, dass mir solche Gedanken nicht halfen. In solchen Momenten musste ich meine Gedanken auf etwas anderes fokussieren, sonst würde ich vor Sorge durchdrehen.

Also fragte ich mich nicht, was mit Mauno passieren würde, sondern was passiert war. Hatte er etwas Falsches gegessen? Hatte jemand Giftköder ausgelegt? Ein Katzenhasser, oder war es gezielt um meinen Kater gegangen? Meine Gedanken wanderten unwillkürlich zu dem fremden Smartphone.

Hing das alles irgendwie zusammen? Was ging hier vor sich? Wurde ich paranoid?

War es Zufall, dass Daniel Mauno gerade dann zu mir brachte, bevor sich die ersten Symptome zeigten? Oder steckte meine Nachbarin dahinter? Nein, sie liebte Mauno.

Aber konnte Daniel dahinterstecken? Der Gedanke kam mir so absurd vor. Was sollte er für einen Grund haben? Er war vorbeigekommen, weil er sich Sorgen um mich machte. Und vielleicht, weil er auf Sex aus war.

Aber selbst, wenn er Mauno vergiftet hätte, was ich nicht glaubte, wäre er dann auch für die anderen merkwürdigen Vorfälle verantwortlich?

»Wir sind da.« Kaum hatte Daniel das gesagt, kam sein Wagen abrupt zum Stehen. Fast gleichzeitig sprangen wir heraus und eilten mit Mauno zum Eingang der Tierklinik.

Wir hatten Glück, er wurde sofort untersucht, es wurden Proben genommen und unzählige Fragen gestellt. Leider hatte ich absolut keine Ahnung, mit was für einem Mittel meine Katze in Berührung gekommen war. Der Arzt erklärte mir, dass es meist zu einer oralen Giftaufnahme kam, aber auch über die Atemwege oder das Fell Gift aufgenommen werden konnte.

Natürlich konnte er mir nichts Genaues sagen und auch keine Prognose stellen. Mauno musste zur Beobachtung dort bleiben. Wenn es Neuigkeiten gab, würde man mich umgehend kontaktieren. Ansonsten würde man bis zum Morgen vermutlich mehr wissen. Ich konnte nur hoffen, dass der Kleine durchkommen würde.

Daniel legte mir einen Arm um die Schulter und brachte mich zurück zum Auto. Entweder waren ihm die Worte ausgegangen, oder der Anblick von Mauno, der ganz still auf dieser Behandlungsliege gelegen hatte, war ihm genauso nahegegangen wie mir. Nein, er konnte nicht dahinterstecken. Ich kannte mich mit der Dunkelheit aus, sie war kein Teil von Daniels Wesen.

Daniel kam ungefragt mit nach oben in meine Wohnung. Ich hielt ihn nicht auf. Seine Anwesenheit spendete mir Trost. Meine Wohnung kam mir ohne Mauno viel leerer vor als normal, obwohl sich meine Katze oft genug draußen herumtrieb.

Unterwegs hatten wir darüber spekuliert, wie es zu der Vergiftung hatte kommen können. Ob ich ihm von dem Handy erzählen sollte? Einfach, um zu schauen, wie er reagierte? Vielleicht hatte er gute Gedanken zu der Sache. Vielleicht gab es für ihn einen Sinn, der mir bisher entgangen war.

Trotzdem zögerte ich. Es hatte einen Grund, dass ich andere Menschen auf Abstand hielt. Schnell schob ich den Gedanken beiseite.

Prompt fragte mich Daniel, woran ich dachte. Er sah mich mit diesem intensiven Blick an, der sicher schon so manche Frau hatte schwach werden lassen. Wenn er mich so ansah, hatte ich das Gefühl, ich sei der einzige Mensch auf dieser Welt, der für ihn wichtig war. Als ich in Gedanken gerade dabei war, mich zu überzeugen, dass etwas Ablenkung mit Daniel genau das war, was ich brauchte, hörte ich den Signalton einer eingehenden Nachricht vom Tisch. Mist, das Handy lag noch da.

»Oh, seit wann hast du denn so ein altes Handy?«, fragte Daniel irritiert.

»Habe ich nicht«, murmelte ich und griff nach dem Gerät, um die Nachricht zu lesen.

»Das war erst der Anfang.«

Scheiße, bedeutete es das, was ich dachte, das es bedeutete? Hatte dieser Wichser echt meine Katze vergiftet? Ihren Tod riskiert? Noch war Mauno nicht über den Berg. Ich spürte, wie die Wut die Trauer und die Sorge verdrängte, spürte, wie diese unbändige Wut immer größer wurde. Ich schloss die Augen, um mich zu konzentrieren, ich musste sie bekämpfen.

»Was geht hier wirklich vor?« Daniel hatte die Nachricht gelesen. Schnell nahm ich ihm das Smartphone ab, bevor er zu viel zu sehen bekam. Fieberhaft überlegte ich, was ich ihm sagen konnte, wie viel Wissen er brauchte, um es zu verstehen. Alles konnte ich ihm unmöglich sagen.

»Rede mit mir, Maya. Du kannst mir vertrauen.«

»Ich will dich da nicht mit hineinziehen«, erklärte ich ausweichend.

»Du musst dich vor mir nicht verstecken. Ich kenne dich.«

Seine Worte lösten etwas in mir aus. Sie konnten unmöglich stimmen, aber dennoch bekam tief in mir eine Mauer Risse.

Er hatte keine Ahnung, wer ich wirklich war, und das musste so bleiben. Nie durfte er alles über mich erfahren, keiner durfte das.

»Ich bin mir selbst nicht sicher, was los ist. Aber ich glaube, ich werde beobachtet.«

»Beobachtet?«

»Ja, zuerst ist dieses Handy aufgetaucht. Darauf sind Fotos von mir, die ich nicht kenne. Dann gab es Kleinigkeiten, es können Zufälle gewesen sein. Mein Shampoo war fast leer, ein Ei lag auf dem Boden … genauso, wie Mauno einfach versehentlich was Falsches gegessen haben könnte …«

»Aber das glaubst du nicht«, stellte Daniel fest.

»Ich war mir nicht sicher, aber was sollte diese Nachricht denn sonst bedeuten?«

Er rieb sich über den 3-Tage-Bart, dann wollte er die Fotos sehen. Ich zeigte ihm ein paar aktuelle, denn die waren harmlos.

»Hast du die Nummer mal im Internet gecheckt?«

Ich gestand ihm, dass ich es einfach ignoriert hatte, auch wenn mir das nun dämlich vorkam. Damit hatte ich diesen Bastard nur gereizt.

Daniel fragte, ob ich es auf Wanzen untersucht hatte. Als ich es verneinte, bot er mir an, das Handy in einem Labor auf Spuren checken zu lassen. Ein Freund von ihm hatte mal erzählt, dass sie dort nicht nur Fingerabdrücke finden konnten, sondern mit etwas Glück auch Angaben zur Person bis hin zu eingenommenen Medikamenten, die sie über Schweißreste auf dem Gerät bestimmen konnten.

Einen Moment lang dachte ich darüber nach. Aber was, wenn in dieser Zeit neue Nachrichten eingehen würden, oder noch Schlimmeres. Was war mit den Bildern? Selbst wenn ich die löschte, konnte die immer noch jemand finden.

Unmöglich konnte ich das Smartphone aus der Hand geben. Zum Glück hakte Daniel nicht weiter nach. Widerstrebend verabschiedete er sich kurze Zeit später. Auch wenn er darauf bestanden hatte, zu meiner Sicherheit hierzubleiben, hatte ich ihm versichert, dass ich allein sein musste. Nachdem ich ihm noch einmal versprochen hatte, ihn anzurufen, wenn irgendetwas wäre, gab er nach.

Daniel war einer von den Guten – zum Glück hatte er nicht darauf bestanden, zur Polizei zu gehen.

Als ich allein war, sammelte ich mich. Immer noch spürte ich die Wut durch meine Adern rauschen, wenn auch wesentlich schwächer als vorhin. Trotzdem machte sie mich tougher. Dieser Mistkerl wollte meine Aufmerksamkeit? Die hatte er nun. Ich schrieb zurück. »Was willst du?«

Eine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

»Ich will deinen Verstand in Scherben sehen. Ich will, dass du leidest und dass du alles verlierst, was dir wichtig ist.«

Das klang heftig. Richtig psychomäßig. Irgendetwas an dieser Antwort kam mir bekannt vor. Nicht, dass mir das schon mal jemand gesagt hatte, aber irgendwas an der Wortwahl … Hm, nein, ich kam nicht darauf.

Mitten in der Nacht wachte ich auf und ich wusste es. Ich wusste, wo ich diesen seltsamen Ausdruck ›Verstand in Scherben‹ schon einmal gehört hatte. Aber das war doch nicht möglich.

In Gedanken ging ich alles noch einmal durch.

Falls sie einen Ersatzschlüssel hatte, käme sie ohne Einbruchsspuren in meine Wohnung. Sie kannte meine Angewohnheiten, sicher hätte sie unbemerkt ein und aus gehen können. Aber wo war die Verbindung zu dem Vorfall? Damals hatte ich sie noch nicht gekannt. Wie konnte sie dann Fotos von mir haben? Und was war ihr Motiv?

Ich setzte alles auf eine Karte. Ich stand auf und holte das Handy. Meine Nachricht war kurz: Laura?

Wie hast du das herausgefunden?

Sie war es also wirklich. Aber wie konnte das sein? Ich verstand es nicht. Hatte ich ihr je etwas getan?

Lass uns ein Treffen vereinbaren, damit wir reden können.

»Reden? Es gibt nichts zu reden.«

»Du hast dir solche Mühe gegeben, meine Aufmerksamkeit zu bekommen, sicher willst du mir alles erzählen.«

Es dauerte eine ganze Weile, aber nach etwa 20 Minuten stimmte sie einem Treffen zu. Sie wollte sich in der Wanderhütte draußen im Wald treffen. Ich stimmte zu, auch wenn es lächerlich war, dafür extra aus der Stadt herauszufahren, und das noch bei Regen. Aber gut, es war ein neutraler, ungestörter Ort.

Vielleicht konnte ich das morgen Abend alles beenden.

Am nächsten Morgen rief ich gleich in der Tierklinik an. Sie baten mich, so schnell wie möglich vorbeizukommen. Schon am Gesicht des Arztes konnte ich sehen, dass es schlechte Nachrichten gab. Die Behandlung hatte nicht angeschlagen. Mauno würde nicht überleben. Die bleibenden Schäden waren zu gravierend. Das Beste wäre es, ihn von seinem Leid zu erlösen. Sie brachten mich zu ihm. Ich sah meinen Weggefährten, wie er schwach und leidend dalag. Ich nahm ihn auf den Arm, kuschelte mich an ihn und nahm flüsternd Abschied. Ich hielt ihn, bis der Arzt mit der Spritze kam, die ihre Wirkung schnell entfaltete.

Ich fuhr zurück nach Hause und meldete mich krank. Als ich seinen Futternapf sah, kullerte die erste Träne über meine Wange. Schnell folgten weitere, es hörte nicht mehr auf. Der Verlust dieses kleinen störrischen Katers war heftig. Irgendwann hatte ich mich so weit beruhigt, dass ich mich mit einem ganzen Becher Eis auf die Couch setzte und mir alte Filme ansah. So verbrachte ich den halben Tag, bis ich zu meinem Treffen mit Laura aufbrechen musste.

 Als ich ankam, war sie bereits dort. Sie wartete vor der Hütte auf mich. Sie sah fast genauso aus wie bei ihrem Auszug vor zwei Jahren. Meine Begrüßung erwiderte sie nicht.

»Also, was ist los? Warum dieser ganze Mist? Warum Mauno?« Die noch frische Trauer verdrängte ich.

»Ich will dich leiden sehen. Für alles, was du mir angetan hast.«

»Was ich dir angetan habe?«

»Ja, du hast ihn getötet. Pascal, er war mein Freund, mein Leben. Du hast ihn erst scharf gemacht und ihn dann kaltblütig getötet.«

Sie musste verrückt sein, völlig verrückt. Ihr sogenannter Freund war damals auch auf dieser Party gewesen. Ich hatte keine Ahnung, dass er eine Freundin hatte und wenn, wäre es egal gewesen. Ich hatte kein Interesse an ihm gehabt. Wir hatten ein paar Drinks, als er plötzlich zudringlich wurde. Ich bat ihn, aufzuhören, aber das tat er nicht. Er behauptete immer wieder, dass er genau wusste, dass ich das auch wolle. Ich bekam Panik. Ich wollte einfach nur, dass er aufhörte, doch dann war alles eskaliert.

»Laura, das war Notwehr.«

»Sprich meinen Namen nicht aus, du Schlampe.«

»Wir waren Freundinnen.«

»Freundinnen? Nein, das waren wir niemals. Ich habe meine Rolle nur gut gespielt. Kaum, dass ich aus St. Elisabeth entlassen worden bin, habe ich auf eine Chance gewartet, dir nahe zu sein.«

St. Elisabeth war eine psychiatrische Einrichtung. Sie war verrückt, vollkommen verrückt.

»Weshalb?«

»Rache wird am besten kalt serviert, wie es so schön heißt.«

Was konnte ich nur tun? Ich musste sie am Reden halten, bis mir etwas einfiel. »Wo bist du in den letzten Jahren gewesen?«

»Du willst wohl, dass ich zugebe, dass ich wieder nach St. Elisabeth musste. Ja, daran warst nur du schuld. Du Schlampe. Fast hätte ich dir geglaubt, dass du so harmlos bist, wie du tust. Aber du bist ein Teufel. Steh dazu. Zeig dein wahres Gesicht. So wie an dem Abend, als du Pascal getötet hast. Ich habe deinen Blick gesehen. Das war Mordlust, die da funkelte, keine Notwehr.«

So verrückt sie auch war, trafen mich ihre Worte. Ganz tief in meinem Innersten. Denn ein winziger Teil in mir gab ihr recht. Ich hatte gewollt, dass er starb, und ich hatte es auf eine perverse Art genossen, dafür zu sorgen, dass er keinem anderen Mädel mehr etwas antun konnte. Meine Dunkelheit.

Etwas in mir brach auf, sprengte alle Mauern restlos, die ich darum erbaut hatte, und kämpfte sich heraus. Äußerlich behielt ich mein Pokerface, niemand musste von dem Sturm wissen, der in mir tobte. Nun wusste ich, was zu tun war.

»Leugnen hilft dir nicht«, giftete Laura weiter.

»Ich leugne es nicht.«

Laura blieb stehen und sah mich irritiert an

»Nein, du kannst mich nicht einschüchtern. Denn du hast keine Macht über mich. Arme Laura, es tut mir leid, dass du so an diesem perversen Schwein hängst, dass du Jahre verschwendet hast. Jahre, die verloren sind, wie du selbst.«

»Was?«

»Leugne es nicht. Du bist nicht hier, um dich zu rächen. Du bist hier, damit ich dich erlöse.«

Ihre großen Augen sahen mich unsicher an. Ja, dieses Gefühl der Macht war genauso berauschend wie damals. Wie hatte ich es nur so lange unterdrücken können?

Doch plötzlich tauchte Daniel auf. Irritiert sah ich ihn an. Wie hatte er uns hier draußen nur gefunden? Und weshalb ging er nun auf Laura zu? Sie lächelte ihn an. Die beiden kannten sich? Das brachte mich kurzfristig aus dem Konzept.

Laura lachte mich irre an.

»Da staunst du, was? Ja, ich war nicht immer da, aber Daniel hat in dieser Zeit einen guten Job gemacht und dich weiter im Auge behalten.«

»Ihr kennt euch?«, fragte ich unnötigerweise. Ich rang immer noch um meine Fassung.

»So ist es.« Laura grinste mich überlegen an. Meine Wut schwoll langsam wieder in mir an. Sie war offenbar geisteskrank. Aber was war seine Ausrede? Sein Verrat schmerzte mich fast mehr.

»Daniel ist mein Bruder.«

»Dein Bruder?« Nie hätte ich die beiden miteinander in Verbindung gebracht.

»Meine Geschichte hat ihn sehr bewegt, natürlich hat er mir geholfen.«

Vielleicht war der Wahnsinn genetisch bedingt.

»Sorry, Maya. Ich mag dich wirklich. Auch, wenn du eine Psychokillerin bist.«

ICH? Das brachte das Fass zum Überlaufen. Ich spürte, wie die Wut und die Dunkelheit übernahmen und ich hielt sie nicht zurück. Ja, ich hatte es damals genossen, ihn zu töten, auch wenn es entgegen Lauras Vermutung nicht geplant gewesen war. Das hatte sie falsch gedeutet und war davon offenbar durchgedreht. Schade eigentlich. Ich mochte die beiden.

Laura und auch Daniel würden nie wieder ein Problem darstellen.

In gewisser Weise war ich ihnen dankbar. Sie hatten mich befreit. Sie hatten mich dazu gezwungen, in meine tiefsten Abgründe zu sehen und mit mir selbst in Einklang zu kommen.

Ich würde mich nicht länger verkriechen und verstecken, aus Angst, jemand könnte dahinterkommen, wie ich wirklich war. Nein, ich würde hinausgehen und das Leben feiern. Wenn es jemandem nicht passte, wie ich wirklich war, dann wusste ich ja nun, was ich zu tun hatte.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, hob die Schaufel ein letztes Mal an, um den frischen Erdhaufen etwas zu glätten. Mit ein paar Zweigen und Blättern versehen, würde der hier im Wald nicht weiter auffallen.

Ende

13+

12 thoughts on “Hinter dem Riss

  1. Hallo Lia,

    Ich hab gerade deine Geschichte zu Ende gelesen. Ich finde den Spannungsbogen jetzt nicht überragend, aber auch nicht so schlecht, dass ich behaupten könnte, er hätte mir gar nicht gefallen. Vielleicht liegt es auch schlicht daran, dass ich schon ziemlich schnell eine eindeutige Meinung darüber hatte, wer dahintersteckt, was sich (natürlich nicht bis ins Detail) am Schluss bestätigt hat. Was wiederum daran liegen mag, dass ich mich ständig mit dieser Thematik auseinandersetzen muss. Dies kann bei einem anderen Leser wieder ganz anders sein.
    Als Basis fand ich den Plot jedenfalls ganz gut, deswegen möchte ich ihn maximal als noch ein wenig unausgereift bezeichnen. Ich hoffe du verstehst mich hier richtig.
    Ich glaube, du hast irgendwo erwähnt, dass du bei dieser Geschichte einen Vorstoß in ein dir neues Genre gemacht hast. Dafür lasse ich dir auf jeden Fall ein Like für das Resultat hier. Und wenn du durch diesen Versuch Freude an diesem Genre gefunden hast, bleib dran 👍🏻.

    Wenn du Lust hast, schau gerne auch mal bei mir vorbei und schreib mir deine Meinung.

    Liebe Grüße
    J.D.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-leben-eines-toten-mannes

    1+
  2. Moin Lia,

    da hast du dir aber ne tolle Kurzgeschichte ausgedacht. Lockere Schreibweise, gut gezeichnete Charaktere. Maya die Alkoholikerin…die trinkt ja bei jedem Anlass Wein. ☺️

    Dein Spannungsbogen wechselt von, ich kann’s kaum abwarten wie es weitergeht…zu, hmmm, das wirkt jetzt zu aufgesetzt. Versteh mich nicht falsch, deinen Plot finde ich klasse, aber du hättest mehr Spannung aufbauen können. Das du schreiben kannst, hast du ja in deiner Geschichte bewiesen. Und deinen Schluss finde ich überragend. Wir Leser werden hier auf eine Gedankenreise geschickt, in der nur wir den Weg bestimmen können. Das gefällt mir wirklich gut. Respekt dafür!

    Du hattest geschrieben das du normalerweise in einem anderen Genre zu Hause bist, darf ich fragen in welchem?

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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  3. Hallo Frank,

    Danke für deine Rückmeldung.
    Freut mich, dass dir meine Geschichte gefällt. Das mit der Spannung werde ich noch üben müssen.
    Bisher habe ich ausschließlich im Bereich Romance geschrieben, das ist einfach etwas komplett anderes. 😉

    Viele Grüße und auch dir viel Erfolg für das Voting.

    Lia

    0
  4. Liebe Lia,

    mir hat deine Geschichte gut gefallen, vor allem die Sichtweise deiner Protagonistin. Wechselhaft, detailliert, hinterfragend. Und teilweise auch nicht nachvollziehbar, was gut zu ihrer psychischen Verfassung passt. Auch das systematische Erörtern der Hintergründe und der weiteren Schritte war schön geschildert.
    Dass Daniel etwas damit zu tun hat war mir schon seit der ersten Begegnung mit ihm klar (als er fragte, was es Neues gibt), die anderen Verstrickungen allerdings nicht, und das Ende war eine schöne Überraschung.
    Wenn du ein paar Details weggelassen hättest, wäre es vielleicht noch einen Ticken spannender gewesen, aber das ist jetzt nur ein kleiner Kritikpunkt. Und um die Katze tat es mir leid.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Freude am Schreiben und viel Glück fürs Voting! Mein Like hast du 👍

    LG Yvonne/voll.kreativ (Der goldene Pokal)

    1+
  5. Hallo Lia,
    deine Geschichte hat mir echt gut gefallen, obwohl ich schon zu Anfang einen wagen Verdacht hatte, dass das ganze etwas mit Laura zu tun hat. Das Ende fand ich richtig krass, ich hätte nur gerne ein wenig mehr über Maya erfahren, über ihre Vergangenheit und ihre dunklen Seiten.
    Dein Schreibstil ist sehr angenehm flüssig und gut zu lesen, ohne dass man durcheinander kommt bzgl. der Namen oder sonstigen. Auch hast du aus der Sicht des Erzählers geschrieben, was mir persönlich immer sehr gut gefällt, da man noch detaillierter die Gedankengänge erlebt.
    Mein ❤ ist dir sicher und ich hoffe, es werden noch viele mehr!
    Liebe Grüße frechdachs

    1+
  6. Hallo, liebe Lia,
    wie die anderen ja auch schon angemerkt haben, hättest du den Plot noch ein wenig straffen können und ich hätte mich noch eine falsche Fährte gewünscht. 🙂
    Man merkt allerdings, dass du schon etwas länger schreibst und tatsächlich auch, aus welchem Genre du kommst. 🙂 Schreib auf jeden Fall weiter, du hast Potential, das du noch nicht ganz ausgeschöpft hast!

    Liebe Grüße, Leandra (Versteckspiel)

    0
  7. Liebe Lia, das ist eine tolle Geschichte. Ich mag sowohl die Ich-Perspektive, als auch etwas geisteskranke Protagonisten. Es war ziemlich schnell klar, dass sowohl Laura, als auch Daniel irgendwie mit drin stecken, nur nicht in welchem Zusammenhang. Ich glaube, du hast zu sehr versucht, Daniel harmlos wirken zu lassen. Ansonsten kann ich dir nur den Tipp geben, etwas zu kürzen. Das würde die Geschichte spannender machen. Man erfährt viele Dinge im Tagesablauf der Protagonistin, die für die Geschichte nicht relevant sind. Das stört den Lesefluss, bzw. nimmt die Spannung raus. Trotzdem ist die Idee zu deiner Geschichte echt gut. Meine Lieblingsstelle ist das Gedicht. Das ist wirklich super. Mein Herz hast du.
    Liebe Grüße aus dem Maislabyrinth, Andrea

    1+

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