Martina HaiderP.S. Ich finde euch

  • 1

Es war ein Frühlingsnachmittag Anfang Mai gewesen, als die Abende wieder länger wurden und die Primeln und Tulpen unter den Bäumen schon zerfranst und unordentlich aussahen. Die ersten Anzeichen wärmeren Wetters hatten alle in gute Laune versetzt. Sally saß auf einer Bank in der Nähe eines kleinen Teiches. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Es war angenehm warm.
„Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?“ Die Worte kamen von einem muskulösen, jungen Mann. Sein Gesicht war schmal und die Augen eingefallen.
„Ja natürlich. Setzen Sie sich ruhig.“ Er bedankte sich mit einem Nicken und nahm neben ihr Platz. „Eigentlich wollte ich Sie nicht ansprechen, aber es ist ungewöhnlich hier jemanden anzutreffen. Sie müssen wissen, dass dieser Park nicht so oft besucht wird, seitdem eine junge Frau hier ermordet wurde.“
Die Frau war erst Mitte dreißig, als sie vergewaltigt und brutal niedergeschlagen wurde. Wochenlang berichteten die Zeitungen davon. Vom Täter fehlt jede Spur.
„Davon hab ich durchaus gehört“, sagte Sally nachdenklich. „Es ist nur so schön heute und normalerweise hätte ich auch Angst diesen Park zu betreten. Aber ich habe letzte Woche meinen Job verloren und mein Verlobter weiß von all dem nichts. Ich brauchte einen ruhigen Ort um Nachdenken zu können.“ Der Fremde sah ihr in die Augen und nickte verständlich. „Ich kann Sie durchaus verstehen. Meinen Job hab ich auch erst vor kurzem Aufgeben müssen. Ich heiße übrigens Jake.“
„Sally.“ Sie lächelte ihn freundlich an, als ihr Blick dabei auf seine Arme fiel. Sie wiesen auf Kratzspuren hin, die dabei waren abzuheilen.
„Sind Sie öfters in diesem Park?“ fragte sie. „Ja ich komme fast jeden Tag hier her. Es ist nicht einfach Tag für Tag alleine zu sein.“ Sally starrte weiterhin auf seine Arme. Woher stammten Sie? „Ist alles in Ordnung? Sie sind auf einmal so blass?“ „Ja. Es sind nur diese Kratzspuren auf ihren Armen. Wie ist das passiert?“
„Meine Katze. Sie badet nicht gerne.“ Sally nickte und doch konnte sie es nicht glauben. Er trug einen schwarzen Mantel und weit und breit waren keine Tierhaare darauf zu erkennen. „Tut mir leid, aber ich werde jetzt gehen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Sally stand auf. „Tut mir leid, aber ich kann Sie nicht gehen lassen!“ Er lächelte und sprang ebenfalls auf.

SAN FRANCISCO

Jason stand an einem Bahnsteig, als er den Mann zum ersten Mal bemerkt hatte. Er war groß und durchaus muskulös. Sein Blick fiel ständig auf seine Uhr. Trotz des warmen Wetters trug er einen langen Mantel und in seiner rechten Hand hält er eine Zeitung. Er war offensichtlich in Eile. Stress war in dieser Stadt alltäglich und beinahe ein dauerhafter Begleiter im Alltag der Menschen.
Einer der wenigen Orte, die für Ruhe und Erholung sorgten, ist der Golden Gate Park. Er gehört zu den größten innerstädtischen Parks der Welt und liegt eher randständig im Westen inmitten ausgedehnter Wohngebiete, rund sechs Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt. Jason konnte sich glücklich schätzen, dort wohnen zu können.
Der Zug hatte bereits eine halbe Stunde Verspätung, als er endlich eintraf. Jason wählte wie jeden Tag auch, einen freien Platz am Fenster. Er liebte es die Stadt und seine Bewohner zu beobachten. Der Zug füllte sich zunehmend mit Fahrgästen, als sich jemand für einen Platz, der sich gegenüber von Jason befand, entschied. Er breitete seine Zeitung so schnell aus, dass Jason nur kurz einen Blick in sein Gesicht werfen konnte. Er hatte dunkelbraune Haare und ein schmales Gesicht. Irgendwie kam der Fremde ihm bekannt vor. Aber bestimmt spielte ihm sein Gehirn nur etwas vor. Er wohnte erst seit einem halben Jahr in San Francisco und er kannte abgesehen von seiner Verlobten und Arbeitskollegen, niemanden.
Jason sah wieder aus dem Fenster und die Lautsprecher kündigten den nächsten Halt an. Kaum zu glauben, dass es bereits fünf Monate her ist, als er sich bei Blue Shield als IT-Systemkaufmann beworben hatte. Sein monatlicher Gehalt war nicht schlecht, weswegen er sich mithilfe einiger Ersparnisse ein Haus in der Nähe vom Golden Gate Park kaufen konnte. Sally war sofort begeistert von der Idee, mit ihm zusammen zu ziehen.
Das Rascheln der Zeitung riss ihn aus seinen Gedanken. Er schaute gerade zu den Fremden auf, als Jason auffällt, dass sich etwa ein 1cm großes Loch in dessen Zeitung befand. Wurde er etwa gerade beobachtet?
In dem Moment, als er ihn darauf ansprechen wollte, hielt der Zug an und der Fremde stieg aus.

Jake

Er beobachtete sie nun schon eine Weile. Sie war bewusstlos und hatte keine Ahnung was noch auf sie zukommen wird und wenn sie nicht die Freundin von jemanden wäre, denn er abgrundtief hasst, hätte er durchaus Mitleid. Aber noch einmal konnte er sich keine Schwäche leisten. Bei Nicole wäre es beinahe schief gegangen. Sie gewann sich sein Vertrauen, fand einen Ausweg um zu flüchten und lief in den Park. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr nachzulaufen und den Schädel von hinten mit einem Hammer zu zertrümmern. Er war nicht stolz auf seine Tat. Aber wäre Nicole zur Polizei gerannt, hätte er nie die Chance gehabt, sich an die Menschen zu rächen, die ihn einst in den Wahnsinn trieben.
Sally war hübsch. Mit Sicherheit war sie auch eine dieser Frauen, die sich nie mit ihm getroffen hätte, wenn er noch dick wäre. Mit anderen Worten ausgedrückt, ist sie bestimmt auch eine von diesen Menschen, die sich ausschließlich vom Äußeren eines Menschen beeindrucken lässt und danach urteilt, ob sie mit ihm zusammen sein möchte oder nicht.
Früher wohnte Jake in San José, einer Großstadt inmitten der Hügellandschaft des Silicon Valley. Seine Eltern starben bei einem Verkehrsunfall, als er gerade mal fünf Jahre alt war. Die Medien berichteten, von einem Lastwagen, der aus unerklärlichen Gründen von der Spur abgekommen war und mit einem anderen Auto kollidierte. Man sagte, sie seien auf der Stelle tot gewesen. Der Tod seiner Eltern war aber nicht das Schlimmste gewesen, sondern das Leben danach. Er kam zu einer Pflegefamilie, die sich nicht gut um ihn kümmerten. Seine Pflegeeltern tranken beide fast täglich jede Menge Alkohol. Währenddessen musste Jake sich um den Haushalt kümmern. Er kochte, putzte und bügelte. Wenn er seine Arbeit nicht ordentlich machte und es zum Beispiel Falten in der Wäsche seines Vater gab, wurde ihm als Strafe das heiße Bügeleisen auf den Rücken gedrückt.
In der Schule erging es Jake nicht gerade besser. Dickerchen, Fettkloß und Moppel waren nur einige wenige Spitznamen gewesen, die man ihm aufgrund seines Übergewichtes gab. Wie dem auch sei. Jetzt hatte er endlich die Gelegenheit bekommen, sich dafür zu rächen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die Wirkung vom Chloroform nachlässt. Bis dahin hatte er noch eine Menge vorzubereiten.

2

Den ganzen langen Vormittag verbrachte er damit, an diesen Mann zu denken. War es nur Zufall, dass sich ein Loch in der Zeitung befand oder wurde er tatsächlich beobachtet. Nichts wollte er jetzt lieber, als mit Sally oder Benedict darüber zu reden.
Aber Sally arbeitete heute im Krankenhaus und sein bester Freund und Arbeitskollege, war gerade bei einer Konferenz. Also musste er sich bis dahin die Zeit mit seiner Arbeit vertreiben. Heute ist der letzte Arbeitstag vor seinem Urlaub. Am Mittwoch würden sie auf die Malediven fliegen. Es war Sallys Idee, dort für eine Woche Urlaub zu machen.
„Du siehst in der Tat so aus, als könntest du Urlaub gebrauchen.“ Benedict ging zu seinem Schreibtisch, der sich neben Jasons befand.
„Wie kommst du darauf?“
„Du siehst müde und gestresst aus. Ist alles in Ordnung bei dir?“
„Denke schon.“ Benedict sah ihn mit einem besorgten Blick an. Er reichte Jason einen Apfel, um diesen darauf hinzuweisen, dass es bereits Mittag war und mit ihm essen gehen möchte. „Denke schon? Das ist alles? Ich will Details. Ist zwischen dir und Sally alles in Ordnung?“ Er legte seinen Arm um Jason und führte ihn in die Cafeteria, die um diese Zeit gut besucht war.
„Ja zwischen mir und Sally passt alles. Es ist nur…“ Jason wartete ein paar Sekunden, eher er fortfuhr. „Heute morgen wurde ich von einem Typen beobachtet. Er kam mir so bekannt vor. Ich weiß es hört sich verrückt an, aber er hat mich durch ein Loch in einer Zeitung beobachtet, die er bei sich hatte.“ Sie bedienten sich am Buffet und suchten sich einen freien Tisch. „Bist du dir da ganz sicher? Ich meine vielleicht war da ja nur zufällig ein Loch in der Zeitung und du entwickelst so eine Art Verfolgungswahn.“
Die Tatsache, dass sein bester Freund, zu glauben schien, er wäre paranoid geworden, ließ Jason das Thema wechseln. „Hör mal, hast du Lust heute mit mir ein Fußballmatch, im Fernsehen mitzuverfolgen? Sally hat heute eine Nachtschicht im Krankenhaus. Ich könnte Gesellschaft brauchen.“ Er ahnte natürlich schon, dass sich Benedict nie einen Männerabend mit Chips und jede Menge Bier entgehen lassen würde. Also meinte er nur: „Heute Abend um sieben bei mir?“
„Geht klar.“ Den Rest des Nachmittags verbrachten beide damit, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Jason hatte alles vorbereitet, was für einen Männerabend notwendig war. Eine Schale mit Chips und gekühltes Bier stand bereit. Im Fernseher lief das Spiel Costa del Este gegen San Francisco. Es fehlte nur noch Benedict und der dürfte jeden Moment hier sein. Es läutete an der Tür. Na endlich. Jason ging zur Tür und bat Benedict herein. „Ich vergesse immer, wie groß euer Haus ist,“ sagte er begeistert.
Jason wohnte in einem Haus mit viktorianischem Stil. Solche Häuser waren charakteristisch für San Francisco und prägten zahlreiche Postkarten.
„Wie geht es Vicky?“ fragte Jason. Vicky und Benedict heirateten nach fünf Jahren Beziehung, letzten Sommer.
„Gut. Sie ist heute mit ihren Freundinnen ins Monarch gefahren.“ Das Monarch war ein angesagter Nachtclub. Vicky ging einmal im Monat mit ihren Freundinnen dort hin.
Sie machten es sich gerade im Wohnzimmer gemütlich, als es erneut an der Tür klingelte. „Erwartest du noch jemanden?“, fragte Benedict.
„Nein. Ich schau mal nach. Bin gleich wieder da.“ Jason ging zur Eingangstüre. Das Licht war auf der Veranda angegangen. Er sah durch den Spion und erkannte, dass niemand vor der Türe stand. Wahrscheinlich war das nur ein Streich von den Nachbarskindern. Das kam schon öfters vor. Sie klingelten an Haustüren und liefen anschließend schnell weg. Also ging er wieder zurück zu seinem Freund.
Es stand bereits 1:0 für Costa del Este. „Es war niemand draußen. Ich vermute, dass es wieder Kinder aus der Nachbarschaft waren.“ Benedict sah zu Jason auf und zuckte mit den Schultern. Er bediente sich an den Chips, als es schon wieder klingelte.
Dieses Mal gleich dreimal hintereinander. „Wer zum Teufel ist das?“ Jason stieß einen genervten Seufzer aus und lief erneut zur Wohnungstüre. Ohne durch den Spion zu gucken, machte er die Türe auf und es stand, wie er bereits vermutete, wieder niemand auf der Veranda. Er ging nach draußen und schaute sich in der Gegend um. Nicht ein Einziger war in der Nähe oder hätte sich so schnell verstecken können. Jason lauschte in die Dunkelheit, aber er nahm nur ganz normale Umweltgeräusche wahr. Verwundert wollte er gerade wieder zurück ins Haus gehen, als etwas auf der Treppe seine Aufmerksamkeit erlangte. Es war eine blaue Pappschachtel, die mit ausgeschnittenen Wörtern, einer Zeitung beklebt war.
JASON, stand in Großbuchstaben darauf. Neugierig hob er die Schachtel auf und war erstaunt darüber, wie leicht sie war.

Sally

Während einer Schlafparalyse, kommt es bei Betroffene vor, sich nicht bewegen zu können, obwohl man bereits wach ist. Da kann es schon einmal vorkommen, dass man sich plötzlich mitten in einem Alptraum wieder findet. Man fühlt sich also währenddessen wie gelähmt und kann sich kaum bewegen. Der Körper gehorcht einem nicht und während man so daliegt, beginnt die Atmung schneller zu werden.
Sally hatte gerade so ein Gefühl, sich in einer Schlaflähmung zu befinden. Sie konnte ihre Arme und Beine kaum bewegen und ihr Mund war zugeklebt worden, damit sie nicht schreien konnte. Sie wollte aufwachen, aber es waren bestimmt schon Stunden vergangen. Es war real. Ab diesem Zeitpunkt wusste sie, dass eine Schlafparalyse nichts im Vergleich zu dem ist, was sie gerade durchmachen musste.
Es war dunkel und roch modrig. Der Boden unter ihr war aus Beton und eiskalt. Mühsam versuchte sie aufzustehen, aber es gelang ihr nicht. Die Fesseln waren einfach zu fest angezogen worden. Also lag sie einfach nur da. Sally erinnerte sich an einen Mann, der sie im Park angesprochen hatte, die Angst in dem Moment als er sagte, er könne sie nicht gehen lassen und ihr ein Tuch ins Gesicht drückte. Ab da wurde alles schwarz. Sie musste also bewusstlos gewesen sein.
Langsam gewöhnten sich ihre Augen an diese Dunkelheit. Sie erkannte die Umrisse einer Tür, einen Tisch, worauf sich vermutlich Werkzeug befand und einen Stuhl, den man an die Wand gekettet hatte. Sally war kalt. Immer und immer wieder versuchte sie Gegenstände zu finden, die ihr dabei helfen könnten, diese Fesseln loszuwerden. Aus Verzweiflung schossen ihr Tränen in die Augen. Schließlich nahm sie Schritte wahr, die von der anderen Seite der Türe zu hören waren. Plötzlich erhellte ein Licht den Raum, in dem sie sich befand und die Türe wurde geöffnet. Durch das Licht konnte Sally erkennen, dass sie sich in einem Keller befand. Es waren keine Fenster zu sehen, was den modrigen Geruch erklärte.
Der Mann, der den Keller betrat, war Jake. Sie konnte sich noch gut an seinen Namen erinnern.
Er sah Sally an und wartete ein paar Minuten ehe er sagte: „Ich habe heute deinen Verlobten aus der Nähe betrachtet. Der Dreitagebart steht ihm wirklich gut.“
Er grinste herablassend, ging zu ihr, packte Sally an den Haaren und zerrte sie auf den Stuhl, der sich etwa einen Meter vor ihr befand.

3

„Was ist das?, fragte Benedict ungeduldig. Jason wollte mit der Pappschachtel gerade ins Haus zurück gehen, als Benedict plötzlich hinter ihm stand. Er wusste es selber nicht und vermutete nur einen dummen Streich. Im Wohnzimmer beschloss er, die Schachtel zu öffnen. „Jetzt mach endlich auf.“ Benedict, der ungeduldig neben ihm stand, gab ihm einen leichten Stoß mit seinem Ellbogen. Jason sah ihn an und erkannte in seinen Augen, dass er nur so darauf brannte, den Inhalt, sehen zu dürfen. Also entfernte er den Deckel der Schachtel und was sie darin fanden, ließ beide nach Luft schnappen. Ein Handy wurde mit einem Klebeband am Boden der Schachtel fixiert. Jason entfernte das Klebeband und nahm neugierig das Smartphone aus der Schachtel. Am Boden der Pappschachtel, stand in Großbuchstaben, KEINE POLIZEI SONST BRINGE ICH SIE UM! „Wenn das ein Streich sein sollte, dann finde ich ihn nicht witzig.“, meinte Benedict, der als erstes seine Sprache wiederfand. Jason nickte nur und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Handy. Er betätigte den An/Aus Knopf an der Seite und war erstaunt darüber, dass er weder ein Passwort, noch einen PIN eingeben musste, um das Smartphone zu entsperren. Er brauchte nur über das Display zu streichen. Der Hintergrund war schwarz und bis auf die Galerie, wurden alle Apps gelöscht.
Benedict stieß einen leisen Pfiff aus und sagte: „Dir bleibt wohl nichts anderes übrig, als dir die Fotos anzuschauen, wenn du Antworten haben möchtest.“ Jason öffnete die Galerie. „Nein. Das ist unmöglich!“, rief Jason fassungslos. Benedict, der ihm über die Schultern schaute, riss die Augen ungläubig auf. Es waren Fotos von einer Frau, die bewusstlos am Boden lag. Bei näherem Betrachten, erkannte Jason, dass es sich bei dieser Frau, um Sally handelte. Er streckte Benedict das Handy entgegen und lief zum Telefon. Er wählte die Nummer vom Krankenhaus. „Saint Francis Memorial Hospital, Eva Morgan am Apparat,“ meldete sich eine Frau. „Hallo, mein Name ist Jason Clarke. Würden Sie mich bitte mit Sally Waltman verbinden. Es ist dringend!“
„Es tut mir leid, aber Sally Waltman, wurde am Freitag entlassen.“ Jason hatte das Gefühl, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. „Wieso wurde sie gekündigt?“ „Tut mir leid, aber darüber darf ich Ihnen keine Auskunft geben.“
Er verstand das natürlich und verabschiedete sich von der Frau. Es war also tatsächlich Sally, die gerade hilflos, in einem Keller auf dem Boden lag.

Sally

Es gab noch so unendlich vieles, dass sie in ihrem Leben machen wollte. Mutter werden, ein eigenes Yogastudio eröffnen und mit Jason alt werden. Immer hat sie sich gedacht, alle Zeit der Welt dafür zu haben. Doch das Gefühl, dass die Zeit dafür nun abgelaufen war, ließ sich nicht abschütteln. Jake ging zu dem Tisch, worauf sich das Werkzeug befand. Er schnappte sich einen Hammer und ging wieder zu ihr zurück. „Solltest du schreien, werde ich dich auf der Stelle töten. Verstanden?“ Sally nickte. Mit einem Ruck zog er das Klebeband von ihrem Mund. „Ich hab Durst.“ Ihre Stimme klang heiser. Sie versuchte so ruhig wie möglich, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen. „Bitte.“, krächzte sie erneut. Er nickte nur kurz, verließ den Raum und kam nach einer Minute mit einer Wasserflasche wieder zurück. Jake hielt ihr die Flasche an den Mund und sie trank gierig daraus. „Wieso machen Sie das?“, fragte Sally ängstlich, als er die Flasche abstellte. Er antwortete nicht, sondern ging erneut hinaus und kam gleich drauf mit einer Decke wieder zurück. Diese breitete er auf den harten Boden aus.
Den Hammer hielt er dabei in seiner rechten Hand. Dann ging er zu Sally und schnitt mit Hilfe eines Taschenmessers, das er immer bei sich trug, die Fußfesseln durch.
„Bitte lassen Sie mich gehen!“,sagte sie niedergeschlagen. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie überlegte schnell zur Tür zu laufen, aber das hätte wenig Sinn gemacht. Innerhalb von Sekunden würde er sie wieder einfangen und bewusstlos schlagen. Oder schlimmer sogar. Jake könnte sie umbringen. Etwas in seinem Blick sagte ihr, sich besser nicht zu bewegen, geschweige denn auf dumme Gedanken zu kommen. Ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. „Leg dich dort hin!“ Fassungslos starrte Sally ihn an. „Na los!“ Jetzt war sie sich sicher, nie mehr lebendig nach Hause zu kommen. Jake würde sie vergewaltigen und anschließend mit dem Hammer erschlagen. Tränen schossen ihr wieder in die Augen. Innerlich wusste Sally, dass sie besser machte, was er von ihr verlangte. Sie stand auf. Ihre Beine zitterten so sehr, dass sie das Gefühl bekam, gleich hinzufallen. Nur noch 2 Meter. „Schneller. Na los!“, drängte Jake.
Wie in Zeitlupe schaffte sie es, sich auf die Decke zu legen. Langsam begann er sie auszuziehen. Das war der Moment, in dem Sallys Körper aussetzte, sie erstarrte. Sally schloss ihre Augen. Ihr Herz raste. Sie war wie gelähmt, konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr denken.

Jake

Sally war ohnmächtig geworden. Irgendwie war er froh darüber, denn es erleichterte ihm, sie zurück auf den Stuhl zu tragen. Jake fesselte ihre Füße und band ihre Hände an die Armlehnen fest. Den Mund klebte er zur Sicherheit wieder mit einem Klebeband zu. Ihr Kopf hing vornüber. Er betrachtete sie einen kurzen Moment lang. Am liebsten hätte er sie gleich wieder los gebunden und sich tausendmal dafür entschuldigt. Aber es gab etwas, dass er noch mehr wollte. Rache. Jake rächte sich bei seinen Mobbern aus der Schulzeit, auf seine eigene Art und Weise. Er stalkte sie auf Facebook. So fand er zum Beispiel heraus, dass Derek eine Frau namens Nicole hatte und sie ein Haus in San Francisco besaßen. Eines Tages entdeckte er die beiden zufälligerweise, im Golden Gate Park. Die beiden zu verfolgen, war zu einem Kinderspiel für ihn geworden, denn schon bald hatte er deren Adresse ausfindig machen können. Wie gesagt, er besaß so seine eigene Art sich zu rächen. Jake entführte Nicole, als sie nachts alleine im Park spazieren war. Dabei betäubte er sie mit dem gleichen Mittel, wie bei Sally. Chloroform. Er ließ Derek wissen, dass sie gerade furchtbar leiden musste, während er sie im Stich gelassen hatte. Jake trieb seine Opfer gerne in den Wahnsinn, genau wie sie alle ihn damals. Nicole, war allerdings etwas besonderes. Er verliebte sich in sie und wurde schon bald schlampiger. Jake sperrte die Türe nicht mehr ab und als Nicole ihm ihr Versprechen gab, nicht wegzulaufen, ließ er irgendwann auch die Fesseln weg. Eines Tages schaute er im Wohnzimmer die Nachrichten, als er Geräusche aus dem Badezimmer wahrnahm. Hilfeschreie übertönten plötzlich die Stille der Nacht und er wusste, dass sein blindes Vertrauen ein gewaltiger Fehler war. Nun weit war sie ja zum Glück nicht gekommen. Bei Sally, würde Jake seinen Fehler nicht wiederholen. Er prüfte ein letztes Mal die Fesseln und zog sein Handy aus der Tasche, um sie zu fotografieren. Dann drehte er das Licht ab und sperrte den Keller hinter sich zu.
Im Wohnzimmer angekommen, machte er es sich auf seiner Couch gemütlich. Jake entschied sich dafür, kurz bevor er zu Bett gehen wollte, die Nachrichten anzuschauen. Reporter berichteten gerade über eine Videoaufnahme, die einen Mann zeigte, der sich in der Einfahrt von Derek und Nicole Kennedy, mit einer Schachtel in der Hand befand. Das Gesicht war darauf nicht zu erkennen, aber Jake wusste, dass er es war. Er erkannte seinen schwarzen Mantel wieder.

4

Das Fußballmatch wurde für die Nachrichten kurz unterbrochen. Aber das interessierte zur Zeit, weder Jason, noch Benedict. „Du solltest zur Polizei gehen. Ich mein, wenn du es nicht machst, könnte ihr weiß Gott was, passieren!“ Benedict lief im Wohnzimmer nervös auf und ab. „Nein, da steht eindeutig, keine Polizei! Er wird sie sonst umbringen!“ „Das wird er glaub ich sowieso, wenn du nur da sitzt und nichts tust. Die Polizei könnte dir bei der Suche nach ihr behilflich sein. Du hast ja nicht einmal einen blassen Schimmer, wer sie entführt haben könnte.“ Jason sank aufs Sofa und fuhr sich mit beiden Händen ins Gesicht. Er hatte Recht.
„Heute morgen überprüfte Derek Hough, die Überwachungskamera in seiner Einfahrt. Darauf zu sehen, war ein Mann, der sich dort mit einer Schachtel in der Hand versteckt hielt.“, drang eine Stimme aus dem Fernseher.
Hatte Jason da eben richtig gehört? „Dreh das lauter!“, rief er Benedict zu, der gerade dabei war, den Fernseher auszuschalten. „Es wird vermutet, dass es sich dabei um den Entführer und Mörder von Nicole Hough handeln könnte.“ Anschließend folgte ein Interview mit ihrem Mann Derek. Dieser erzählte, dass er eine Schachtel mit einem Handy vor seiner Haustüre fand und damit bedroht wurde, dass er Nicole töten werde, sobald er zur Polizei ging. Auf dem Handy waren Fotos von Nicole zu sehen. Wochenlang bekam Derek dann anonyme Briefe mit Hinweisen, wo er sie finden konnte. Den letzten Brief werde er wohl nie vergessen, sagte er zur Reporterin. Darauf standen nämlich nur drei Wörter. GOLDEN GATE PARK. Kurze Zeit später fand man ihre Leiche im Park. Am Ende des Interviews bat die Reporterin im Auftrag der Polizei, um Hinweise.
Jason konnte einfach nicht glauben, was er gerade eben gehört hatte. Sein Herz raste und auch Benedict sah so aus, als würde er gleich die Fassung verlieren.
„Willst du es jetzt endlich melden?“, fragte sein bester Freund genervt. Er stand auf und ging ohne eine Antwort abzuwarten, zur Garderobe, um sich seine Jacke zu holen.
Jason stand ebenfalls auf und nahm die Beweisstücke mit. Benedict hatte Recht. Einfach nur da zu sitzen und auf Hinweise zu warten wollte er nicht. Das hat Dereks Frau auch nicht das Leben gerettet. Sie zogen sich schnell die Jacken an und fuhren gemeinsam zur nächsten Polizeidienststelle.

San Francisco Police Departement

Officer Andrew Scott hatte an diesem Tag eine Nachtschicht, als zwei Männer die Dienststelle betraten. „Kann ich Ihnen helfen?“ Beide Männer machten einen leicht verstörenden Eindruck auf ihn. „Ich bin Officer Andrew Scott und Sie sind?“, versuchte er das Gespräch erneut zu beginnen. Nach kurzem Zögern, stellte sich einer der beiden als Jason und der andere mit dem Namen Benedict vor.
Jason hielt ihm eine blaue Schachtel entgegen. „Ich brauche Ihre Hilfe. Vor einigen Stunden klingelte jemand an meine Haustüre und da fand ich anschließend diese Schachtel auf der Treppe. Auf dem Handy befinden sich Fotos von meiner Verlobten. Ihr Name ist Sally Waltman.“ Officer Andrew Scott konnte seinen Augen kaum trauen, als er die Fotos einer Frau zu sehen bekam, die gefesselt am Boden lag.
„Wir haben die Nachrichten gesehen und da berichteten sie von einem Mann namens Derek, dem genau dasselbe passierte, wie ihm.“ Benedict, der sich bis jetzt still verhalten hatte, zeigte dabei mit dem Finger auf seinen Freund.
Andrew nickte und schrieb dessen Bericht auf. Er nahm die Beweise zu sich und schickte anschließend die beiden weg, damit sie sich etwas ausruhen konnten.
Sie sahen so als könnten sie dringend etwas Schlaf gebrauchen.
Andrew nahm sich für seinen Nachtdienst vor, sich die Akte von Nicole Hough noch einmal genauer anzuschauen. Man fand an der Leiche eine sehr geringe Menge Sperma, Fingerabdrücke und kurze braune Haare, die vor ca. zwei Wochen in ein Labor geschickt wurden.
So war es möglich die DNA der Person zu bestimmen, die die Spur hinterlassen hatte.
Sofern diese natürlich auch in der Datenbank registriert war. Ein Kollege von ihm telefonierte bereits am Nachmittag mit dem Labor, wann wohl die Ergebnisse der DNA- Analyse vorliegen würden. Diese meinten, dass sie die Ergebnisse bereits morgen senden könnten. Zeugen gab es leider keine.
Der untersuchende Rechtsmediziner stellte bei einer näheren Untersuchung fest, dass sie womöglich zwischen drei und vier Uhr morgens starb. Andrew fand unter anderem in einem kleinen Karton das Handy, dass man Derek als Beweismaterial abgenommen hatte. Es war ein Smartphone der Marke ALCATEL. Also ein billigeres Model. Er betrachtete es kurz, legte das Handy wieder zurück in die Schachtel und schloss die Akte von Nicole Hough.
Plötzlich klingelte das Telefon. Andrew meldete sich mit den üblichen Worten: „San Francisco Police Departement, Officer Andrew Scott spricht. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ Es war ein kurzes räuspern zu hören, als sich schließlich eine männliche Stimme meldete.
„Guten Abend. Ich heiße William Blake. Ich rufe wegen der Nachrichten an, die vor kurzem gezeigt wurden. Sie zeigten einen Mann, der von einer Videokamera aufgenommen wurde. Nun sie müssen wissen, dass ich einen Handyshop besitze und heute morgen fragte ein Mann nach einem billigen Smartphone. Er kaufte sich das erstbeste und verließ den Laden relativ schnell. Er trug wie der Mann auf den Aufnahmen, einen schwarzen Mantel.“
„Besitzen sie eine Videokamera, die das vielleicht aufnehmen hätte können?“
„Ja. Wollen Sie sie sehen?“ fragte, William.
„Wir nehmen alle Hinweise an, die zur Aufklärung des Falles, beitragen könnten. Würden Sie die Aufnahmen eventuell heute noch vorbeibringen?“
„Natürlich. Ich werde schätzungsweise in einer halben Stunde bei Ihnen sein.“
„Dankeschön. Auf Wiedersehen!“ Officer Andrew Scott musste diese Nachricht erst verarbeiten. Das könnte ein sehr wichtiger Hinweis sein. Sollten die Aufnahmen tatsächlich einen Mann zeigen, der sich ein Handy der Marke ALCATEL kaufte, so hätten sie in Verbindung zu Nicole Hough und Sally Waltman einen Tatverdächtigen. Andrew war natürlich klar, dass viele einen schwarzen Mantel trugen und nicht gerade viel Geld für ein teures Handy besaßen.
Aber die Tatsache, dass er unbedingt ein billiges Model haben wollte und einen schwarzen Mantel trug, ließ ihn stutzig werden.
Wie vereinbart, stand William Blake nach einer halben Stunde, in seinem Büro. In der Hand hielt er die Videoaufnahme. William gab Officer Andrew die Aufnahmen und verabschiedete sich allerdings auch gleich wieder.
Mit der Kassette in der Hand, ging er zu dem Videorecorder. Anfangs war nicht gerade ungewöhnliches darauf zu erkennen, weswegen er nach vor spulte. Kurze Zeit später erkannte er den Mann auf der Aufnahme. Er trug wie William bereits erzählte, einen schwarzen Mantel. Er betrat den Shop um 8:33 Uhr und verließ diesen nur fünf Minuten später. Als er nach draußen ging, konnte man sein Gesicht erkennen. Schließlich entschied sich Officer Andrew dafür, erneut die Medien um Hilfe zu bitten.

5

Es war gerade mal acht Uhr morgens, als Benedict ihn aus dem Schlaf riss. Jason lag die halbe Nacht lang wach und schaffte es erst in den frühen Morgenstunden, einzuschlafen. Es klingelte an der Haustüre. Langsam bewegte er sich die Treppen nach unten. Benedict folgte ihm. Sein bester Freund bot Jason an, dass dieser gerne die Nacht bei ihm verbringen wollte, wenn er damit einverstanden sei. Dieser freute sich insgeheim darüber, dass er ausgerechnet jetzt nicht alleine sein musste. Er ging zu seiner Haustüre und blickte durch den Spion. Zwei Polizisten standen auf der Veranda und warteten darauf, dass man ihnen die Türe öffnete. Dies tat er natürlich auch. „Guten Morgen. Sind Sie Jason Clarke?“ „Ja der bin ich.“, antwortete Jason. „Sie haben letzte Nacht, die Entführung ihrer Verlobten Sally Waltman gemeldet. Dürfen wir kurz rein kommen? Wir müssen Ihnen noch ein paar Fragen stellen.“ Jason ging zur Seite und deutete den Polizisten, dass sie rein kommen sollen. Sie folgten ihn ins Wohnzimmer, wo er ihnen Kaffee anbot. Dieses Angebot lehnten allerdings beide freundlich ab. Die Polizisten stellten ihm Fragen, ob er Feinde hätte oder ahnte wer der Entführer sein könnte. Er verneinte alle Fragen. Zuletzt zog der etwas Größere der beiden, ein Stück Papier aus seiner Brusttasche. Er entfaltete das Papier sorgfältig und zeigte es Jason. Es erwies sich als ein Bild, dass von einer Überwachungskamera aufgenommen wurde. Darauf zu sehen, war ein Mann mit braunen Haaren und einem schwarzen Mantel. „Dieser Mann kommt mir so bekannt vor. Wie jeden Montagmorgen auch, war ich gerade auf dem Weg zur Arbeit. Er nahm gegenüber von mir Platz und beobachtete mich durch ein Loch in der Zeitung, die er bei sich trug.“ Die Polizisten sahen sich nachdenklich an und schließlich fuhr der andere fort: „Kennen sie den Mann?“ Jason sah sich das Gesicht auf dem Foto noch einmal genauer an. Diese Augen und Gesichtszüge kannte er doch. Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Es war Jake Armstrong. Der kleine, dicke Junge mit den schwierigen Eltern. Er war in der High School nicht sonderlich beliebt gewesen und fast alle gaben ihm fiese Spitznamen. Wollte er sich etwa an ihm dafür rächen, in dem er seine Verlobte entführte? Das durfte nicht wahr sein. Er sah die Polizisten an und sagte: „Das ist Jake Armstrong. Er ging auf die selbe High School, wie ich auch. Ich bin mir sicher, dass er es ist.“
Der Große schnappte sich sein Funkgerät und gab seinen Kollegen Bescheid.

Jason musste erst einmal begreifen, was da gerade vor sich ging. Jake soll der Entführer seiner Verlobten sein? Das ist doch verrückt! Er saß bereits im Streifenwagen, als der Große, der erst als Jason fragte, sich als Officer Logan Henderson vorstellte, ein Telefonat mit einem seiner Kollegen führte. Charlie Heaton trommelte nervös mit seinen Fingern auf das Lenkrad und hielt den Blick auf die Straße gerichtet. Nur mit Mühe konnte er die beiden Polizisten überreden, dass er mit ihnen mitfahren durfte. Allerdings musste er natürlich im Streifenwagen bleiben. „Wieso sind Sie sich so sicher, dass Jake der Entführer ist? Ich mein, nur weil er auf einer Überwachungskamera zu sehen ist, heißt das doch noch lange nicht, dass er jemanden entführt hat.“ Officer Logan, der mittlerweile sein Telefonat beendet hatte, sah zu seinem Kollegen. Dieser schenkte ihm allerdings keine Beachtung. „Der Täter hinterließ Fingerabdrücke auf der Leiche von Nicole Hough. Sie wurden als die von Jake Armstrong identifiziert. Er wurde vor einem Jahr wegen Alkohol am Steuer festgenommen. Auf der Polizeidienststelle entnahm man ihm Fingerabdrücke, da er sich nicht ausweisen konnte.“ Sie hielten schließlich an einem Haus an. Es war sehr alt und die Fassade bröckelte bereits ab. Die Fenster waren alle abgedunkelt und im ersten Stock wurde gerade ein Vorhang zur Seite geschoben. Jake Armstrong sah aus dem Fenster hinab zu den vielen Polizisten, die in kugelsicheren Schutzwesten bereit waren das Haus zu stürmen. „Und los gehts!“,sagte Officer Logan. „Und Sie, bitte ich inständig darum, im Auto zu warten.“ Mit einem letzten warnenden Blick stiegen sie aus und gingen zur Eingangstüre des Hauses. Sie klingelten mehrmals, aber die Türe wurde nicht geöffnet. Jason sah wieder zu dem Fenster hoch, wo Jake noch immer vor dem Fenster stand. Er fragte sich gerade, ob er ihn wohl sehen konnte, als sich ihre Blicke trafen. Jason konnte in seinen Augen Angst, aber auch Hass erkennen. Die Polizisten machten sich gerade daran, die Türe zu öffnen, als sich Jake zurück zog und den Vorhang richtete. „Jake Armstrong! Wir wissen das Sie da sind! Öffnen Sie die Türe, oder wir werden das für Sie übernehmen.“ „Das ist Ihre letzte Chance!“,rief Officer Charlie Heaton, der sich bis jetzt eher ruhig verhalten hatte. Sie warteten etwa eine Minute, aber die Türe blieb verschlossen. Schließlich bekamen sie den Befehl, die Türe durch ein simples „Eintreten“ zu öffnen. Was sie dann natürlich auch taten. Innerhalb kurzer Zeit stürmten nun mehrere Polizisten, das Haus von Jake Armstrong. Jason vertraute der Polizei, aber das Gefühl, dass jede Hilfe für Sally bereits zu spät kam, ließ ihn nicht mehr los.

Sally

Die Nacht war die reinste Hölle für sie. Es war kalt und sie hatte Schmerzen. Immer wieder sah sie sein Gesicht vor sich, wie er sie küsste und in sie eindrang. Blut klebte zwischen ihren Schenkeln und sie hatte Durst. Bis vor vier Tagen noch, war sie davon überzeugt, dass das schlimmste was ihr je passieren konnte, der Verlust ihrer Arbeit war. Sally wurde immer unkonzentrierter bei der Arbeit und vertauschte mehrmals Tabletten. Als sie am Freitag auch noch zu spät kam, wurde sie fristlos entlassen. Schon alleine da, brach eine Welt für sie zusammen. Sie liebte ihren Job über alles. Was gäbe sie jetzt nur dafür, Jason noch einmal zu sehen, ihn zu küssen und vor allem wollte sie noch ihm sagen, wie sehr sie ihn liebte. Plötzlich drangen aus heiterem Himmel, Stimmen zu ihr in den Keller. Es wurde geschrien. Jemand rannte die Treppe hinunter und riss die Türe auf. Es war Jake. Sally wimmerte vor Angst als er näher trat und ihr den Lauf einer Pistole an die Schläfe drückte. Er roch nach Schweiß und Alkohol. Sie erstarrte. Verzweifelt schloss sie ihre Augen. „Es tut mit so leid“, sagte er und dann zersetzte ein lauter Knall die Stille.

„Waffe fallen lassen! Sofort!“. Die Stimme kam von einem Polizisten, der unmittelbar hinter ihm stand. Er umklammerte mit zwei Händen eine Waffe und hielt sie noch immer auf Jake gerichtet. Dieser ging vor ihr auf die Knie. Sein Blick war schmerzverzerrt und erst da realisierte Sally, dass nicht sie, sondern Jake angeschossen wurde. Blut drang aus einer Wunde, oberhalb seines Knies. Er keuchte, versuchte noch einmal aufzustehen, aber es gelang ihm nicht. „Ich sagte Waffe fallen lassen!“ Widerwillig ließ er die Waffe zu Boden gleiten, die darauf hin mit einem Fuß weggetreten wurde. Er streckte seine Hände nach oben. Auf einmal stürmten mehrere Polizisten den Raum und Jake wurden Handschellen angelegt. „Jake Armstrong. Sie werden wegen Vergewaltigung, Totschlag und Entführung festgenommen. Alles was sie ab jetzt sagen, kann und wird vor Gericht gegen sie verwendet werden.“ Dann konnte sie ihn nicht mehr sehen. Sally wurde losgebunden und zu einem Krankenwagen gebracht. Dort wartete bereits Jason auf sie. Er weinte vor Erleichterung, als er Sally sah und nahm ihr Gesicht in beide Hände, sobald sie vor ihm stand. Jetzt konnte auch sie ihre Tränen nicht mehr zurück halten. „Ich liebe dich!“, schluchzte sie laut. Als Antwort bekam sie einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.

18 thoughts on “P.S. Ich finde euch

  1. Hallo Martina, ich bin mal ehrlich am Anfang dachte ich.. Wie klischeehaft aus nem Psycho- oder Horrorfilm dass man nem Fremden einfach so was erzählt. Würde man real nie machen.

    Aber dann hat deine Story richtig Fahrt aufgenommen und ich habe sie begeistert zu Ende gelesen. Wie ein guter Tatort wo man schon zu Beginn weiß wer der Täter ist, aber sich das wie und warum erst zusammen setzt 👍 LG Melanie

    Wenn du magst kannst du auch gerne meinen Beitrag lesen https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/blaues-mondlicht

  2. Hi, mir hat die Geschichte gut gefallen. Allerdings fand ich die Handlung insgesamt etwas zu vorhersehbar. Dennoch, eine gute Geschichte.
    P.S. wenn du Lust hast, lies doch au h meine Geschichte : Glasauge.
    Über ein Feedback würde ich mich freuen.

  3. Ich fand die Story gut und aussagekräftig.
    Das Ende war meiner Meinung nach auch überzeugend.
    Du hast deinen ganz eigenen Stil, den ich sehr mag.
    Man merkt und spürt, dass du bereits viel Erfahrung in diesem Bereich hast.

    Der Spannungsbogen ist gelungen umgesetzt. Ich habe diese Geschichte zumindest in einem Zug gelesen.
    Ich wollte unbedingt wissen, wie es endet.
    Ich danke dir für diese Geschichte.
    Bitte schreib weiter.
    Du hast ein Erzähltalent, eine äußerst große Fantasie und das Zeug für noch viele andere Geschichten.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, meine Geschichte auch zu lesen. Das wäre ganz toll.
    Sie heißt: „Die silberne Katze“.

    Danke und machs gut.

  4. Moin,

    krasse Storie die du dir da ausgedacht hast. Eine Mischung aus Law and Order und Tatort. Wie meine Vorschreiber muß auch ich sagen das ich am Anfang dachte „ warum um alles in der Welt erzählt man einem Fremden so private Dinge „?

    Und dann spielt die Geschichte auch noch in meiner zweit liebsten Stadt der Welt. Das gab Extrapunkte bei der Bewertung! 😉

    Dein Schreibstil lies am Anfang aufhorchen und ich dachte es folgt ein Metapherfeuerwerk, leider war dem dann nicht so. Gut geschrieben klar, aber das WOW vom Anfang fand ich nicht wieder….

    „ Es war ein Frühlingsnachmittag Anfang Mai gewesen, als die Abende wieder länger wurden und die Primeln und Tulpen unter den Bäumen schon zerfranst und unordentlich aussahen „

    …das mein ich!

    Mein Like lass ich dir trotzdem da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte : Der Ponyjäger)

  5. Hallo Martina,
    die Idee deiner Geschichte finde ich gut, die Parameter hast du alle umgesetzt.
    Ehrlicher Weise muss ich zugeben, dass sie mir für eine Kurzgeschichte etwas zu sehr ausgeschmückt ist, da könntest du noch etwas mehr Fahrt reinbringen durch Kürzen. Und gelegentlich hast du zwischen den Zeitformen gewechselt. (Tipp: lieber 1x mehr gegenlesen lassen 😉)
    Dennoch ließ sie sich gut lesen.
    Viel Glück fürs Voting,
    Yvonne/ voll.kreativ (Der goldene Pokal)

  6. Hallo Martina,
    deine Geschichte könnte ein ganzes Buch werden!
    Es ist spannend und die Motivation des Gegners ist „verständlich“, da Menschen oft leider sehr grausam zu anderen sein können und das Spuren hinterlässt.
    Mein Like hast du!
    Grüße Jana („Strafe“)

  7. Hallo Martina!
    Deine Geschichte hat mir in Großen und Ganzen richtig gut gefallen. Die Entführung am Anfang im Park ging fast zu einfach, dann nahm die Story an Fahrt auf. Die beiden Namen Jake und Jason sind sich ähnlich, ich musste mich konzentrieren, wer wer war.
    Sallys Leid war für mich an manchen Stellen nicht so spürbar, vor allem bei Erinnerung an die Vergewaltigung, das ist für eine Frau doch was Furchtbares. Es ist natürlich schwer, so eine Begebenheit in eine Kurzgeschichte zu packen, da braucht es mehr Raum.
    Aber trotz meiner kleinen Kritik ist es ein gelungener Plot mit sehr plastischen Figuren, daher darf ich dir gerne Herzchen Nummer 20 geben. Schreib auf jeden Fall weiter, da steckt ein großes Potenzial dahinter.
    Falls du Lust und Zeit hast, würde ich mich freuen, wenn du auch meine Geschichte liest und mir Feedback gibst.
    Sie heißt: Der alte Mann und die Pflegerin.
    Liebe Grüße
    Lotte

  8. Hallo Martina,

    deine Geschichte hat sich gelesen wie ein Teil einer Sereie, sehr spannend und mitreißend. Zwischendurch wurde es zwar mal etwas langatmig, zuvielen Beschreibung von alltäglichen Dingen, die in einem Roman toll sind, aber in der Kurzgeschichte vielleicht unpassend. Aber dein Schreibstil hält einen trotzdem bei der Stange, man ist auf den Schluss gespannt.
    Ich persönlich mag ein Happy End, obwohl ich damit gerechnet habe, dass Jake sie doch noch erschießt. Aber er hatte ja Mitleid mit Ihr, das erklärt es wohl. Das macht den „Bösen“ auch ein wenig menschlich und man kann sich in ihn hineinversetzen.

    Auch ich hatte Probleme Jake und Jason auseinander zu halten, aber mit der Zeit ging es dann doch.
    Ebenfalls dachte ich, dass Sally die Vergewaltigung zu gut „wegesteckt“ hat.
    Dass sie sich eien Kuss von Jake wünschte, erschien merkwürdig. In den Arm genommen zu werden, wäre mir eher eingefallen.

    Auf jeden Fall habe ich dir ein Like dagelassen und wünsche dir noch weiter viel Glück.

    Liebe Grüße
    Monika

    P.S.: Vielleicht magst du ja auch meine Geschichte lesen, sie heißt „Ende Gut?“

  9. Sally wünschte sich von Jake einen Kuss? Hab ich so nicht gelesen … hm ……

    Moin, Martina! Sex & Crime in SF. Auch mal schön. Muss ja nicht immer Pattensen, Peine oder Paris sein, Frisco tut`s auch mal 😉 . Ich schließe mich im Wesentlichen meinen VorrdednerInnen an! Es gibt tatsächlich Wiederholungen (zB duchaus) sowie Tempuswechsel. Das hätte der eine oder andere Testleser vielleicht moniert.
    Was ich bei Sally nicht verstanden habe: Wieso wird sie plötzlich nachlässig bei der Arbeit, hat da auch schon Jake seine Finger im Spiel (und wenn „ja“ – wie?) oder ist es am Ende nur eine selbsterfüllende Prophezeiung? Das verstehe ich nicht. Und: Wieso sagt sie es ihrem Verlobten nicht? Was ist denn das für eine Beziehung, in der man sich so etwas nicht sagen kann?

    Ansonsten, weil`s gegen Ende merklich besser wird und an Fahrt aufnimmt: Gibts ein Herzchen! 🙂

    Kollegiale Grüße!
    Kathrin aka Scripturine / https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt …. falls Du mal zurücklesen willst (so heute bis 23.30h vielleicht)… wär toll 🙂

  10. Hey Martina,

    ich finde deine Kurzgeschichte sehr gelungen!
    Sie ist gut ausgedacht, toll umgesetzt und super zu lesen. Ich hatte sehr viel Spaß dabei deine Geschichte zu lesen und währenddessen zu grübeln, ob Sally überleben wird oder nicht … 🤔

    Dass du dich hier und da mal etwas wiederholst ist mir auch aufgefallen, aber was soll’s – Spaß beim Lesen hatte ich so oder so 😀
    Und ich finde auch die Tatsachen, wie z.B. dass Sally Jason noch nicht erzählt hat, dass sie ihren Job verloren hat oder dass sie die Vergewaltigung so gut wegsteckt – machen diese Ereignisse Sallys Charakter nicht noch spezieller, spannender und interessanter?
    Von mir bekommst du definitiv ein wohlverdienten Like dafür 😉

    Ich wünsche dir noch alles Gute für deine Geschichte und viel Spaß beim Schreiben und erfinden neuer und aufregender Charaktere 🍀
    Liebe Grüße
    Sarah

    Falls du auch mal Lust hast bei mir vorbei zu schauen, würde ich mich sehr freuen 😉
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/unschuldskind

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