ArasinoeEigentlich habe ich gar keinen richten Job Sergeant

 

Nach 9:00 Uhr ist es im Joe´s immer etwas ruhiger. Dann, wenn die arbeitende Bevölkerung auf dem Weg zur oder bereits auf der Arbeit angekommen ist. Außer Brian sind heute nur noch zwei weitere Gäste im Joe´s. Avery, der seine Nachtschicht im örtlichen Krankenhaus hinter sich gebracht hat und Earl, der quasi hier zum Inventar gehört. Earl ist eine der Personen, die gefühlt schon seit Anbeginn der Zeit auf dem ewig selben verschlissenen, roten Kunstlederstuhl sitzt. „Einen Kaffee süß und blond“, gerichtet an Sally die Bedienung, gehört ebenso zu seiner Morgenroutine, wie das Durchblättern des Dallas Examiners. Komplettiert wird das Rascheln der Zeitung nur noch durch wahlweise amüsiertem Schmunzeln oder verächtlichem Schnauben; je nach aktuellem Artikel.

Es ist bereits der siebte Morgen in Folge, an dem sich Brian an dem gemütlichen Platz mit Blick zur Straße eingefunden hat. Aber besser als die Alternative, nämlich der heimische Küchentisch, ist dieses Plätzchen allemal. Nicht dass etwas gegen seinen weißen Küchentisch mit der bunten Wachstischdecke sprechen würde. Es ist die Rückkehr seiner Frau Janey, die für gewöhnlich morgens gegen 7:00 Uhr nach Hause kommt. Im Gegensatz zu dem hier sitzenden Avery jedoch, ist es nicht die Nachtschicht im Krankenhaus, die sie hinter sich gebracht hat. Sie haben sich zwar in dem Club kennen gelernt, in dem sie tanzt, jedoch ist es immer noch etwas anderes, wenn es um die Frau geht, die man zwischenzeitlich geehelicht hat. Man sagt ja so schön, „zu einer ehrbaren Frau machen“, aber das ist leichter gesagt als getan. Wobei man sagen muss, dass objektiv betrachtet sie immerhin diejenige ist, die einer regelmäßigen „Beschäftigung“ nachgeht. Seit seiner Zeit beim Militär ist mittlerweile auch schon mehr als ein Jahr vergangen und das zivile Leben hat noch keine längerfristige Anstellung für Brian ausgespuckt. Ausgespuckt, das ist es wie Brian sich seit nunmehr über einem Jahr in erschreckender Regelmäßigkeit fühlt. Man wird einfach nicht ausreichend darauf vorbereitet, wie es sich anfühlt, nach einem Leben in geordneter Routine in ein ziviles unordentliches Leben entlassen zu werden. Das ist auch einer der Gründe, warum Brian sich einen Großteil der mühselig antrainierten Routine beibehalten hat. Beginnend vom gleichen akturaten Haarschnitt, maximal 2mm an den Seiten, einer Stunde Sport am Morgen, 3x wöchentlich Krafttraining, die anderen Tage Ausdauer, und einem Kleiderschrank, dessen T-Shirts sämtlichst perfekt auf einem DIN-A4-Blatt gestapelt zu sein scheinen. Ja man könnte sagen, Brian ist ein Gewohnheitstier. In seinem letzten Jahr wurde die Fortführung seiner Routine lediglich von kürzeren Gelegenheitsjobs unterbrochen. 4 Monate Tankstellenwart, eine 8-wöchtige Aushilfstätigkeit im Kfz-Betrieb drei Blocks weiter und zuletzt ein einwöchiges Zwischenspiel am Schießstand seines Vertrauens.

Beständigkeit wäre es eigentlich, was Brian jetzt benötigt. Wobei was heißt jetzt; Beständigkeit war sein ganzes Leben bereits etwas, das ihn angezogen hat. Wahrscheinlich war dies auch der Grund für die Einschreibung bei der Army; mal abgesehen von der Tatsache, dass ihm kein College bekannt wäre, das ihn aufgenommen hätte. Aber das sind heute Geschichten von gestern und somit blättert Brian gedankenverloren durch die Stellenanzeigen. Gastronomie… fällt aus. Im schlimmsten Fall würde er sich von einer Yuppie-Meute in Anzügen von oben herab behandeln lassen müssen, die ihre kurze Mittagspause mit einem Espresso in lächerlich winzigen Tässchen ausklingen lassen, unwissend, dass er diese in einer seiner bratpfannengroßen Händen zerbrechen und ihnen die Überreste in den arroganten Hals schieben könnte. Aber das wäre auch tatsächlich das Worst-Case-Szenario. Einzelhandel… dasselbe in grün, nur ohne Tässchen. Bei dem Gedanken an die Espressotassen huscht ihm unweigerlich ein Lächeln über das Gesicht. Um für Außenstehende nicht wie ein Idiot auszusehen blickt Brian aus dem Fenster und sieht daher die hübsche, junge Frau noch bevor sie das Diner betritt und das helle Klimpern der Türglocke auch den alten Earl aus seiner Trance weckt. Auf dem zweite Blick erscheint sie doch nicht mehr ganz so jung, wie zuerst vermutet. Ende zwanzig Anfang dreißig schätzt Brian. Ihr sandfarbenes Haar hat sie zu einem Knoten im Nacken gebunden und der offen getragene Trenchcoat lässt sie förmlicher auftreten, als ihre sanften Gesichtszüge vermuten lassen. Sie lässt kurz einen Blick über die Sitzplätze an der Fensterfront schweifen und wählt dann jedoch einen Hocker vorm Tresen. Zwischen ihr und Earl sind vier Hocker frei, was den armen neugierigen Earl leider dazu veranlasst unruhig auf seinem Hocker hin und her zu rutschen in der Hoffnung, das nette Mädchen vielleicht auf ihn aufmerksam zu machen und in ein Gespräch verwickeln zu können. Musikalisch untermalt wird dieser Versuch der Kontaktaufnahme nur durch ein unterdrücktes Räuspern und gelegentliches Rascheln der Zeitung. „Guten Morgen, ich hätte gern einen Milchkaffee und einen Blaubeermuffin, wenn es keine Umstände macht.“ Die Stimme der Unbekannten passt erstaunlich gut zu ihrem Gesicht; unaufdringlich und sanft. „Ach was Liebes, das macht doch keine Umstände“ Flink greift Sally in die Auslage und fischt einen großen Blaubeermuffin heraus, legt ihn auf einen Frühstücksteller und reicht ihn über den Tresen. Zwei Handgriffe später ist auch der Milchkaffee fertig und wird der Unbekannten in einer Tasse, die von der Größe her mühelos auch als Müslischale hätte durchgehen können, serviert. „Nimm das Großstadtschnösel“, dachte Brian. „DAS ist eine Tasse!“ Während Brian die Szenerie beobachtet, setzt sich Sally mit der gefüllten Kaffeekanne in Bewegung und steuert direkt auf ihn zu. Wenn sie nicht gerade hinter dem Tresen steht, der sie gefühlt zu 2/3 verdeckt, fällt immer wieder auf, dass sie doch eine ziemlich schmale Statur hat für eine Frau von Mitte fünfzig und mit einer Stimme wie ein Truckfahrer. 35 Jahre lang min. 20 Camel-Zigaretten täglich fordern nunmal ihren Tribut. Sie schwenkt die Kaffeekanne und blickt Brian fragend an. Auf sein kurzes Nicken schenkt sie nach und schiebt hinterher „Kann ich dir sonst noch etwas bringen? Vielleicht einen Muffin oder Brownie?“ „Nein danke, ich bin nicht so für Süßkram. Aber trotzdem danke. Nach diesem Becher muss ich auch los. Kannst du bitte schon mal die Rechnung fertig machen?“ Sally nickt, „Klar, ich bring sie dir gleich.“ Brian pustet leicht auf den dampfenden Kaffee in seinem Becher und nimmt einen Schluck. Auf dem Boden des Bechers angekommen entscheidet er sich, noch einmal rüber in den Waschraum zu gehen, um sich vor seinem Aufbruch zu erleichtern.

Bei seiner Rückkehr an seinen Platz muss er feststellen, dass die nette Unbekannte offenbar in der Zwischenzeit aufgebrochen ist. Earl unterhält sich angeregt mit Sally und fragt diese, ob das junge Mädchen denn öfter käme. „Mensch Earl, du verbringst beinahe mehr Zeit in diesem Laden als ich. Wenn dies einer wüsste, dann ja wohl du“. Brian setzt sich kurz noch einmal, als er die Rechnung ansieht und seine Brieftasche aus der Gesäßtasche holt. 6,90 $ ist mehr als fair für ein warmes Frühstück mit Kaffee satt. Er holt 8,-$ aus seiner Brieftasche und legt diese auf die Quittung, greift nach seiner Zeitung und faltet diese noch ein weiteres Mal, so dass sie jetzt nur noch eine halbe DIN-A4-Seite breit ist. Ohne sie wieder aufzuschlagen wird ihm bewusst, dass sich etwas darin befindet, denn sie ist schwerer als üblich und in der Mitte gut zwei Finger dicker als zuvor. Reflexartig verengen sich seine Augen zu Schlitzen als er beginnt, die Umgebung auf weitere Unstimmigkeiten abzusuchen. Earl, der mit Sally spricht – Check, Avery der gelangweilt und wahrscheinlich übermüdet in seinem Rührei stochert – Check. Sonst scheint alles normal zu sein. Er nimmt kurz Blickkontakt mit Sally auf, tippt sich zum Gruß mit zwei Fingern an die die Stirn und dreht sich zum Ausgang hinüber.

Seinen alten Chevrolet Blazer hat er direkt vom Diner geparkt. Er schließt auf, und lässt sich auf den Fahrersitz fallen, die Zeitung noch immer fest in der einen Hand. Das Leder des Autositzes fühlt sich warm und vertraut an, ganz anders als dieser schwere Fremdkörper, den er eingehüllt in eine Zeitung auf den Beifahrersitz legt. Langsam faltet Brian die Zeitung auf. Einmal und noch einmal, bis in der Mitte ein Handy zum Vorschein kommt. Misstrauisch begutachtet er das fremde Gerät. Sein Handy ist es definitiv nicht, so viel steht schon einmal fest. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass das kleine Lämpchen, oben links in der Ecke leicht blinkt. „Dann wollen wir es mal auf einen Versuch ankommen lassen“, denkt Brian und entsperrt das Handy. Keine PIN-Eingabe oder sonstige Sicherheitsabfrage nötig. „Das ist irgenwie zu einfach…“ murmelt er und prüft den Grund für das Blinklämpchen. Dieser ist auch schnell gefunden. Es handelt sich um die Anzeige, dass eine Nachricht eingegangen ist. Eine MMS wurde empfangen. Brian zieht die Augenbrauen zusammen als er versucht, sich einen Reim auf diese Spielchen zu machen. Was kann schon im schlimmsten Fall angezeigt werden? Eine abgedrehte Gore-Szenerie mit viel Blut und Eingeweiden? Nicht schön, aber echte Kriegsschauplätze härten ab. Vielleicht ein Foto der Unbekannten im Eva-Kostüm, nackt wie der Herrgott sie schuf? Das wäre tatsächlich ein viel größeres Problem, denn wie sollte er Janey das erklären? Brian atmet einmal tief durch und lädt die Bilddatei herunter.

Die Realität erschreckt ihn tausend Mal mehr, als Verstümmelungen oder Folterbilder dies je könnten. Das Foto zeigt einen Lateinamerikaner, 26 Jahre alt, 1,82m groß mit Schuhgröße 45. Woher Brian das so genau weiß? Weil er während seiner Grundausbildung direkt im Stockbett unter ihm geschlafen hat. Es ist Enrico Ramirez mit dem er in der Zeit geflucht, geschwitzt, gelacht und an den freien Wochenenden gefeiert hatte. Der (En-) Rico, der zwar in eine andere Einheit versetzt wurde, zu dem der Kontakt jedoch bis dato nie abbrach. Genau derjenige, mit dem er wie der Zufall so wollte, am gleichen Tag in das gottverlassene Krisengebiet im nahen Osten ausgeflogen wurde, um dort 9 Monate stationiert zu sein. Der große Unterschied jedoch war der Einsatz, der die beiden bis zum heutigen Tag trennte.

Es war klar, dass der Auftrag nicht so simpel und kurzweilig werden würde, wie ursprünglich gedacht. 1 ½ Stunden Fahrt mit dem Humvee zum Einsatzort, das x-te Waffendepot stürmen, Rebellen gefangen nehmen, das Depot anschließend säubern und ab nach Hause. Zumindest die erste Etappe war genommen. Die Humveefahrt ging schnell und ohne Vorkomnisse vorbei. Der Lieutenant, Pierce und LaRue haben die Fahrt über ein Auge auf die Umgebung. Pierce oben im MG-Stand gibt in regelmäßigen Abständen Meldung nach unten weiter. In Situationen wie diesen, muss er sich immer wieder zusammenreissen, nicht in die alte Angewohnheit zu verfallen, mit dem Knie im Sekundentakt mitzuwippen. In angemessenem Abstand zu dem gemeldeten Waffendepot halten sie an und verlassen das Fahrzeug. Nahezu lautlos teilt sich der Trupp auf und bewegt sich vor. Der Lieutenant gibt das Signal, dass der weitere Trupp von der Südseite in Position ist und sie gehen in den Angriff über. Die betongraue Fabrikhalle, welche nach Außen hin den Anschein aufrecht erhält, lediglich Textilwaren herzustellen erstreckt sich direkt vor ihnen und es sind die ersten Schüsse zu hören, als die kooperierende Einheit das Feuer eröffnet. Das ging insbesondere für Ricos für üblich durchdachte Vorgehensweise verdammt schnell, so dass davon auszugehen sein musste, dass der Feind zuerst schoss. Die Ereignisse überschlugen sich und endeten damit, dass sich Becketts Einheit aus dem Kampfgeschehen zurück zog, während der vom Lieutenant angeforderte Atillerieschlag das Depot zerstörte, während Ricos Einheit sich noch mitten drin befand.

Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, dass er nicht nur einen einfachen Kameraden, sondern tatsächlich seinen besten Freund derart im Stich lassen würde. Was noch viel schlimmer ist, ist der Gedanken, dass Rico letztlich dem Granatfeuer entkommen ist und wahrscheinlich nie verstehen wird, warum es für Brian keine Chance gibt, dass er ihm noch einmal unter die Augen treten kann. Und so sollte es tatsächlich auch kommen. Über mehrere Ecken erfuhr Brian, dass Rico nach der Rückkehr in die Heimat wieder vollständig genesen war. Für Brian jedoch, gab es nach diesem Einsatz keine Weg mehr zurück. Offiziell aufgrund von posttraumatischem Stress wurde er ehrenhaft entlassen und es kam für ihn nicht in Frage, zu seiner Familie zurückzukehren. Seine wie er sie nannte „gewählte Familie“, die Kameraden, war ebenfalls nicht länger ein Rückzugsort und so blieb ihm nur eine Zeit aus Alkohol und langen Nächten in diversen Bars und Tabledanceschuppen. Hier seine neue Familie zu finden hätte er nicht gedacht, aber Janey, die in einem der Lokale regelmäßig tanzte, hat in ihm etwas gesehen, was es für sie wert war, gerettet zu werden. Und das musste er ehrlich zugeben ist das, was sie getan hat. Zwei Wochen später waren sie zusammen gezogen und weitere 5 Wochen später verheiratet.

Zwei Jahre ist die Rückkehr nach Dallas und die Gewöhnung an diese neue Alltagssituation nunmehr her. Warum um alles in der Welt liegt jetzt, ein Handy auf dem Beifahrersitz, das ein Fotos des Menschen zeigt, dessen Existenz Brian die ganzen letzten zwei Jahre versucht hat zu verdrängen. Zumal es sich hierbei um ein ganz einfaches unspektakuläres Foto handelt. Es zeigt Rico mit einer Art Security-Uniform eines landesweit produzierenden Haushaltsartikelherstellers. Würde es ihn in einer verstörenden Szenerie wie beispielsweise gefesselt an einen Stuhl in einer Garage oder in irgendeiner anderen Art und Weise körperlich malträtiert, zeigen, könnte man zumindest auf die Idee kommen, dass damit Druck auf ihn ausgeübt werden soll. Aber so?! Was soll es bedeuten? Dass es Rico gut, wenn nicht sogar besser geht als ihm? Dass Rico es zumindest geschafft hat, einen Job zu finden und möglicherweise besser aus der Situation rausgekommen ist als Brian? Dieses Foto sagt nichts aus; gar nichts. Und wer auch immer denkt, dass dies eine Auswirkung auf ihn hat, dem wird jetzt gehörig das Lachen vergehen. Ein kurzer Blick auf die Uhr im Armaturenbrett zeigt, dass es mittlerweile 10:54 Uhr ist und somit womöglich der beste Zeitpunkt, einmal zu überprüfen, ob Rico tatsächlich bei BioTrap Tech. arbeitet. Als Hersteller für Küchen- und Haushaltswaren, von denen in jedem amerikanischen Haushalt mindestens ein Drittel von eben diesem Hersteller produziert wird, kann man davon ausgehen, dass der hauseigene Sicherheitsdienst wahrscheinlich gerade die erste Tagschicht fährt. Und in ca. 35min Fahrzeit wird diese Vermutung entweder bestätigt oder entkräftet sein. Brian tritt das Gaspedal fester durch, als für die innerstädtische Fahrt angemessen wäre und hinterlässt bei der Anfahrt eine überdimensional große Abgaswolke sowie einige Tropfen unverbrannten Benzins direkt aus dem Auspuff. Zwei Straßen vor der Ankunft am Firmengelände kommt die Einsicht, dass es wohl für eine unauffällige Überprüfung der Situation eher unglücklich wäre, mit röhrendem Motor vor dem Firmengelände zu halten und das Sicherheitspersonal zu beobachten. Brian drosselt daher ein wenig das Tempo und fährt in angemessener Geschwindigkeit und mit normaler Lautstärke an dem Gebäudekomplex vorbei. Der Haupteingang, der von der Größe her eher auf die Durchfahrt von PKW ausgelegt ist, wird von einem kleinen Pförtnerhäuschen bewacht. Dass in diesem kein Rico steckt, lies sich bereits bei der Vorbeifahrt ziemlich schnell ausmachen, da es sich bei der Person darin um einen älteren Mann mit bereits ergrautem Haar gehandelt hat. Brain umfährt einmal das Gelände bis er im rückwärtigen Teil des Gebäudes angekommen ist. Von hier aus ist nicht mehr der Bürokomplex, der auf der Vorderseite repräsentitiv betreten werden kann, zu sehen, sondern lediglich drei große Hallen, die wahrscheinlich Produktion und Logistik beinhalten. Aber auch hier findet sich eine Zufahrt, denn wie Brian bereits vermutet hat, muss es auch eine größere Auffahrt geben, auf die auch mit entsprechend großen LKW für den Lieferverkehr gefahren werden kann. Auf der Straße, die an der rückwärtigen Seite der Anlage vorbeiführt ist verhältnismäßig wenig los, so dass der Chevy, der direkt an der Auffahrt und dem ebenfalls dort positionierten Pförtnerhäuschen vorbeifährt, natürlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als an der Hauptstraße. So entgeht es Brian auch nicht, dass der Sicherheitsmann bereits den Blick in seine Richtung schweifen lässt, als er an dem Häuschen vorbei fährt. Und hier scheint ihm direkt das Glück hold gewesen zu sein. Unter der Cap des Angestellten erkennt er Ricos dunklen, schwarzen Haare sowie sein markantes Gesicht. Sofort richtet Brian die Blick wieder geradeaus und fährt mit unverändertem Tempo an der Auffahrt vorbei. Ein wenig könnte Brian sich in den Hintern beissen, dass er noch immer die gleichen äußeren Merkmale aufweist, wie in der Dienstzeit. Gleicher Haarschnitt, glatt rasiert und eine Vorliebe für T-Shirts in gedeckten Farben wie oliv und dunkelgrau. „Klasse gemacht Brian“, denkt er sich noch. „Wäre es so schwer gewesen, dass Truckercap, das auf der Rückbank liegt, vorher aufzusetzen?“ Ein Infiltrator ist schon einmal nicht an ihm verloren gegangen, so viel steht fest. Etwas frustriert aber zumindest mit gestillter Neugier macht er sich auf wen Weg nach Hause.

Oh man, der Auspuff dröhnt übel“ sagt Rico leise zu sich selbst, als sich von Weitem ein dunkelgrüner Chevy nähert. Der Kollege, Antony, zuckt erst kurz mit den Schultern, scheint sich dann aber auf das noch weit entfernte Geräusch zu konzentrieren. Nach ein paar Augenblicken nickt er zustimmend. „Jupp, klingt wie eine überdimensionierte Konserve mit eingebautem Gewitter“ scherzt Antony und setzt ein leicht spöttisches Grinsen auf. Rico beantwortet dies kurz durch das Hochziehen einer Augenbraue. „Bitte verschone mich mit einer Hinterwälderpoesie Antony; dafür ist es noch zu früh“. Demonstrativ nimmt Rico einen tiefen Schluck aus einer mit Energydrink gefüllten Dose und passt den Moment ab, an dem der Chevy an seinem Häuschen vorbeifährt. Der Fahrer scheint seinen Blick fest auf die komplett leere Straße fixiert zu haben, ohne auch nur im Geringsten nach rechts in Richtung der einzig möglichen Quelle von Bewegung, nämlich das Firmengelände, zu schauen. Gerade wollte Rico noch dazu ansetzen, Antony darauf hinzuweisen, wie ungewöhnlich er dieses Verhalten findet, da bleibt ihm der letzte Schluck Energydrink im Halse stecken, als er erkennt, wer da den Wagen so hochkonzentriert steuert. Niemand sonst sitzt so kerzengerade hinter dem Steuer eines PKW, als würde er gerade vor der Fahne zum Morgenappell stehen. Ein schwarzes T-Shirt, deren kurze Ärmel die Tättowierung mit dem Schriftzug U.S.M.C nicht ansatzweise verdecken kann, räumt jeden Zweifel aus. Es kann sich nur um Brian Beckett handeln, der da gerade an ihm vorbeifährt. Verflucht, warum fährt er einfach an ihm vorbei und hält nicht mal an. Seit seiner Entlassung aus dem Armykrankenhaus hat Rico eigentlich nur darauf gewartet, dass Beckett sich irgenwie bei ihm meldet. Die Verletzungen, die er erlitten hatte, waren zum Glück besser verheilt als es zu Anfang ausgesehen hatte; einer der Granatsplitter ist ihm allerdings oben an der Schulter erhalten geblieben. Wenn Rico den Arm im Schultergelenk so weit wie möglich nach hinten schiebt, lässt sich der Splitter sogar noch ertasten. Immer wieder ein Highlight für die Madels, wenn man ihnen die Story von der Kriegsverwundung erzählt und sie besorgt die kleine Stelle an der Schulter abtasten. „Was zur Hölle…“ entfährt es Rico leise als er sich aus dem Pförtnerhäuschen lehnt, um noch einen kurzen Blick auf das Nummernschild zu erhaschen. Ohne den Blick abzunden greift er nach Zettel und Stift, um sich das Kennzeichen zu notieren. „Hast du einen Geist gesehen?“ fragt Anthony als der Ricos Irritation wahrnimmt. „Möglich,“ ist die Antwort, die er darauf erhält.

Die Außenkameras filmen jede Bewegung in und um das Firmengelände, so dass die Vorbeifahrt des Chevys nicht unbemerkt bleibt. Das entsprechende Videomaterial, das den Wagen zeigt, wird gerade angehalten und auf Standbild gestellt. Dr. Dunway kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Noch etwas mehr als vier Arbeitsstunden liegen vor Rico, bis er endlich aus der „Hundehütte“ heraus und seiner Neugierde nachgehen kann. Hundehütte ist die nicht sehr respektvoll gemeinte Bezeichnung, die von ein paar der sich für etwas Besseres haltenden wissenschaftlichen Mitarbeitern für das Wachhäuschen benutzt wird. Den Großteil der LKW-Abfertigung überlässt Rico heute Anthony, denn es fällt ihm schwer, mit den Gedanken bei seiner Arbeit zu bleiben. Wahrscheinlich würde Rico es nicht mal merken, wenn ein Schützenpanzer direkt an ihm vorbei fahren würde. „Was zur Hölle hab ICH bitte IHM getan? Beckett war es doch, der von einen Tag auf den nächsten für mich nicht mehr erreichbar war. Falsches Schamgefühl hin oder her; es gab nie einen wirklichen Grund für Beckett unterzutauchen. Nie habe ich ihm einen Vorwurf gemacht. Niemals hätte ich in Frage gestellt, warum Becketts Einheit nicht an der vereinbarten Position zugegriffen hat, denn es war nicht seine Entscheidung. Aber es war seine Entscheidung, mich im Anschluss wie Luft zu behandeln. Und nicht nur das, er fährt jetzt tatsächlich kaum vier Meter an meinem scheiß Wachhäuschen vorbei und hat nicht mal den Anstand, zu grüßen geschweige denn, mich anzusprechen.“ Unter normalen Umständen würde Anthony sich die ein oder andere Stichelei nicht verkneifen können; gerade dann, wenn Rico ihn den ganzen Papierkram allein machen lässt. Die Art und Weise jedoch, wie Rico seit nunmehr fast einer Stunde aus dem Fenster die Straße beobachtet und währenddessen auf dem mittlerweile wahrscheinlich wie Fensterkitt schmeckenden, halb totgekautem Kaugummi herumknatscht, lässt selbst den sonst so redseligen Anthony Stillschweigen halten. Nach drei weiteren Arbeitsstunden, die sich anfühlten wie eine Ewigkeit, springt Rico vom Stuhl auf und greift seine Jacke. „Machst die bitte die Übergaben an die Spätschicht? Ich habe einen Termin.“ Anthony ist etwas verdutzt, Rico lässt es sich sonst nicht nehmen, die förmliche Schichtübergabe an die Kollege durchzuführen und sich auch vom Wachposten am Vordereingang zu verabschieden. „Klar, werde ich machen. Ich weiß zwar nicht, was du für einen Termin hast, hoffe aber, man liest davon nicht morgen in der Zeitung.“ Rico muss tatsächlich kurz ein Lachen unterdrücken, tippt sich an die Schläfe und macht sich auf den Weg zur Hauptstraße.

Hätte er mal die Zeit der Wiedereingliederung genutzt, und einen Führerschein gemacht… Was solls, hinterher ist man immer schlauer. Auf dem Weg zur Bushaltestelle kommt ihm dann die Idee des Tages, denn seitdem Beckett nicht mehr im täglichen Kontakt zu Rico steht, ist ihm auch keine aktuelle Adresse bekannt. Man kann ja doof sein, wenn man sich nur zu helfen weiß. Vor ein paar Wochen hatte Rico in einer Bar eine Frau klargemacht, die – wie sich später herausstellte – bei der Zulassungsbehörde arbeitet. Ein kurzer Check des Telefonbuches im Handy ergab, dass er Maureen tatsächlich eingespeichert hatte. „Ich werd´s wohl auf einen Versuch ankommen lassen müssen…“ denkt er sich noch, während er bereits die Wahltaste gedrückt hat. Es klingelt vier Mal als Maureen abnimmt.

Rico, hätte nicht gedacht doch noch von dir zu hören“ meldet sie sich.

Ja, entschuldige bitte. Die letzten Wochen war arbeitsmäßig viel los; es mussten die neuen Kollegen eingearbeitet werden und das bedeutete Doppelschichten für mich und noch einige andere“ log Rico zu seinem Erstaunen ziemlich überzeugend.

Ich freue mich auf jeden Fall, von dir zu hören. Allerdings kann ich grad nicht gut sprechen; ich bin noch im Dienst.“

Na also,“ dachte Rico. „das passt ja wie die Faust auf´s Auge.“ „Ich möchte dich gar nicht lange von der Arbeit abhalten, aber könntest du mir vielleicht bei einer Sache behilflich sein?“

Natürlich, was hast du denn?“ fragte Maureen ernsthaft besorgt.

Ich bin im Begriff einen Wagen für meine Mutter zu kaufen, allerdings kommt mir der Fahrer etwas fadenscheinig vor. So ein typischer Redneck, aber das Auto macht erstaunlich was her. Kann mir nicht vorstellen, dass das tatsächlich seines ist. Ich weiß, das ist vielleicht nicht ganz korrekt, aber könnten wir die Personalien, die er mir aufgeschrieben hat, einmal abgleichen?“

Hmm, ok. Sag du mir einfach, was dir vorliegt und ich sage dir, ob das mit den bei mir hinterlegten Daten übereinstimmt.“

Also es handelt sich um einen grünen Chevrolet Blazer mit dem Kennzeichen Dallas XXX. Der Verkäufer sagte, er heißt Brian Beckett.

Das ist soweit schon mal stimmig. Hast du noch weitere Angaben zum Abgleich?“

Ja, er ist am 25. März geboren.“

Stimmt.“

Allerdings habe ich keine Anschrift von ihm vorliegen, da wir uns bei Cosco auf dem Parkplatz getroffen hatten, um das Auto anzusehen. Das kam mir so komisch vor, hast du vielleicht eine Adresse?“

Dir ist schon klar, dass das jetzt eigentlich über die Grenzen unseres Ja-Nein-Spiels hinausgeht?“

Ja, das ist mir schon klar. Ich wäre dir trotzdem dankbar, wenn du einmal nachsehen und mir eine Antwort geben würdest.“

Es dauert ein paar Sekunden und Rico hört kurz das Tippen der Computertastatur als sie scheinbar mit sich selbst ringend Auskunft erteilt: „187 Peachtree Street“ murmelt sie leise. „Du schuldest mir wirklich was.“

Sicher Maureen, wir können ja später noch einmal telefonieren und einen Termin abmachen, wann wir vielleicht etwas zusammen essen gehen wollen?“

Gern Rico. Meld dich, wenn du Zeit hast.“

Knapp eine Stunde, nachdem Beckett von seiner „Observation“ zurückgekehrt ist, hört er ein Piepton, der ihm völlig unbekannt vorkommt. Er blickt sich etwas irritiert um und kommt mit seinem Blick auf der Weste zum Ruhen, die an der Gaderobe hängt. „Das Handy“, schießt ihm wie ein Blitz in die Gedanken. Er geht leise zur Garderobe; noch leiser als sonst, wenn er weiß, dass Janey erst kurz darauf zu Bett gegangen ist. Auch wenn ihm ihr Job nicht gefällt, ein rücksichtsloses Arschloch ist er jedenfalls nicht. Er greift in die Innentasche und fischt das Telefon heraus. Seine Vermutung war richtig. Das kleine Lämpchen oben in der Ecke blinkt erneut. Eine SMS wird angezeigt. Der Absender ist eine ihm unbekannte Handynummer. „Einmal tief durchatmen“ denkt sich Brian. Noch mehr verdrängte ehemals beste Freunde hat er zum Glück nicht. Die SMS ist nur kurz und enthält nur zwei Sätze: Warum haben Sie nicht miteinander gesprochen? Er hat Sie gesehen. „Was ist das bitte für eine Mickey Mouse-Scheiße, die hier mit mir abgezogen wird?!“ flucht er in Gedanken. „Was soll´s“ denkt er sich, während er die Nummer, die die SMS versandt hat, zurückruft. „Der gewünschte Gesprächspartner ist zur Zeit nicht erreichbar.“ „Ach das war ja sowas von klar“ flucht er gedanktlich diesmal noch lauter. Brian setzt sich wieder auf die Couch und starrt auf den Fernseher ohne die laufende Sendung tatsächlich wahrzunehmen.

Nach einer kurzen Verabschiedung gibt Rico sogleich die Adresse in sein Handy ein. „187 Peachtree Street Das ist ja gar nicht allzu weit weg.“ Rico steht von der Wartebank der Bushaltestelle auf und winkt sich das nächst vorbeifahrende Taxi heran. „Einmal zu 187 Peachtree Street bitte.“ Das alte, aber dennoch gepflegte Taxi setzt sich in gang und bahnt sich den Weg in den allabendlichen Vorfeierabendverkehr. Ganz so schlimm, wie der übliche Feierabendverkehr ist es nicht, aber es fehlt nicht mehr viel. 40 Minuten später biegen sie bereits in die Peachtree Street ein. „Lassen Sie mich gern schon hier aussteigen. Den Rest kann ich auch laufen“ sagt Rico. Der Taxifahrer verringert die Geschwindigkeit und hält am rechten Fahrbahnrand. Ein Blick aufs Taxameter verrät Rico den Fahrtpreis. 52 $ ist ein stolzer Preis, wenn man bedenkt, dass er nicht viel mehr für seine monatliche Busfahrkarte ausgibt. Dafür ist er schon ein gutes Stück näher an seinem Appartment. Er hätte theoretisch auch erst zu Hause anhalten können, um sich dort umzuziehen und in „zivil“ hier aufzutauchen, aber was soll´s. Es ist ja nicht so, als wüsste Beckett nicht, wo er arbeitet… „Das nächste Haus auf der rechten Seite, wird das von Beckett sein. Verdammt, was zur Hölle mache ich eigentlich hier und was soll ich gleich sagen? Es wäre so viel einfacher, wenn ich Beckett dabei hätte, denn der macht sie nie lang und breit Gedanken darüber, was er wie sagen soll. Der stellt sich einfach hin und schießt drauf los. Nicht, dass das nicht auch mal in die Hose gehen könnte, aber das stört einen Beckett ja in dem Augenblick, in dem er eine Sache beginnt nicht…“ Am Ende des geistigen Monologes angekommen, steht er vor Brians Haus. Es ist ein kleines weißes Einfamilienhaus mit einem offensichtlich pflegeleichten Vorgarten, der nur aus Rasenfläche und Maulwurfshügeln besteht. „Ok, ich versuch es mal wie Beckett“, sprach es und machte sich auf zur Tür, um zu klopfen.

Ein Klopfen an der Tür, riss Brian aus seinen Gedanken. Er bekommt für gewöhnlich keinen unangekündigten Besuch. Ein kurzer Griff unter den Couchtisch und er holt seine Smith&Wessen Kal. 45 hervor und steckt diese von hinten in den Gürtelbund. „Nur zur Sicherheit.“ denkt er sich noch auf dem Weg zur Haustür. Brian öffnet die Tür mit der linken Hand während er die recht hinter dem Rücken auf Höhe des Gürtelbundes hält und zum dritten Mal am heutigen Tage hat er das Gefühl einen Geist zu sehen.

Wow, Rico; sag mal, verfolgst du mich?“ Als ihm gerade klar wird, wie doof diese Frage für einen Unbeteiligten klingt, der nichts davon weiß, dass Brian bereits zum dritten Mal heute sein Gesicht sieht, ist sie auch schon ausgesprochen. Brian blickt in Ricos irritiertes Gesicht, dass unweigerlich zu lachen beginnt.
„Ob ICH DICH verfolge? Wer war denn heute bei mir auf der Arbeit und ist einfach weiter gefahren?“

Jaja, schon gut.“ Bevor eine unangenehme Pause entstehen kann, öffnet Brian die Tür ein bisschen weiter. „Komm rein, wir können uns hinten in den Garten setzen.“

Brian geht vor; erst durch die Küche, ein kleiner Zwischenstopp am Kühlschrank wo er 2 Dosen Coca Cola mitnimmt und dann weiter durch die Terassentür in den Garten.

Setz dich ruhig“ Brian bietet Rico einen Stuhl an und stellt die beiden Dosen auf einen kleinen Holztisch. „Sag mal, wie hast du mich eigentlich gefunden?“

Ganz einfach, ich bin mal so durch Dallas gestreift und habe nach dem Haus mit dem räudigsten Vorgarten gesucht und tadaaa, ich hab dich gefunden“ lacht Rico.
„Nana, da kommt wohl die mexikanische Gärtnerseele in dir durch, oder was Amigo?“

Du weißt ganz genau, dass ich aus San Diego komme!“

Ja schon, aber wenn eine Katze im Hühnerstall geboren wird, wird sie doch auch nicht zum Huhn, oder?“

Sticheleien wie diese waren es, die Brian in der Vergangenheit Rico stark vermissen lies. Sie konnten sich stundenlang die fiesesten Sprüche, von denen einige stark unter die Gürtellinie gingen, um die Ohren hauen und hatten dabei den größten Spaß, den man sich vorstellen kann.

Weißt du, ich hätte eigentlich erwartet, ich würde hier im Hinterhof zumindest noch eine verrostete Karre mit Einschusslöchern oder eine kleine Mauer, zum Blechdosen schießen zu sehen kriegen, aber nein Beckett, du enttäuscht mich.“

Ja sorry, wir wohnen auch erst kurz hier und es dauert halt so seine Zeit, bis man sich eingelebt hat“ lacht Brian.

Rico grinst breit über den gelungenen verbalen Schlagabtausch. „Sag mal, was machst du eigentlich aktuell? Privatermittler wirst du ja nicht geworden sein, oder?“

Brian wirft einen Blick in seine halb leere Coladose und sagt etwas kleinlaut „Naja, aktuell bin ich noch auf der Suche, nach einem Job. Die wachsen ja nicht auf Bäumen, weißt du.“

Na dann kann ich dir vielleicht helfen. Bei mir in der Firma suchen sie andauernd neue Leute. Da kann ich dich bestimmt reinbringen!“

Parkplatzwache? Ich?“

Hast du eine bessere Alternative? Wir haben einen entspannten Job, lassen die LKW rein und raus und kontrollieren am Vordereingang die Ausweise der auf das Gelände fahrenden Angestellten und Besucher. Und das Beste: Wir tragen alle Dienstwaffen! Komm schon, wenig Arbeit und den ganzen Tag über das wohlige Gewicht einer Handfeuerwaffe am Gürtel; das wird doch das Redneckherz höher schlagen lassen.“

Was soll das denn bitte heißen? Rednecks haben nichts gegen Arbeit, im Gegensatz zu dem was man gerüchteweise über Mexikaner hört.“

Ich bin aber aus SAN DIEGO, soll ich dir das buchstabieren?“

Kannst du das denn?“

Das musst du gerade fragen! Aber jetzt mal ernsthaft. Komm morgen gegen Mittag bei mir auf der Arbeit vorbei, vielleicht bekommen wir ja einen Termin in der Personalabteilung. Wie gesagt, die suchen andauernd, jetzt zur Zeit gerade wieder.“

Ok, ich bin morgen um 13 Uhr da. Dann kann ich dich im Anschluss vielleicht mit dem Auto ein Stück mitnehmen.“

Alles klar. Ich mach mich dann auch gleich auf den Weg.“

In Ordnung, dann bring ich dich noch zur Tür.“ Brian und Rico stehen auf und durchqueren die Küche zum Flur.

Danke für die Cola. Und komm dann morgen bitte wirklich.“

Nach einer kurzen Verabschiedung schließt Brian die Tür hinter sich. Es fühlte sich ein bisschen so an, als hätte es den Cut zwischen den beiden nicht gegeben. Kurz nachdem Rico losgegangen ist, regt sich etwas im Nebenzimmer. Janey ist offenbar aufgestanden und macht sich bereit für den „Tag“. Wie immer fragt sie was er den Tag über so gemacht hat und ob die Jobsuche etwas ergeben hat. Heute kann Brian ihr endlich wieder mal eine gute Neuigkeit mitteilen. „Ich bin morgen bei einem Vorstellungsgespräch bei BioTrap Tech. Die suchen aktuell Pförtner. Klingt nach allem was ich bisher gehört habe, nach einem ruhigen Job ohne sonderlich viel Kundenkontakt.“

Vielleicht ist das ja eher was für dich. Freut mich auf jeden Fall riesig. Soll ich dir bestimmte Klamotten für morgen rauslegen oder hast du alles, was du brauchst?“

Brian verneint, denn er wird wohl kaum ein Hemd oder ähnliches für einen Parkplatzwächterjob anziehen müssen.

Die beiden verbringen den Abend noch ruhig gemeinsam bis Janey dann gegen 21:00 Uhr zur Arbeit fahren muss. Die Auftrittsklamotten hat sie in einer Sporttasche dabei als sie ins Auto steigt und losfährt. Brian geht heute rechtzeitig schlafen, denn auch wenn er eine Empfehlung von Rico bekommen wird, möchte er dennoch einen vernüftigen Eindruck hinterlassen. Eines ist schon einmal sicher, vor dem Gespräch in der Kfz-Werkstatt oder auf dem Schießstand hat er sich nicht so viele Gedanken gemacht. Am darauf folgenden Morgen lenkt ihn seine Sportroutine zumindest kurzweilig ab. Nichts klärt den Kopf so wie ein 8-Meilen-Lauf. Bis 12:00 hat sich Brian sodann geduscht, drei Mal umgezogen und zur Sicherheit schon mal auf den Weg zu Ricos Arbeitsstelle gemacht, so dass er überpünktlich um 12:35 Uhr vor Ricos Wachhäuschen ankommt. „Ausweis“ sagt der andere Pförner betont gelangweilt, als der Blazer vor dem Schlagbaum zum Stehen kommt. „Was? fragt Brian irritiert, „Ich bin hier für ein Vorstellungsgespräch, aber morgen bring ich dann gern meinen Parkausweis mit, je nach dem wie schnell so etwas ausgestellt werden kann.“

Aha, da ist sich jemand seiner Sache wohl ganz schön sicher.“

Anthony,“ unterbricht Rico, der gerade vom Parkplatz zum Pförtnerhäuschen gelaufen kommt, „Ich hatte dir doch gesagt, dass heute ein Freund von mir herkommt, um sich vorzustellen.“

Anthony öffnet die Schranke und bedeutet Brian damit, durchzufahren.

Während er einparkt hört er noch Rico hinter sich schimpfen: „Du musst ihm schon bevor er überhaupt hier anfängt, auf den Sack gehen, oder?“

Na komm, er wird doch wohl ein bisschen Spaß vertragen. Außerdem hält er sich wohl für ganz unwiderstehlich, so selbstverständlich er hier reinstolziert.“

Hier reinstolziert?“ Rico schüttelt nur den Kopf. „Er ist noch nicht einmal ausgestiegen Anthony. Ich bringe ihn nach vorne zur Personalabteilung.“

Bevor Brian aussteigt nimmt er noch seine Mappe mit dem Lebenslauf und seinen Zeugnissen vom Beifahrersitz mit. Rico sammelt ihn am Wagen ein und führt ihn einmal quer über den Parkplatz bis zum Bürogebäude, welches man vom anderen Wachäuschen aus auf der Stirnseite des Geländes sehen konnte. „Gut, dort drüber kommt du in den Eingangsbereich. Das Gespräch wirst du mit Frau Sheffield führen. Sie ist auch meine Ansprechpartnerin aus der Personalabteilung gewesen.“ Brian wirft noch einen kurzen prüfenden Blick auf die Unterlagen in seiner Mappe und betritt sodann den Eingangsbereich des Bürogebäudes. Eine junge dunkelhaarige Mitarbeiterin, empfängt ihn höflich und bittet ihn, noch einmal kurz im Wartebereich Platz zu nehmen. „Frau Sheffield wird Sie gleich hier abholen.“ „Danke“, nickt Brian der Empfangsdame zu, die sich sogleich wieder hinter den Tresen setzt und den Blick auf den Computermonitor fixiert. Die Wartezeit nutzt Brian um sich einmal den Eingangsbereich von seinem bequemen Platz in der Sitzecke anzusehen. Dieser besteht aus einer Glasfront vom Boden bis zur Decke, die gut und gerne 5 Meter hoch sein mag. Der glänzende Natursteinboden sowie die stilvoll ausgewählten Kunstdrucke an den Wänden, lassen den Empfangsbereich zwar etwas einschüchternd aber dennoch sehr wertig erscheinen. Nach nicht einmal drei Minuten öffnet sich eine Tür zu dem abgehenden Flur auf der rechten Seite des Raumes und eine Frau, etwa Anfang 50 würde Brian schätzen, kommt auf ihn zu. Ihr mahagoniefarbenes Haar hat sie am Hinterkopf einmal mit einer langen Haarnadel zusammengefasst. Sie blickt ihm gleich direkt in die Augen und ihr Blick strahlt beinahe eine mütterliche Wärme aus. Sehr ungewöhnlich für Mitarbeiter aus der Personalabteilung. Diejenigen, die er bisher kennen gelernt hatten, wirkten eher professionell distanziert. Brian stand auf und streckt ihr die Hand entgegen.

Herr Brian Beckett? Freut mich Sie kennen zu lernen und vielen Dank erst einmal, dass Sie so schnell zu dem Gespräch kommen konnten.“ Sie erwidert den Handschlag mit einem angenehmen wenn auch leichten Händedruck.

Frau Sheffield, ich habe zu danken.“

Sie geht ein paar Schritte zurück in Richtung des Flures, aus dem Sie gekommen war. „Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“

Der Flur führt direkt zu einem Raum, dessen Wand ebenfalls komplett verglas ist. Es scheint sich dabei um so etwas wie einen Konferenzraum zu handeln, denn in der Mitte befindet sich ein großer Tisch mit etwa 15 Stühlen herum sowie einer Flipshart in der Ecke. „Nehmen Sie gern Platz“ beudetet sie Brian einen Stuhl.

Nun, Herr Ramirez hat Sie uns empfohlen. Sie kennen sich aus ihrer Zeit bei der Army?

Das ist korrekt.“ Brian schiebt seine Unterlagen in der Mappe zu ihr herüber. „Ich habe Ihnen meine persönlichen Daten sowie meinen Werdegang einmal zusammengestellt.“

Prima, vielen Dank dafür.“ Sie öffnet die Mappe einmal kurz, wirft einen flüchtigen Blick auf die ersten zwei Seiten und schließt sie sogleich wieder. „Sie sind also ein Veteran? Wir haben einige ehemalige Soldaten insbesondere im Bereich unseres Wachpersonals untergebracht. Neben der Ausbildung an Schußwaffen schätzen wir besonders auch die gesteigerte Aufmerksamkeit Ihrer Kameraden.“

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber Herr Ramirez sagte mir, es handelt sich um einen Job als …Parkplatzwächter, oder habe ich da etwas falsch verstanden?“

Nein, das ist schon richtig so. Wir haben allerdings in der Vergangenheit bereits Erfahrungen mit Industriespionage als auch mit versuchten Einbrüchen in unsere Lagerhallen zu tun gehabt. Von daher ist es schon überaus nützlich, wenn das Wachpersonal geschult darin ist, Unstimmigkeiten zu erkennen und ein wachsames Auge auf die Umgebung hat.“

Oh, damit hätte ich ehrlich gesagt bei einem Haushaltswarenhersteller nicht gerechnet,“ muss Brian zugeben.

Nun, wir stellen ja nicht ausschließlich Toaster und Kühlschränke her. Wir haben auch ein umfangreiches Sortiment an Sanitätsmaterial, sei es Wundverbände, Heftpflaster als auch Mittel für die Hausapotheke, etwa Kopfschmerz- und Fiebermedikamente. Außerdem haben wir ebenfalls Räumlichkeiten, in denen stets an der Erweiterung und Verbesserung unseres Sortiments geforscht wird.“

Auch damit hatte Brian wohl nicht gerechet, aber diese Informationen lassen die Firma zumindest etwas interessanter dastehen, als das eher einfache Image des Küchengeräteherstellers.

Herr Beckett, ich glaube nicht, dass ich da groß um den heißen Brei herumreden muss. Ihre Qualifikationen sind ausgezeichnet und die persönliche Empfehlung von Herrn Ramirez tut ihr übriges. Die Firma BioTrap Tech. wäre hoch erfreut, Sie in unseren Reihen als Mitglied der Wachabteilung „grün“ begrüßen zu dürfen.“

Das ging ja schneller als gedacht. „Die Freude ist ganz meinerseits Frau Sheffield.“

Gut, ich werde dann einen Arbeitsvertrag aufsetzen lassen. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden bei einem Urlaubsanspruch von 24 Tagen sowie einem Gehalt von 36.000,00 $ jährlich. Hinzu kommen noch eventuelle Zuschläge für die Teilnahme an Nacht- und/oder Wochenendschichten.“

Bei der Nennung des Jahresgehaltes fällt Brian schlagartig alle Mimik aus dem Gesicht. Er entscheidet sich dafür, dass jetzt so stehen zu lassen und den Vertrag noch einmal dahingehend zu prüfen, er sich möglicherweise verhört hat. Das käme ihm schon überaus reichlich vor, für ein Pförtnergehalt.

Wie gesagt, der Arbeitsvertrag wird heute noch vorbereitet und Ihnen per E-Mail zugesandt. Bitte füllen Sie bei Rückgabe des unterzeichneten Vertrages noch einmal diese Liste aus, in der Sie bitte die entsprechende Kleidergrößen für die Dienstkleidung eingetragen werden kann. Wir wollen ja, dass Sie an Ihrem ersten Tag bereits vernüftig ausgestattet sind.“

Brian nimmt ihr die Liste ab überfliegt diese kurz.

Gern begleite ich Sie wieder zurück ins Foyer Herr Beckett.“

Das geht gerade tatsächlich alles etwas schnell. Beckett steckt sich die Liste in die Innentasche seiner Jacke und folgt Frau Sheffield zum Ausgang.

Rico wartet bereits neugierig in seinem Wachhäuschen mit Blick in Richtung des Bürokomplexes. Nach gut 30 Minuten sieht er Brian aus dem Foyer über den Parkplatz gehen. Bereits auf diese Entfernung kann Rico ausmachen, dass Brian einen sehr konzentrierten Gesichtsausdruck aufgesetzt hat. „Anthony, ich geh kurz zu Brian rüber. Bitte tu mir den Gefallen und mach die letzte halbe Stunde ohne mich. Ich würde gern wissen, was bei dem Gespräch herausgekommen ist.“

Sicher, dass du eine halbe Stunde früher Feierabend machen willst? Gott bewahre, dass du von deinem Überstundentron gestoßen wirst,“ witzelt Anthony.

Das wird selbst dann nicht passieren, wenn ich mir den nächsten Monat frei nehmen würde“ gibt Rico zurück, während er sich bereits auf den Weg zu Brians Wagen macht.

Auf Entfernung wird die Zentralverriegelung entsperrt und Brian nickt Rico zu, dass er sich bereits reinsetzen kann.

Und, wie ist es gelaufen?“ fragt Rico sichtlich aufgeregt.

Bevor ich jetzt was falsches sage, musst du mir eine Frage beantworten. Kann es sein, oder habe ich mich verhört, dass hier für die Pförtnerstelle 36.000,00 $ jährlich gezahlt werden?“

Da hast du dich ganz und gar nicht verhört. Mir ging es allerdings zuerst auch so wie dir. Ich konnte das erst glauben, als ich die erste Gehaltszahlung auf dem Konto hatte.“

Sie bereitet meinen Vertrag vor und lässt ihn mir per E-Mail zukommen.“ Brian startet den Wagen. „Soll ich dich gleich mitnehmen?“

Gern, ich habe schon mit Anthony geklärt, dass er die letzte halbe Stunde übernimmt.“

Brian fährt auf die Schranke an dem Pförtnerhäuschen zu. „Wenn du Brian noch einmal nach dem Ausweis fragst, läufst du Gefahr, dass er uns die Schrank abbricht. Mach also mal lieber auf“ nimmt Rico Anthony gleich den Wind aus den Segeln.

Ok, ok, Spielverderber.“

Für dich immer noch Sergeant Spielverderber, wenn ich bitten darf.“

Brain passiert die Durchfahrt und wendet sich an Rico: „Du lässt dich hier mit Sergeant ansprechen?“

Nunja, ich bin der Schichtleiter und erledige den gesamten Papierkram für beide Wachstationen. Außerdem besteht nahezu unsere komplette Belegschaft des Wachpersonals aus ehemaligen Armeeangehörigen. Jeder von uns kennt zumindest militärische Grundzüge, mal davon abgesehen, dass es immer auch ein wenig die Disziplin aufrecht erhält, wenn man sich förmlich anspricht.“

Gut Sergeant, wenn ich dann ab demnächst vor dir salutieren soll, dann bitte ich um vorherige Information. Nicht, dass ich mir noch ein Disziplinarverfahren einhandel.“

Brian setzt Rico bei sich zu Hause ab und fährt dann seinerseits nach Hause. Bereits auf der Fahrt hört er ein Plinggeräusch in seinem Handy, welches ihn darauf hinweist, dass eine E-Mail eingegangen ist. Noch auf der Einfahrt seinen Hauses stehend öffnet er die E-Mail und überprüft den Inhalt. Es ist tatsächlich bereits der angekündigte Arbeitsvertrag und es steht tatsächlich die vorhin angekündigte Gehaltssumme drin. Er wirft sich seine Jacke über eine Schulter und schlendert so entspannt wie lange nicht mehr, seine Auffahrt zur Haustür hoch. Janey traut ihren Ohren nicht, als Brian ihr die guten Neuigkeiten mitteilt. „Ein Arbeitsvertrag zu diesen Konditionen und dann auch noch ab kommender Woche! Das ist wirklich ein Glücksgriff!“ jubelt sie und fällt ihm um den Hals. Diesen Abend bleibt sie zu Hause. Nachdem Brian am nächsten Tag den unterschriebenen Arbeitsvertrag wie auch die ausgefüllte Anforderungsliste für seine Arbeitsbekleidung abgegeben hat, bleibt sie auch die nächsten Abende zu Hause und verlässt nicht nach 22:00 Uhr das Haus, um die Nacht über in der Bar zu arbeiten.

Montag beginnt Brian seine erste Frühschicht und wird zu seinem Bedauern nicht Ricos Wachhäuschen eingeteilt, sondern dem Kollegen, der in dem vorderen Bereich zur Stirnseite des Bürogebäudes sitzt. Der ältere Kollege, den Brian bereits bei seiner ersten Fahrt vorbei an dem Gelände wahrgenommen hat, heißt Frank. Für seine 52 Jahre, ist Frank noch top in Schuß, das muss man neidlos anerkennen. Er ist nur geringfügig kleiner als der 1,96m große Brain und auch in der Breite fehlen ihm nur wenige cm zu Brians Statur. Frank klärt ihn über die täglichen Aufgaben, die Mitarbeiter sowie die Bedeutung der Ausweise auf. Alles in allem dauert es keine Woche bis Brian sich bereits fühlt, als wäre er ein paar Monate hier. Die Strukturen sind klar und schlüssig und abgesehen davon, dass sich Anthony als werkseigener Schönling und Spaßmacher versteht, kommt Brian auch mit allen Anwesenden gut aus. Von Arbeitsbedingungen wie diesen hätte sich Brian nicht träumen lassen. Allerdings muss er zugeben, dass er ein wenig neidisch auf die Kollegen der Wachmannschaft für die Innenräume ist. Diese sind ihren Ausweisen zufolge, zum Zutritt zu weiteren Räumlichkeiten befugt und auch wenn weder Brian noch den Kollegen klar ist, was genau sich hinter den Fahrstuhltüren zu den abgeschlossenen Bereichen befindet, so sind sie alle mehr oder weniger neugierig, was dort vor sich geht.

Es vergehen insgesamt 2 Monate, in denen sich Brian täglich besser in das Gefüge des Wachpersonals einfindet. Irgendwann in diesem Zeitraum überholt er auch den alten Frank was die Kenntnisse angeht. Das scheint ihm dieser nicht im Geringsten übel zu nehmen. Im Gegenteil, Frank zeichnet sich auch darin aus, Brian selbstredend zuzuarbeiten, so dass Brian ziemlich schnell zum zweiten Schichtführer hinter Rico ernannt wird. Gelegentlich werden die beiden auch in unterschiedliche Schichten eingeplant, so dass Brian schnell zeigt, dass er sich als Stellvertreter Ricos bewähren kann. In diesem Zusammenhang gibt es eine interne Rundmail an Rico, Brian, Anthony, Frank sowie ein paar weitere Kollegen, die Brian bereits flüchtig kennen gelernt hat. Die angeschriebenen Mitarbeiter werden gebeten, sich am Freitag um 13:00 Uhr in dem Konferenzraum 1.01 einzufinden. Hierbei handelt es sich um den Raum, den Brian bereits aus seinem Bewerbungsgespräch kannte. Frau Sheffield sitzt bereits am Kopfende des Tisches und begrüßt jeden der eintretenden Mitarbeiter mit Namen. Als alle Platz genommen haben beginnt sie die Ansprache:

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen vielmals dafür, dass Sie die Zeit gefunden haben, an dem heutigen Teammeeting teilzunehmen. Es handelt sich hierbei, wie Sie sicherlich feststellen könnten, um ein Meeting, an dem lediglich eine Auswahl von Ihnen und nicht etwa jeder Mitarbeiter aus der Wachabteilung grün geladen wurde. Dies hat selbstverständlich seine Gründe, die ich Ihnen wie folgt erläutern möchte. Wie Ihnen allen bekannt sein dürfte, sind unsere Wachabteilungen nach Sicherheitsstufe einem Farbmuster zugeordnet. Was die hier Anwesenden betrifft, handelt es sich um die – wie wir festgestellt haben – zuverlässigsten Mitarbeiter die unser vollstes Vertrauen genießen. Aus diesem Grunde haben wir uns dazu entschlossen, Sie alle einem neu zu schaffenden Team zu formieren. Dieses wird die Freigabe für die nächst höhere Sicherheitsstufe, gelb, erhalten. Außerdem wird es die Möglichkeit geben, leitende Mitarbeiter des Konzern zu Bewachungszwecken auch außerhalb des hiesigen Firmensitzes, sei es zu Zweigstellen, Tochterfirmen, Messevorstellungen oder gelegentlich Expeditionen zwecks Forschungsarbeiten zu begleiten. Mit Erreichen dieser neuen Sicherheitsstufe und den damit verbundenen, größeren Aufgabenspektrum wird sich selbstverständlich auch Ihr Jahresgehalt anpassen. In Zahlen ausgedrückt, sprechen wir hier von einem Betrag i.H.v. 12.000,00 $ jährlich mehr.“ Bei Nennung dieser Summe geht ein leises Raunen durch den Raum. „Ich darf Ihnen an dieser Stelle die für Ihr Team vorgesehene leitende Mitarbeiterin aus der Forschungsabteilung, Frau Dr. Jennifer Dunway, vorstellen.“ In dem Moment, in dem Frau Sheffield den Namen ausspricht und mit ihrem rechten Arm in Richtung der Tür weist, wird diese bereits geöffnet und eine junge Frau betritt den Konferenzraum. Alle Augen sind gebannt auf die Mitarbeiterin gerichtet, die ihnen allen von nun an zugewiesen wurde. Als Brian sie mustert, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Die sandfarbenen Haare, die sanften Gesichtszüge, statt eines Trenchcoats heute allerdings mit einem weißen Laborkittel. „Der Blaubeermuffin mit Milchkaffee!“ schießt es Brian in den Kopf. Frau Sheffield führt ihre Ansprache weiter fort, jedoch kann sich Brian kaum darauf konzentrieren, was diese überhaupt sagt. Seine Gedanken schweifen die ganze Zeit über nur um den einen schicksalhaften Vormittag in Joe´s Diner, als nachdem die freundliche Unbekannte, welche wie er nun weiß, Dr. Dunway heißt, das Diner verlässt und offenbar ein Telefon für Brian hinterlassen hat. Hat sie tatsächlich die ganze Zeit geplant, Brian zu einer Anstellung bei BioTap Tech. zu bewegen. Und wenn ja, aus welchem Grund. Dass er, wie auch die anderen Anwesenden, über herausragende Qualifikationen verfügen, ist ihm schon klar. Aber wie um alles in der Welt ist sie an diese Informationen gelangt?

Auf einmal wird Brian aus seinen Gedanken gelöst, als Rico ihn in die Seite stößt und einen Zettel weitergibt. Es handelt sich um eine erweiterte Verschwiegenheitserklärung sowie einen Nachtrag zum bestehenden Arbeitsvertrag. Ein schneller Blick in die Runde zeigt, dass scheinbar alle bis auf einen diese beiden Dokumente unterschreiben. Während er bereits seinen Stift in die Hand nimmt, um den Abschluss dieses Zusatzes zu unterschreiben, der ihm die finanzielle Absicherung verspricht, die seine Frau davon befreit, je wieder in einem Tabledanceladen arbeiten zu müssen, flackert noch einmal kurz ein Misstrauen in ihm auf. 4.000$ monatlich + Spesen + Schichtzulage + bezahlter Urlaub. So eine Chance kommt so schnell nicht wieder. Wenn diese Frau Dr. ihn unbedingt haben wollte, wird sie schon ihre Gründe gehabt haben. Es lässt sich mit Sicherheit besser über deren Methoden nachdenken, wenn man auf einer neuen XXL Wohnlandschaft liegt, als wenn man auf dem alten durchgesessenen Kunstledersofa sitzt. Und mit diesem Gedanken besiegelt Brian den Vertrag, welcher ihm nunmehr den Zutritt zu der Sicherheitsstufe gelb gewährt.

Nachwort:

Eigentlich handelt es sich bei dieser Kurzgeschichte um ein Vorwort für Leute, die sich nicht kurz fassen können, für eine sehr viel längere Geschichte. Ob diese tatsächlich noch einmal niedergeschrieben wird, wird sich danach entscheiden, ob diese Kurzgeschichte interessant genug ist.

5 thoughts on “Eigentlich habe ich gar keinen richten Job Sergeant

  1. hey, mir hat deine Geschichte gut gefallen, vor allem die Atmosphäre hast du gut herausgearbeitet. könnte mir die Geschichte nochmal besser vorstellen, wenn sie in der Vergangenheit erzählt würde.aber auch so ein dickes Lob . ich drücke dir die daumen, für ein paar weitere Likes, meines hast du auf jeden fall 🙂
    vllt magst ja auch mal meine Geschichte lesen und evlt ein herz da lassen:) beste grüße, Patricia ( patte)

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/hinter-den-kulissen

    1. Dein Vorwort gefällt mir sehr gut. Es macht mich neugierig und macht Lust auf mehr. Ich hoffe, dass die Geschichte geschrieben wird und ich sie zu lesen bekomme 🤗 Mein Interesse ist auf jeden Fall geweckt. Gut gemacht.

    2. Hallöchen 🙂 mir ist der Titel Deiner Geschichte heute nun schon zum dritten Mal wirklich ins Auge gestochen (ich war schon beim ersten Mal mega neugierig) und jetzt habe ich sie als “Gute-Nacht-Lektüre” genossen – und sie ist ganz anders, als die, die ich bisher gelesen habe. Irgendwie “einzigartig besonders”, im positiven Sinn! Auch ich wäre gespannt auf die lange Version, melde Dich, wenn es diese gibt!!! Mein Herzchen hast Du bekommen!
      Liebe Grüße,
      Anna

      P.S.: Ich würde mich mega freuen, wenn Du mir auch Deine Gedanken zu meiner Geschichte verraten würdest – sie heißt “Die Nachtschicht”.

  2. Hi, Dein Vorwort macht definitiv Lust auf mehr. Du hast hier viele Fragen aufgeworfen, bzw. angerissen, die man jetzt beantwortet haben möchte …
    Schreib bitte weiter, ich bin sehr gespannt!

    P.S. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lus, auch meine Geschichte zu lesen und ein Feedback da zu lassen >> Glasauge

  3. Moin! Dies ist jetzt mal ganz was Besonderes, denn: Mir ist der Titel dieser Story so oft ins Auge gefallen, aber ich habe es nicht geschafft, sie zu lesen. Wenn aber doch der Titel schon so ausgefallen ist – dann, sagt mein Bauch, kann der Inhalt es auch sein. Neun Minuten sind aber zu kurz für Deine Geschichte, schätze ich. Und darum ist dies nun die einzige Geschichte, die ich ungelesen geliked habe! Ich hoffe, ich kann es nachholen, das Lesen!

    Viel Glück Dir!
    Kathrin aka Scripturine / https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt

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