Sarah NeumannMaskeradenspiel

18+

Maskeradenspiel

Prolog

Heute

Er sah sich im Spiegel an. Seine Maskerade war geradezu perfekt. Das dunkle Haar, das sauber und gleichmäßig zur Seite gekämmt und mit dem Haarwachs fixiert war. Die beige Chino Hose und das weiße Hemd, dessen Kragen sorgfältig aus dem Lacoste Pullover hervorlugte. Das Funkeln in seinen Augen, das schiefe Lächeln, das er damals schon authentisiert hatte und sogar die Narbe, die seine rechte Augenbraue schmückte- sie war perfekt. Er hatte nicht nur alle anderen getäuscht, sondern ebenso sich selbst. Ein Meisterwerk aller Lügen. An alles hatte er gedacht, kein Detail ist ihm entgangen und doch hatte sein Plan einen schwerwiegenden Fehler zugelassen. Wie ein Boot, das ein verborgenes Leck hat und nun von der Stärke des Wassers in die Tiefe gezogen wird. Hätte er das Leck doch nur frühzeitig entdeckt. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Schließlich hatte er dafür gesorgt, dass es niemand je herausfinden würde.
Er lebte das Leben, welches er immer sein Eigen nennen wollte und jedes Detail seiner äußeren Erscheinung ließ ihn über seinen Sieg noch mehr triumphieren. Alles war absolut perfekt, abgesehen von seinen blutgetränkten Händen, die er mehr schlecht als recht an seinem Stofftaschentuch versucht hatte abzuputzen. Seine Perfektion musste nun einmal den nötigsten Aufwand erbringen, sonst wäre sie nun einmal nicht perfekt. Und genau das musste er wieder werden. Zu viel hatte er bereits riskiert.
Gerade war ihm auch schon der nächste Schritt in den Sinn gekommen, den dieser unglückliche Zwischenfall von ihm abverlangte. Zu der Ausführung sollte er jedoch nicht mehr kommen, denn das Letzte was er sah, war das Spiegelbild zweier Augen, das sich hinter ihm voller Hass auf ihn stürzte und zu Boden riss. Und mit ihm sein unperfektes Geheimnis.

*

Vier Tage zuvor

Antonia Brandt

Wie jeden Samstagmorgen, stellte sie die frischen Blumen in die hohe, gläserne Vase und richtete diese mittig auf dem langen Holztisch aus. Es roch in dem großen Salon der alten Villa schon unwiderstehlich gut nach gebrühtem Kaffee und Croissants. Antonia machte sich auf den Weg in die Küche, wo sich das warme Sonnenlicht bereits durch die Spalten der Jalousien hindurch kämpfte. Die Uhr an dem Ofen zeigte schon beinahe 9.00, was ihr verriet, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis der Hausherr die Treppenstufen hinunterkam. Also musste sie sich mit dem Servieren des Frühstücks beeilen. Gerade als sie das volle Tablett raus aus der Küche, vorbei an der Standuhr und durch den Bogen des Eingangsbereichs trug, stürmte jemand an ihr vorbei und brachte den Orangensaft zum Wanken. Die aufgedonnerte Barbie trug nur einen Morgenmantel, den sie notdürftig vor ihrem Körper zusammenhielt. Mit der anderen Hand drückte sie ihre Kleidungsstücke an sich. Sie hatte es wohl sehr eilig, das Haus zu verlassen und hielt auf dem Weg zur Tür einen Monolog, der überwiegend aus Beleidigungen bestand, die scheinbar nicht für Antonia bestimmt waren. Ihre Anwesenheit überraschte die Blondine nämlich ganz offensichtlich, was sie durch einen aufgesetzten Schrei äußerte.
„Na so etwas. Noch eine Frau die dieser Arsch zu seinem Vergnügen ausnutzt. Ein Hausmädchen, darauf hätte ich wetten können.“ Sie warf ihr Kinn weit nach oben und ließ Antonia und das Serviertablett stehen. Es war nur noch der Knall der Tür zu hören, bis wieder Stille eintrat.
Da war jemand wohl nicht zum Frühstück eingeladen. Wenigstens trug sie keinen Ehering am Finger, so wie die Immobilienmaklerin letzten Donnerstag, die es allerdings schon am späten Abend zur Flucht verschlagen hatte. Da kann man nur hoffen, dass deren Männer wenigstens nur halb so dämlich wie ihre Frauen sind. Sonst würde das alles eines Tages unschön werden. Hausmädchen wurde Antonia jedoch noch nie genannt. Klang jedenfalls besser als Putze oder Dienerin, wie sie zugeben musste. Sie löste ihren Griff um die, mit Orangensaft gefüllte Karaffe, die sie kurz vor ihrem Fall noch retten konnte und fing an, den Tisch zu decken.
„Ist das nicht ein herrlicher Tag heute?“ Benjamin Vasener war bereits am Fuße der Treppe angekommen, als Antonia ihn bemerkte und sie rückte zügig die letzten Gegenstände auf dem Tisch gerade. Er hinterließ im Vorbeigehen den intensiven Duft seines Parfums, dessen Marke sie immer noch nicht kannte. Es erinnerte sie nur wie üblich an ihren alten Geschichtslehrer, der sich seinen Respekt nur durch Drohungen und Bestrafungen zu erzwingen wusste.
„Der Tag scheint nicht für alle so herrlich zu beginnen.“ Sie deutete schmunzelnd zur Tür, durch die eben noch sein nächtliches Vergnügen gerauscht war.
„Die wollte doch tatsächlich, dass ich heute Abend bei einem Gala ihre Begleitung spiele.“, verteidigte Benjamin sich und nahm seinen ersten Schluck Kaffee, den er sich kopfschüttelnd offensichtlich schmecken ließ. „Was würde sie als nächstes erwarten? Den Schlüssel zu meinem Haus?“ Er lachte sein schiefes Lächeln, das seine perfekt angereihten weißen Zähne zum Vorschein brachte und hin und wieder verstand Antonia, wie die Frauen sich immer wieder eine Zukunft mit ihm ausmalten. Wenn man auf das offensichtlich Schöne stand. Ihre weiteren Gedanken wurden jedoch von einem dumpfen Knall unterbrochen, der ihr Mark erschüttern ließ.

*

Benjamin Vasener

Der Vogel, der gegen die große Fensterscheibe über der antiken Kommode geflogen war, lag leblos im Gras.
„Gute Arbeit, Frau Brandt. So glänzend habe ich meine Fenster selten gesehen.“
Benjamin und Antonia lehnten sich weit über die Brüstung und starrten hinunter in den Garten. Sie befanden sich im Erdgeschoss, weswegen sie den unglücklichen Flieger auf dem ersten Blick als Rotkehlchen identifizieren konnten.
Was ein solch kleines Tier für einen Lärm machen kann.
„Oh wie schrecklich. Das arme Ding.“ Sie hatte wieder diesen Blick, dachte er. Diesen Blick, der einen beinahe mitfühlen ließ, wenn man sich seinen Gefühlen erlegen würde. Die Augenbrauen hochgezogen, bis sich feine Linien in ihre Stirn zeichneten und dazu die Umrisse eines Schmerzes, der ganz tief hinter dem Blau ihrer Iris festsaß und von weit herrührte.
„So ist das Leben, meine Teuerste. Wenn man es am wenigsten erwartet ist es mit einem Schlag plötzlich vorbei.“ Benjamin zuckte mit den Schultern und begab sich wieder zurück zu seinem Samstagsfrühstück.
„Tun Sie mir doch bitte noch den Gefallen und schließen Sie wieder das Fenster.“, forderte er Antonia auf, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen.
„Selbstverständlich, Herr Vasener.“ Das Fenster sprang lauter in seinen Rahmen zurück, als die zierliche Brünette vermutlich beabsichtigte. Zu ihr passte der Spruch „Sie war stets bemüht.“. Sie war ihm eine große Hilfe, auch wenn sie ein wenig ungelenk war.
„Ich werde den Vormittag heute mit Tim Feldmann verbringen. Wir haben noch ein paar Details für die Präsentation unseres Bar-Projekts zu besprechen. Ich werde zum Nachmittag zurück sein.“, berichtete Benjamin und tauchte die Spitze seines Croissants in die Himbeermarmelade.
„Ja, in Ordnung. Ich werde derweil das Gartenhaus säubern, damit ich kommende Woche die Sommergarnituren darin verstauen kann. Machen Sie es sich heute noch einmal schön, die Blonde mit der Zahnlücke hat gestern Abend berichtet, dass heute der letzte sommerliche Tag sein wird.“
Auch wenn Benjamin nur selten die Tagesschau sah, wusste er sofort von welcher Nachrichtensprecherin seine Haushälterin sprach. Sie hatte ein ausgesprochen gutes Gespür für Menschen.
Jedenfalls was das Aussehen betraf.
„Dann werde ich den Tag wohl mal genießen.“, versicherte er ihr lächelnd. Dass er die Empfehlung jedoch hätte wörtlich nehmen sollen, hatte er in diesem Moment noch nicht geahnt.

Das Frühstück schmeckte ihm heute wie üblich sehr gut. Jedoch verzichtete er auf seine zweite Tasse Kaffee, da ihm sein bester Freund und Geschäftspartner bei seinem Treffen gleich sicherlich noch den ein oder anderen Kaffee anbieten würde. Er hörte Antonia in der Küche mit dem Geschirr klirren, als er sich rufend verabschiedete. Beim Öffnen der schweren Haustür stieß ihm der Sommerduft als eine warme Briese entgegen. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss die Wärme in seinem Gesicht. Er mochte das Gefühl, wenn das Schwarz hinter den Augenliedern von dem Sonnenlicht rot gefärbt wurde.
Die bunten Blätter des Haselnussbaumes, dessen gewaltige Krone zwischen Haus und Garage thronte, warteten nur darauf hinunterzufallen, um den gepflasterten Weg zu Benjamins Auto zu schmücken.
Und um anschließend wellig und brüchig zu werden.
Ein vertrauter Ruf ließ seine Gedankenwolken davonschweben und ihn nach oben in den leuchtend blauen Himmel schauen.
„Der Bussard kann vermutlich schon eine Geländeskizze von Ihrem Grundstück zeichnen, so oft wie er hier über ihrem Haus seine Kreise zieht.“ Antonia stand nun hinter ihm und folgte mit ihrem Blick dem majestätischen Greifvogel, der nur darauf wartete, hinab auf seine Beute zu stürzen. Er hatte sie nicht kommen hören. Vermutlich war sie auf dem Weg in die Gartenhütte, um die anstehende Arbeit anzugehen. Greifvögel gab es hier in Radevormwald wie Sand am Meer. In den kleinen Dörfern, die ummantelt sind von Feldern und Wäldern, fühlen sich diese Tiere am wohlsten. Scheinbar zählte sein Anwesen mit dazu. Mit dem zusammengekniffenen Auge und dem braunen Haar, das in der Sonne glänzte, erinnerte Antonia ihn an jemanden. Jemand, dem er schon lange keinen Gedanken mehr geschenkt hatte. Jemand aus einem anderen Leben. „Du liegst schon wieder daneben, mein Lieber.“, hörte er die sanfte Stimme in seinen Gedanken sagen. „Das kommt davon, wenn Du einfach nur rätst. Sieh noch einmal genau hin, dann weißt du welcher Vogel es ist.“ Hätte er sich nicht selbst wachgerüttelt, würde er vermutlich sogar ihren Duft vernehmen, so sehr hatte er sich in sich selbst verloren.
„Das ist kein Bussard, Frau Brandt.“ Benjamin spürte, wie seine Stimme abbrach und setzte noch einmal von neuem an. „Sehen Sie die Schwanzspitze? Sie hat nicht die Form eines Fächers, eher die eines V. Das ist ein Milan. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied, den die wenigsten Menschen kennen.“ Den sie jedoch kannte. Die schönste und klügste Frau dieser Erde.
Benjamin ließ seinen Blick vom Himmel ab, verabschiedete sich noch einmal wortlos und ließ Antonia im Vorgarten zurück.
Er betätigte den oberen Knopf seiner Fernbedienung, die an seinen Autoschlüsseln hing und das weiße Tor rollte sich surrend nach oben. Zum Vorschein kam sein schwarzer Mercedes, der wie immer vor Sauberkeit strahlte. Es genügte eine Berührung des Türgriffes und das Auto entriegelte sich. Er stellte seinen Aktenkoffer in den Fußraum des Beifahrersitzes und startete den Motor. Ein weiteres Geräusch ließ ihn einen Augenblick innehalten. Eines, das mit dem Gluckern des Dieselmotors verschmolz. Benjamin sah sich um und lauschte den Tönen, die er nun als Melodie erkannte. Er streckte sich aus dem Ledersitz hoch und fischte mit zwei Fingern sein Handy aus seiner Hosentasche. Ein dunkles Display.Er drückte neben dem Lenkrad den Start-Stopp-Knopf und der Wagen verstummte wieder, das Klingeln jedoch, blieb konstant.
Das Handschuhfach. Benjamin hatte weit hineingreifen müssen, um das klingelnde Etwas herauszuziehen, welches hinter seinen CDs lag. Welches hinter die CDs gelegt wurde. Er hörte das Blut in seinen Ohren pulsieren, das sich langsam in seinem Gesicht auszubreiten versuchte. Seine Hand, mit der er das fremde Smartphone festhielt, wurde mit einem Mal schwitzig, sodass es drohte, ihm zu entgleiten. Er wusste nicht, was ihn mehr einschüchterte. Die Tatsache, dass er dieses Handy nie zuvor gesehen hatte und er der Einzige ist, der Zugang zu seinem Auto hatte oder die, dass der unbekannte Anrufer scheinbar darauf wartete, dass Benjamin den Anruf entgegennahm.

*

Das Klingeln brannte sich in sein Trommelfell und ihm kam es stetig lauter vor, sobald die Melodie immer von neuem begann, wenn sie für einen halben Atemzug aussetzte. Benjamin schien jegliches Zeitgefühl verloren zu haben, er wusste nicht wie lange er schon auf das Display gestarrt hatte. Es war ihm ein Rätsel, wie ein fremdes Smartphone in sein Auto gelangen konnte. Er bewahrte all seine wichtigen Gegenstände und Schlüssel in einem Safe auf, dessen Kombination keine Menschen Seele kennt. Was nur eine weitere Vorsichtsmaßnahme war, denn die Kombination einzugeben verlangte zunächst, den Safe zu finden. Er achtete immer genau auf alle Sicherheiten und war auf vieles vorbereitet. Zu VIEL hätte er zu verlieren. Aber ein fremdes Smartphone in seinem Auto hatte er nicht bedacht. Er ging im Kopf jede Situation durch, in der es für jemanden möglich gewesen wäre, ein Telefon in seinem Wagen zu platzieren. Er war der Einzige, der dieses Auto fuhr und sogar bei der Inspektion oder anderen nötigen Eingriffen an dem Auto war er stets anwesend und achtete darauf, dass niemand seine hellen Sitzgarnituren beschmutzte. Ein Gedanke nach dem anderen schoss wie Pfeile durch seinen Schädel, bis die Melodie aus seiner Hand ihn wieder zurück ins Geschehen holte. Ihm reichten die Grübeleien schließlich und nun handelte er schneller als sein Verstand reagieren konnte. Er zog das grüne Telefonsymbol auf dem Display nach rechts und hielt sich das Handy ans Ohr. In der Leitung knackte es und zunächst vernahm Benjamin nur ein Atmen. Dann meldete sich jemand zu Wort, dessen verzerrte Stimme ihm die Armhärchen aufsteigen ließ.
„Dieses Mal verzeihe ich dir die Verzögerung, den Anruf entgegen zu nehmen. Beim nächsten Mal erwarte ich jedoch eine schnellere Reaktion.“
Beim nächsten Mal?
„Wer ist da und was wollen Sie? Wenn das ein Scherz sein soll, kann ich nicht darüber lachen!“ Benjamins Herz schlug kräftig gegen seinen Brustkorb und drohte von innen zu zerbärsten.
„Ich werde dafür sorgen, dass du bald gar nichts mehr zu lachen hast. Du wirst meinen Anweisungen Folge leisten und genau das tun, was ich dir sage. Erstens, dieses Handy ist ab sofort dein stetiger Begleiter, egal wo du hin gehst. Zweitens, schau in der Fotogalerie nach, um eine Bestätigung dafür zu bekommen, dass ich es ernst meine.“ Der Anrufer machte eine Pause.
„Sie erwarteten doch nicht wirklich, dass ich irgendetwas tue, was mir eine alberne Stimme aufträgt. Suchen Sie sich eine andere Marionette.“
„ Früher oder später wirst du reinschauen müssen. Ein jetziger Blick würde es dir jedoch zu Beginn einfacher machen. Und ich beabsichtige faire Spielregeln.“
Ein Spiel? „Was wollen Sie?“ Jetzt schrie Benjamin in den Hörer. Er fühlte sich missachtet und beleidigt. Noch nie hatte man so herablassend mit ihm gesprochen. Er konnte die Stimme keinem Geschlecht zuordnen und auch sonst ließ sie ihn an niemanden erinnern.
„Ich möchte, dass du in die Galerie schaust, Benjamin.“
Die Stimme kennt meinen Namen.
Er konnte es sich selbst nicht erklären, wieso er den Anweisungen folgte. Aber während er weiter wütend in den Telefonhörer schrie, stellte er den mysteriösen Anrufer auf laut und suchte die App, in der die Fotos des Telefons gespeichert sind. Ein Foto. Benjamin öffnete das einzige Bild, das in der Galerie vorzufinden war und bereute es noch in derselben Sekunde.
„Das kann nicht sein. Wie zum…?“
„Glaubst du mir jetzt, dass ich es ernst meine?“ Benjamin hatte einen kurzen Augenblick vergessen, dass noch jemand in der Leitung war. Das Foto hatte ihn vollends verstört, sodass er nicht einmal bemerkt hatte, seine Gedanken laut ausgesprochen zu haben. Eine außenstehende Person würde auf diesem Bild vermutlich nur zwei Männer, um die 30 Jahre sehen, die sich in einem Vorgarten gegenüberstehen. Einer der Männer zeigte ihn selbst. Den anderen Mann, hatte Benjamin schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wenn er sich recht erinnerte, seit 11 Jahren nicht mehr. Auf den Tag genau. Für Benjamin jedoch zeigte es noch viel mehr.Er schluckte und plötzlich fühlte sich sein Mund viel trockener an, als noch vor einer Minute. Er versuchte zu atmen, doch der Sauerstoff schien nicht vollständig in seinen Lungen anzukommen.
„Habe ich dir die Sprache verschlagen? Oder vielmehr du dir selbst?“ Die Stimme hatte noch immer etwas Ruhiges in sich und schien die Fassung keineswegs zu verlieren. Im Gegensatz zu Benjamin, der die Personen in dem Garten nun mit Zeigefinger und Daumen heranzoomte.
„Woher hast du dieses Bild, du verdammtes Schwein?“ Er beschloss in die Offensive zu gehen und einen Rückschlag abzufeuern, was der Stimme scheinbar nicht entging.
„Na endlich, jetzt sind wir ehrlicher zueinander. Und um noch einmal auf deine erste Frage zurückzukommen- ich möchte nur, dass du ehrlich bist. Mir brauchst du nichts mehr zu beweisen, ich kenne die Wahrheit. Aber alle anderen belügst du und das soll sich ändern. Aber zunächst möchte ich, dass du dich nicht mehr selbst belügst. Erinnerst du dich an meine erste Anweisung? Du sollst das Handy immer bei dir tragen. Ich werde mich wieder bei dir melden. Jetzt sollst du erst einmal in dich gehen und dir einen Plan überlegen. Und da alle guten Dinge drei sind: Das Spiel hat begonnen, ich wünsche dir viel Glück. Du selbst sorgst dafür, wann und wie es endet. Und eines solltest du dir besser noch merken – ich scherze nie!“ Das letzte Wort der Stimme hallte noch in Benjamins Ohr nach und dann war die Leitung tot.

*

„Dann sehen wir uns am Mittwoch bei dir, Ben.“ Tim klopfte ihm zum Abschied auf den Rücken und gab ihm die Rolle mit dem Bauplan, den sie den Mittag über noch einmal überarbeitet hatten. Nachdem Benjamin vorhin in seiner Garage das mysteriöse Handy in dem Aktenkoffer verschwinden lassen hatte, war er mit Vollgas zu seinem besten Freund gefahren. Seither hatte er dem Gespräch mit ihm nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt und Tims Vorschläge unüberlegt zugestimmt. Dass er ihm von dem Vorfall in seinem Wagen jedoch berichten würde, kam nicht in Frage. Dies hätte vorausgesetzt, ehrlich zu sein und das war keines Falls seine Absicht. Außerdem hätte Tim ihm vermutlich nur den Rat gegeben, das Handy bei der Polizei abzugeben, was für ihn selbstverständlich noch weniger in Frage kam. Eher hätte er sich buchstäblich selbst ins Fleisch geschnitten. Es war bereits Nachmittag und Benjamin hatte das Gefühl, der Tag sei an ihm vorbeigeweht. Zu sehr war er damit beschäftigt über das Foto auf dem Smartphone nachzudenken. Auch auf dem Heimweg war die Stimme nicht aus seinem Kopf verschwunden. Wessen Gesicht auch immer hinter ihr steckte, es hat dieses Foto geschossen und Benjamin wurde das Gefühl nicht los, dass noch mehr solcher Bilder existieren. Nicht die Tatsache, dass sie existieren machte ihm Angst, eher die, dass die Person mehr wusste, als sie wissen dürfte. Als jeder wusste.
Er passierte gerade den Stadtkern von Rade, da vibrierte etwas neben ihm, was vom Beifahrersitz herrühren musste. Ohne zu überlegen und mit einer Hand am Steuer griff er in die Aktentasche und fingerte das fremde Smartphone heraus. Er entsperrte das Display schneller, als den Blinker zum Abbiegen zu betätigen. Ihm blieb noch ein Atemzug, in dem er bemerkte, dass weder ein Anruf noch eine Nachricht empfangen wurde, bis er so feste auf die Bremse treten musste, dass sein Wagen zu ruckeln begann und schließlich zum Stehen kam. Die junge Frau auf dem Zebrastreifen war beängstigt zur Seite gesprungen und zeigte Benjamin nun, zwei Meter vor der Kühlerhaube, den Mittelfinger. Beschwichtigend hob er die Arme und fuhr im Schritttempo weiter. Er schaute auf die Mittelkonsole, in der sein privates Handy lag und sah die Nachrichtenleuchte blau aufblinken. Durch den ganzen Stress hatte er sein eigenes Smartphone völlig vergessen.
Der Mercedes glitt durch seine wenig bewohnte Straße, in der Benjamin ihn schließlich zurück in die Garage lenkte. Antonia war scheinbar noch immer mit der Gartenhütte beschäftigt, da ihr Fahrrad unberührt an dem Tor der Einfahrt lehnte. Er beschloss sie später zu begrüßen und trat ins Haus ein. Er musste sich erst einmal einen Plan überlegen. Irgendetwas, das den unbekannten Anrufer davon abbrachte, Benjamin erpressen zu können. Jemanden davon zu erzählen, schied aus. Ebenso ein Besuch bei der Polizei. Die Sache musste er also selbst in die Hand nehmen. Er lehnte die Rolle mit dem Bauplan hochkant an den langen Esstisch und bemerkte erst dann einen Gegenstand auf dem Tisch, der heute Vormittag noch nicht dort gelegen hatte. Es war ein braunes Päckchen, dessen Ränder feinsäuberlich mit Paketband verschlossen waren. Benjamins Herz schoss heute nun schon zum dritten Mal in die Höhe. Wie gelang ein Paket in sein Haus? Er hob es vorsichtig an und betrachtete es von allen Seiten, bis ihm eines klar wurde – das Paket hatte keinen Absender.

*

Benjamin musste wie ein Verrückter ausgesehen haben, als er die Tür zur Gartenhütte aufriss. Jedenfalls fühlte er sich so, als Antonia ihn mit erschrockenen Augen und faltiger Stirn ansah.
„Wer war in meinem Haus?“ Er stützte sich am Türrahmen, um nicht weiter in die Hütte hinein zu schwanken.
„Entschuldigen Sie, ich verstehe nicht recht. Geht es Ihnen nicht gut?“
„Das Paket! Auf dem Tisch liegt ein verschlossenes Paket. Sie müssen doch mitbekommen haben, wer sich Zutritt zum Haus verschafft hat.“
Die Augen der jungen Frau wurden nun wieder schmaler und Benjamin vermochte ein Lächeln erblickt zu haben.
„Ich habe es dort abgelegt, nachdem der Paketlieferant es mir am Gartentor überreicht hat.“ Dabei legte sie das Gewicht ihrer Stimme auf die Worte „Ich“ und „Paketlieferant“. Vermutlich dachte sie, dass er sie sonst nicht verstehen oder noch blasser werden könnte. Die Erleichterung breitete sich in ihm aus und wortlos und ohne noch einmal auf seine ahnungslose Haushälterin zu schauen, drehte er sich zum Gehen um.

Als er sich erneut über das unbekannte, kartonfarbige Päckchen beugte, hatte er sich mit einer Schere bewaffnet, die sich gleich durch das Klebeband kämpfen sollte. Ein Rätsel war bereits gelöst – das Paket war nicht von einer fremden Person, sondern lediglich von Antonia ins Haus gelegt worden. Ein weiteres Rätsel, nämlich wer der Absender war, galt es noch zu lösen.
Das Spiel hat begonnen. Er hatte nicht erwartet, dass die Worte der Stimme buchstäblich gemeint waren.
Ihm blieb keine Wahl, wenn er dem Spuk ein Ende setzten wollte, bevor er erst richtig angefangen hatte. Mit einem Zischen glitten die scharfen Seiten der Schere durch das Paketband. Als sich die oberen Deckel öffnen ließen, holte er zunächst zwei Hände voll Verpackungsmaterial heraus, bis ein Kästchen zum Vorschein trat. Er schob den Karton zur Seite und bereitete sich darauf vor, der metallische Verschluss des schlichten Holzkästchens zu öffnen. Nichts, aber auch wirklich nichts hätte ihn darauf wappnen können, was er darin, auf einem kleinen Kissen vorfand. Es war ein Knopf und Benjamin erkannte ihn sofort. Er hätte es nie für möglich gehalten, dass ein Knopf ihn dermaßen in Angst versetzen konnte. Wenn er sich recht erinnerte, hatte er eine solche Panik, die ihm nun in seine Glieder fuhr, seit langer Zeit nicht mehr erlebt. Nicht nur die Tatsachen, dass er genau diesen kleinen Gegenstand erkannte, ließ ihn ins Schwitzen geraten, sondern vielmehr, dessen Herkunft. Er nahm den Knopf aus seiner weichen Ruhestätte und drückte ihn gedankenrasend in der Hand, bis sich seine Knöchel weiß färbten. Der Knopf hätte nicht hier sein dürfen, Er müsste tief unter der Erde vergraben liegen, befestigt an einem Hemd, das er früher geschmückt hatte und getragen von dem Mann, der noch immer dort unten ruhen müsste.
Müsste. Denn wenn der Knopf, der nun Benjamins Hand bluten ließ, wahrhaftig hier war, musste ihn jemand ausgegraben haben und mit ihm vermutlich den toten Körper.

*

Tagebucheintrag

Liebes Tagebuch

Man hat der sich heute in die Hose gemacht. Wie ein jämmerliches Kind. Das Handy hat ja schon eingeschlagen wie eine Bombe, aber das Paket… Wie er panisch zur Gartenhütte gerannt und dabei fast die Stufen am Eingang runtergestolpert ist. Am besten aber war sein Gesicht, als er den Knopf gesehen hat, noch besser als dieses „Willst du mich verarschen-Gesicht“ in seinem Auto, als ich unser Telefonat beendet hab. Mein Plan nimmt Gestalt an. Ich habe viel in dich gesetzt, Benjamin Vasener. Jetzt musst du mir nur noch beweisen, dass du ein guter Spieler bist. Wenigstens halb so gut wie ich. Wenn du wüsstest, dass das erst der Anfang ist und was ich noch alles für dich geplant habe. Was machst du als Nächstes, mein Lieber? Zur Polizei zu gehen oder jemandem zu erzählen bringt dir ja nichts, also? Ich wette dafür, dass du zur Schaufel greifst. Ich möchte nur Gerechtigkeit und einmal deine pure Angst riechen. Enttäusch mich nicht!

*

Benjamin Vasener

Es war bereits dunkel geworden und Benjamin hatte Antonia verabschiedet, nachdem er das leere Paket in die Papiertonne geworfen und den Knopf in seinem Tresor verschlossen hatte. Gedankenverlorene Stunden verstrichen, bis er schließlich in sein Ankleidezimmer gegangen war und sich in schwarz ankleidete. Seine Standuhr zeigte gerade kurz vor halb eins, als er wie eine Katze leise durch den Salon und hinaus in die Nacht schlich. Die Dunkelheit verschluckte ihn und es umgab ihn eine Stille, in der weder eine Eule in den Nachthimmel rief noch das mysteriöse Handy sich mit einer Melodie meldete. An der Gartenhütte angekommen schaute er hinauf in die Sterne, die nur vereinzelnd von Wolkenkissen verhüllt wurden. Auch der Milan schien sich im Wald hinter dem Haus zur Ruhe gelegt zu haben. Er schloss die hölzerne Tür zur Hütte auf und nahm die Spitzschaufel zur Hand. Der Mond leuchtete Benjamin einen silbrigen Weg bis zu der großen Haselnuss. Insgeheim hoffte er, dass niemand einen Blick in seinen Garten und zu dem hochgewachsenen Baum sah. Er würde sich heute noch einmal die Finger schmutzig machen müssen und keine Menschenseele durfte dabei zusehen. Er wünschte sich die Augen einer Katze, die sich in dieser Dunkelheit zurechtgefunden hätten, auch ohne die kleine Taschenlampe, die er früher oder später einschalten musste. Spätestens dann, wenn er sich über den toten Körper beugen würde, den er zu entdecken hoffe. Ihm fiel auf, wie verrückt das klingen musste, wenn er jemanden erzählen würde, unter der Erde einen Leichnam zu erhoffen, aber genau das würde über alles entscheiden. Über sein eigenes Schicksal. Und ehe er noch Platz für weitere Gedanken machen konnte, stach er mit der Schaufel in die feste Erde, genau an dieser Stelle, in der er schon elf Jahre zuvor gegraben hatte.
Vor dem Stamm des Haselnussbaums häufte sich bereits ein großer Berg Erde an und Benjamin stieß hin und wieder auf eine Wurzel, die sich die Jahre über ihren Weg erkämpft hatte. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren und zählte die Stunden anhand seiner Schaufelzüge. Er wusste nicht einmal wie ein Mensch nach so vielen Jahren unter der Erde aussah. Wie sich die kleinen Tiere durch Haut und Kleidung fressen würden und ob überhaupt noch menschliche Züge zu erkennen waren. Die große Plastikplane, in der er ihn damals eingewickelt hatte, hielt vermutlich das ein oder andere Tier auf, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass ihm dort unten etwas Grauenvolles erwartete. Inständig hoffte er es. Und mit dieser Hoffnung in der Brust stieß die Schaufel auf etwas weiches, das Benjamin nun freikratzte.
Die Plane, es war die Plastikplane. Jedenfalls hatte sie Ähnlichkeit mit der, die er in Erinnerung hatte. Und langsam enthüllte sich, zusammen mit einer Erleichterung in seinem Körper, ein großes dunkles Bündel, ummantelt von einer Plastikschicht. Mit zittrigen Händen drückte er die Schaufel bis zum Stiel in den Erdhaufen neben sich und erledigte den Rest mit seinen Händen, die in Lederhandschuhen steckten. Dazu war er bereits selbst bis zur Hüfte in das Loch gestiegen. Sein Rücken schmerzte von den schweren Schaufelzügen und bald wurden ihm auch vom Buddeln die Hände taub, was er ignorierte. Drei Herzschläge weiter hatte er es geschafft – die Plane lag bereit, um geöffnet zu werden. Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und zog den Rand zur Seite. Der Gestank, der sich während des Schaufelns schon in seiner Nase ausbreitete, schlug ihm nun wie ein Baseballschläger ins Gesicht. Er musste seinen Kopf unweigerlich zur Seite drehen, sonst hätte er sich vermutlich auf der Stelle übergeben. Ein zweiter, gewagter Blick ließ ihn eine modrige Leiche erkennen. Benjamin griff nach seiner Taschenlampe und hoffe, dass niemand den kalten Lichtstrahl sehen würde, auch wenn er hinter dem Baum versteckt und gebückt in dem Grab stand. Würde er nicht wissen, dass vor ihm ein Mann lag, hätte er nicht einmal erkannt, dass dieses Wesen menschlichen Ursprungs ist. Lediglich die zerfetzte Kleidung, deutete darauf hin. Sein Blick fiel sofort auf das Hemd und den Sakko, die nass und verdreckt an dem Körper, oder viel mehr, was davon noch übrig war, klebten. Benjamin wusste, dass dieses Jackett einst äußerst edel ausgesehen hatte, genau wie der Knopf, der oben verschlossen in seinem Tresor ruhte. Er leuchtete nun an diese Stelle, an der die Knöpfe festgenäht waren und entdeckte nur einen. Er war sich nicht sicher, ob seine Augen ihn trogen oder der eine Knopf tatsächlich fehlte. Unter diesem Dreck konnte er nur mutmaßen, was er sah. Eines war er sich jedoch sicher: Der Knopf, der noch immer an dem Jackett hing, war in einem grauenvollen Zustand, ganz anders, als der Knopf im Tresor. Er konnte die vielen Jahre nicht dort unter der Erde gelegen haben. Jemand muss ihn ganz zu Beginn schon entnommen haben, vor elf Jahren. Und dieser jemand wusste alles über ihn. Alles.

*

Antonia Brandt

Die zierliche Frau hatte bereits alle Hausarbeiten, die an einem Sonntag anfallen, erledigt und war nun damit beschäftigt, das Mittagessen zuzubereiten. Sie stellte gerade die Porzellanteller und das Besteck auf den Tisch, als Benjamin hinter ihr aufgetaucht war und sich still auf seinen Platz setzte. Er sah müde aus und die Blässe schien seine Sonnenbräune aus dem Gesicht zu saugen.
„Lange Nacht gehabt?“ Antonia deutete grinsend nach oben, wo sich sein Schlafzimmer befand.
„Nur schlecht geschlafen.“ Erwiderte Benjamin, den Kopf zur Seite gelehnt und gab ihr tonlos zu verstehen, dass heute keine Frau die Treppe hinunter stürmen würde.
„Ich wusste nicht, wann Sie zu Tisch kommen würden und da schon Mittag ist, habe ich das Frühstück umgangen und Ihnen eine Suppe gekocht.“ Sie nahm den Deckel von dem Topf ab und ein heißer Dampf stieß ihr ins Gesicht. Würde sie eine Brille tragen, wäre sie vollends in Nebel gehüllt.
Während des Essens erzählte Antonia ihm von ihren Plänen zur Vorbereitung für den Winter und welche Sommermöbel aus der Gartenhütte für die nächste Saison erneuert werden müssen. Selbst nach dem Bar-Projekt, für das er sich gestern noch mit Tim Feldmann getroffen hatte, erkundigte sie sich bei ihm, um ein Gespräch aufzubauen. Doch immer, wenn sie einen Punkt setze und fragend in seine Richtung starrte, ließ er nur einsilbige Antworten von sich geben. Bis zu dem Punkt, an dem es in seiner Hosentasche laut vibrierte und er mit fassungslosem Gesicht den Löffel fallen ließ. Suppe spritzte auf die Tischdecke und auf sein Hemd, was ihn zu Antonias Verwunderung scheinbar nicht kümmerte, denn er holte nur stumm das Handy heraus und tippte, mit einer Hand unter dem Tisch, darauf herum. Sie hatte schon die Servierte herausgeholt und tupfte die Tischdecke ab, als es dem Mann vor ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.
„Herr Vasener, geht es Ihnen wirklich gut? Gestern sahen Sie schon kränklich aus und heute scheint es Ihnen noch schlechter zu gehen.“
Er schob den Stuhl kratzend nach hinten, fuhr hoch und schaute sie mit seinen braunen Augen, die heute noch dunkler zu sein schienen, an.
„Frau Brandt…Antonia, bitte.“ Er stieß lauten Atem aus und fuhr fort. „Nehmen Sie sich den Nachmittag heute einfach frei, unternehmen Sie etwas mit ihrer…ihren Freunden und wir sehen uns morgen wieder.“ Das Wort Familie hatte ihm auf der Zunge gelegen, das wusste Antonia. Ihm schien gerade noch rechtzeitig eingefallen zu sein, dass sie hier in der Umgebung keine Familie mehr hatte. Ihre Mutter lebte in Hamburg, zu der sie sporadischen Kontakt hielt. Und das auch nur, wenn es wirklich von Nöten war. Ihr würde sicher auch nicht auffallen, wenn ihre Tochter eines Tages gar nicht mehr anrufen würde.
„Soll ich wenigstens noch abräumen?“, fiel sie sich selbst in die Gedanken, aber Benjamin war bereits mit Jacke über der Schulter schwingend, hinausgestürmt.

*

Benjamin Vasener

Der Wind kühlte seine pochenden Wangen ein wenig ab. Mit den Händen in den Jackentaschen versteckt lief er geradewegs die kleine Straße hinab und bog rechts neben der Telegrafenstraße in den Wald ab. Er war wütend und bebte innerlich. Wie hatte er nur so unvorsichtig sein können. Elf Jahre lang hat keine Menschenseele eine Frage gestellt. Wieso auch? Er hatte alles bis ins Detail geplant, es konnte ganz einfach kein Schlupfloch geben. Aber seine impulsgesteuerte Unüberlegtheit nagte an ihm, wie ein hartnäckiges Tier. Er stellte sich an den Rand des runden Sees, dessen Wasser schon einige bunte Blätter trug. Das eckige Handy drehte er in seiner Hand, die noch immer in der Tasche steckte, bis er noch einen Blick darauf wagte. In der Bildergalerie abgespeichert öffnete er das Bild, dass ihm vor ein paar Minuten den Puls in die Unendlichkeit schießen lassen hat. Es zeigte ihn. In dunkel gekleidet und über ein ausgehobenes Grab gebeugt. Dabei konnte man Benjamins Gesicht auf dem Foto, das offensichtlich durch eine Wildkamera aufgenommen wurde, deutlich erkennen. Die Person, die das Foto gesendet hatte, wusste, dass er als erstes nachsehen würde, ob die Leiche noch vergraben war, nachdem er den Knopf erkannte. Und Benjamin war geradewegs ins Feuer gelaufen, gesteuert durch Panik. Er fühlte sich wie eine Marionette. Noch einmal las er die Worte, die mit dem Bild gesendet wurden: „Versuche erst gar nicht zu fliehen, du wirst mir nicht entkommen. Eher müsstest du mich ebenfalls unter die Erde kriegen. Du hörst von mir.“
Ihm wurde schwindelig. Er hatte bereits Nachrichten zurückgeschickt, mit Anforderungen, ihn in Ruhe zu lassen. Selbst eine hohe Summe Geld hatte er geboten, damit endlich Ruhe ist. Keine der Nachrichten ist zugestellt worden. Er konnte das Hämmern in seinem Kopf buchstäblich hören, als ein Gedanke nach dem anderen vorbeirauschte. Es musste jemand sein, der ihm wahrhaftig schaden und sich für Benjamins Taten rächen wollte. Doch der einzige, der ihm einfallen würde, lag in seinem Garten neben der Haselnuss begraben, was er sich letzte Nacht mit eigenen Augen erneut bestätigte. Natürlich gab es jemanden, den er einst zutiefst verletzt hatte, viel mehr als all die bedeutungslosen Frauen, die sich abwechselnd mit ihm das Bett teilten. Aber er wusste sie in Sicherheit, weit entfernt von ihm. Vermutlich würde sie nach all den Jahren keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden. Vorgestern hätte er noch seine Hand für sie ins Feuer gehalten, doch er fühlte, dass sich etwas geändert hatte.

Benjamin war sich nicht sicher, wie lange er dort an dem See gegrübelt hatte, aber schließlich hatte er sich etwas überlegt. Etwas, von dem er nicht wusste, ob das ein kluger Schachzug war oder er sich in das nächste Unheil stürzte. Er fürchtete eine weitere Benachrichtigung von der Stimme und es gab nur einen Weg, sich davor zu schützen. Er holte weit aus und schleuderte das Handy so weit er konnte nach vorn, bis es von der Tiefe des Sees verschluckt wurde. Dann atmete Benjamin auf.

*

Diese Nacht schlief er ruhiger, als die Vergangene. Er erinnerte sich beim Einschlafen an das Geräusch, als das Handy die Wasseroberfläche durchbrach. Seither waren bei ihm keine Pakete, Anrufe oder andere Benachrichtigungen eingegangen. Er lag einfach nur da und lauschte dem leisen Rauschen hinter seinen Trommelfeldern.
Als er seine Augen öffnete, war es noch nachts. Die genaue Uhrzeit konnte er nur verschwommen entziffern. Jedenfalls etwas mit einer drei am Anfang. Er drehte sich um und es fuhr ihm wie ein Donnerschlag durch all seine Glieder. Er konnte sich nicht rühren, nicht schreien. Nur noch seinen eigenen Atem hören. Neben seinem Bett auf dem Ohrensessel saß jemand. Er konnte den Blick der Gestalt förmlich unter seiner Haut fühlen. Sein Körper zitterte, Schweiß trat aus allen Poren und blieb kalt am Rücken und auf der Stirn kleben. Die Gestalt erhob sich, trat näher an ihn heran.
Nicht noch näher. Nicht berühren! Benjamin versuchte aufzustehen, die Bettdecke wegzutreten, aber sein Körper erschlaffte unter ihm und hielt ihn mit einer Wucht auf der Matratze, die er sich nicht erklären konnte. Unsichtbare Hände schienen ihn tiefer in sein Bett zu drücken, den Blick weiter fest auf der Gestalt, die nun vor seinem Bett im Zimmer auf und ab lief. Links. Rechts. Links. Rechts. Links. Der Blickkontakt brach in keiner Sekunde ab, bis gewaltige Kräfte Benjamin zurück in die Dunkelheit zogen.

Jedes Körperteil schmerzte ihm und sein Kissen fühlte sich an wie aus Stein. Egal in welche Richtung er seinen Kopf drehte, es hämmerte und pochte unter der Schädeldecke. 9:46 zeigte seine Uhr auf dem Nachttisch. Er fuhr sich mit den Händen durch die verschlafenen Augen und richtete sich ein wenig auf, bis er an seinen Füßen Feuchtigkeit spürte. Er stieß die Bettdecke zur Seite und schrak entsetzt hoch. Seine Füße waren von dunkelrotem Blut umgeben. Sofort suchte er nach einer Wunde, konnte jedoch nichts ausmachen, zudem er auch keinen Schmerz verspürte. Es war nicht sein Blut.
Erinnerungen schossen durch sein Hirn und blitzschnell drehte er sich zu dem Sessel zu seiner Rechten um. Leer. Doch er war sich sicher, dass er in der Nacht von einer Person beobachtet wurde. Sein Blick verfolgte die Stelle, an der die Gestalt auf und ab gelaufen war und entdeckte dabei blutige Fußspuren, die von draußen herein bis in sein Bett führten. Es waren seine Fußspuren. Er traute sich kaum zu atmen und so geräuschlos wie er konnte, stand er auf und folgte der Blutspur. Sie führten rechts aus dem Schlafzimmer hinein ins Bad. Dort endeten sie vor der Eckbadewanne. Er leckte sich Schweißperlen von der Oberlippe, wankte mit kalten Füßen zur Wanne und beugte sich über sie. Der Boden war rotgefärbt und eine kleine Menge Blut rinn zum Abfluss und wurde von ihm eingesogen. Es sah aus, als hätte Benjamin mit blutigen Füßen in der Wanne gestanden und wäre dann wieder zu Bett gegangen. Nur konnte er sich an keiner dieser Aktionen erinnern. Aber wessen Blut war es?Was hatte er letzte Nacht getan? Ehe er sich etwas einfallen ließ, das Blut zu beseitigen, bevor Antonia kommen würde, vernahm er ein Geräusch und folgte diesem zurück ins Schlafzimmer. Es war ein bekanntest Geräusch, eine Melodie, die er vor ein paar Tagen noch in seinem Auto gehört hatte. Ein Handy lag auf seinem Nachttisch und zeigte einen eingehenden Anruf. Es war wieder da.
Das Spiel hat begonnen, viel Glück. Immer wieder hallten diese Worte durch Benjamins Ohren. Und langsam stieg in ihm das Gefühl hoch, dass er dieses Spiel nicht gewinnen würde, zumal er nicht einmal die Spielregeln verstand.

*

Tagebucheintrag

Liebes Tagebuch

Das Spiel nimmt seinen Lauf. Ich konnte seine Angst letzte Nacht beinahe riechen. Dann das Zittern in der Stimme, was er noch versucht hat zu verbergen, als er endlich an meinen Anruf gegangen ist. Er kann auch dieses Handy in den See werfen, es wird immer ein Neues geben. Und dann diese Reaktion auf meine nächste Anweisung. Mal sehen ob er pünktlich erscheint oder ob er zuerst wieder durchdreht. Ich hatte ein bisschen mehr Durchhaltevermögen von ihm erwartet. Er hat auch schön brav das ganze Blut weggewischt und das Bett neu bezogen. Auch wenn es vollkommen unnötig war, die Bettwäsche mit dem Blut dann im Kamin zu verbrennen, um keine Spuren zu hinterlassen. Wenigstens hat er sich diesmal besser angestellt, als in der Nacht, in der er um sein Leben gebuddelt hat.
Ich bin schon gespannt wie viel Mut er heute Abend beweisen wird. Und noch gespannter, wie weit er gehen wird, um sein Geheimnis zu wahren.

*

Benjamin Vasener

Er wusste absolut keinen anderen Ausweg, als den Anforderungen der Stimme zu gehorchen. Sie hatte ihm versichert, dass er nur eine Prüfung bestehen musste und das Spiel damit ein Ende hätte. Auf dem Bildschirm des neuen Handys, tauchte eine Landkarte auf. Der große blaue Punkt, zeigte genau auf sein Haus, was ihm verriet, dass das GPS genau wusste, wo er sich befand. Weiter nördlich von ihm, wehte ein rotes Fahnensymbol, das mittig in einem Wald steckte. Er kannte die Wälder zwar gut, doch was sich an dieser Stelle befand, ahnte er noch nicht. Benjamin wusste nur, dass er heute um dreiundzwanzig Uhr dort erscheinen musste. Das Handy würde ihn zum genauen Ort navigieren. Was ihn dort erwartete, wollte er sich nicht ausmalen, keinen Gedanken daran verlieren, welcher Preis diese Prüfung von ihm abverlangen würde.
Antonia hatte sich auf den Weg gemacht, für ihn einzukaufen. Das verschaffte ihm ein wenig Zeit, sich ohne ihre Anwesenheit auf den heutigen Abend vorzubereiten. Er wusste nicht einmal, welche Kleidung er tragen sollte, oder ob er irgendwelche Gegenstände mitnehmen musste, die ihn vielleicht bei der Prüfung helfen würden. Er fand es albern und in ihm wütete ein Sturm, der nur darauf wartete, alles in seiner Umgebung gnadenlos umzureißen. Aber er hatte keine Wahl, er musste sich zügeln.

Viertelnach zehn. Die Standuhr im Salon tickte vor sich hin, als Benjamin die Tür aufzog und in der Nacht verschwand. Er hatte ein déjà-vu. Das letzte Mal, dass er dunkel gekleidet und mit einem lückenhaften Plan hinausschlich, endete mit einem Erpresserfoto, bei dem er mit einer Schaufel ein Grab ausschachtete. Und ihm bangte davor, wie diese Nacht enden würde. Mit einem Stein im Magen schloss er das Gartentor hinter sich und startete die Navigation auf dem Handy. Ihm war klar, dass er den Weg ohne sein Auto aufnehmen musste, denn schon nach wenigen Minuten, befand er sich im tiefsten Wald und konnte den Trampelpfad nur mutmaßen. Er sah sich nicht um, ließ den Blick nur zwischen dem Handy und seinen Füßen gleiten. Sich umzusehen würde ihm die Panik noch höher steigen lassen, die tief in seinem Inneren brodelte. Der blaue Punkt auf der Karte wanderte immer tiefer in den Wald und zeigte nur noch eine Entfernung von drei Minuten an. Ein Käuzchen schrie über ihm in einem hohen Baum. Vielleicht war es eine Warnung, nicht weiterzugehen, einfach umzudrehen, das Handy wegzuschmeißen und um sein Leben zu rennen. Der Waldboden knackte unter seinen Schuhen. Es war lächerlich, wie er den Anweisungen einer gesichtslosen Person Folge leistete. Genauso lächerlich, wie ein Handy, das erst in einem verschlossenen Auto auftauchte und dann in seinem Schlafzimmer, während er schlief. Noch zwei Minuten. Es schien dunkler zu werden, je weiter Benjamin in den Wald ging. Lächerlich war es auch, einen Knopf zugeschickt zu bekommen, der eigentlich bei einem toten Mann unter der Erde liegen sollte. Noch eine Minute. Er lief im Takt seines pulsierenden Herzens immer weiter auf das rote Fähnchen zu. Er stellte die Helligkeit des Displays nun so dunkel es ging, er fühlte sich beobachtet. Er konnte die Augen auf seiner Haut förmlich spüren, die jeden Schritt von ihm verfolgten.
Wie die Gestalt im Schlafzimmer. Das nächste Rätsel, das er noch immer nicht begreifen konnte. Er hatte sich in seinem Bett nicht rühren können und er hätte womöglich gedacht zu träumen, wenn er die Anwesenheit einer Person nicht gespürt hätte.
„Sie haben ihren Zielort erreicht.“ Der blaue Punkt lag jetzt genau auf der roten Fahne und schien mit ihr zu verschmelzen. Die Stimme aus dem Navigationssystem hätte ihm nicht verraten brauchen, dass er angekommen war, denn er erkannte es schon durch die Äste hindurch. Er stand vor einer kleinen Waldhütte. Kein Licht und kein Geräusch weit und breit, bis das Handy in seiner Hand vibrierte und eine Nachricht anzeigte-
Hereinspaziert! Panisch schaute Benjamin in alle Richtungen. Er wurde tatsächlich beobachtet und es graute ihm davor, die Tür zu diesem Schuppen zu öffnen. Noch mehr aber, die Anweisungen zu verweigern.
Der schmale Türgriff fühlte sich eisig an und beim Eintreten wurde er in einen modrigen Geruch gehüllt. Das Innere war beinahe leer. Er fand bloß einen verlassenen Tisch mit einem Stuhl in der Mitte des Raums vor. Langsam trat er näher und erkannte eine kleine Tischlampe, die er anknipste und sich sofort im Raum umsah. Der Schuppen hatte nur ein kleines Fenster und war auch von Innen mit Holz verkleidet, in dessen Lücken sich sicherlich so manches Getier verkroch. Am liebsten hätte er sich geschrumpft und wäre zu ihnen gekrabbelt, versteckt und in Sicherheit, vor wem auch immer. Der Lichtstrahl der Tischlampe offenbarte einen Zettel, der auf etwas Stoffartigem lag. Beim näheren Betrachten entpuppte sich der Stoff als ein Geschirrtuch.
Das Handy, das er noch immer fest in seiner Faust hielt, vibrierte wieder und Benjamin ließ es beinahe fallen.
Nimm Platz und lass dir eine Geschichte erzählen. Er gehorchte und legte das Handy, den Nachrichtenverlauf noch immer geöffnet, neben sich auf den Tisch.
Er brauchte einen Moment bis die Augen sich an das hellerleuchtete Papier gewöhnt hatten und die Handschrift entziffern konnten.
„Benjamin! Sprach die Frau Mama, Ich geh aus und du bleibst da. Sei hübsch ordentlich und fromm. Bis nach Haus ich wieder komm‘. Und vor allem, Benjamin, hör‘! Lutsche nicht am Daumen mehr. Denn der Schneider mit der Scher‘ kommt sonst ganz geschwind daher. Und die Daumen schneidet er ab, als ob Papier es wär‘.
Benjamin ließ das Papier fallen, sprang auf und ließ den Stuhl krachend nach hinten umfallen.
Der Struwwelpeter. Er kannte diese grauenhafte Kindergeschichte. Dabei hatte man den kleinen „Konrad“ durch seinen eigenen Namen ersetzt. Das Kind, das nicht hören wollte und zur Strafe…Benjamin wollte diesen Gedanken nicht fortsetzen und pure Wut stieß nun aus ihm heraus.
„Was willst du von mir?“ Jetzt rannte er, armewerfend durch den kleinen Raum, drückte sein Gesicht an die Scheibe und schrie in die Dunkelheit. Das Fenster spiegelte bloß sein eigenes Gesicht. Er war bereits auf dem Weg zur Tür, gefasst sie aufzutreten und hinauszustürmen, doch die Vibration auf dem Tisch, ließ ihn innehalten. Er lief zurück zu dem Handy, las die Nachricht-
Habe ich jetzt deine Aufmerksamkeit? Das ist deine Aufgabe. Erfülle sie und ich keine Menschen Seele, wird von deinem Geheimnis etwas erfahren. Schau zu Boden und suche das Kreuz. Darunter befindet sich etwas, das du noch benötigst.- und warf in diesem Zuge mit einer Armbewegung die Lampe vom Tisch.
„Sind wir hier bei Hänsel und Gretel? Hast du Spaß daran, du perverses Schwein?“ Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und ließ seine Augen über die Holzdielen gleiten, bis er direkt neben dem Stuhl ein, ins Holz geritztes Kreuz erkannte. Mit heißem Gesicht und zusammenpressten Kiefern zog er die Paneele aus ihrer Verankerung. Im selben Moment sprang er nach hinten weg und ein kurzes Zucken, gefolgt von kaltem Schweiß, ließ seinen Körper erstarren. Unter der Diele lag eine Axt und er wusste in dieser Sekunde, dass das alles andere, als ein Spiel war.
Er nahm das schwere Werkzeug heraus und ging erneut zum Tisch, auf den er die Lampe wieder aufstelle. Das Papier, das er zuvor aus Wut auf die Tischplatte gehämmert hatte, war auch von der Rückseite beschriftet.
Du weißt wie die Geschichte endet. Ich gebe dir die Chance, es selbst zu tun. Wenn du allerdings ein Feigling bist dann muss ich dir wohl helfen, und du weißt was dann kommt…Bauz da geht die Türe auf und herein in schnellem Lauf, springt der Schneider in die Stub…! Also, wie weit würdest du für dein Geheimnis gehen?
Benjamin wusste genau, wie die Geschichte vom kleinen Konrad endete. Der Schneider schnitt ihm die Daumen ab. Es rauschte in seinen Ohren mittlerweile so laut, dass er das Gefühl hatte, in einem Helikopter zu sitzen. Seine Lungen schmerzten von den vielen kurzen Atemzügen. Er öffnete den oberen Knopf seiner Jacke und streckte seinen Hals weit heraus, um Luft zu schnappen. Seine Wut floss noch immer bis in die Fingerspitzen.
„Du bist krank! Das ist kein Spiel du Psychopath! Ich werde dich finden und du würdest dir wünschen, dich nie mit mir angelegt zu haben.“ Er raufte sich die Haare und fixierte mit seinem Blick die Axt. Jetzt hatte auch das Geschirrtuch einen Sinn. Dieser kranke Kerl wollte, dass er die abgeschnittenen Fingerstummel darin einwickelte.
„Wie aufmerksam, danke!“, schrie er und Speicheltropfen nässten das Papier.
Wie weit würdest du für dein Geheimnis gehen… Und wenn er sich die Daumen nicht selbst abschlug, würde dieses Schwein das für ihn übernehmen. Er konnte nicht richtig atmen, nicht mehr klarsehen und erst recht nicht mehr klar denken. Das Display des Handys erhellte sich wieder und eine digitale Uhr zeigte drei Minuten. Die Sekundenzahlen liefen rückwärts ab.
Benjamin sank auf die Knie, vergrub alle Finger in seinen Haaren und zum ersten Mal, seit er sich erinnern kann, liefen ihm die Tränen über die Wange. Sie waren echt, viel echter, als er selbst es war.

*

Die Sekunden verrinnen schneller, als er erfassen konnte. Es war bereits keine volle Minute mehr übrig und er setzte sich krampfhaft auf den Stuhl. Er musste es tun, ihm blieb keine Wahl. Er schob das Papier zur Seite, breitete das Tuch auf dem Tisch aus und legte seine linke Hand darauf. Er spreizte die Finger auseinander. In die Rechte nahm er die Axt, die ihm gleich wieder zu entgleiten drohte. Er zitterte am ganzen Körper. Die Tränen lagen wie ein See in seinen Augenliedern. Die Uhr zeigte noch neunzehn Sekunden. Er ließ die Hand mit der Axt sinken und kniff die Augen zusammen.
Sei kein Feigling. Tu es! Komm schon!
Panisch schaute er Richtung Tür, an der jemand von außen kratzte.
Er ist hier. Er kommt.
Acht Sekunden. Er wimmerte, dann schrie er, doch kein Ton wollte seine Lippen überqueren. Glückliche Gedanken verkrochen sich in die hintersten Ecken seines Gefühlsreichtums und dann holte er aus. Noch drei Sekunden. Er schrie, die Axt bereit zum Schlag und dann vibrierte ein Handy.
Fassungslos blickte Benjamin auf das Smartphone, das neben seiner Hand auf dem Tisch geruht hatte und ließ im gleichen Atemzug die Axt herunterpreschen.
Die Klinge schlug mit einem Schmettern in das Holz der Tischplatte und blieb stecken. Benjamin nahm seine unversehrten Hände und betete stumm zu einem Gott, an den er schon seit langer Zeit nicht mehr geglaubt hatte.
So weit würdest du gehen? Du scheinst wirklich und wahrhaftig Angst zu haben. Die Textnachricht prangte oberhalb der Uhr, die bei einer Sekunde zum Stillstand gekommen war. Er konnte die Reihe der Ereignisse nicht realisieren, wechselte immer wieder den Blick zwischen seiner Hand, der Axt und der Tür.
Die Tür! War er noch hier?
Eine zweite Nachricht auf dem Display rückte die Erste eine Reihe höher –
Du würdest wirklich alles dafür tun, dein Geheimnis zu wahren, oder? Niemals würdest du für deine Taten bezahlen. Und jetzt lauf um dein Leben, noch eine Chance bekommst du nicht.

Benjamin hatte keinen Herzschlag gezögert. Er steckte das Handy in die Jackentasche, stieß die Tür auf und der Duft nach Lavendel gemischt mit der kalten Waldluft schien seine Lungen zu entfalten und dann rannte er. Um sein Leben.

Er wusste nicht, wie lange er orientierungslos durch den Wald gelaufen war, bis er endlich die Klinke zu seinem Gartentor fest umklammerte, bevor er sie runterstieß und so schnell seine Beine ihn noch trugen, Zuflucht in seinem Haus suchte. Er schloss die Haustür zweifach ab und jagte die Treppe hinauf in den ersten Stock. Der Schmutz nagte an seinem Körper und er musste sich abduschen. Er schmiss das Handy und den Schlüssel auf die Badematte und stellte sich mit seiner Kleidung unter das warme Wasser. Erst, als er vollständig durchnässt war und er unter der schweren Kleidung zusammenzubrechen drohte, entledigte er sich dieser und ließ das Wasser alle schlimmen Erinnerungen an den heutigen Tag herunterspülen.

*

Der Bauplan für das Bar-Projekt lag vor ihm ausgebreitet auf dem Schreibtisch. Wenn morgen die Präsentation war, musste er sich die Änderungen ansehen, die Tim am Samstag hineingezeichnet hatte, als Benjamin sich nicht vollends darauf konzentrieren konnte. Er hatte in seinem Gehirn die Schublade, die alle Ereignisse aus den letzten Tagen beinhaltete, für heute geschlossen. Er hatte sogar wieder angefangen, seine alten Platten aufzulegen. Es waren nun 16 Stunden vergangen, in denen das unbekannte Smartphone stillgestanden hatte. Er wollte nicht an die vergangene Nacht denken, in der er sich beinahe die Daumen abgehackt hätte und er erschrak noch immer, wenn er daran dachte, wie weit er gegangen war. Alles für dieses eine Geheimnis. Antonia hatte er heute freigegeben. Er wollte für sich sein und sich auf morgen vorbereiten. Er beschloss, erst nach der Präsentation morgen die vergrabene Schublade in seinem Kopf wieder zu öffnen. Und erst dann würde er darüber nachdenken, wie er fortfahren würde. Dem Handy schenkte er keinen einzigen Blick, nur die Haustür, die er noch immer abgeschlossen hielt, ließ ihn zweifeln, ob er wirklich in Sicherheit war.

*

Heute
Benjamin Vasener

Benjamin zupfte nur noch seinen Kragen zurecht, dann ging er, die Rolle mit dem Bauplan tragend, hinunter in den Salon. Der Brötchenduft ließ ihm lächeln. Er fühlte sich nach langer Zeit endlich wieder ausgeschlafen. Die Stimme hatte sich weder gestern noch letzte Nacht gemeldet.
„Guten Morgen, Herr Vasener! Bereit für Ihren großen Tag?“ Antonia zog Benjamins Stuhl zurück und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen.
„Wenn Tim, also Herr Feldmann gleich genauso vorbereitet ist wie ich, dann wird das heute unser Glückstag. Wenn wir die Bar erst einmal bauen können, wird sie ein großer Erfolg.“ Benjamin ließ sich in den Stuhl gleiten und griff nach der Kaffeekanne.
„Das klingt doch vielversprechend. Wann beginnt die Präsentation?“
„Wir treffen uns in einer Stunde am Rathaus.“, erwiderte er und nahm den ersten Bissen in sein Brötchen.
„Dann drücke ich Ihnen beiden jetzt schon einmal die Daumen! Ich habe mir heute vorgenommen, die alten Kisten auf dem Dachboden auszusortieren. Die Motten haben sich durch einige Kartons geschlichen.“
„Auf dem Dachboden war ich eine Ewigkeit nicht mehr. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es dort oben aussieht.“
Das Frühstück, das Benjamin heute wieder genießen konnte, tat ihm gut. Nachdem was er an den vergangenen Tagen erlebt hatte, kam es ihm albern vor, dass am Samstag seine einzige Sorge noch der heutigen Präsentation galt. Antonia war bereits die Treppen hochgestiegen und kämpfte vermutlich schon mit dem Staub und den Motten, als er das Haus verließ. Auf dem Weg zur Garage wurde er von dem starken Wind beinahe umgestoßen und mit gebeugtem Kopf, schritt er den kleinen Weg entlang. Die Blätter lagen inzwischen wie ein buntes Meer auf dem Boden. Es würde nicht mehr lange dauern, bis auch das letzte Blatt seinen Weg zum Boden fand und die kahlen Baumkronen von Eiskristallen geschmückt wurden. Er atmete den Duft des Gartens noch einmal ein, bis ihm eine Erinnerung durch den Kopf schoss, die ihn innehalten ließ.

*

Antonia

Sie hustete den Staub aus ihren Lungen und zog noch einmal kräftig an dem Laken, das den großen, mit Schnörkeln verzierten Spiegel zum Vorschein brachte. Den würde sie nicht entsorgen. Sie hatte schon mehrere Kisten zusammengestellt, die aussortiert werden mussten und hatte dabei mehrere vertrocknete Motten entdeckt. Sie beugte sich hinter das Klavier, das abgestaubt werden wollte und holte einen weiteren Karton hervor, als sie Schritte hörte. Sie hielt die Luft an und lauschte. Schwere Schuhe kamen die Leiter zum Dachboden heraufgeschritten und blieben den Geräuschen nach zu urteilen, auf der letzten Stufe stehen. Antonia schob langsam ihren Kopf seitlich vom Klavier hervor und stieß erleichtert Atem aus und kam aus ihrem Versteck.
„Da stecken Sie, Frau Brandt.“ Benjamin lächelte ihr zu und kam die letzte Stufe hinauf.
„Herr Vasener, Sie kommen noch zu spät zu ihrem Meeting. Haben Sie etwas vergessen?“ Antonia blieb hinter dem Klavier stehen und blickte den kräftigen Mann in die dunklen Augen.
„Nein, nein ich habe nichts vergessen. Ich wollte Ihnen nur noch etwas erzählen.“ Benjamin lief nun durch den Raum und stellte sich neben einen Stapel Kartons, die Antonia bereits sortiert hatte und fuhr fort.
„Wissen Sie, ich war die letzten Tage nicht ich selbst und war auch nicht ganz ehrlich zu Ihnen. Und ich muss es mir endlich von der Seele reden, damit das ein Ende hat.“
Antonia nutze seine kurze Sprechpause. „Ja, das habe ich wohl gemerkt, dass sie etwas bedrückt. Aber wollen Sie mir nicht nach der Präsentation davon berichten?“
„Das was ich zu sagen habe, ist wirklich von großer Bedeutung. Sie glauben nicht, was ich die letzten Tage erlebt habe. Am Samstag fing dieses Spiel an.“ Bei dem Wort „Spiel“, zeichnete er mit seinen Fingern zwei Anführungsstriche in die Luft. „Mich beobachtet jemand, wissen Sie. Und zwar Tag und Nacht. Ich dachte, dass ich bald verrückt werden würde, vielleicht bin ich das auch schon.“ Antonia schritt langsam an den vollen Kisten vorbei und behielt Benjamin stetig im Blick, als er weitersprach. „Er hat mich Dinge denken und tun lassen. Ich wurde vorletzte Nacht sogar tief in einen Wald gelockt, um dort etwas zu tun. Und als er mich wieder gehen lassen hat, bin ich wie ein Wahnsinniger um mein Leben gerannt. Ich wurde von den vielen Dingen überfallen, dass mir die kleinen Details entgangen sind. Wie zum Beispiel ein süßer Duft, den ich draußen vor dieser Waldhütte gerochen habe. Lavendel, wenn ich mich nicht täusche. Und wenn ich auf die Nacht zurückblicke, in der jemand in meinem Schlafzimmer war, kann ich mich auch daran erinnern, diesen Duft vernommen zu haben. Und dann wurde mir klar, wieso mir erst jetzt dieses Detail auffällt und nicht schon viel früher. Ich kenne diesen Duft. Er ist mir zuerst nicht aufgefallen, da ich ihn fast täglich rieche.“ Benjamin stützte sich mit einer Hand an einer schweren Keramikfigur ab, die aus einem der Kartons lugte. Das dunkle Braun in seinen Augen hatte etwas in sich, das verriet, dass noch viel mehr als Zorn in ihm wütete.
Es gab keinen Zweifel – Er wusste es.

*

Benjamin

Sie wusste es! Benjamin sah ihren Augen förmlich an, dass sie erkannt hatte, dass er dahintergekommen war. Auch jetzt roch sie nach frisch gewaschener Wäsche, mit einem Hauch von Lavendel. Er war gespannt auf Antworten, aber er war mit seiner Geschichte noch nicht fertig.
„Ich muss zugeben, dass ich Ihnen so etwas der Art Perverses nicht zugetraut hätte. Die kleine, unschuldige Antonia Brandt. Zugang zu meinem Haus, am Tag und auch nachts, wenn Sie nur wollten. Das Paket haben sie selbst in meinem Haus platziert, aber niemals von einem Lieferanten entgegengenommen. Ich weiß nicht wie Sie es gemacht haben, aber bei ihren Beobachtungen durfte Ihnen auch der Code zu meinem Tresor im Schlafzimmer nicht entgangen sein. Wie hätten Sie sonst an meine Autoschlüssel kommen können, um das Handy im Handschuhfach zu platzieren? Und mir etwas ins Essen oder in meinen morgendlichen Kaffee zu mischen, damit mein Körper in der Nacht nicht fähig ist, sich zu rühren, ich muss zugeben – brillant. In meinem Haus herum zu spuken war dahingehend natürlich ein Kinderspiel. Und während Sie die Fäden an mir gezogen haben, hatten sie immer schön einen Platz in der ersten Reihe. Ein Punkt geht an Sie, für ihre wahrhaftig gute Schauspielkunst.“
Antonias Augen verwandelten sich zu schmalen Schlitzen.
„Leider nicht so perfekt wie Sie Ihre Rolle spielen.“ Antonias Hals schien länger zu werden und ihre Lippen bebten.
„Aber ein paar Dinge müssen Sie mir noch verraten, Antonia. Ich habe mittlerweile alles zusammengerechnet, aber eine Gleichung fehlt mir noch. Wie sind Sie hinter mein Geheimnis gekommen und was wollten Sie mit Ihrem kranken Spiel bewirken?“
„Ich hatte Sie wirklich für schlauer gehalten.“, fing Antonia an und ließ dabei förmlich jegliche Masken fallen. Dass sie so schnell zu berichten anfing, hätte Benjamin nicht erwartet.
„Schon als ich Ihnen das Bild geschickt habe, hätte doch ein Licht aufgehen müssen. Es gibt nur eine Person, die dieses Bild haben konnte.“ Antonia zog nun wieder ihre Augenbrauen hoch. Sie spielte noch immer.
„Isabella!“ Benjamin schluckte. „Was haben Sie mit ihr gemacht?“
„Oh Ihre Frau weiß nichts von ihrem Glück, mir geholfen zu haben. Ich bin nicht daran interessiert, Personen etwas anzutun.“
„Sie wollten, dass ich mir die Daumen abschlage!“ Jetzt schrie Benjamin.
„Aber wie Sie sehen können, haben Sie noch alle zehn Finger.“ Sie war krank, absolut krank.
„Ich wollte nur sehen, wie weit Sie gehen würden. Ich kenne Sie schon sehr lange. Lange Zeit bevor ich als Ihre Haushilfe angefangen habe. Ich habe meinen Vater gesucht. Ich habe meiner Mutter den Rücken gekehrt und bin hierhergezogen. Sie hätte mir sowieso nie die Wahrheit erzählt. Ich wusste nur, dass mein leiblicher Vater in Radevormwald lebte. Ich war jung, ich wollte ihn kennenlernen. Ich habe ihn beobachtet, wollte schauen, was für ein Mensch er war. Ich habe Kameras aufgestellt, damit ich auch einen Einblick in das Haus haben konnte. Die schaute ich mir dann zu Hause an. Ich hatte mich entschieden, mich ihm vorzustellen, er schien ein guter Mann zu sein. Bis ich ihn eines nachts mit Ihnen gesehen habe. Natürlich nur auf einem Video einer meiner Kameras. Ich habe alles mitangesehen! Wie er die Treppe hinabstürzte. Und Sie, wie Sie neben ihm standen und einfach nichts unternommen haben. Ich dachte Sie würdest einen Krankenwagen rufen. Stattdessen haben Sie ihn in Folie gewickelt und vergraben. Ich wusste nicht, wie viele Minuten das Video her war, aber ich fuhr so schnell es ging zu seinem Haus und buddelte an dieser Stelle, an der Sie ihn verscharrt haben. Wenn der Aufprall ihn nicht getötet hätte, würde ich ihn vielleicht noch kurz vor dem Ersticken retten können. Wissen Sie, wie Atemnot einem den Verstand rauben kann? Ich kam zu spät. Ich konnte nichts mehr für ihn tun. Zum ersten und zum letzten Mal durfte ich meinen Vater berühren. Die Chance auf weitere Male haben Sie mir genommen! Und dafür sollten Sie büßen. Ich riss ihm also einen Knopf vom Jackett, um einen Teil von ihm zu haben. Ich hätte die Videoaufzeichnungen der Polizei geben können, aber die hätten Sie vermutlich nur für unterlassene Hilfeleistung eingesperrt. Nein, Sie sollten schlimmer büßen. Sie solltest Angst haben und Sie in dieser Haut nicht mehr wohlfühlen. Und ich wusste, mein Tag würde kommen.“
„Sie sind seine Tochter?“ Benjamin wusste nicht, dass er eine Tochter gehabt hatte. Eine Fassungslosigkeit überkam ihn. „Was hat Isabella damit zu tun?“
Ihre hübsche Frau kannte Sie noch vor jener Nacht. Sie haben meinen Vater vergraben, Ihre eigene Frau verlassen und sind untergetaucht. Ich dachte, Sie nie wieder zu sehen und für einen Moment wollte ich meine Pläne aufgeben und doch zur Polizei gehen. Aber was Sie dann getan haben, konnte ich ganz einfach nicht verzeihen. Sie sind wiedergekommen und haben von da an ein Leben gelebt, das Sie in keiner Weise verdient haben!
Ich habe Ihre Frau, die nach Köln gezogen ist, ausfindig gemacht. Ich habe mir alte Bilder von Ihnen beiden genommen und einiges über Sie erfahren.“
„Sie kennt Sie?“, unterbrach Benjamin Antonias Geständis.
„Ich habe mir Zutritt zu ihrem Haus verschafft. Wissen Sie, wenn man mit einem Schlüssel in ein Haus geht, ahnt niemand etwas Verdächtiges. Ein Nachbar hat mich sogar nett gegrüßt und mich bei Isabella einsteigen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken.“
Benjamin erinnerte sich an ein Experiment, in dem einer Person überall kommentarlos Zutritt gewährt wurde, nur weil er eine Leiter bei sich hatte und sich offensichtlich als Handwerker ausgab.
Antonia fuhr fort. „Ich hatte gedacht, dass sein elfter Todestag perfekt für den Beginn meines Spiels wäre. Ich hatte in den vielen Jahren, in denen ich Ihre Haushälterin sein durfte, viel über Sie herausgefunden. Ihre Gewohnheiten, Ihre Art, wie Sie sich bewegen, wie Sie sprechen und natürlich Ihre Schwachpunkte.
Es entwickelte sich ein viel stärkerer Hass, als ich jemals glaubte fühlen zu können. Und dann begann mein Spiel. Und bin noch nicht fertig. Sie werden für den Mord an meinem Vater bezahlen. Für den Mord, an Benjamin Vasener.

*

Yari Bergmann
Antonias hasserfüllter Anblick war Yari unter die Haut gegangen. Er hatte all die Jahre, in denen Antonia die Person war, der er am nächsten gestanden hatte, so vieles übersehen. Auch wenn sie nur seine Haushälterin war, hatte er sie gemocht.
„Ich war ein Nichts! Verstehen Sie? Ihr Vater war so stinkreich und ich war gerade so gut genug, um seinen Garten zu pflegen. Wie ich meine paar Cent beim Schneiden dieses Haselnussbaums oder beim Aufräumen verdient habe. Er hatte so viel Macht und ich wünschte mir, nur einmal so sein zu können wie er. Ich habe Ihren Vater nicht die Treppe runtergeworfen. Ich habe ihn schon so vorgefunden, es war ein Unfall.“ Yari holte Luft und sein Puls fuhr schon wieder ins Unendliche nach oben.
„Aber Sie hätten ihm helfen können, statt ihn zu begraben.“
„Es schien mir als die eine Chance und die habe ich genutzt. Nach dieser Nacht habe ich so viele Opfer bringen müssen. Ich bin weggegangen und habe Isabella verlassen. Jeder dachte, dass Benjamin Vasener verreist war. Er hatte keine nahestehenden Personen, die Fragen stellten. Es war die Gelegenheit für mich. Also beschloss ich, wenn ich eines Tages wieder zurückkommen würde, dann als jemand anderes und nicht als der armen Yari, der nicht einmal für seine Frau sorgen konnte. Ich musste als jemand anderes zurückkommen. Jemand der Macht hatte.“
„Sie kamen als Benjamin Vasener zurück.“
„Ich habe mir sogar in die Augenbraue geschnitten, um die gleiche Narbe wie Ihr Vater zu haben. Als ich für ihn gearbeitet habe, hatte ich genug Zeit, um mir jedes Detail von ihm einzuprägen. Wie er sich kleidet, wie er sich bewegt. Ich habe seine gesamte Identität angenommen. Und jeder glaubte mir. Ich war Benjamin. Ich hatte endlich einen Namen und ich lebte in diesem wunderbaren Haus, das ich verdiene.“ Yari machte eine Pause und sprach dann mit fester Stimme. „Und das werde ich mir niemals nehmen lassen.“ Und dann schlug er zu. Er hatte die Keramikfigur fest im Griff, verfehlte Antonias Kopf jedoch um eine Haaresbreite. Sie war im letzten Moment ausgewichen. Er war ihr körperlich deutlich überlegen. Diesen Vorteil machte er sich zu eigen und stürzte sich auf sie. Antonia wich einigen Schlägen aus und lief rückwärts, fliehend vor Yari, der vor Wut bebte. Er war entschlossen, dass er jeden Preis zahlen würde, damit dieses Geheimnis dieses Haus niemals verlassen würde. Doch ehe er zum nächsten Schlag ausholen konnte, kam Antonia ins Wanken und fiel durch die Dachbodenluke. Mit einem dumpfen Schlag, knallte ihr Kopf auf den harten Boden auf. Yari trat Sprosse für Sprosse die Treppe hinunter und nahm ihr Gesicht in die Hände. Blut trat aus einer riesigen Wunde aus ihrer Schädeldecke und färbte die Fliesen und Yaris Hände rot. Er musste sich einen Plan überlegen, die Leiche loszuwerden. Und der Gedanke, sie neben ihren Vater zu legen, ließ ihn ein wenig grinsen. Er musste ein Laken holen, also stieg er die Treppe erneut nach oben und sein Blick blieb vor dem großen Spiegel auf dem Dachboden hängen.

*

Tim Feldmann

„Ben, wo bleibst du? Ich warte vor deiner Tür, wir sind spät dran.“ Tim hinterließ nun die dritte Mailboxnachricht auf Benjamins Handy. Dabei hatten sie doch abgesprochen, sich pünktlich um zehn zu treffen.
Ihm reichte es jetzt, er stieg aus seinem BMW aus, schloss hinter sich ab und trat durch das Gartentor. Die Haustür stand einen Spalt offen.
„Benjamin?“ Vorsichtig trat Tim in das Haus ein. „Hey, Alter, was ist los?“
Den Schrei, den er von oben hörte, ließ ihn in Panik versetzen. Dann rannte er mit seinem Handy am Ohr die Treppe hinauf.

*

Yari Bergmann

Er sah sich im Spiegel an. Seine Maskerade war geradezu perfekt. Das dunkle Haar, das sauber und gleichmäßig zur Seite gekämmt und mit dem Haarwachs fixiert war. Die beige Chino Hose und das weiße Hemd, dessen Kragen sorgfältig aus dem Lacoste Pullover hervorlugte. Das Funkeln in seinen Augen, das schiefe Lächeln, das er damals schon authentisiert hatte und sogar die Narbe, die seine rechte Augenbraue schmückte- sie war perfekt. Er hatte nicht nur alle anderen getäuscht, sondern ebenso sich selbst. Ein Meisterwerk aller Lügen. An alles hatte er gedacht, kein Detail ist ihm entgangen und doch hatte sein Plan einen schwerwiegenden Fehler zugelassen. Wie ein Boot, das ein verborgenes Leck hat und nun von der Stärke des Wassers in die Tiefe gezogen wird. Hätte er das Leck doch nur frühzeitig entdeckt. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Schließlich hatte er dafür gesorgt, dass es niemand je herausfinden würde.
Er lebte das Leben, welches er immer sein Eigen nennen wollte und jedes Detail seiner äußeren Erscheinung ließ ihn über seinen Sieg noch mehr triumphieren. Alles war absolut perfekt, abgesehen von seinen blutgetränkten Händen, die er mehr schlecht als recht an seinem Stofftaschentuch abzuputzen versucht hatte. Seine Perfektion musste nun einmal den nötigsten Aufwand erbringen, sonst wäre sie nun einmal nicht perfekt. Und genau das musste er wieder werden. Zu viel hatte er bereits riskiert.
Gerade war ihm auch schon der nächste Schritt in den Sinn gekommen, den dieser unglückliche Zwischenfall von ihm abverlangte. Zu der Ausführung sollte er jedoch nicht mehr kommen, denn das Letzte was er sah, war das Spiegelbild zweier Augen, das sich hinter ihm voller Hass auf ihn stürzte und zu Boden riss. Und mit ihm sein unperfektes Geheimnis.

Antonia hatte sich mit einem Schrei an seinen Rücken geklammert und eine halbe Ewigkeit, drehten sie sich, wie ein Krokodil, das seine Beute in den Tod rollt. Yari lag jetzt auf Antonia und drückte sie mit seinem Gewicht zu Boden. Es war ihm ein Rätsel, wie sie mit dieser Platzwunde überhaupt noch atmen konnte. Er hatte Mühe, ihre Handgelenke zu fassen, weil sie wie ein Aal zappelte. Und bevor Yari einen weiteren Gedanken fassen konnte, nahm er nur noch das Geräusch von Metall wahr, dass durch Haut gebohrt wurde. Dann ummantelte ihn eine Dunkelheit.

*

Antonia Brandt
Sie drückte den schweren Körper von sich. In seiner Brust steckte die Metallstange, die sie ihm so fest sie konnte ins Fleisch gestoßen hatte. Sie drehte sich zur Seite und sah in sein Gesicht. Die erschlafften Gesichtszüge und die leicht geöffneten Lippen. Antonia wehrte sich gegen den Schmerz, der in ihrem Schädel pulsierte und schenkte dem Schwindel keinen Gedanken. Sie wollte ihn brechen sehen. So lange hatte sie darauf gewartet. Dass es so ein Ende nehmen würde, hatte sie nicht erwartet und sich auch nicht erwünscht. Sie wollte nur eine einzige Sache. Und die hatte sie bekommen. Denn in diesem Moment, wie sich beide Gesichter nebeneinanderliegend anblickten und sich die Augen des Mannes schlossen, war seine Maske endgültig gefallen. Benjamin Vasener war wahrhaftig tot. Und was blieb, war Yari Bergmann.
„Game over.“, flüsterte Antonia und begab sich in die Klauen der unendlichen Dunkelheit.

Epilog

Ein Jahr später

Antonias Absätze hallten durch den leeren Salon. Sonnenstrahlen zeichneten sich auf den Holzdielen ab. Draußen hörte sie den Ruf des Milans und dachte an Yari. Wie er seine Verletzung überleben konnte, war ihr ein Rätsel. Sie selbst hätte nie gedacht, jemals wieder die Augen zu öffnen. Zum Glück war Tim Feldmann in letzter Sekunde hereingestürmt. Ohne seine schnelle Hilfe, hätten sie wohl beide nicht überlebt. Yari war in einer psychiatrischen Klinik und wenn er jemals entlassen wurde, würde er noch einige Jahre im Gefängnis verbringen müssen. Und wenn er auch diese Zeit abgesessen hatte, würden sich ihre Wege trotzdem niemals wieder kreuzen. Denn sie hatte nicht vor, noch einmal zurück zu kommen. Sie schloss hinter sich zum letzten Mal die große Tür zu Benjamin Vaseners Haus, das als einzige Erbin nun ihr gehörte. Die Familie, die es gekauft hat, würde dem Haus hoffentlich eine neue Seele geben. Eine lebendige Seele.
Sie war froh, dass ihr Vater nun auf einem richtigen Friedhof, mit Anstand und Respekt beigesetzt wurde.

Wenn Yari irgendwann wieder in Freiheit leben durfte, wünschte sie ihm trotz allem einen neuen Anfang, vielleicht sogar mit Isabella. Sie wünschte sich für ihn ein neues Leben. Ein Leben als Yari Bergmann.

 

Ende

 

 

 

 

 

 


 

18+

14 thoughts on “Maskeradenspiel

  1. Hallo Sarah (ich mag den Namen, meine Prota heißt so),
    mir hat deine Geschichte gut gefallen, deswegen lass ich dir ein Herzchen da. Ich verstehe nicht, warum du so wenige Likes hast. Dein Schreibstil ist super und der Plot war überraschend. Andere Geschichten, die wesentlich (wesentlich) schlechter sind, haben viel mehr Likes.
    Viel Glück für deine Geschichte und liebe Grüße
    Claudia
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/ein-schatten-aus-der-vergangenheit-psycho-thriller-mit-ein-wenig-sf

    1+
  2. Liebe Sarah

    Was ist das doch für traurige Tatsache, dass deine Geschichte erst so wenige Herzen hat.
    Eigentlich müsste sie bereits mindestens 40 bis 50 Likes haben.

    Deine Geschichte ist ja mal wirklich gelungen.
    Kompliment.

    Und der Aufbau, die Form ist sehr individuell.
    In dieser Art ist mir so etwas noch nie vor die Augen gekommen.

    Der Inhalt der Story ist gut durchdacht und intelligent. Die Spannung fesselt, das Ende überzeugt und dein Schreibstil hat mich dein Werk flüssig und entspannt lesen lassen.
    Großes Kino.
    Wirklich.

    Zudem spürt man, wie wichtig dir diese Geschichte ist. Man spürt die Arbeit die darin steckt, die akribische Vorbereitung und das Engagement.

    Sagte ich schon, dass du dir ein Herzchen von mir mehr als verdient hast?

    Liebe Sarah

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und noch viel, viel mehr Likes.
    Du und die Story haben es verdient.

    Ganz liebe Grüße und …. weiterschreiben und niemals aufgegeben.

    Swen Artmann
    (Artsneurosia)

    Ich möchte dich nicht nerven, aber ich würde liebend gerne wissen, was du so von meiner Geschichte hältst.
    Und ich würde mich tierisch über einen Kommentar freuen.
    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Vielen Dank und bleib gesund.

    1+
    1. Vielen Dank für eure lieben Kommentare, wirklich! Mir geht es nicht um die Quantität, denn ich weiß die Qualität der Likes zu schätzen und dazu bekomme ich auch noch wirklich tolle und ehrliche Kommentare und ist das nicht viel mehr wert?
      Also danke an euch alle und ich werde eure Geschichten ganz bestimmt auch lesen!! 🙂
      Sarah

      0
  3. Hallo liebe Sarah,

    ich mag an Deiner Geschichte, dass sie mehrere Ebenen durchläuft, die den Leser ein wenig an der Nase herumführen, so dass er nicht so ganz weiß, woran er ist (das mag ich generell sehr). Ich habe beim Lesen Deiner Geschichte mehrere Film- bzw. Serienszenen vor Augen gehabt: Dein Prolog hat mich ein wenig an „American Psycho“ erinnert.
    Der Auftritt der aufgedonnerten Barbie (den ich übrigens sehr lustig finde) könnte auch in „Two and a half men“ vorkommen.
    Das Spiel von Antonia geht in die Richtung von „The Saw“.
    (Ja, okay, ich bin ein kleiner Cineast :)) – Kurz: Ich wusste nie so genau, woran ich bin, daher wollte ich unbedingt wissen, wie Deine Geschichte ausgeht.
    Generell mag ich die Vielzahl an Ideen, die Du in Deiner Geschichte einbringst, wie z.B. die Tagebucheinträge und den Struwelpeter.
    Ein kleiner Rechtschreibfehler ist mir aufgefallen, falls Du den noch verbessern magst, Du schreibst „Hensel und Gretel“ statt „Hänsel und Gretel“.

    Ich wünsche Dir für das Voting viel Erfolg!

    Liebe Grüße
    Anita („Räubertochter“)

    1+
  4. Moin Sarah,

    WOW! Ich kann mich da Swen ( Artneurosia) nur anschließen! Warum hat deine Geschichte so wenig Aufmerksamkeit? Deine Storie ist einfach klasse! Detailliert, bildhaft und gefühlvoll geschrieben, mit einem Wortschatz der keine Fragen offen lässt. Das einzige was offen bleibt sind die Münder beim lesen deiner Geschichte. Und so kommen wir auch zum einzigen Kritikpunkt…ich hätte mir irgendwie weniger Aufklärung gewünscht, sondern mehr offene Fragen. Ein offenes Ende! Ingesamt trübte es das Leseerlebnis aber keineswegs.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting. Vllt folgen ja nun ein paar unserer Empfehlung für deine Geschichte. Apropos Empfehlung: such doch mal auf Insta nach wir_schrieben_zuhause. Dann können deine Geschichte noch viele andere lesen.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

    1+
  5. Hallo Sarah,
    gleich vorneweg: Super Geschichte. Schreibstil, Plot –alles Top.
    Ich hoffe, deine Geschichte läuft noch mehreren Lesern über den Weg. Sie ist es wirklich wert gelesen zu werden.

    Ich wünsch dir weiterhin viel Glück und wenn du magst, und die Zeit dafür findest,würde ich mich freuen, wenn du auch mal bei mir vorbeischaust und mich deine Meinung wissen lässt.

    Viele Grüße
    J. D.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-leben-eines-toten-mannes

    1+
  6. Hallo Sarah,
    toller Plot, die Verstrickungen, die am Ende zutage kommen, sind nur bedingt vorhersehbar (nur, dass Antonia etwas damit zu tun haben muss, war mir schon recht früh klar).
    Deine Geschichte ist sehr ausgeschmückt, was sich schließlich auch auf die Länge auswirkt, und daher schon eher ein Kurz-Roman als eine Kurzgeschichte ist 😉, doch so konnte man gut in die Geschichte eintauchen. Allerdings habe ich mich anfangs schon gefragt, weshalb so viele detaillierte Beschreibungen der Vogelarten vorkommen und ob sie etwas mit der Geschichte zu tun haben… (sollte das eine falsche Fährte sein?)
    Beim Lesen kam ich leider ein paar Mal ins Stocken, beispielsweise bei diesem Satz: „Doch immer, wenn sie einen Punkt setze und fragend in seine Richtung starrte, ließ er nur einsilbige Antworten von sich geben.“ Gelegentlich hast du auch unterschiedliche Zeitformen verwendet, vielleicht einfach nochmal drüber lesen.
    Viel Glück fürs Voting,
    LG Yvonne / voll.kreativ (Der goldene Pokal)

    1+

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