Manuel KonsikDie Wahrheit

Melanie hing ihren Mantel und ihre Handtasche an die Garderobe. Ging in die Küche und stellte die Flasche Wein, die sie auf dem Heimweg besorgt hatte, auf den Tisch. Zündete im Wohnzimmer die Kerzen an und legte eine CD in den Player.

Ein süßer Vanilleduft zog durch den Raum und als Maria McKee zum Refrain ansetzte,

Oh, show me heaven, cover me

Leave me breathless

Oh, show me heaven, babe

hörte sie den Schlüssel die Wohnungstür aufschließen.

Wortlos trat Sebastian auf sie zu. Sah Melanie, mit zwei gefüllten Weingläsern in den Händen, doch machte er keinen Anstalten, sein Glas zu nehmen. Griff seine Frau bei den Hüften und küsste sie leidenschaftlich. Glitt mit seinen Händen hinunter und hielt sie fest an ihrem knackigen Po.

Er wusste, dass es sie wahnsinnig machte. Erst recht, nach der langen Zeit.

Zwei Wochen war er auf Lesereise mit seinem neusten Horrorbuch. Die für sie schlimmste Zeit, so lange von ihm getrennt zu sein. Nicht nur seine Anwesenheit fehlte ihr, sondern auch der Sex. Melanie war eine sehr körperliche Frau mit starken Bedürfnissen. Selbstbewusst und übernahm gerne die Initiative.

Wie gerne hätte sie jetzt seine starken Arme umschlossen. Ihm durch das dichte Haar gekrault. Doch war sie ihm willenlos ausgesetzt.

Seine Berührungen, seine Küsse erregten sie.

Er ließ von ihrem Po ab und fuhr ihren Körper hoch, bis er angekommen war und erst zart, dann fester, ihre Brüste umschloss.

Sie stöhnte leicht auf und wollte mehr. Jetzt. Sofort. Und konnte nicht aufhören, ihn zu küssen.

Genau in diesem intensivsten Moment – alle Fasern ihres Körpers nach hemmungslosem Sex schreiend – hörte er auf. Nahm sein Glas.

„Auf die Gegenwart.“

Sie stießen an und tranken.

Ein weiterer Kuss.

„Ich will dich jetzt!“ haucht sie.

Küssend: „Lass mich kurz unter die Dusche springen.“

„Ich will dich JETZT!“

„Ich beeile mich. Und dann bringen wir zu Ende, was wir angefangen haben.“

Sie hielt ihn zurück. Ein letzter Kuss.

Ein allerletzter.

Dann löste er sich und verschwand im Bad.

Melanie leerte ihr Glas, stellte es ab und warf sich aufs Sofa. Verfluchte ihren Mann für seinen Verzögerungsgenuss. Verbarg ihr Gesicht hinter ihren Handflächen. Wischte sich durchs Haar und atmete tief durch. Ihr Herz pochte voll Leidenschaft und so hätte sie das Klingeln beinahe nicht gehört.

Was im Grunde nicht sein konnte, da sie ihr Handy stets auf lautlos hatte. Dennoch hatte es wie der Eingang einer Nachricht geklungen.

Im Flur angekommen, griff sie in die Tasche ihres Mantels. Holte ihr Handy heraus. Sah aufs Display. Nichts. Checkte kurz ihren Instagram-Account und scrollte durch die Timeline.

Das Kino um die Ecke warb für die neuste Komödie. Ihr Lieblingsschauspieler hatte wieder ein neues Hundevideo gepostet. Die Drogerie warb mit 15 % auf …

Melanie fuhr sich mit der Zunge über ihre Lippen. Schmeckte noch Sebastians Kuss. Öffnete ihre Handtasche und suchte nach ihrer Lippenpflege. Stieß auf einen Gegenstand und zog ein ihr völlig fremdes Smartphone heraus.

Fragen schossen ihr durch den Kopf …

Wie kommt es in meine Tasche? Wem gehört es? Was tun? 

‚Die Kontakte‘ kam es ihr in den Sinn. ‚Vielleicht kann ich über die Kontakte den Besitzer ausfindig machen.‘ 

Sie lobte sich selbst für ihre Pfiffigkeit, war doch eher Sebastian der technisch Visierte.

Melanie blickte auf den schwarzen Bildschirm. Drückte den An-Schalter. Die Zahlenfeld erschien.

‚Natürlich‘, dachte sie und schob ein gedachtes ‚Verdammt!‘ hinzu. ‚Bist doch nicht so schlau.‘

Sie überlegte.

‚Was, wenn ich nicht die einzige Naive bin?‘ und fing an zu tippen.

1111

„Falscher PIN. Noch 2 Eingabe(n)“

1234

„Falscher PIN. Noch 1 Eingabe(n)“

‚10.000 Möglichkeiten … Okay. Jetzt nur noch 9.998.‘ Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

‚Okay. So also nicht.‘

Melanie dachte nach. Wog das Handy in der Hand. Wischte nachdenklich über den Bildschirm und kam eher per Zufall auf den Home Button und erschrak.

Ihr Fingerabdruck hatte das Telefon entsperrt.

‚Wie ist das möglich?‘

Ein Dutzend Apps füllte das obere Drittel.

‚Genau das wolltest du doch.‘

Neben den Standard-Apps Uhr, Rechner, Kamera, Wetter, …

… ging sie auf Kontakte.

Leer.

Die Nachrichten-App zeigte den Eingang einer Mitteilung an.

Kurz überlegte sie, ob sie draufklicken dürfte und tat es einfach.

„Ich weiß, was sie getan haben!“

Das machte sie neugierig und öffnete den Instagram-Account.

‚Seltsam.‘

Der Newsfeed war leer. Bis auf die Zeitangabe am unteren Rand.

Ein Countdown der runterlief.

Noch 47 Stunden, 20 Minuten, 13 Sekunden

Sie schloss die App und öffnete als letztes die Galerie und wünschte sich im selben Moment, sie hätte es nie getan.

Ihr Blick erstarrte. Sie verlor den Boden unter den Füßen. Alles um sie herum drehte sich. Ihr wurde schwarz vor Augen. Das Telefon glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Sie stütze sich an der Wand ab, bevor sie völlig ihr Gleichgewicht verlor.

„Schatz?“

Fast gleichzeitig ertönte das Telefon erneut.

Sie zuckte zusammen.

Melanie blickte nach unten. Hob das Handy zitternd auf.

Das Display hatte einen leichten Haarriss davongetragen. Doch das fiel ihr gar nicht auf. Ihr Blick klebte an der zweiten Nachricht.

„Zu NIEMANDEN ein Wort!“

„Schatz?“ erklang es wieder aus dem Badezimmer. „Alles okay?“

Schnell stellte sie das Telefon auf lautlos.

Eine letzte Nachricht ging ein: „Ich melde mich wieder!“

„Schatz?“

„Aaaah!“ kreischte sie, als ihr Mann plötzlich hinter ihr stand.

Sie drehte sich um und versteckte das Handy in die Hosentasche.

„Was ist denn los?“ fragte Sebastian besorgt.

„Du hast mich zu Tode erschreckt.“ versuchte sie sich zu fangen. „Tut mir leid. Ich war nur in Gedanken.“

 

Später, als ihr Mann neben ihr – den Rücken zugekehrt – im Bett lag und zu schnarchen begann, quälten sie die Fragen:

Wer hat ihr das Handy zugesteckt? Wer hat ihr die Nachrichten geschrieben? Wer hatte sie fotografiert, wie sie das Kissen auf das Gesicht der Frau presst?

„Ich weiß, was sie getan haben!“

„Zu NIEMANDEN ein Wort!“

„Ich melde mich wieder!“

Leise stand sie auf und ging von Angst gepeinigt in die Küche. Öffnete den Medikamentenschrank und nahm die Dose. Schluckte gleich zwei Beruhigungstabletten mit dem letzten Schluck Wein runter. Ging wieder ins Bett und schlief irgendwann ein.

 

Die alte Frau saß ihr mit dem Rücken zugewandt. Das schlohweiße Haar zerzaust. Gleich, das wusste Melanie, würde die Frau anfangen, zu sprechen.

„Liebes“, sagte die Stimme. ‚Die Zeit kommt näher.‘

Melanie wusste, dass die Frau Recht hatte und wollte es doch nicht hören.

„Im Alltag komme ich schon nicht mehr klar. Als ich letztens zum Briefkasten bin, die Post holen; habe ich Inge getroffen. Sie kam gerade vom Einkaufen. Wir haben uns nett unterhalten und plötzlich schlug der Rauchmelder an. Ich hatte ganz vergessen, dass der Herd noch an war. Zum Glück kam Inge mit hoch. Sie hat den Topf von der Herdplatte genommen und in der ganzen Wohnung gelüftet. Ich habe es weder Frank noch Sebastian erzählt. Die würden sich nur Sorgen machen. Und bitte, behalte du es für dich.“

‚Hilde‘, wollte Melanie sagen. ‚Das kann jedem passieren.‘ und hätte nicht einmal gelogen. Doch sie wusste es besser und schwieg.

So nickte sie nur und Hildegard wusste, sie konnte sich auf ihre Schwiegertochter verlassen.

„Und immer häufiger kommen Mahnungen rein, weil ich vergesse, Rechnungen zu bezahlen. Und es wird schlimmer. Du weißt, wie schlimm es wird.“

Das wusste sie tatsächlich.

„Liebes, ich werde vergessen. Schon bald werde ich dich nicht mehr erkennen. Frank. Sebastian. Ich werde meine Jungs nicht mehr erkennen. Und Volker …“

Dies war der Moment, wo sich Hilde zu ihr drehte und Melanie sah, wie Tränen aus ihren Augen schossen.

„Es kommt der Tag, an dem ich nicht mehr weiß, dass Volker gestorben ist. Oder schlimmer. Ich werde vergessen, dass es ihn je gab. Nein. Ich kann meinen Mann kein zweites Mal verlieren. Das würde ich nicht ertragen.“

Und nach einer Pause: „Und am Ende werde ich mich vergessen.“

Es war dieser endlose Schmerz in jenem Blick ihrer Schwiegermutter, der sich Melanie tief ins Gedächtnis brannte.

„Ich möchte in Würde sterben.“

 

Schweißgebadet wachte sie auf.

Der Mond warf sein fahles Licht durchs Schlafzimmerfenster.

„Ich weiß, was sie getan haben!“

Der Satz ließ sie nicht mehr los. Sie wiederholte ihn mantraartig.

Ihr wurde flau im Magen. Stand auf und eilte ins Bad. Gerade noch rechtzeitig und übergab sich über der Kloschüssel.

Nach einer kurzen Dusche ging sie nackt ins Bad und schluckte zwei weitere Pillen, mit Wodka, runter. Legte sich ins Bett und schlief dieses Mal direkt wieder ein.

 

Ein halbes Jahr später. Frank, der ältere Sohn, hatte die Mutter zu sich geholt.

Melanie wusste um die Verantwortung und Kraft die es brauchte und bewunderte ihren Schwager dafür, wie gut er mit der Pflege umging und doch war es an der Zeit.

„Du kannst das nicht auf Dauer“, sagte sie, als die drei in der Küche saßen.

Es war einer der ganz wenigen Besuche, bei denen Sebastian sie begleitet hatte. Ihr Mann schien am meisten unter der Krankheit seiner Mutter zu leiden und ertrug es nicht, sie so zu sehen. Nur kurz hatte er bei ihr – im hergerichteten Gästezimmer – reingesehen. Dort schlief Hildegard nun, die den Besuch nicht erkannt hatte.

„Sie weiß nicht einmal mehr, wer ich bin“, war das Einzige, dass Sebastian an jenem Nachmittag gesagt hatte.

 „Wir suchen ihr ein schönes Heim zur Altersruhe. Dort werden sie sich liebevoll um eure Mutter kümmern. Und wir werden sie, so oft es geht, besuchen.“

„Ich schaffe das schon“, antwortete Frank.

„Ich weiß, wie du dich fühlst, bei dem Gedanken, sie abzugeben. Sie ist auch für mich wie eine Mutter.“

Er legte seine Hand auf die seine Schwägerin.

„Du bist für sie die Tochter, die sie nie hatte.“

Beide fingen an zu weinen.

Sebastian stopfte die letzten Reste Kuchen rein. Griff nach der Zigarettenschachtel und ging vor die Tür.

„Dein Bruder kann darüber nicht reden. Doch ihn belastete es sehr.“

Frank nickte.

„Du weißt“, sagte Melanie. „Ich möchte nur das Beste für Hilde – und auch für dich. Glaub‘ mir. Du schaffst es nicht mehr allein. Die Stimmungsschwankungen werden häufiger. Ihre Sprache hat sie bereits verloren. Die depressiven Schübe werden stärker. Frank, du hast alles getan, was du konntest. Hilde liebt dich. Ich weiß, wie schwer es für dich ist und welche Schuldgefühle einen überkommen, wenn man die eigene Mutter in ein Heim schickt. Alzheimer ist eine Diebin. Es wird dich auffressen und deiner Mutter nicht mehr gerecht.“

Frank hielt inne. Dann nickte er. Er war am Ende seiner Kraft.

Die beiden nahmen sich in die Arme.

„Kannst du etwas auf Mama aufpassen? Ich gehe mit Sebastian eine Runde um den Block und werde mit ihm reden.“

 

Melanie stand lange an ihrem Bett.

„Ich weiß, du wolltest nie jemanden zur Last fallen“, sagte sie. „Frank ist super. Wie er sich um dich kümmert. Er liebt dich sehr. Genau, wie Sebastian. Er kann es nur nicht zeigen. Du hast zwei großartige Söhne.“

Hilde öffnete die Augen. Den ganzen Nachmittag hatte sie verschlafen und starrte nun an die Decke.

„Hilde, ich bin es. Melanie.“ Sie nahm ihre Hand und setzte sich zu ihr ans Bett.

Eine kurze Zeit geschah gar nichts und Melanie war sich sicher, dass ihre Schwiegermutter sie nicht erkannte. Doch dann sah diese sie an. 

‚Sie erkennt mich.‘

Beide lächelten einander an.

Dieser Moment, so warm. So nah.

Hilde versuchte zu sprechen, doch es gelang ihr schon lange nicht mehr. Sie kämpfte, doch kamen nur unverständliche Laute.

Melanie tat es weh, diese einst so starke, kraftvolle Frau dort – völlig hilflos – liegen zu sehen.

„Ganz ruhig. Es ist alles gut. Ich bin bei dir.“

Doch es war nicht gut. Nichts war gut. Und Melanie wusste es. So wollte Hilde nicht die letzten Jahre ihres Lebens verbringen.

„Ich möchte in Würde sterben.“ hatte sie ihr damals gesagt. Und auch, wenn Melanie als Krankenpflegerin bestens mit dem Krankheitsbild vertraut war, hatte sie nicht gedacht, dass der Verlauf bei ihrer Schwiegermutter so schnell vorangehen würde. 

Hildegard gab auf und sah Melanie stumm an.

Ihre Augen ganz klar, hielt sie den Blick starr aufrecht.

Melanie wusste, was Hilde ihr zu sagen hatte

‚Erlöse mich. Bitte.‘

und konnte es nicht ertragen.

‚Lass mich in Würde sterben, bevor ich ganz vergesse.‘

Alles, was dann geschah, war wie in Trance.

Melanie drückte ein letztes Mal fest ihre Hand. Ließ los und stand auf. Beugte sich über sie und küsste ihre Schwiegermutter auf die Stirn. Hob sanft den Kopf an und nahm das Kopfkissen. Drückte es der alten Frau aufs Gesicht und presste fest zu.

 

Der Wecker riss Melanie am frühen Morgen aus dem Alptraum der Realität.

„Ich weiß, was sie getan haben!“

Zum Frühstück gab es schwarzen Kaffee und eine Beruhigungstablette.

Wenig später auf der Arbeit:

„Du siehst aber fertig aus“, begrüßte Anne ihre Ablösung. „Eine lange Nacht gehabt?“

„Ich habe wenig geschlafen.“

Anne schmunzelte. „Verstehe.“

Sie verstand nichts.

„Wie war es bei dir?“ lenkte Melanie ab.

„Relativ ruhig. Bis auf …“

„Lass mich raten: 27?“

Anne nickte. „Timbold.“

„Was war denn diesmal?“

„Ach, der übliche Wahnsinn. Einmal Kissen aufschlagen.“ Melanie zuckte kurz zusammen.

„Dann wollte er, dass ich nochmal nach seinem Katheder sehe. Eine neue Flasche Wasser, wobei die letzte erst halbleer war. Einmal hier, einmal da und bei jeder Gelegenheit kommt er ganz zufällig an meinen Busen.“

„Das versucht er bei mir auch ständig.“

„Davon hast du ja auch genug“, sagte Anne etwas zu bissig und schob ein halbherziges „Entschuldige.“ hinten dran.

„Schon okay“, winkte Melanie ab. „Ich sehe gleich mal …“

Wie auf Stichwort klingelte es aus Zimmer 27.

„Dein Typ wird verlangt.“ Anne nahm ihre Sachen und winkte ihrer Kollegin, zum Abschied, mit dem Handy in der Hand zu.

So manches Mal fragte sich Melanie, ob Anna nicht den falschen Beruf gewählt hatte. Als Altenpflegerin hatten sie natürlich auch mit Alzheimer-Patienten zu tun. Und auch, wenn Peter Timbold nicht der leichteste Fall war. Doch die blauen Flecken, die sie an jenem Morgen bei ihm fand, waren nicht die ersten. Auch, wenn er momentan sehr aggressive Schübe durchlitt und jede von ihnen als Spätzchen bezeichnete und versucht, sie zu betatschen, gab es andere Methoden, dies von sich fern zu halten.

Gleichzeitig wusste Melanie, dass sie Annes Tätlichkeiten zu melden hatte, doch tat sie es nicht.

Als sie Herrn Timbold an jenem Morgen in seinem Bett liegen sah, so friedlich – weit entfernt von dem Mann, der er gestern Nacht bei ihrer Kollegin war, kamen die Bilder zurück.

 

Zuerst hatte sie den Puls gefühlt und den Tod festgestellt.

Im Grunde war es sehr schnell gegangen. Hilde hatte keine langen Qualen erleiden müssen. Das beruhigte Melanie ein bisschen, als sie das Kopfkissen zurück, unter die gerade Verstorbene legte.

Dann hatte sie zum Telefon gegriffen.

Vielleicht war es Zufall, vielleicht war es Glück. Vielleicht wollte es auch einfach das Schicksal so. Doch am Ende – musste sich Melanie eingestehen – hatte sie gewusst, dass Herbert an diesem Tage Dienst hatte und den Totenschein ausfüllte. Hätte sie diesen Gedanken jedoch zugelassen, hätte sie sich selbst gegenüber zugeben müssen, dass sie bereits wusste, was sie tun würde. Schon lange vor dem Moment, als sie mit Sebastian ins Auto stieg. Kurz beim Bäcker anhielt. Kuchen kaufte. Dann zu Frank fuhr und nur darauf wartete, bis er und ihr Mann die Wohnung verließen. 

Ihr war nie klar, weshalb Herbert sie gedeckt hatte. Auch, wenn sie die besten Freunde waren und sie die Einzige war, die von seiner Homosexualität wusste – sie sich alles anvertrauten – hatten sie nie über ihre Tat gesprochen.

 

Nach ihrer morgendlichen Runde war sie die erste im Pausenraum. Goss sich einen Tasse Kaffee ein, griff nach ihrem Handy. Erwischte das falsche und las die neue Nachricht:

„Tun sie es noch einmal!“

Melanies Beine sackten weg und sie ließ sich auf den Stuhl fallen. 

Für einen Augenblick wurde alles schwarz.

 

Nach Feierabend stieg sie in ihr Auto.

Seit dem Morgen waren keine weiteren Nachrichten eingegangen. Was sie jedoch in keiner Weise beruhigte. So schnell wie möglich wollte sie nach Hause. In die Arme von Sebastian. Sich einfach nur sicher und geborgen fühlen und wissen, ihr könne nichts passieren.

Sie drehte den Zündschlüssel um. Legte den Rückwärtsgang ein. Sah nach hinten und schrie um ihr Leben.

Sie sprang aus dem Wagen. Verhedderte sich zunächst im Anschnallgurt. Wurde panisch. 

Weg, schnell weg …

… rannte sie, bis ihr die Puste ausging.

„Zu NIEMANDEN ein Wort!“

„Herbert?“ nach endlos langem Klingeln war er endlich ans Telefon gegangen.

„Hallo Kleines, wie …“

„Herbert“, unterbrach sie ihn.

In kurzem Worten erzählte sie ihm alles, was in den letzten Stunden geschehen war.

Zwischendurch überschlugen sich ihre Worte. Sie vergaß zu atmen, dass ihr bester Freund mehrmals nachfragen musste.

Dann fragte er endlich: „Wo bist du.“

Sie schickte ihm ihren Standort und keine halbe Stunde später war er bei ihr.

Als sie ihn sah, rannte sie auf ihn zu und fiel ihm in die Arme.

Dann gingen sie den langen Weg zu ihrem Wagen.

 

„Hier“, fassungslos zeigte Melanie immer wieder auf die Stelle.

„Hier! Genau hier hat sie gesessen.“

„Deine Schwiegermutter?“

„Eine Puppe.“

„Eine Puppe?“ wiederholte Herbert.

„Eine Schaufensterpuppe. Und sie trug ihr Kleid. Verstehst du? Sie hatte eine Perücke auf und trug ihr Kleid. Das Lieblingskleid von Hilde.“

„Es ist gut, Kleines.“

„Nein! Nichts ist gut! Gar nichts ist gut! Hier! Hier hat sie gesessen!“

„Kleines, beruhige dich.“

„Ich will mich nicht beruhigen! Hier hat sie gesessen. Ich bin doch nicht verrückt.“

„Das sagt doch auch niemand.“

„Sieh‘ mich nicht so an!“ raunzte sie ihren besten Freund an. „Ich sehe genau, wie du mich ansiehst! Du glaubst mir nicht!“

„Natürlich glaube ich dir.“

„Möchtest du Beweise? Hier! Hier, ich zeige dir Beweise.“

Sie nahm das Handy zur Hand, ging in die Nachrichten-App und hielt es ihm unter die Nase.

„Hier! Siehst du, ich bin nicht verrückt!“

„Kleines –“

„Siehst du.“ Langsam beruhigte sie sich ein wenig. „Ich habe es dir gesagt.“

„Da ist nichts.“

„Was?“

Melanie griff nach dem Telefon.

Das Nachrichtenfeld war leer. Völlig blank. Sämtliche Nachrichten verschwunden.

„Das – das kann nicht sein.“

„Kleines. Vielleicht war das alles zu viel für dich. Die Arbeit der letzten Wochen. Der fehlende Schlaf. Im letzten Jahr der Stress mit Sebastian. Die Angst um eure Ehe. Und …“

Er sprach es nicht aus. Nie. Nie würden sie über diesen einen Tag sprechen. Doch machte es die Tat nicht ungeschehen.

Er erblickte in ihrer Handtasche die Pillendose.

„Wie viele hast du heute schon davon genommen?“

 

Nachdem er Melanie nach Hause gebracht hatte, vergewisserte er sich, dass sie okay war.

Sebastian hatte ihr einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen.

„Habe noch ein Meeting und bin bald zurück. HDL“

Das war ihr ganz Recht. Sie wollte nicht, dass ihr Mann sie so sah. Völlig zerwühlt und aufgelöst. 

Die gesamte Fahrt über, hatte sie geheult. Nun, zu Hause, ging es ihr etwas besser. Sie wollte einfach nur ein heißes Bad und …

„Du bist dir sicher, dass ich dich allein lassen kann?“ fragte Herbert.

„Ja“, versicherte sie ihm. „Ich bin okay. Dank dir sehr, für alles.“

Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann war sie endlich allein.

 

Die halbe Flasche Rotwein war leer, als sie heißes Wasser nachlaufen ließ.

Wieder angenehm warm, tauchte sie ab und hielt, so lange sie konnte, den Atem an.

In dem Moment, als sie wieder nach Luft schnappte, hörte sie ein Geräusch.

Panik schoss ihr durch alle Glieder.

Im ersten, starren Moment konnte sie sich nicht bewegen. Dann bekam sie wieder die Kontrolle über ihre Muskeln.

Bedacht, leise zu sein, stieg sie aus der Badewanne. Zog sich zügig den Bademantel über und schlich in die Küche. Tastete im Dunkeln nach dem Messerblock. Fand ihn und schnappte nach dem Küchenmesser. Packte es mit aller Kraft am Griff und versteckte sich hinter der Tür.

Melanies Herz pochte so laut, dass sie befürchtete, man würde sie hören. Sie versuchte ihre Atmung zu kontrollieren.

Wartete. Lauschte.

Da waren Schritte. Leise, doch deutlich.

Dem Vermuten nach, war die Person, die in ihre Wohnung eingedrungen war, noch im Flur. Doch sie kam näher.

In dem Moment, als sie den Schatten sah, geschah etwas Unerwartetes.

Das Licht in der Küche ging an.

Plötzlich stand sie dem Eindringlich gegenüber und sah ihm direkt ins Gesicht. 

Dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig.

Melanie schlug die erhobene Hand mit dem Messer voller Schwung durch und zog erst in letzter Sekunde zurück. Die Klinge steifte die Arbeitsfläche und fuhr knapp an ihrem eigenen Oberschenkel vorbei.

Währenddessen sprang ihr Mann – völlig perplex – zurück und knallte gegen den Kühlschrank.

 

„Wollen wir über gestern Nacht reden?“ fragte Sebastian am nächsten Morgen.

Melanie konnte ihm nicht in die Augen sehen.

„Es tut mir leid. Ich bin wohl einfach überarbeitet. Ich werde mich für heute krankmelden.“

„Ich würde am liebsten bei dir bleiben. Doch ich muss nochmal zum Verlag. Die Lesereise auswerten. Vielleicht kann ich den Termin aber auch verschieben.“

„Schon okay. Es geht mir gut“, log sie. „Ich haue mich einfach nur vor den Fernseher.“

„Gut. Nur wenn was ist, kannst du mich jederzeit erreichen.“

Er gab ihr einen Kuss und ließ sie zurück.

 

Es war noch keine elf Uhr und sie ertrug keine weitere Seifenoper, noch Reality TV mehr. Schaltete den Fernseher aus und blätterte Zeitschriften durch.

Das Klingeln an der Haustür weckte sie aus ihrer Lethargie.

Sie wartet kurz.

Fragte dann: „Wer ist da?“ und versuchte nicht zu ängstlich zu klingen.

„Paketbote“, drang es dumpf in die Wohnung rein.

Sie stand auf und ging in den Flur.

Wünschte sich einen Türspion und zögerte.

Dann nahm sie ihren Mut zusammen und sah den Zusteller.

Sie nahm das Paket entgegen.

Es war an sie adressiert, doch wollte sie es nicht öffnen.

Schenkte sich ein Glas Wodka ein und kippte den Shot runter.

Das zweite Glas brannte schon nicht mehr so stark in der Kehle. Das dritte erzielte die nötige Lockerheit.

Sie öffnete das Paket und wusste in diesem Moment, sie war nicht verrückt. Das alles hatte sie sich nicht eingebildet. Und gleichzeitig überkam sie das Gefühl, sie würde gleich verrückt.

Melanie hatte keine Kraft mehr, um zu schreien.

Vor ihr lag der abgetrennte Kopf der Schaufensterpuppe.

Wie tags zuvor im Auto, war der Kopf mit der grauen Perücke bedeckt. Doch nun war das Gesicht zu einer furchtbaren Totenmaske geschminkt.

Unter dem Kopf steckte ein Zettel.

Sie nahm ihn und las die Todesanzeige:

 

Hildegard Lenau

*1943    2016

 

Darunter stand in roten, fetten Lettern:

 

ERMORDET

 

Dann ging ein Anruf ein.

Unbekannter Teilnehmer.

Sie starrte lange auf das Handy, doch das Klingeln hörte nicht auf.

„Hallo“, Melanies Stimme war zittrig.

„Habe ich ihre volle Aufmerksamkeit?“

Die verzerrte Stimme am anderen Ende war schlimmer, als alles, was sie sich jemals vorzustellen wagte.

„Was wollen sie?“ flüsterte sie weinend.

„Ich will, dass sie es noch einmal tun.“

„Warum?“

„Das ist die falsche Frage.“

Melanie überlegte. Sammelte sich. Atmete tief durch.

Dann wurde sie mutig.

„Einen Scheiß werde ich. Sie können mich mal.“

Ein dämonisches Lachen drang durch das Telefon und ein eiskalter Schauer traf sie mitten ins Mark.

Sämtliches Selbstvertrauen war mit einem Schlag wieder verloren.

„Was, wenn ich es nicht tue?“

„Dann geht ihr neuer Instagram-Account online und die ganze Welt kann sehen, was sie getan haben. – Und ihr schwuler Arztfreund geht mit ihnen unter.“

Rums. Es traf sie mit voller Wucht, wie wenn eine Tür zuknallt.

Woher wusste er von Herbert?

„Woher wissen sie …?“

„Ich weiß alles!“

Sie musste nachdenken.

Herbert hatte alles für sie getan. Er hatte sie gedeckt. Ihr Verbrechen. Ihren Mord an ihrer eigenen Schwiegermutter. Er hat alles für sie getan. Alles für sie riskiert.

Seine ganze Karriere. Sein gesamtes Leben. All das lag nun in ihrer Hand.

Sie brauchte Zeit.

„Wen?“ fragte sie.

„Falsche Frage für den Moment.“

„Wo?“

Keine Antwort.

„Wann?“

„Sie kennen die Zeit.“

Melanie stutze. Doch bevor sie nachfragen konnte …

„Weitere Instruktionen folgen. Halten sie sich bereit.“

Am anderen Ende wurde aufgelegt.

 

Was sollte sie nun tun? Was konnte sie tun?

Sie hatte gesündigt und nicht nur sich selbst größten Schaden zugefügt.

Herbert, ihren besten Freund hatte sie mit hineingezogen.

Nur welche Alternative blieb ihr? Und wieso kannte sie die Zeit?

‚Instagram‘, dachte sie und öffnete die App.

Der Countdown, den sie vor zwei Tage, bei ihrem ersten Klick, gesehen hatte, lief noch immer.

Noch 9 Stunden, 2 Minuten und 4 Sekunden.

Sie sah auf die Uhr, rechnete hoch und kannte die Zeit.

Punkt 20 Uhr.

War das Profil am Freitagabend noch leer gewesen, waren nun sämtliche Bilder hochgeladen.

Melanie, wie sie am Bett ihrer Schwiegermutter steht. Das Kissen in der Hand. Fest auf den Kopf gedrückt. Das zweite Bild: Hilde hat die Beine leicht angewinkelt. Kämpft, um zu leben. Das nächste: Melanie legt sich weiter über den Körper unter ihr. Mit aller Kraft. Auf dem vierten Bild ist sämtliches Leben aus Hilde gewichen. Sie ist tot. Das letzte Foto zeigt den Totenschein. Natürlicher Tod Unterschrift: Dr. Herbert Wall

‚Herbert‘, dachte sie.

Es war zu spät, um sich zu retten. Doch es war nicht zu spät, um Herbert zu schützen.

Sie hatte keine Wahl und bereitete sich vor, soweit man sich bereitmachen konnte und trank einen weiteren Shot Wodka.

 

Kurz vor zwanzig Uhr klingelte das Festnetztelefon.

„Gut, dass du anrufst. Ich habe mein Handy verloren. Ich mache mir große Vorwürfe. Ich denke, wir sind zu weit gegangen. Ich habe Angst, Melanie könnte sich etwas antun.“

Lachen am anderen Ende: „Es läuft alles nach Plan.“

„Was hast du getan?“

„Fahre deinen Rechner hoch. Ich habe dir eben einen Link geschickt.“

Herbert startete das Notebook und öffnete den Posteingang. Eine neue Nachricht. Dann sah er den Absender. Er selbst.

„Was?“ sagte er verwundert und klickte auf den Link.

Ein Livebild erschien. Am unteren Ende lief die aktuelle Zeit.

Herbert erkannte den Raum sofort. Auch, wenn alles im Dunkeln lag.

Die Kamera musste über der Eingangstür angebracht worden sein.

So viele Stunden hatte er dort – bereits seit frühster Kindheit – verbracht. Benannte allein an den Schatten die Möbel. Der Kleiderschrank an der Wand. Daneben das Bett, wo sie beide sich noch am Abend zuvor geliebt hatten. Rechts davon die Minibar, gut gefüllt. Und in der Mitte, der schwere Schreibtisch, an dem sein Vater immer gesessen und Pfeife geraucht hatte. Der Duft von Tabak lag noch immer in der Hütte.

Herbert hatte nichts verändert, als er vor wenigen Monaten den Schrebergarten von seinen Eltern übernommen hatte.

‚Was hat das zu bedeuten?‘ wollte er fragen, als sich plötzlich auf dem Monitor etwas tat.

Die Tür ging auf und der ganze Raum erstrahlte hell.

Noch bevor er sie sah, wusste er, dass es Melanie war.

„Was hast du vor?“ fragte er.

„Ich lasse dich teilhaben.“

 

Melanie hatte keine Wahl.

Nachdem die Stimme am Nachmittag das Gespräch beendet hatte, war sie sämtliche Möglichkeiten durchgegangen.

Sie konnte sich nicht einmal selbst stellen und für den Mord an ihrer Schwiegermutter schuldig bekennen. Gleichzeitig hätte sie Herbert ausgeliefert, der alles daran getan hatte, sie zu schützen. Sie hatte keine Optionen und musste auf die Forderungen eingehen.

Doch einen Menschen töten? Sie wusste nicht, ob sie dazu fähig war.

Das mit ihrer Schwiegermutter war etwas anderes, was sie nicht von ihrer Schuld freisprach. Es grenzte an ein Wunder, dass sie die letzten Jahre, mit dieser Tat und all den Lügen – ihrem Mann und allen anderen gegenüber – leben konnte. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Mit Hilfe der Pillen und immer genügend Alkohol im Haus, war es ein Stück erträglicher.

‚Wen sollte sie töten?‘ Die Frage hatte sie sich ständig gestellt und war zu keiner Antwort gekommen.

Das war es, was ihr Hoffnung machte. Vielleicht war das alles nur ein Test. Sie kannte zwar die angebliche Zeit, doch weder wen, wo, wie.

‚Ja. Ein Test.‘ Diesen Funken – und war er noch so gering – wollte sie so lange es ging, aufrechterhalten.

Gegen kurz vor sieben, bekam sie den Ort genannt und ihr Glaube fiel in sich zusammen.

Melanie überlegte, die Flasche Wodka mitzunehmen. Sah sich den Inhalt an und nahm den letzten Schluck direkt aus der Flasche.

Dann hatte sie sich auf den Weg gemacht und öffnete Punkt acht Uhr die Tür und trat ein.

Bedachtsam sah sie sich um. Ging zum Schreibtisch. Blieb einen Augenblick stehen. Nahm das Blatt, das vor ihr lag. Setzte sich hin und begann zu lesen.

 

„Was liest sie da?“

„Deinen Brief.“

„Ich habe ihr keinen …“ Herbert sprach nicht weiter.

„Hast du noch immer nicht verstanden?“

„Was steht in dem Brief?“

„Die Wahrheit. Sieh in ihr Gesicht. Gerade liest sie, dass wir es gestern Nacht dort getrieben haben. Das ist ein Schock für dich, Schätzchen, hm?“ Der letzte Satz war an Melanie gerichtet.

Als hätte sie ihn gehört, sah sie von dem Brief auf und hatte Tränen in den Augen.

„Warum tust du das?“ fragte Herbert.

„Weil das Leben nicht gerecht ist. Von Anfang an stand ich immer an zweiter Stelle. Frank hier, Frank da. Nimm dir ein Beispiel an deinen großen Bruder. Warum kannst du nicht sein, wie er? Eines Tages, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen – da habe ich sie gefragt: ‚Was, wenn ich schwul wäre?‘ Weißt du, was sie geantwortet hat? ‚Dann bräche eine Welt für mich zusammen.‘ Meine eigene Mutter. Sie hat meine Identität verleugnet und ich habe mitgespielt. Dann traf ich Melanie. Und meiner Mutter zu liebe …“ Sebastian brach ab. „Dabei kannte meine Mutter die Wahrheit. Die ganze Zeit. Und Melanie. Nein. Sie hat es nicht einmal geahnt. Denn ich war gut darin. Ich habe sie gefickt. Immer und immer wieder und sie hat nie genug bekommen. Mich hat es so angewidert. Doch ihre Eltern hatten Geld. Viel Geld. Und ich wusste, irgendwann würde meine Zeit kommen. Das ist meine Rache für all die Jahre. Jeden einzelnen Tag ließ sie mich wissen, wer bei uns die Hosen anhat. Wer das prallgefüllte Konto – nach dem Tod ihrer Eltern – hatte. Hast du eine Ahnung, wie es sich anfühlt, ein Versager zu sein? Weißt du, wie sich meine Bücher verkaufen? Ich bin kein Stephen King. Keiner liest deutsche Horrorbücher. Ich lebe von Kleinstauflagen. Und sie hat es mich spüren lassen. ‚Dann schreibe halt was anderes‘, hat sie gesagt. Und mich wieder verleugnen? Mein ganzes Leben ist schon eine Lüge. – Doch dann kam der Tag. Wir waren bei Frank und die beiden faselten irgendwas von Mutter ins Heim bringen. ‚Ja! Schick sie hin und lasst sie dort verrecken!‘ wollte ich brüllen und ging raus. Kurz darauf kam Frank um mit mir zu reden. Dieser verträumte Idealist wollte ein paar Schritte mit mir gehen. Da ich neue Kippen brauchte, zogen wir los. Doch ich musste nochmal rein. Geld holen. Und da sah ich sie. Meine eigene Frau. Die Fotos waren meine Eintrittskarte. Als ich mit Frank zurückkam, war er völlig aufgelöst. Melanie spielte ihre Rolle gut. Und dann kamst du. Es war herrlich, euer Schauspiel zu beobachten. Ohne mit der Wimper zu zucken, hast du den Totenschein ausgefüllt. – Sieh. Jetzt muss sie an der Stelle sein, wo du ihr alles gestehst. Was meinst du, richtet es in jemanden an, der seit vier Jahren mit Schuldgefühlen herumläuft und nun erfährt, dass der, der hinter all den Wahnsinn der letzten Tage steckt, ihr bester Freund ist.“

„Ich habe nichts getan, außer die Puppe aus ihrem Auto zu nehmen, wie du es mir gesagt hast. Wir wollten ihr ein wenig Angst einjagen und ihr etwas Geld abjagen. Als Startkapital für uns beide.“

„Das hast du wirklich geglaubt?“ Sebastian lachte schallend auf. „Was soll ich mit den Peanuts, wenn ich alles haben kann. Hast du eine Ahnung, über wieviel wir reden?“

„Was auch immer du getan hast. Damit will ich nichts zu tun haben! Ich bin raus!“

„Du hast es noch nicht verstanden, oder? Das Handy, die Puppe, die Perücke. Alles wurde von deinem Account bestellt. Angeliefert an die Packstation, mit deinem Konto. Der Anruf heute Abend ging von deinem Telefon aus.

„Welcher …“ Langsam begann Herbert zu begreifen. „Du hast mein Handy! – Damit kommst du nicht durch.“

„Du hast ihr einen gewaltigen Freundschaftsdienst erwiesen, doch kommst du damit nicht mehr länger klar. In ständiger Angst leben, sie könnte schwach werden und alles auffliegen lassen. Du würdest alles verlieren. Deine Approbation. Dein Leben. Da dann lieber ihr Leben. Ich mache eine kurze Zeit auf traurigen Witwer und habe alles. Das ganze Geld. – In einem Punkt hast du Recht. Es war für sie die Hölle und in ihren Augen bist du der Teufel persönlich. Und dass ihr bester Freund auch noch das Seil …“

„Was für ein Seil?“

 

Melanie las die letzten Zeilen und brach zusammen.

Sie war am Ende. Hergeschickt worden, um jemanden zu töten. Blickte aus dem Fenster. Verharrte. Wandt sich von ihrem Spiegelbild ab und sah nach oben.

Dann stand sie auf und stieg auf den Tisch.

 

„Was tut sie?“ Herbert wurde panisch.

Dann sah er, was seine beste Freundin kurz zuvor gesehen hatte.

Die Kamera fing die Decke nicht ein. Nur am oberen Rand konnte er erahnen und wusste, was als nächstes geschah.

Melanie legte sich den Strick um den Hals und sprang.

31 thoughts on “Die Wahrheit

  1. Hallo Manuel!

    Super spannende Geschichte, guter Schreibstil – so stelle ich mir eine Kurzgeschichte vor! Hat mir sehr gut gefallen!

    LG, Florian

    Fall du Lust hast – hier der Link zu meiner Geschichte. Würde mich sehr freuen, wenn du sie auch lesen und mir vlt ein Feedback und – falls sie dir gefallen hat – ein Like hinterlassen würdest. Ich habe dir jedenfalls ein Like hinterlassen!

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/schach-matt

      1. Hi. Sehr spannende und mitreißende Story :). Hat mir gut gefallen.
        Allerdings bin ich kein Freund von zu viel Absätzen und dann nach jedem Satz. Das stört mich beim Lesen, ehrlich gesagt.
        Davon ab eine grammatikalische Sache: direkte Anrede (Sie / Ihnen) wird groß geschrieben!).
        Sonst würde ich sagen, weiter so :).

  2. Moin Manuel,

    was ist das bitte für ein starker Plot? Gut geschrieben, von Anfang bis zum Ende spannst du den Spannungsbogen und zum Schluß triffst du, mit voller Wucht ins Ziel. Hat mir richtig gut gefallen und weißt du was mir noch aufgefallen ist? Wir beide benutzen einen ähnlichen Wortschatz..Wie geil! Teilweise dachte ich immer wieder… „ das hätten auch meine Worte sein können „ 😱☺️

    Du hast uns hier echt eine tolle Geschichte erzählt. Danke dafür!

    Mein Like lass ich dir sehr gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

      1. Moin Manuel,

        warst du schon da?? Mich würde brennend interessieren, ob du auch die Parallelen zu meiner Geschichte entdeckt hast, bzw zu dem gemeinsamen Schreibstil?

        LG Frank

  3. Lieber Manuel

    Du hast eine großartige Geschichte geschrieben.
    Vielen Dank dafür.

    Die Thematik ist genial und brandaktuell.
    Sterbehilfe, Erpressung, Suicid.

    Die Grundidee ist gut gewählt und ordentlich dargestellt. Die Spannung steigt von Abschnitt zu Abschnitt.

    Deine Protagonisten sind super.
    Die Sterbehelferin, die Ehefrau, die doch nur nach Liebe sucht, der teuflische Ehemann, der schwule Beste Freund.

    Deine Geschichte schreit nach einer Verfilmung. Nach einer Veröffentlichung sowieso.

    Ich mag deine Story total und zudem deinen Schreibstil.
    Respekt.
    Du kannst sehr stolz auf dich sein.

    Es haben sich da und dort einige Rechtschreibfehler und Zeichensetzungsfehler eingeschlichen. Das ist aber kein Problem.
    Lass deine Geschichten in Zukunft immer noch einmal gegenlesen.
    Dann wäre dieses Problem auch gelöst.
    🙂

    Deine Geschichte hat mich gefesselt und berührt. Das Thema Sterbebegleitung ist ein so kontrovers diskutiertes Thema, dass es sich perfekt für eine großartige Geschichte eignet.

    Lob und Anerkennung.

    Ich würde gerne noch mehr von dir lesen.

    Mein Like hast du natürlich sicher.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.
    Und natürlich noch viele begeisterte Leserinnen und Leser. Und viel mehr Likes. Du musst ins EBook.

    Ich wünsche dir persönlich alles Gute, bleib gesund und schreibe immer weiter.

    Denn du hast Talent.
    Definitiv.

    Ganz liebe Grüße, Manuel.
    Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Ich würde mich sehr freuen.
    Meine Geschichte heißt:
    „Die silberne Katze“

    Ich danke dir.
    Swen

    1. Hi Swen,

      wow! Vielen Dank für dein Feedback.
      Das freut mich sehr.

      Bist du auch bei Instagram?
      Dort findest du mich unter Manuel.Konsik.Autor
      Wenn du Lust hast, schau gerne mal vorbei.

      Ich werde auf jeden Fall deine Geschichte lesen.

      Nochmals vielen Dank und liebe Grüße
      Manuel

      1. Hallo Manuel,
        starke Geschichte, die Spannung von Anfang bis Ende sehr gut gehalten. Ich mag diesen schnellen, kurzen Schreibstil. Er ist flüssig ohne zu verwirren. Du hast wirklich Talent!
        Der Plot ist gut ausgearbeitet, auf diesen Schluss wäre ich nicht gekommen. Trauriges Thema mit einer Protagonistin die zwar eine schlimme Tat begangen hat, aber trotzdem sehr sympathisch rüberkam und mir auch leid tat.
        Also mein ❤ lasse ich sehr gerne hier da du es wirklich verdient hast.
        Ich wünsche dir alles gute und drücke dir die Daumen fürs ebook. Und solltest du die Seite noch nicht kennen, dann schau doch mal auf @wir_schrieben_zuhause vorbei…tolle community mit ganz vielen Schreiberlingen, die auch an diesem Projekt teilgenommen haben. Dort kannst du deine Geschichte vorstellen.
        Liebe Grüße frechdachs 🙃😊

  4. Hallo frechdachs ;o)

    vielen, vielen Dank für deine lieben Worte.

    Wow. Ich muss gestehen, wenn ich von dir lese „schneller, kurzer Schreibstil“ und Worte wie „Talent“ fühle ich mich sehr geschmeichelt.
    Das du mit meiner Protagonisten mitleidest … war meine Idee und Ziel beim Schreiben. Umso schöner, wenn ich höre, es erreicht zu haben.

    Deine Worte motivieren mich sehr, weiter zu schreiben.

    Vielleicht finden wir uns ja bei Instagram.
    Ich bin dort unter Manuel.Konsik.Autor und würde mich freuen, dich dort zu entdecken.

    Ganz liebe Grüße und vielleicht bis bald
    Manuel

  5. Lieber Manuel,

    auf Instagram sind wir uns ja schon begegnet, deshalb war ich jetzt neugierig auf deine Geschichte.
    Sie hat mir sehr gut gefallen, da sie viele Überraschungen bereithält. Mein Like hast du.

    Viel Erfolg und herzliche Grüße
    Nina (Geschichte: „Tot, ohne zu sterben“)

  6. Ich bin zufällig auf Deine Geschichte gestoßen. Sie hat mir sehr gut gefallen. Die Dialoge sind lebensnah und die Motivation der Protagonistin nachvollziehbar. Das Ende eher überraschend.
    Ich gebe Dir gerne mein „Like“.
    LG
    L. Paul (Die Mutprobe)

  7. Hallo Manuel,
    Ein starkt diskutiertes Thema hast du dir hier vorgenommen. Deine Umsetzung, finde ich, ist dir gut gelungen. Du hast lebendige und sehr glaubwürdige Charakter erschaffen, das Ende hat mich überrascht und die Story super abgerundet. Ein Like von mir 😁. Viel Erfolg wünsche ich Dir 🍀.

    Viele Grüße

    Maddy

    P. S Vielleicht magst Du meine Geschichte „Alte Bekannte“ ja auch lesen 👉👈😊.

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