KathrinAlexa, definiere Rache

16+

Erschöpft ließ sie das blutverschmierte Küchenmesser zu Boden sinken. Sie wusste nicht genau wie es soweit gekommen war. Aber hätte sie nach dem Aufwachen bereits gewusst, wie dieser sonnige Mittwochmorgen im Mai noch verlaufen würde, hätte sie ihr Bett wohl nicht so schnell verlassen. 

 

2 Stunden zuvor 

 

Ein sirrender Klingelton riss Lisa aus ihren Träumen. Sie richtete sich schreckhaft auf und versuchte, die Geräuschquelle inmitten ihres von feinen Frühlingssonnenstrahlen durchzogenen Schlafzimmers auszumachen. Ihr müder Blick fiel dabei zunächst instinktiv nach rechts auf die Ablagefläche ihres Nachtschrankes. Ein paar Sekunden, schon hatte sie ihr etwas in die Jahre gekommenes Handy zwischen dem restlichen Krimskrams hervorgezogen. Jedoch verriet dessen pechschwarzer Bildschirm, dass es nicht das war, wonach sie gesucht hatte. Nach einigen weiteren Augenblicken, in denen ihr Gehirn langsam Fahrt aufnahm, öffnete sie hektisch die Schrankschublade und fixierte perplex das glänzende Smartphone, das genau den grellen Klingelton aussendete, der sie soeben aus ihrem wohligen Rückzugsort gerissen hatte. Sein Display zeigte den eingehenden Anruf einer unterdrückten Rufnummer an. Nach einem kurzen Moment des Zweifelns, nahm Lisa ihn mit einem kurzen, aber entschlossenen »Hallo? Wer ist da?« entgegen. Stille.

 

»Einen wunderschönen guten Morgen. Na – gut geschlafen?«, drang die sanfte Frauenstimme in ihre Ohren. Sie brauchte einige Sekunden bis sie einen erleichterten Seufzer ausstieß. »Mensch Clara, du bist’s. Jetzt hast du mir aber einen gewaltigen Schrecken eingejagt!« »Einen Schrecken? Nur, weil dich deine beste Freundin morgens anruft und sich nach dir erkundigt?« »Ach nein, nicht deshalb. Hier hat plötzlich so ein Handy – Moment mal, wie hast du mich gerade angerufen?« »Wie ich dich angerufen habe? Ich habe mit meinem Zeigefinger die Kontakte geöffnet und« »Nein, ich meine, auf welche Nummer?« »Na, auf deine Handynummer. Auf welche denn sonst?« Lisa ließ das silberne Telefon von ihrem linken Ohr vor ihr Gesicht sinken und starrte ungläubig auf den Bildschirm. »Du Lisa, muss jetzt Schluss machen. Tim braucht mich. Melde mich heute Abend nochmal bei dir!«,tönten die Worte ganz leise und gedämpft aus den Lautsprechern, bis die Verbindung abgebrochen wurde.

 

Genervt feuerte Lisa das Gerät auf ihr Bett und griff nach ihrem Handy, in der Hoffnung, eine Erklärung für diesen Irrsinn zu finden. Falsche PIN. Sie probierte es ein weiteres Mal – ohne Erfolg. Verdammter Mist, das kann doch nicht wahr sein! Der Code ist definitiv richtig. 1104, das Geburtsdatum meiner Mutter. Noch ein drittes Mal und das Telefon war vorerst blockiert. Ihr Blick fiel zurück auf ihre Bettdecke. Energisch griff sie nach dem fremden Telefon und ließ es von einer Hand in die andere gleiten. Vielleicht sollte ich Christian anrufen. Der kennt sich doch so gut mit Technik aus und hat gewiss eine ganz banale Antwort auf All das hier. Schnell tippte sie seine Nummer, die sie glücklicherweise auswendig konnte, und wartete auf ein Freizeichen. Doch statt eines monotonen Tutens, startete plötzlich eine Tonaufnahme: 

HERZLICH WILLKOMMEN IN DER HÖLLE LIEBE LISA. DU BRAUCHST GAR NICHT ERST VERSUCHEN, IRGENDJEMANDEN MIT EINEM DER TELEFONE ANZURUFEN – ES IST ZWECKLOS! ABER VIELLEICHT KÖNNEN DICH JA DIE FOTOS AUF DIESEM HANDY AUF ANDERE GEDANKEN BRINGEN…   

Die Worte der emotionslosen Frauenstimme hallten noch eine Weile in ihrem Schädel nach. In welchem schlechten Horrorfilm bin ich denn heute Morgen aufgewacht?, dachte sie und öffnete den Ordner mit der Aufschrift FOTOS. 

Die Gruppe der Menschen, die eng aneinander gedrängt um einen langen Gartentisch, bedeckt mit einigen Salaten, Grillfleisch und Bierflaschen, saß, lachte fröhlich in die Kamera. Lisa erkannte sich sofort zwischen zwei blonden Frauen wieder. Doch außer sich selbst kannte sie niemanden auf diesem Foto. Was sind das denn für Leute? Die habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen! Bin ich jetzt endgültig verrückt geworden?, dachte sie sichtlich verwirrt. Hastig wischte sie nach links und blickte in die Augen zweier Frauen, die vor der Freiheitsstatue posierten. Eine davon war sie, die andere eine ihr unbekannte Braunhaarige. Ich war noch nie in den USA, erst recht nicht mit dieser Fremden. Und auch auf den sieben weiteren Fotos, die sich in dem Album befanden, setzte sich das Grauen unentwegt fort. Lisa kannte weder die Personen, mit denen sie darauf abgelichtet war, noch hatte sie all die Orte jemals besucht. »Hier erlaubt sich doch irgendjemand einen schlechten Scherz!«, fluchte sie, spürte jedoch, dass langsam aber sicher eine gewisse Unruhe in ihr aufstieg.   

 

Fünf elendige Jahre habe ich darauf gewartet und jetzt ist es endlich soweit. All die Schmerzen, die inneren Qualen, die schlaflosen Nächte, in denen ich von Alpträumen geplagt wurde – all das werde ich dir heute, hier und jetzt endlich heimzahlen! 

 

Lisa schlurfte kraftlos in die Küche und kochte sich einen Kamillentee. Schon wieder so ein Tag, an dem man sich eigentlich nur unter der Bettdecke verkriechen möchte. Als sie Richtung Haustür ging, um erst einmal die Post aus dem Briefkasten zu holen, erstarrte sie schlagartig und ließ vor lauter Schreck die Tasse auf den Boden knallen, welche mit einem lauten Klirren in tausend kleine Einzelteile zersprang. Die Tür war abgeschlossen. Ein schneller Griff auf die Ablagefläche neben der Tür und ein paar Sekunden genügten, um zu realisieren, dass auch ihr Schlüssel nicht mehr passte. Panisch rannte sie einmal durch das gesamte Haus und musste mit blankem Entsetzen feststellen, dass sämtliche Türen und Fenster ihres kleinen Hauses am Rande der Stadt verschlossen waren. Sie war in ihren eigenen vier Wänden gefangen. Unfähig, in irgendeiner Form auf sich aufmerksam zu machen. Hier draußen würde sie niemand bemerken, egal was sie auch vor den Scheiben veranstaltete. War das etwa auch diese kranke Psychopathin auf dem Handy?, fauchte sie vor sich hin. Lisa fühlte sich wie gelähmt, aber gleichzeitig kochte sie innerlich vor Wut.

 

Die Rache ist das Vergnügen der Weisen. Für jeden Tag, jede Stunde, jede Minute wirst du büßen müssen. Dein schlimmster Alptraum fängt gerade erst an. 

 

Um sich zunächst einmal ein wenig von dem Schock zu erholen und ihre Gedanken zu ordnen, beschloss Lisa, eine kalte Dusche zu nehmen. Was blieb ihr in dieser schier ausweglosen Situation auch großartig anderes übrig. Die kühlen Wassertropfen, die über ihren pochenden Kopf herunterflossen, waren eine wahre Wohltat. Als sie gerade dabei war, sich etwas Shampoo aus ihrer Flasche zu quetschen, fiel ihr plötzlich ein Text auf dem Rücketikett der Verpackung auf, der nicht zum Rest passte: »DIE ENGSTEN GEFÄNGNISSE BEFINDEN SICH IN UNSEREN KÖPFEN. PS: AUF DEM ESSTISCH LIEGT EIN KLEINES GESCHENK FÜR DICH!« Du krankes Schwein, dachte Lisa, wusch sich rasch den Schaum von ihrem Körper und kletterte aus der Duschkabine. 

Nur mit einem Badehandtuch bekleidet ging sie runter ins Wohnzimmer und sah bereits von Weitem das Geschenk auf dem Esstisch, das sich vor ihrem Ausflug ins Badezimmer noch nicht dort befunden hatte. Ihr Fotoalbum, das ihr Clara vor ein paar Wochen zum Geburtstag geschenkt hatte, war mit einer großen roten Schleife umwickelt. Eilig löste sie sie und blätterte zwischen den Seiten. Die fein säuberlich eingeklebten Fotos, waren nicht die, die sich eigentlich in dem Album befanden. Sie hatte sie fast alle ausgetauscht. Nur ein einziges ihr bekanntes Foto hatte sie drin gelassen. Das von Lisa und Clara auf deren Verlobungsfeier. Allerdings war dort, wo sich ursprünglich Lisa’s Gesicht befunden hatte, nur noch ein Brandloch zu sehen. »Ein Brandloch einer billigen Zigarette? Mehr hast du nicht zu bieten, um mir – aus welchem Grund auch immer – Angst einzujagen und mich zu bedrohen?«, stieß sie mit einem zynischen Lachen aus.  

Auf der letzten Seite des Albums klebte zu ihrer Verwunderung kein neues Foto, sondern ein hellgrauer Briefumschlag. Doch dieser war nicht das, was in ihr einen Würgereiz hervorrief. Über ihm war mit einer eingetrockneten dunkelroten Substanz das Wort »SCHLAMPE« geschrieben. »Ach du heilige Scheiße, ist das etwa Blut? Menschenblut?«, schrie sie und fühlte sich, als würde ihr der metallisch süßliche Geruch in sämtliche Körperöffnungen steigen. Angewidert öffnete sie die nur lose hereingesteckte Lasche des Kuverts und zog die Blätter heraus, die zusammengefaltet in ihm steckten. »OBDUKTIONSBERICHT, Name: Schneider, Vorname: Thorsten.« »Todesursache: Unnatürlich«,lautete die Passage, die sich ihr regelrecht ins Gehirn brannte. Langsam dämmerte es ihr.

 

Wenn du bloß wüsstest, was dich gleich noch erwartet. Allein der Gedanke an dein ahnungsloses, unschuldiges hübsches Puppengesicht, treibt mir Freudentränen in die Augen.    

 

Lisa brach in Tränen aus und boxte ihre geballten Fäuste so oft und fest gegen die Wand, dass die spröde Haut an den Knöcheln aufriss und zu bluten begann. Sie fühlte sich hundeelend. »Es…tut mir leid.«, flüsterte sie kaum hörbar, mit zittriger Stimme in sich hinein.  

Ihr Nervenzusammenbruch wurde jäh durch die elektronische Stimme ihrer virtuellen Sprachassistentin unterbrochen: »DIE REUE TREIBT DEN SCHWACHEN ZUR VERZWEIFLUNG UND MACHT DEN STARKEN ZUM HEILIGEN. »Alexa – STOOOOP!«, brüllte sie in Richtung des Lautsprechers und hoffte inständig, die Laute dadurch stoppen zu können. Doch ihr Befehl nützte nichts. Die Stimme sprach ohne Unterbrechung weiter. »DEIN ELENDIGES GEHEULE WIRD DIR NICHTS NÜTZEN! DIR KANN UND WIRD NIEMAND HELFEN. 4 MINUTEN, DANN ERWARTE ICH DICH AUF DEM DACHBODEN.« 

Schlagartig schnürte es ihr die Kehle zu. Sie japste angestrengt nach Luft, tausend Gedanken schossen ihr wie Blitze durch den Kopf: Auf dem Dachboden? Will sie mich so lange quälen bis ich jämmerlich verrecke? Hat diese Irre ihre Rachgier nicht langsam genug befriedigt? Scheiße was mache ich denn jetzt? Verzweifelt rannte sie in die Küche und öffnete panisch die Besteckschublade. Nachdem sie sich mit einem Küchenbesser bewaffnet hatte, hastete sie ins Schlafzimmer, riss sich das Handtuch vom Leib und tauschte es gegen Jeans und T-Shirt. Was auch immer sie dort oben gleich erwartete, sie durfte es nicht einfach kampflos über sich ergehen lassen.   

 

Vorsichtig kletterte Lisa die knarzende Holzleiter herauf, das Messer fest in ihrer schmerzenden Faust. Ganz langsam steckte sie ihren Kopf durch die Öffnung und spähte über den Rand hinweg in das Innere des Dachbodens. Ihre Augen suchten nach ihr, konnten sie aber nicht entdecken. Mit einem kräftigen Ruck zog sie sich über die Kante und richtete sich auf. Wachsam wie ein Luchs, um nicht rücklings überwältigt zu werden.

Einige Sekunden lang passierte nichts. Außer ihrem eigenen immer schneller werdenden Atem, war kein Mucks zu hören. Dann wurde die Stille plötzlich von einer Stimme durchbrochen, die von allen Seiten des Raumes widerhallte und ihn mit einer Undurchdringbarkeit ausfüllte, die Lisa die Schweißperlen auf die Stirn trieb: »Einen wunderschönen guten Morgen meine Süße. Schön, dir endlich einmal persönlich gegenüberstehen zu dürfen. So von Angesicht zu Angesicht.«, sagte sie mit spöttischem Unterton und trat langsam aus dem Schatten heraus. RATSCH RATSCH. Die zierliche Frau stolzierte geradewegs auf sie zu, die geladene Pistole direkt auf Lisa’s Kopf gerichtet. »Eine falsche Bewegung und du bist tot. Aber keine Sorge – hätte ich dich lediglich kaltblütig abmurksen wollen, hätte ich das schon längst tun können. Ich möchte dich quälen, dich psychisch komplett zerstören. Dir jeglichen Lebenssinn rauben, so wie du es damals mit mir gemacht hast. Du sollst mit jeder Faser deines Körpers spüren wie es sich anfühlt, vor lauter Verzweiflung und Machtlosigkeit den Verstand zu verlieren.« Lisa versuchte den tennisballgroßen Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken und ließ ihre Hand samt Messer darin in Zeitlupe Richtung Boden sinken. »Skrupellos und egoistisch hast du meinen Thorsten unentdeckt, still und heimlich abgeschlachtet. Hattest nur deinen eigenen Erfolg und die Kohle im Sinn. Mein armer Mann war so dumm und naiv und hat sich von dir und deiner Vision blenden lassen. Sich aufopferungsvoll für deine beschissenen Experimente zur Verfügung gestellt. Nach Außen immer brav die seriöse Mutter Theresa gespielt. Und hinter verschlossenen Türen hast du die armen Menschen einfach nur benutzt und ihnen dieses ganze dubiose Zeug gespritzt. Größenwahnsinnig und übermütig. Bei Thorsten ist es schief gegangen und du hast es geschickt vertuscht. Erst durch die von mir beauftragte Obduktion hab ich’s herausgefunden. Niemand wollte mir glauben, jeder hat mich für die verzweifelte Witwe gehalten, die den Tod ihres Mannes einfach nicht akzeptieren will. DU kleine Wissenschaftsschlampe warst Schuld an seinem Tod. Ab dieser Gewissheit war mir klar: wenn ich dich mangels Beweisen schon nicht für den Rest deines jämmerlichen Lebens hinter Gitter bringen kann, werde ich dich eben selbst zu Grunde richten! Du weißt doch Lisa: Die engsten Gefängnisse befinden sich in unseren Köpfen.« Die Frau, dessen blondes langes Haar durch das leicht hindurchscheinende Tageslicht engelshaft glänzte, lächelte hasserfüllt und wartete auf eine Reaktion. Stille. 

»Mein Name ist nicht Lisa, er ist Sophia!« Die wenigen Worte schlugen ein wie eine Bombe. Die Miene der Frau wechselte schlagartig von süffisanter Genugtuung zu blankem Entsetzen. »Äh…Willst du mich jetzt auch noch verarschen? Deine hässliche Fratze würde ich unter Tausenden wiedererkennen.«, blaffte sie. Der Lauf ihres schwarzen Revolvers begann sichtlich zu wackeln. »Meine Mutter ist tot. TOT, verdammt! Schon seit fünf elendigen Jahren. Niemals hätte sie absichtlich einen Menschen getötet. Es war lediglich ein Unfall, eine Verkettung unglücklicher Zufälle. Und dennoch hat es sie selbst innerlich so sehr in den Wahnsinn getrieben, dass sie ihren Schuldgefühlen ein Ende bereiten musste. Selbstmord hat sie begangen, ihrem Leben ein Ende gesetzt. Nur ein Abschiedsbrief ist mir noch von ihr geblieben. Von meiner geliebten Mutter und Seelenverwandten, der ich wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sehe. Da staunst du, was? Als blutjunges, hilfloses Mädchen stand ich plötzlich mutterseelenalleine da, musste von heute auf morgen erwachsen sein und mein Leben selbst in den Griff bekommen. Und weißt du wem ich dafür die Schuld gebe?«, prustete sie völlig außer sich. Ohne eine Antwort abzuwarten, schrie sie aus voller Kehle: »Richtig – DIR! Ich wusste ganz genau, dass du irgendwann diesen feigen Rachefeldzug gegen meine Mutter starten würdest. Habe nur darauf gewartet, die fremde Person, die meine Mutter auf dem Gewissen hat, endlich in die Finger zu kriegen. Natürlich habe ich dein ausgeklügeltes Psychospielchen die ganze Zeit über brav mitgespielt. Du verblendete Idiotin hast es in deinem Rausch nicht mal bemerkt. Ein Heulkrampf, wie ihn selbst Kate Winslet nicht besser hätte spielen können, stimmt’s?! Spätestens bei deinen ach so schockierenden Fotos hat es Klick gemacht. So eine billige Fotomontage. Und jetzt…wollen wir doch mal sehen, wer hier den Racheengel spielt.«, sagte Sophia triumphierend und setzte sich in Bewegung. 

 

Dann ging auf einmal alles ganz schnell. Ihr Kopf schlug mit einem gewaltigen Krachen auf den Holzdielen auf als würde ihr Schädel in tausend Einzelteile zerbrechen. Ein greller, schmerzerfüllter Schrei, ein hektisches Geraufe. Der Revolver prallte mit einem metallischem Knall auf dem Boden auf und flog einige Meter zur Seite. Angestrengt streckte sie ihren glühendheißen Arm nach dem Messer aus und stach mit einer kräftigen Bewegung zu. Sie hatte genau die Halsschlagader getroffen.

 

Erschöpft ließ sie das blutverschmierte Küchenmesser zu Boden sinken. Sie wusste nicht genau wie es soweit gekommen war. Aber hätte sie nach dem Aufwachen bereits gewusst, wie dieser sonnige Mittwochmorgen im Mai noch verlaufen würde, hätte sie ihr Bett wohl nicht so schnell verlassen. 

 

Liebe Mama,

ich vermisse dich jeden einzelnen Tag ein bisschen mehr. Würde wirklich alles dafür geben, nur noch ein einziges Mal mit dir singend und pfeifend zu »Ich war noch niemals in New York« durch die Küche zu tanzen, während wir unseren legendären Käsekuchen backen, der uns jedes Mal im Ofen verbrennt. Ich hoffe, du hast heute ganz besonders achtsam auf mich herabgeschaut und bist mächtig stolz auf mich. Denn heute konnte ich nach fünf langen Jahren endlich mein Versprechen in die Tat umsetzen und beenden, was du begonnen hast!

In Liebe, 

deine Sophia    

  

Wehmütig, aber zufrieden ließ sie den Brief sinken, faltete ihn behutsam zusammen und legte ihn auf das kleine Fleckchen vertrocknete Erde vor dem braunen Holzkreuz.     

16+
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23 thoughts on “Alexa, definiere Rache

  1. Sehr, sehr, sehr gute Geschichte! Nach den ersten Sätzen wurde ich sofort neugierig! Sehr gut durchdacht und der Twist ist super gelungen! Schade, dass deine Geschichte es nicht ins Buch geschafft hat, dennoch drücke ich dir die Daumen fürs eBook! Von Anfang bis zum Ende spannend 😊 Du solltest wirklich am Ball bleiben und weiterhin schreiben 🙂

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      1. Hi Kathrin,

        sehr gute Idee, auf der deine Geschichte basiert. Für mich persönlich sind noch ein paar Fragen offen geblieben:
        Warum wird die Hauptfigur die ganze Zeit Lisa genannt und auch von der Freundin und stellt sich dann als seit 5 Jahren tot heraus?
        Warum schwankt die Hauptfigur in so einer Situation zwischen genervt sein und einen Tee machen und Wut und Panik und später heißt es, dass sie es sofort wusste und regelrecht auf sie gewartet hat?
        Warum findet die Hauptfigur, dass die ihre Mutter auf dem Gewissen hat? Die Mutter hat sich doch aufgrund ihres schlechten Gewissens selbst das Leben genommen.

        Den Titel finde ich besonders, der hat direkt mein Interesse geweckt 😊👍

        Liebe Grüße

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  2. @ElaEffpunkt: Vielen dank für deinen Kommentar 🙂 Also erst einmal zu den meisten Fragen – in einer Kurzgeschichte kann man nicht alles erklären, weshalb auch ich bewusst einige Sachen offen lassen musste/wollte 🙂
    Die Hauptfigur schwankt, weil sie der Gegnerin die ganze Zeit etwas vorspielt. Sie hat nur darauf gewartet, dass dieser Tag kommt, um den Spieß herumzudrehen und sich an ihr zu rächen.

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  3. Mega guter Anfang der Geschichte, hat mich sofort gefesselt. Gerade als das Telefon klingelte und „nur“ die Freundin dran war. Lies sich sprachlich sehr gut durchsuchten.
    Bei mir sind die selben Fragen offen geblieben wie bei ElaEffpunkt. Ich fand, dass Lisa noch sehr locker, mit zu wenig Panik reagiert hat, zwecks ihrer Lage. Das wurde am Ende raus ja erklärt. Am Störendsten finde ich, dass sie Lisa genannt wird, aber Sophie heißt. Das könnte man aber sicher noch lösen. Der Twist ist super. Mich würde das Katz-und-Maus-Spiel bei der Langfassung wirklich reizen 🙂

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    1. Vielen Dank auch dir für deinen Kommentar und die Anregungen 🙂
      Zuerst: die Freundin hat Lisa an keiner Stelle mit ihrem Namen angesprochen. Ich glaube dabei handelt es sich um ein Missverständnis, welches auch im Kommentar von Ela bereits aufkam (ich weiß nicht wieso).
      Der Grund für das für manche scheinbar widersprüchliche Verhalten ist der, dass sie die Gegnerin ja die gesamte Zeit über etwas vorspielt, sie hinters Licht führt, damit sie nicht auffällt. Deshalb spielt sie die Panik die ganze Zeit – sie weiß ja auch, dass sie beobachtet wird. Das ist ja gerade so einer der wichtigen Knackpunkte meiner Geschichte.

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      1. Das Missverständnis kommt durch folgenden Auszug zustande:
        „»Du Lisa, muss jetzt Schluss machen. Tim braucht mich.“
        Das war wahrscheinlich die wesentliche Stelle, die im Nachhinein irritiert hat. 😊

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  4. Liebe Kathrin,
    ich fand deine Geschichte auch total super!👌🌷Der Sprachstil war super angenehm und bildlich und die Handlung unendlich spannend und der Twist😱 krasser Shit! Eine Frage habe ich jedoch: wie kommt die Feindin von Lisa/ Sophia in das Haus? Das ist mir nicht so ganz klar geworden. Dennoch eine wirklich tolle Geschichte!
    Liebe Grüße
    Christina

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    1. Vielen Dank für deinen netten Kommentar liebe Christina 🙂
      Naja, in einer Kurzgeschichte kann man ja leider nicht alles erklären (und muss es meines Erachtens auch nicht). Dass die Gegnerin generell ziemlich harte Geschütze auffährt, merkt man ja die gesamte Handlung über (sie leitet den Anruf um, sie verriegelt alle Türen und Fenster, sie hat das Album manipuliert bzw. die Bilder ausgetauscht, sie manipuliert Alexa etc.). Da jetzt alles zu erklären, würde den Rahmen der Kurzgeschichte sprengen 😀
      Wie genau sie das alles anstellt, bleibt wohl einfach der Phantasie des Lesers überlassen ;D
      Liebe Grüße zurück

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  5. Hey Kathrin,
    eine wirklich sehr gute und super spannende Geschichte! Der Titel und Einstieg haben mich neugierig gemacht und ich wurde nicht enttäuscht!
    Super finde ich, dass du kurz vor dem Ende den ersten Satz nochmal wiederholt hast! Das macht es irgendwie rund 🙂

    Außerdem gefällt mir sehr der Twist am Ende.
    Mich hat allerdings auch nur etwas verwirrt, dass sie am Anfang von ihrer Freundin Lisa genannt wird und sich nicht da schon wundert.
    Und was ist mit den zwei Handys? Ist das eine das Handy von ihrer Mutter?

    Super finde ich, wie du Alexa und somit die heutige Technlogie einbaust!

    Du hast die Parameter auf jeden Fall umgesetzt und eine super spannende Geschichte geschrieben! Ich drücke dir die Daumen 🙂

    Like ist gegeben!

    LG, Ani
    http://www.wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-schwur

    1+
    1. Hey Ani,
      vielen lieben Dank für deinen tollen Kommentar 🙂
      Das mit Lisa war tatsächlich ein Versehen. Ich hatte den Namen ursprünglich (auch) in der Begrüßung und hatte in dann extra herausgenommen. Die Stelle, an der es jetzt noch drin ist, habe ich wohl übersehen. Vielleicht kann ich das hier ja noch ändern!
      Das fremde Handy hat die Gegnerin dort platziert (so lautete ja die Vorgabe der Parameter – jemand findet ein fremdes Handy), nur geschickt die Anrufe umgeleitet, weshalb der Anruf der Freundin dann darauf eingeht.

      Viele Grüße und nochmals danke,
      Kathi

      0
  6. Hallo, Kathrin 🙂
    Nachdem wir uns ja ab und zu mal in den Instagram-Kommentaren begegnet sind, habe ich jetzt gezielt nach deiner Geschichte gesucht, weil mich natürlich brennend interessiert, was du so zusammengeschrieben hast 🙂
    Erstmal muss ich sagen, dass deine Idee sehr kreativ war. Du bist mit wenigen Charakteren ausgekommen, was mir gut gefällt. Allerdings hätte ich mir nochmehr Charakterisierung zu Beginn der Geschichte gewünscht. Dass man erst im Moment des Aufeinandertreffens davon erfährt, dass die Mutter eine Wissenschaftlerin ist, nimmt dem Moment meiner Meinung nach ein bisschen den Wow-Effekt. Man muss ja nicht von vornherein sagen, dass Experimente an Menschen durchgeführt worden sind. Man könnte z.B. davon ausgehen, dass die Tochter momentan in der Uni an ihrer Doktorarbeit schreibt – dann haben wir das Thema „Wissenschaft“, man ist in dem Moment des Aufeinandertreffens total geschockt, dass sie als „Anfängerin“ Experimente an Menschen durchführt, und erfährt dann erst, dass es eigentlich die Mutter war, die gemeint wurde.
    Ich kann natürlich verstehen, dass in einer Kurzgeschichte nicht zu viel Background kommen kann, das hat mir aber doch ein wenig gefehlt und hat mir diesen Schockmoment genommen.
    Auch habe ich dasselbe Problem wie einige andere, die hier bereits kommentiert haben. Du sagst zwar, dass sie ihre ganzen Panikreaktionen etc. nur der Gegnerin vorspielt. Allerdings benennst du die Gefühle der Person regelrecht, sodass man auch mit dem Ende im Hintergrund diese Zeilen meiner Meinung nach nicht anders interpretieren kann, als dass sie diese Gefühle tatsächlich empfindet. Hier ein paar Beispiele:

    „»Hier erlaubt sich doch irgendjemand einen schlechten Scherz!«, fluchte sie, spürte jedoch, dass langsam aber sicher eine gewisse Unruhe in ihr aufstieg.“

    „…erstarrte sie schlagartig und ließ vor lauter Schreck die Tasse auf den Boden knallen, welche mit einem lauten Klirren in tausend kleine Einzelteile zersprang.“

    „Lisa fühlte sich wie gelähmt, aber gleichzeitig kochte sie innerlich vor Wut.“

    „Sie fühlte sich hundeelend.“

    Wenn du diese Formulierungen nicht gewählt hättest, hätte ich deine Erklärung durchaus verstanden. Ich kann verstehen, dass du es anders gemeint hast und im Zusammenhang mit deinen Kommentaren kann ich die Intentionen auch ganz klar sehen. Allerdings kommentiere ich das Ganze ja aus der Sichtweise eines Lesers, der dieses Hintergrundwissen nicht hat und hätte ich diese Geschichte in der Anthologie gelesen, wäre ich tatsächlich ziemlich verwirrt ob der Gefühlsreaktion der Protagonistin gewesen. Das würde ich auf jeden Fall nochmal überarbeiten.

    Ansonsten finde ich die Idee sehr gut, der Plottwist kommt überraschend und zeugt von viel Kreativität. Was mir auch außerordentlich gut gefallen hat, ist dein Schreibstil. Dieser leitet einen subtil durch die Geschichte und lässt einen richtig mitfiebern. 🙂

    Ich habe auch gelesen, dass du wohl noch eine 2. Geschichte geschrieben hast? Die würde ich auch gerne lesen (Vielleicht kannst du sie ja in deinem Profil verlinken? Dann findet man die immer zeitnah). 🙂

    Beste Grüße,
    Leandra (Versteckspiel)

    1+
  7. Hi, ich bin vor allem wegen dem Titel auf die Geschichte gestoßen. Den finde ich schon mal sehr gelungen.
    Mir gefällt auch die Grundidee sehr und dein Schreibstil ebenso.
    Allerdings ging es mir wie einigen anderen hier auch, ich hätte mir ein wenig mehr Hintergrund zu den Charakteren und der Story gewünscht. So lässt sie mich mit eher gemischten Gefühlen zurück.
    Ich werde mir deine andere Geschichte auf jeden Fall auch durchlesen!

    P.S. vielleicht hast du ja Lust, auch meine Geschichte zu lesen >>Glasauge.
    Über ein Feedback von dir würde ich mich freuen!

    1+
    1. Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂
      Das ist sicherlich Geschmacksache – für mich gehört sowas nicht in eine KURZGeschichte, sondern in einen Roman. Und ich hatte gerade auch die Vision vor Augen, eine Geschichte zu erzählen, die gerade nicht zu 100% auserzählt ist und bei der der Leser noch einen gewissen Spielraum besitzt.

      Gerne werde ich auch deine Geschichte lesen!
      Viele Grüße

      0
  8. Hallo Kathrin
    Mir hat deine Geschichten gefallen und wie viele andere auch, finde ich deinen Titel genial und interessant.

    So entsteht die Neugierde schon vor dem eigentlichen ersten Satz.

    Insgesamt hast du die Parameter charmant und elegant eingebaut.
    Die Grundidee finde ich sehr gelungen und dein Schreibstil hat was sehr angenehmes.

    Deine Story ließ sich gut lesen.
    Im Nachhinein kann ich nicht sagen, dass mich gewisse Dinge gestört haben.
    Ich denke, alles verstanden zu haben.
    Deine Kommentare haben mir meine Sichtweise noch einmal verdeutlicht.

    Auch, wenn es bei mir Schwierigkeiten mit dem Verstehende gegeben hätte, wäre das nicht tragisch.
    Ich glaube, dass ich die besten KGs, die ich je gelesen habe, auch nicht immer zu 100 Prozent verstanden habe.
    Mir geht’s bei Kurzgeschichten, bei Literatur um das Gefesselt sein.
    Und die Magie, um die offenen Fragen, und um die beantworteten.
    Eine Geschichte, die alles haarklein erklärt und offen legt, veranlasst mich nachher nicht mehr, über sie nachzudenken.

    Ich fand deine Geschichten super.
    Titel, Grundidee, Handlung, Sprachstil und das überraschende Finale.
    Alles in meinen Augen sehr gelungen.

    Mein Herz hast du natürlich sicher.

    Schreib weiter. Demnächst werde ich mir deine zweite Geschichte durchlesen.

    Ich bin sicher, dass du ins EBook kommst und noch viele Leser erreichst.

    Liebe Grüße und dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.

    Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, meine Geschichte auch zu lesen.
    Über einen klitzekleinen Kommentar würde ich mich sehr freuen.

    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Ich danke dir,
    Swen

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  9. Liebe Kathrin,

    eine tolle Geschichte hast du geschrieben! Sie lässt sich insgesamt gut lesen, ist spannend und überraschend, das gefällt mir.

    Einzig die Sache mit den Namen hat mich irritiert, wie ja auch schon erwähnt wurde, dass sie Lisa genannt wird und sich darüber nicht wundert. Hat sie sich denn als Lisa ausgegeben, bis sie sich rächen konnte? Dann wäre das irgendwie logisch.

    Kleiner Tipp noch: Bei dem Telefonat am Anfang könntest du denn jeweiligen Sprecher in eine neue Zeile packen, dann liest es sich etwas einfacher.

    Mein Like hast du, viel Spaß weiterhin beim Schreiben!

    Viele Grüße
    Yvonne / voll.kreativ (Der goldene Pokal)

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