Ghostwritertu(t) mir leid

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Da liege ich nun und spüre, wie das Leben aus meinem Körper entweicht. Der herannahende Tod lässt sich bereits schmecken. Ich fühle die aufsteigende Kälte und mir ist klar, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Aber wer sollte mir schon helfen? Die Menschen würden sagen, es hätte keinen Besseren als mich treffen können. Vielleicht haben sie damit ja sogar Recht.

Die zurückliegenden Tage verliefen nicht ganz nach Plan und rissen mich ins Hier und Jetzt. Der Anstoß, der den ersten Stein der Dominokette umfallen ließ, liegt allerdings noch viel weiter zurück. Bei genauerem Hinsehen ist mein Leben bereits vor einigen Jahren aus dem Takt geraten. Doch beginnen wir zunächst mit dem Dienstagnachmittag der vergangenen Woche.

Ich quittierte das Klingeln meines Handys mit dem Daumenabdruck meiner rechten Hand auf dem Touchscreen. „Ja bitte?“ Eine leicht heisere Stimme begann. „Spreche ich mit Darius Berger?“ „Der ist am Telefon“ erwiderte ich. „Mein Name ist Christoph Voigt. Ich arbeite für die Geschäftsstelle des SV Kassel 1954. Ich halte mich kurz. Wir würden Sie gerne zu einem Probetraining bei uns auf dem Vereinsgelände einladen. Sie sind aktuell vereinslos?“ „Ja, bin ich“, bejahte ich seine Frage. „Das Training beginnt nächste Woche Mittwoch um 11 Uhr. Seien Sie bitte eine halbe Stunde vorher am Haupteingang. Wir holen Sie dann ab. Ist das okay für Sie?“ Etwas perplex brachte ich nur ein „natürlich“ und „vielen Dank“ heraus.

Das war die Chance, auf die ich so lang gewartet hatte. Das Leben hielt also doch noch positive Überraschungen für mich bereit. Es waren nur noch wenige Schritte bis zu meinem Haus. Ein kleiner Bungalow, den ich alleine mit meinem Hund Sam bewohnte. Das Haus stammte noch aus den fetten Jahren meines jungen Lebens. Damals, als mir noch eine riesen Fußball-Karriere prophezeit wurde. Ich machte die Leine an Sammy’s Halsband los und ließ ihn vorlaufen. Sam war ein noch junger Golden Retriever, den ich eher unfreiwillig vor dem Gang ins Tierheim gerettet hatte. Man könnte von Liebe auf den zweiten Blick sprechen, da er mir seitdem sehr ans Herz gewachsen war. Wie immer wartete er an der Haustür auf mich und wir betraten gemeinsam die Wohnung. Nach einem kurzen Zwischenstopp an der Garderobe steuerte ich ohne weitere Umwege das Wohnzimmer an. Mein verblüffter Blick fokussierte den massiven Esstisch im Zentrum des Raumes. Mittig darauf war ein Bilderrahmen platziert, den ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Bei einem zweiten Blick realisierte ich, dass der Rahmen leer zu sein schien. Langsam näherte ich mich dem fremden Objekt von der Seite. Plötzlich blinkte ein kleines blaues Licht an der unteren Ecke der verchromten Oberfläche auf, gefolgt von einer Zustandsänderung der bisher schwarzgefärbten Bildfläche. Es war einer dieser digitalen Bilderrahmen. Das erste Bild zeigte mich vor meinem Haus stehend. An meiner Frisur erkannte ich, dass es sich um eine relativ aktuelle Aufnahme handeln musste. Es folgten Ausschnitte aus meiner Sport-Karriere, einige Zeitungsberichte und die Abbildung eines leeren Grabsteins. Sie alle waren grau gefärbt, wie man es von Bildern Verstorbener kennt. Und dann zog es mir fast den Boden unter den Füßen weg. Ich blickte in die großen Augen einer jungen Frau, die mich sanft anlächelte. Sie war es, kein Zweifel. Ich hatte gehofft, nie wieder ihren Anblick ertragen zu müssen. Und doch kam es anders. Über ihrem Gesicht war das Wort GETÖTET nebst einem Datum in Relief-Buchstaben abgesetzt. Das Blut in meinen Adern gefror. Mein Körper ließ einen Moment lang keine Bewegung zu und verdammte mich zum Starren. Ich benötigte einen kurzen Augenblick, um wieder einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. Ich erfasste die offene Terrassentür diagonal von mir. Scheiße, war der Einbrecher vielleicht noch im Haus, blitzte es in meinem Kopf schlagartig auf. Mit einem Küchenmesser bewaffnet, kämpfte ich mich langsam von Zimmer zu Zimmer vor. Die Wohnung schien aber menschenleer zu sein. Der Eindringling war wohl bereits geflüchtet. Am Türrahmen der Terrassentür konnte ich keine Einbruchsspuren erkennen. Ich musste mir allerdings auch eingestehen, dass ich schon öfters vergessen hatte die Tür vor dem Verlassen des Hauses zu schließen. Vielleicht war es dieses Mal genauso. Kurzerhand packte ich den Bilderrahmen und warf ihn in den erstbesten Schrank, den ich finden konnte. Ich zog die Terrassentür zu, vergewisserte mich, dass diese auch wirklich verriegelt war und stürmte mit Sammy aus dem Haus. Einfach weg war das Motto. Es fühlte sich wie eine Art Fluchtversuch nach einem Gefängnisausbruch an. Letztendlich war es natürlich ein Wettrennen gegen meine Vergangenheit, die mich einzuholen drohte. Das Schloss zu meinen Erinnerungen schien sich zu öffnen, obwohl ich mich mit all meiner Macht dagegen stemmte. Nach einem gefühlten Halbmarathon brach ich schweißüberströmt auf einer Parkbank zusammen. Bevor ich mich auch nur zu fragen wagte, warum das ganze gerade jetzt passierte, bemerkte ich auf dem Titelblatt einer neben mir liegenden Zeitung das Datum. 24. März. Seit dem Freispruch vor Gericht war genau ein Jahr vergangen. Ich erinnerte mich. Alle Vorwürfe hatten sich als haltlos herausgestellt. Natürlich versucht man, sich so gut wie möglich vor dem Richter darzustellen. Nichts, wofür man sich schämen sollte. Das Urteil fiel folgerichtig zu meinen Gunsten aus und war damit verbindlich. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt, um mit der Sache abzuschließen. Leider eine Sichtweise, die schon damals kontrovers war. So verlor ich meinen Verein, die Sponsoren distanzierten sich von mir und ein Großteil meiner Freunde hatte plötzlich keine Zeit mehr. Dazu kamen noch die Anfeindungen in der Öffentlichkeit. Und das Ganze nur wegen ihr. Jetzt war sie anscheinend tot. Natürlich nicht schön. Aber ich war es doch nicht, der dafür die Verantwortung trug. Mein Leid schien keinen zu interessieren. Da ich die Polizei noch nie als meinen Freund und Helfer empfunden hatte, war eine Anzeige keine Option. Diese Beziehung war schon seit meiner frühsten Jugend gestört. Vielleicht war in dieser Situation Herunterfahren erst einmal das Wichtigste. Etwas beruhigt, rief ich mir wie ein Mantra mehrmals ins Gedächtnis, dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen ließe. Erst jetzt registrierte ich, dass die Dämmerung bereits weit fortgeschritten war und ich allmählich den Rückzug ins Haus antreten musste. Die letzten Meter trug ich den völlig erschöpften Sammy bis in die Wohnung. Emotional und körperlich ausgelaugt, übermannte mich der Schlaf hinter abgeschlossener Schlafzimmertür.

Es stand ein trister Arbeitstag an. Ich war seit einigen Monaten in der Logistikbranche tätig. Hier waren zwar nicht die dicken Scheine zu verdienen, aber es genügte, um die laufenden Kosten zu decken. Ich fühlte mich zwar für Höheres bestimmt, aber was blieb mir schon anderes übrig. Also kommissionierte ich Ware, stapelte Kartons und verschickte Pakete. Oft war die Arbeit monoton und meine Hände führten die erforderlichen Handgriffe präzise und routiniert wie eine Maschine aus. Nicht an diesem Morgen. Beim Öffnen eines Kartons rutsche ich gedankenversunken mit dem Messer ab. Die Klinge bohrte sich in meinen Handrücken und hinterließ einen langen Schnitt, der sich gnadenlos rot färbte. Der Schmerz kam etwas zeitverzögert. Bevor meine Kollegen etwas bemerkten, hatte ich mich schon um die Verletzung im WC gekümmert, um lästige Rückfragen zu umgehen.

Der Feierabend verlief glücklicherweise etwas besser. Es meldeten sich gleich zwei Spielerberatungen bei mir, die beide großes Interesse an mir signalisierten. Natürlich nur unter der Prämisse, dass ich beim anstehenden Probetraining meinen zukünftigen Verein von mir überzeugen würde. Schon sehr bald bekäme ich mein altes Leben zurück. Und mit Sicherheit ließ ich mir dies nicht von so einem armen Irren kaputt machen, der feige in meine Wohnung eingebrochen war, schrie ich als Kampfansage an die ganze Welt im Inneren meines Schädels. Das musste gefeiert werden, entschied ich und organisierte spontan eine kleine Party. Der Rum und Gin floss in Strömen. Ich wusste, dass solche Feiern mit reichlich Alkohol bald der Vergangenheit angehörten. Schließlich war ich doch demnächst wieder Profisportler. „Auf die Zukunft, Leute. Scheiß auf das was war“, prostete ich meinen Saufkumpanen nicht nur einmal an diesem Abend zu. So gegen ein Uhr war die Party zu Ende. Meine Beine trugen mich gerade noch ins Bett und gaben mir einen weichen Untergrund, um meinen Rausch auskurieren zu können. Gegen 4 Uhr war ich plötzlich wieder wach. Irgendetwas hatte mich aus meinem Koma geweckt. Ich überzeugte mich davon, dass alle Türen und Fenster des Hauses geschlossen waren und legte mich wieder schlafen. Ich tat es als Fehlalarm ab. Am viel zu frühen Morgen verließ ich die Wohnung eine halbe Stunde später als normal. Ich trat aus dem Haus und wollte routiniert die ins Schloss gefallene Haustür abschließen, als mir meine Fehleinschätzung der letzten Nacht präsentiert wurde. Die weiße Tür war mit einem Dollarzeichen farblich gebrandmarkt. An der Wand daneben war KEINE VERGEBUNG zu lesen. Mein Selbstbewusstsein von gestern war wie weggeblasen. Besonders das Dollar-Zeichen legte sich wie ein Strick um meinen Hals und drohte mir die Luft abzudrücken. Das war neu. Zusammen mit den Worten konnte es nur eines bedeuten. Derjenige wusste es. Nur wer war er und was war sein Motiv? Hatte jemand geredet? Ich durfte nicht wieder wie am Tag davor durchdrehen, wies ich mich selber an. Ich setzte einen großen Teil meiner Hoffnung in ein unabwendbares Telefonat, welches ich später nach der Arbeit führen würde. Bis dahin musste es mir aber gelingen meine Emotionen im Griff zu halten.

Im Job lief es auch nicht besser. Ein Kunde hatte sich beim Geschäftsführer über die Lieferung falscher Teile per Paket beschwert. Also ließ der Lagerleiter die versammelte Logistikbelegschaft wie beim Militär antreten und hielt mit dunkelrotem Kopf eine Standpauke ab, die seinesgleichen suchte. Auch alle Unbeteiligten sollten es mitbekommen. Während eben noch mein Kollege Tony im Rampenlicht der zweifelhaften Liebkosung stand, befand ich mich einen Augenblick später exakt an der gleichen Stelle. Die Blicke meiner Arbeitskollegen fühlten sich wie Nadelstiche an, als die Schmähungen auf mich einprasselten. Ich konnte mir förmlich selber dabei zusehen, wie mein Körper von den Zehen bis zur Stirn verkrampfte und wie ein Tier der Herde zum Fraas vorgeworfen wurde. Darüber hinaus bildete ich mir ein, dass der ein oder andere Mitarbeiter es genossen hatte, wie mir vom Chef jegliche Intelligenz abgesprochen wurde. „Miese Arschlöcher“, urteilte ich. Gott sei Dank rettete mich die Mittagssirene vor weiteren Beschimpfungen. Erstaunlicherweise wurde Tony statt meiner vom Vorarbeiter im Anschluss an das motivierende Vorgesetzten-Feedback heim geschickt. Warum es ihn und nicht mich traf, konnte ich mir allerdings auch nicht erklären.

Mit dem Ausstempeln stieg mein Handy zum Objekt der Begierde Nummer Eins auf. Mein Telefonterror blieb beim Besitzer der angewählten Rufnummer zunächst ungehört. Also musste eine Whatsapp-Nachricht als Lückenbüßer herhalten. Er sollte mich sofort zurückrufen. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, auch wenn dies nicht unbedingt zuträglich zu meinem Wut-Level und dem gleichzeitigen Gefühl der Hilflosigkeit war. Die Fahrt zum Lebensmittelmarkt am Rande meiner Wohnsiedlung war ein Versuch wert, die Zeit tot zu schlagen. Im Geschäft selber ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich Kunden über mehrere Gänge hinweg mit meinem Einkaufswagen verfolgte, weil ich sicher war, dass sie mich beobachten würden. Gleichzeitig suchte ich hinter jedem noch so kleinen Regal Deckung, um mich den Blicken zu entziehen. Eine bizarre Szenerie. Ich fühlte mich wieder wie in den Wochen nach der Verhandlung. Das Tuscheln hinter vorgehaltener Hand war zurück. Wann würde mir endlich Marios Rückruf Erleichterung verschaffen, die ich so dringend benötigte. Oder rief er mich nicht zurück, weil er vielleicht selber in diese momentane Scheiße verwickelt war, stellte ich mir die Frage. Das Wörtchen FUCK entwickelte sich gerade zu meinem besten Freund und begleitete mich bis zur Kasse. Der erlösende Rückruf kam, als ich gerade den Sicherheitsgurt in meinem Auto auf dem Parkplatz anlegte. Meine rechte Hand bewegte sich explosionsartig zur Mittelkonsole, wo mein Smartphone verheißungsvoll zuckte. „Mario, wo zum Teufel hast du gesteckt? Wieso meldest du dich erst jetzt“, eröffnete ich den Dialog mit einer gehörigen Portion Aggression in der Stimme. „Jetzt bleib mal ganz ruhig, Darius. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Meine Mandanten betreuen sich schließlich nicht von selbst. Was ist denn überhaupt los“, fragte Mario Lindemann, mit dem gleichen verständnissuggerierenden Tonfall in der Stimme, den ich noch aus der Zeit kannte, als er mich vor Gericht vertrat. „Lass mich raten. Du meinst Golf spielen, wenn du von arbeiten sprichst, oder?“ „Werd mal nicht frech“, quittierte Mario meine Spitze und schob ein kurzes Lachen hinter her. „Darius, was kann ich für dich tun?“ „Bei mir brennt gerade der Busch. Und wenn ich untergehe, bist du auch dran, das schwöre ich dir!“ „Ich weiß immer noch nicht, wovon du redest!“ „Irgendjemand weiß über uns Bescheid. Ich rede von der kleinen Hilfestellung, die du letztes Jahr organisiert hast. Du weißt genau, wovon ich spreche. Hier läuft jemand rum, der mich fertig machen will.“ Ich weihte ihn aufgeregt in die Geschehnisse der letzten Tage ein. „Eine Idee, wer das sein könnte?“, fragte Mario nach einem tiefen Atemzug. „Keine Ahnung. Vielleicht ja einer deiner Problemlöser, wie du sie immer genannt hast. Haben die plötzlich ein Gewissen bekommen oder ist denen das Geld ausgegangen und die wollen mehr? Unter Umständen konnten die einfach ihre blöden Fressen nicht halten“, mutmaßte ich. „Wieso haben wir damals nicht einfach auf deren Hilfe verzichtet?“, klagte ich an. „Weil du dann so sicher wie das Amen in der Kirche wegen Vergewaltigung in den Knast gegangen wärst. Die Aktion war alternativlos und wir haben die Entscheidung gemeinsam gefällt. Das scheinst du vergessen zu haben!“, erwiderte Mario. „Pass auf! Ich hör mich mal um. Sobald ich Neuigkeiten habe, melde ich mich wieder bei dir. So lange behältst du deine Nerven im Griff. Ich regel das!“ „Wann höre ich wieder etwas von dir?“ „Wie gesagt, ich regel das. Ich ruf dich an“, wiederholte er seine Marschroute und beendete das Telefonat. Die daran anknüpfende Bandbreite meiner Empfindungen erstreckte sich von Hoffnung, über Ernüchterung bis hin zu einem Ohnmachtsgefühl. Das Schlimmste daran war, dass ich nun genau so weit wie vor dem Gespräch war. Verdammt zum Abwarten.

Am darauf folgenden Tag stand das Fitnesscenter auf der Agenda. Der Weg dorthin zog sich wie Kaugummi. Die Stadt bot zum Finale der Rush Hour noch mal alles auf, um möglichst viel Blech auf den Asphalt zu bannen und den Autofahrern letztmalig einen Denkzettel zu verpassen. Ich beobachtete einen Rettungswageneinsatz auf der gegenüberliegenden Seite der Hauptstraße, auf der mich eine rote Ampel zum Ausharren nötigte. Ein Fahrradfahrer war vermutlich gestürzt und lag nun mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Gehsteig. Unbeabsichtigt sank ich tief in die Situation ein. Reflexartig griff ich mir an die Schulter, die sich ohne Vorankündigung zu Wort meldete. Es waren pochende Schmerzen. Alles verengte sich schlagartig zu einem Tunnelblick und trennte mich vom Rest der Welt für einen kurzen Moment ab. Unverhofft klopfte es an meiner linken Seitenscheibe. „Grüner wird’s nicht. Pennen kannst du zuhause“, hörte ich dumpf durch das Glas hindurch. Der Typ im Transporter hinter mir war ausgestiegen und stand jetzt neben meiner Vordertür. Ich nahm seinen gut gemeinten Rat dankend mit einem Mittelfinger an, legte den ersten Gang ein und raste mit quietschenden Rädern über die gerade noch grüne Ampel.

Angekommen im Fitnesscenter machte ich mich direkt ans Krafttraining. Die Gewichte an den Maschinen wählte ich passend zu meiner Gemütslage ganz bewusst hoch aus. Ich beendete das Training erst, als jeder Muskel meines Körpers brannte. Dies erwies sich als recht gutes Ventil, um die aufgestaute Wut etwas lindern zu können. Auf dem Parkplatz des Fitnesscenters begann mein Handy den Standard-Klingelton des Herstellers zu spielen. Ich hatte direkt nach dem Gespräch mit Mario das Mobiltelefon vom Vibrieren in den Laut-Modus gestellt, damit ich den für mich so wichtigen Rückruf von ihm nicht verpassen konnte. Das Klingeln ertönte aus meiner Sporttasche. Ich riss den Reißverschluss der Tasche auf, wühlte hektisch im Hauptfach herum und wurde tatsächlich mit dem Auffinden des Handys belohnt. „Berger“ schmetterte ich dem Mikrofon entgegen. Stille. „Hallo, hier ist Darius Berger“, erneuerte ich meinen Kommunikationsversuch. Nichts. Ich bewegte mich fünf Schritte nach vorne, um dann wieder zwei zurückzugehen. „Hallo, wer ist da?“ Die Stille wurde lediglich hier und da von etwas Hintergrundrauschen und Knacken unterbrochen. Ein Piepen beendete den Anruf. Ungläubig fixierten meine Augen das Display. Der Eintrag UNBEKANNTE NUMMER machte jeglichen Versuch zu Nichte, den Adressaten zu bestimmen. Aber vielleicht ja beim zweiten Mal, dachte ich mir, als der Klingelton erneut ertönte. Mein „Hallo“ wurde abermals missachtet. Wenige Sekunden später war die Leitung erneut tot. Der dritte Anruf an diesem Abend erreichte mich zu Hause in der Küche. Ich spielte zunächst mit dem Gedanken, einfach das Kreischen des Mobiltelefons zu ignorieren. „Leichter gesagt als getan“, murmelte ich in Richtung von Sam, der gerade freudig vor seinem prall gefüllten Fressnapf stand. Der Daumendruck auf den grünen Hörer des Touchscreens war dann nur noch Formsache. Meine neue Strategie sah ein reines Zuhören vor. Meine Lippen blieben verschlossen. Einen Moment dauerte es, bis es kam. „Ich vergesse nicht“, flüsterte eine neutrale Stimme am anderen Ende ins Telefon. Gefolgt von, „und du wirst nicht vergessen.“ „Komm her du feige Sau und wir klären das wie Männer. Deinen scheiß Bilderrahmen kannst du auch wieder mitnehmen. Du machst mir keine Angst“, schrie ich in mein Handy, obwohl ich wusste, dass letzteres eher hoch gepokert war. Der Piepton ließ den Vorhang fallen. Ende. Nur wusste ich, dass es bestimmt nicht der letzte Akt in diesem Stück war. The Show must go on! Den Rest des Abends glänzte das Telefon mit Feigheit und gab keinen Mucks mehr von sich. Erschöpft vom ständigen Jonglieren mit allen Verdächtigen im Kopf schlief ich auf dem Sofa mit leiser Fernsehuntermalung ein.

Mitten in der Nacht öffneten sich unfreiwillig meine Augen und ich erblicke die Deckenleuchte in meinem Wohnzimmer. Es war dunkel. Der Fernseher hatte sich dank des internen Energiesparprogramms selbstständig ausgeschaltet. Nur der Vollmond ließ etwas Licht in das Zimmer fallen. Die vom Wind angeregten Äste und Blätter erzeugten ein ganz eigenwilliges Licht-Schattenspiel an der Wand. Ich rieb mir mit meinen zu Fäusten geballten Händen die Augen und streckte mich. Im nächsten Augenblick war die Decke des Wohnzimmers verschwunden. Alles war verschwunden. Wie aus dem Nichts befand sich mein Kopf in einer Tüte und es wurde von hinten an dem Kunststoffsack gezogen. Irgendjemand umklammerte zeitgleich meine Handgelenke und drückte die Arme an meine Hüfte. Wiederstand war zwecklos. Ich bekam keine Luft und verlor das Bewusstsein. Ich wachte gefesselt auf meinem Esstisch auf und meine vier Gliedmaßen zeigten jeweils zu den Ecken des Tisches. Eine maskierte Person beugte sich über mich und schien mich zu mustern. Die Maske, die er trug, war keine gewöhnliche Gesichtsvermummung. Es war ein Foto von mir, die dieser Psychopath mit zwei Aussparungen für die Augen versehen hatte. Ich versuchte zu schreien, aber mein Mund war mit Panzerklebeband verbarrikadiert. Er ging daraufhin ans andere Ende des Tisches und zog mir die Hose herunter. Der Griff zum funkelnden Küchenmesser auf dem Sideboard vollendete seine Vorbereitung. Der Maskenmann umklammerte mit beiden Händen das Messer und stemmte es in die Höhe. Ich merkte, wie mir schon wieder der Sauerstoff ausging. Mir wurde schwarz vor Augen. Die Ohnmacht war zweifelsfrei mein einziger Verbündeter in diesem Horror.

Als der Handywecker klingelte, schnellte mein Oberkörper auf dem Sofa auf. Mein Herz raste. Mal wieder. Ich wusste kaum, wo oben und unten war. Fiktion oder Realität? Ich fühlte mich nicht in der Lage, die Frage zu beantworten. Mein ganzer Körper war ein einziges Wrack. Ich schnappte angestrengt nach Luft, als wenn ich es soeben aus der Tiefe an die Wasseroberfläche geschafft hätte. Schmerzen ließen sich zunächst nicht ausmachen. Hieß das jetzt, dass ich mir das nur eingebildet hatte, fragte ich mich selber. Wäre da nur nicht das Küchenmesser gewesen, welches sich rechts neben dem Esstisch im Hochflorteppich eingegraben hatte. Da lag der physische Beweis, der keine Ungewissheit mehr zuließ. Nur warum hatten sie mich nicht direkt getötet, konnte ich mir nicht erklären. Was hatten sie mit mir vor? Meine Nackenhaare stellten sich auf. Ich brauchte Tabletten zur Beruhigung und musste unter Menschen. Die Öffentlichkeit sollte mir Schutz bieten, war meine Überzeugung. Im leicht benebelten Zustand verabschiedete ich mich von Sam und stieg ins Auto. Selten hatte ich ein solches Verlangen, arbeiten gehen zu dürfen. Wieder zu Hause versuchte ich meine Gedankenwelt mit einem Hauch von Freizeit-Normalität zu beruhigen. Das bedeutete für mich, ohne große Umwege Sam zu schnappen und eine ausgedehnte Runde im Park zu drehen, der zu dieser Tageszeit immer gut besucht war. Während meiner Arbeitszeit und seit einigen Wochen manchmal sogar nachts verweilte Sammy im abgezäunten Garten, in dem ihm ein großzügiger Unterschlupf in Form einer Hundehütte zur Verfügung stand. Er verbrachte dort gerne Zeit. Über eine kleine Hundeklappe auf der Terrasse, die auf das Halsband von Sam reagierte, konnte er aber auch jederzeit die Wohnung betreten und verlassen. Auf dem Freisitz stehend rief ich „Sammy, komm her. Zeit zum Gassi gehen.“ Keine Reaktion. „Komm schon, wir wollen raus.“ Als ich mich auf den Weg zur Hundehütte machte, dachte ich noch, was ich doch für einen faulen Hund hatte. Der Blick in das kleine Holzhäuschen ließ mein Inneres wie einen Spiegel zerbrechen. Kein Hund, dafür aber erneut ein Bilderrahmen, der mir die leider bekannten Fotos entgegen schleuderte. Ich wusste nicht genau, worüber ich mich mehr sorgen sollte. Der fehlende Hund oder der Rahmen, der vermeintlich noch in meiner Wohnung lag. Mit der Hoffnung, dass Sam in der Wohnung war und die Hundeklappe mal wieder eine Fehlfunktion hatte, versuchte ich, so gut es ging, Ruhe zu bewahren. Ich nahm den Rahmen und ging zum Haus zurück, als ich erkannte, dass der Foto-Slideshow zwei weitere Darstellungen hinzugefügt waren. Nummer Eins stellte einen großen Haufen von Eurobanknoten da, die lichterloh brannten. Das zweite Bild war ein Foto einer Waschmaschine. Das war die Waschmaschine in meinem Keller, schaltete ich sofort und lief los. Das Schleuderprogramm war gerade in vollem Gange. Nur hatte ich das Gerät weder programmiert noch am Morgen eingeschaltet. Die Waschmaschine verstand, was ich von ihr wollte, als ich auf den Stopp-Knopf drückte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis die Trommel zum Stehen kam. Ich öffnete die Luke und wünschte zugleich, die Trommel hätte sich nie aufgehört zu drehen. Die Tränen flossen mir die Wangen hinunter. Erst links, dann rechts. Meine Beine gaben nach und versetzten mich in eine ungemütliche Sitzposition auf dem kalten Fliesenboden. Ich fühlte mich unter acht Milliarden Menschen ganz allein. Meine Hand strich über das nasse Fell meines Hundes. Die Berührung hinterließ einen dünnen rötlichen Film aus Wasser und Blut auf meiner Handinnenfläche. Ich hatte Sammy gefunden. Der Körper war mit Einstichwunden übersät und am Hals zeichneten sich tiefe umlaufende Spuren ab, wie sie ein Stahldraht hinterlassen würde. Die Angreifer aus der Nacht mussten zurückgekehrt sein und hatten ihn getötet. Schnell mischte sich Wut und Aggression unter die Trauer. Ich riss das vollste Kellerregal um und trat mit voller Wucht gegen die Streben, bis nur noch ein Berg Metallschrott vor mir lag. Die Nacht und der Tag hinterließen Narben, die ich fortan mit mir herumtragen sollte. So konnte es nicht weitergehen. Ich musste dem Ganzen ein Ende setzen. Der Befehl zum Angriff war erteilt.

Noch am selben Tag erhielt ich die Information von Mario, dass seine Recherchen in eine Sackgasse verlaufen waren. Der Buschfunk blieb still. Ich solle das doch als positives Zeichen werten, beschwichtigte er mich. Das hatte man nun davon, wenn dein Anwalt Männer, die du nie kennengelernt hattest, dafür bezahlt hat, die Weichen für ein sorgloses Leben zu stellen, musste ich mir eingestehen. Sie wurden damals fürstlich entlohnt, die wenigen Zeugen, die hätten aussagen können, mundtot zu machen. Vor Gericht bezeugten sie alle später, dass sich Nina in der Nacht der Vergewaltigung nicht nur mir, sondern zuvor schon anderen Männern angebiedert hatte. In den Zeugenaussagen fiel sogar einmal das Wort Schlampe. Rückblickend war das aber scheinbar nur ein Etappensieg, der im wahrsten Sinne des Wortes teuer erkauft war.

Es war klar, dass ich dieses Mal den Steuerknüppel selber übernehmen und die Regeln in Eigenregie aufstellen musste. Mein zweites Telefonat führte ich an diesem Abend mit Rick, einem guten Freund aus alten Zeiten. Wir hatten in unserer Jugend viel Scheiße zusammen gebaut. Mittlerweile gab es nur noch unregelmäßigen Kontakt, was natürlich auch daran lag, dass er zwischenzeitlich wegen gefährlicher Körperverletzung im Knast gesessen hat. Rick sicherte mir sofort auch ohne jegliche Überredungskünste meinerseits seine Dienste zu. Ich bot ihm gönnerhaft meine Hilfe zur sogenannten Resozialisierung an, sobald ich den neuen Vertrag in der Tasche hätte. Unter Freunden hilft man sich eben. Wir trafen uns am nächsten Tag und klärten letzte Details. Rick sollte in den kommenden Tagen mein Haus im Auge behalten und alles Seltsame per Kamera dokumentieren. Ein direktes Einschreiten war nur im absoluten Notfall vorgesehen. Nur so konnte er notfalls auch länger unbemerkt der Observierung nachgehen. Ich machte ihm eindringlich klar, dass das ein Job für eine Person sei und niemand weiteres davon zu erfahren habe. Das war aber lediglich die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sah meinen Selbstschutz vor. So etwas wie in der einen Nacht sollte mir kein zweites Mal geschehen. Und dann noch Sammy. Eine Pistole verschaffte mir die sechs Argumente, denen sich auch diese Penner beugen müssten, sollten sie es nochmals wagen, dachte ich mir. Die Waffe musste ich gleich bezahlen, schließlich war Rick bereits in Vorkasse für mich gegangen. Der Krieg hatte begonnen.

Die Tage bis zum Probetraining verliefen ohne Vorkommnisse. Sam fand seine letzte Ruhe in meinem Garten unter einer Tanne, Rick bezog weiterhin Posten vor meinem Grundstück und ich war vollgepumpt mit Adrenalin. Zunächst begrüßte uns der Co-Trainer und bedankte sich für das Kommen. Nach einigen Aufwärmübungen wurde es dann auch schon ernst. In einem Trainingsspiel über 60 Minuten mit der gesamten Mannschaft sollten wir letztendlich auf Herz und Nieren geprüft werden. Ich war sofort drin und erzielte das erste Tor mit einer sehenswerten Aktion. Die Mitspieler setzen mich auch weiterhin gut in Szene und ich konnte dem Spiel in der ersten Halbzeit meinen Stempel aufdrücken. Die zweite Hälfte war dagegen das absolute Gegenteil. Mein Kopf schien plötzlich dicht zu sein. Die Unkonzentriertheit und die Ungenauigkeiten stiegen im Gleichschritt. Der Versuch meine teils lächerlichen Fehler durch Aggression im Zweikampf zu kompensieren, endete mit einem rüden Foul an einem Gegenspieler praktisch mit dem Abpfiff. Mit „du Vollidiot, scheiß Versager, schmeißt einfach deine Zukunft weg“, drangsalierte ich mich auf dem Weg in die Kabine, als wie aus heiterem Himmel der Cheftrainer vor mit stand und mich in sein kleines Büro bat. Ich kannte die Botschaft, die er mir nun schonend beibringen musste. Doch anders als befürchtet, lobte er meine Spielweise und unterstrich mein tolles Zweikampfverhalten. Auch, wenn man natürlich noch die fehlende Routine sehen könnte, würde er mich gerne zu den nächsten Trainingseinheiten begrüßen. Ich bedankte mich brav für das in mich gesetzte Vertrauen, verließ den Raum und erlebte die halbe Stunde danach in einem fast ferngesteuerten Zustand. Es war Wahnsinn, wie eng Freud und Leid aktuell beieinander lagen. An diesem Tag ging ich sehr früh zu Bett, meine Pistole durfte dabei natürlich nicht fehlen. Schließlich hing die dunkle Bedrohung immer noch wie ein Damoklesschwert über mir. Punkt Mitternacht machte mein Handy wie auf Befehl ein großes Spektakel und riss mich aus dem Tiefschlaf. Ich griff erst zur Waffe und dann zum Smartphone. UNBEKANNTE NUMMER. Das kannte ich ja. Ohne Umschweife brüllte ich ins Telefon, „lass die Spielchen sein und komm vorbei; du weißt ja genau, wo du mich finden kannst.“ Bevor überhaupt auch nur eine theoretische Chance zur Erwiderung bestand, sorgte ich für einen Abbruch des Telefonats. Ich schaltete das Handy auf stumm und legte es in die Schublade des Nachtschranks. Trotz der kurzen, aber heftigen Aufregung ließ sich mein Geist zügig besänftigen und ermöglichte mir erneut ein schnelles Einschlafen.

Ein strahlend blauer Himmel am Morgen erleichterte mir das Aufstehen und sorgte für eine rekordverdächtige Bereitschaft den heutigen Tag zu beginnen. Selten war ich so schnell im Badezimmer fertig und zum Abmarsch bereit. Die Haustür mit Dollar-Zeichen ließ ich sanft hinter mir zugleiten und stolzierte an der bereits schlecht überstrichenen Hauswand vorbei zu meinem Auto. Die alte Leier vom Hochmut drängte sich zugleich standesgemäß und Just in time in mein Leben. Auf dem Dach meines Autos war kontrastreich Folgendes in den schwarzen Lack gekratzt. DU ALLEINE TRÄGST DIE VERANTWORTUNG DAFÜR. DU GEHÖRST MIR. Mein vor Abscheu zur Seite schwenkender Blick in die Weite des Gartens offenbarte noch mehr. Um Klarheit zu erlangen, stürmte ich durch die Gartentür und raste zur Mitte der Rasenfläche. Blanker Hass, gepaart mit Schmerz brannte in meinen Augen. Vor mir lag Sam, ausgegraben und wie ein Stück Abfall weggeworfen. Ich hatte es gar nicht bemerkt, aber meine Hand umschlang scheinbar seit einer Weile den Griff meiner Kanone. „Was willst du von mir?“, hallte meine Stimme durch die ganze Nachbarschaft. Rick musste irgendetwas gesehen haben, heulte es in meinem Kopf auf. Der Sprint zur Straße wurde mit Enttäuschung quittiert. Weder Rick, noch sein Auto waren weit und breit zu sehen. In den Parkbuchten herrschte bis auf einen stehenden Kleinbus gähnende Leere. Mein Handy, welches ich in der Hosentasche mitführte, signalisierte mir, dass ich seit gestern Nacht drei Anrufe verpasst hatte. Einmal mit UNBEKANNTER NUMMER und zwei Versuche von Rick. Rick hatte mir auch eine Sprach- und Textnachricht per Whatsapp um kurz nach fünf hinterlassen. „Hey Bro. Alter, du musst mal dein Handy checken. Ich versuch dich schon die ganze Zeit zu erreichen. Ich glaub ich hab Neuigkeiten für dich, die ich dir lieber persönlich geben möchte. Und, ich habe als Bonus eine Überraschung vorbereitet. Aber alles zu seiner Zeit. Ich fahr jetzt nach Hause und penn ein bisschen. Lass` heut Abend treffen. Aber nicht vor 22 Uhr. Die Adresse kommt gleich. Bis dahin Funkstille. Hau rein.“

An Arbeiten wäre nach so einem Wechselbad der Gefühle nicht zu denken gewesen. Ein kurzer Anruf bei meinem Vorarbeiter erkaufte mir den Freiraum, den ich gerade für mich beanspruchte. Die Genesungswünsche nahm ich dankend an. Ich nutzte die freigewordene Zeit, um Sammy ein zweites Mal zu Grabe zu tragen. Den Rest des Tages überbrückte ich mit vielen Nichtigkeiten, die kaum der Rede wert waren. Und irgendwann war es dann so weit. Der Zündschlüssel steckte, die Zielführung war aktiviert und die Spannung lag wie Elektrizität in der Luft. Die freundliche Stimme der Navigation geleitete mich zu einem Hallenkomplex neben einer Bahntrasse. „Mehr Klischee geht ja kaum. Bestimmt war es der Gärtner“, schmunzelte ich. Da ich natürlich viel zu früh dran war, stellte ich die Sitzlehne zurück, entspannte meine Augen und lauschte der Musik, die aus den Boxen erklang.

Plötzlich war es 22:40. Ich musste tatsächlich eingeschlafen sein. Hektisch stieg ich aus dem Auto und schlich im Schutze der Nacht möglichst unauffällig zur Halle 7E. Ich öffnete die Tür und steuerte das einzige Zimmer an, aus dem Licht durch den Türspalt drang. Ein dreimaliges Klopfen an der Tür kündigte mich an. „Rick? Ich bin‘s“, rief ich beim Aufschieben der Zimmertür und schritt über die Türschwelle. Der Showdown war perfekt. Rick lag in seiner eigenen Blutlache auf dem dreckigen Boden. Kein Atmen, kein Stöhnen, da war nichts. Ich hatte größte Mühe mich nicht zu erbrechen, obwohl es mir in diesem Moment wahrscheinlich gut getan hätte. Der erneute zaghafte Versuch, Rick eine Reaktion abzuringen, blieb auch weiterhin ohne Erfolg. Neben ihm lagen einige ausgedruckte Fotos. Manche auf der Rück-, andere verdeckt auf der Vorderseite. Einem leisen Röcheln zur Folge, dass definitiv nicht von Rick kam, war ich nicht alleine im Zimmer. Der Ursprung war schnell gefunden. Im Wandschrank verbarg sich ein Mann, der an einen Stuhl gefesselt und geknebelt war. Hatte er Rick ermordet? Aber warum saß er jetzt dort drin? Ich schliff ihn samt Stuhl aus dem Möbelstück und sah in aufgequollene Augen. Sein Hemd hatte sich wie ein Schwamm mit Blut vollgesogen. Anhand der getrockneten Blutspur konnte man schlussfolgern, dass es aus der Nase geflossen war. Ich kannte den Typen aus dem Gerichtgebäude. Er gehörte zu Nina. Ich erinnerte mich an sein Gesicht. War er mein Stalker? Allein der bloße Verdacht ließ mein Herz sofort wieder rasen. Gewissheit konnte ich nur auf einem Wege bekommen. Ich löste angespannt den Knebel und wurde direkt unter Beschuss genommen. „Lass mich in Ruhe, du scheiß Psychopath. Du verdammter Vergewaltiger. Du Mörder. Wie viele Leben willst du eigentlich noch zerstören? Bin ich jetzt der nächste, du sadistisches Schwein? Mach mich los, wenn du dich traust“, warf er mir keineswegs ängstlich an den Kopf. „Halt deine blöde Fresse!“, erwiderte ich und gab ihm im Affekt eine Backpfeife. „Du bist Ninas Bruder, oder? Wie war dein Name gleich?“ „Thomas, du Arsch. Merk dir diesen Namen. Du wirst dafür leiden, was du meiner Schwester angetan hast.“ Ich hielt ein kurzes Innehalten für angebracht. Die Puzzlestücke setzten sich zusammen. Er war der Gesuchte. „Ich bin also hier der Psychopath, ja? Wie krank muss man sein, wenn man aus Hass ein Tier abschlachtet und ihm nicht mal den Frieden im Tod zugesteht? Dieser ganze Mist mit dem Bilderrahmen, den ach so cleveren Schmierereien an meinem Haus und der Überfall in meinem Wohnzimmer? Alleine hast du die Eier wohl nicht gehabt. Wer war dein Komplize in der Nacht? Mach’s Maul auf!“, forderte ich ihn auf und stellte gleichzeitig meine Kanone zur Schau. Thomas sah mich irritiert an. „Du bist ja total verrückt. Was für ein Überfall? Vandalismus? Ich habe nichts damit zu tun. Scheinbar bin ich nicht der einzige, der Probleme mit dir hat. Der Bilderrahmen sollte dich daran erinnern, dass du für den Selbstmord meiner Schwester verantwortlich bist. Scheiß Vergewaltiger. Es war eine Genugtuung, die Furcht in deiner Stimme am anderen Ende des Telefons zu hören. Ich hätte alles dafür gegeben, deinen verängstigten Blick während unseres kleinen Pläuschchens zu sehen. Also wollte ich das nachholen. Da war mir selber aber noch nicht klar, wie wahnsinnig du bist. Ich habe dich letzte Nacht beobachtet, wie du deinen toten Köter wieder ausgegraben hast. Danach hast du dein Auto bearbeitet. Als ich später schauen wollte, was du dort mit deinem Schlüssel hinterlassen hast, hat mich dein bescheuerter Freund überwältigt und entführt. Zum Dank hast du ihn dann vorhin erschossen, du Freak.“ Ein fragendes „Was“ drückte sich an meinen Lippen vorbei. „Du weist es wirklich nicht mehr? Du warst vorhin schon einmal hier. Ich habe alles durch den Spalt der Schranktür mitbekommen. Dein Kumpel hat dir Fotos von dir selber mit Spaten in deinem Garten gezeigt. Er betitelte dich als kleinen Schlafwandler und fand das ziemlich lustig. Es sei nun alles geklärt und du könntest dein Leben wieder sorgenfrei genießen. Dieser Satz schien etwas in dir auszulösen. Deine Augenlieder begannen zu zucken. Sekunden später hast du deinen Freund ohne Andeutung erschossen. Du glaubst mir nicht? Schau dir die Bilder auf dem Boden an oder wirf einen Blick ins Magazin der Waffe. Viele Patronen können nicht mehr drin sein.“ Das war harter Tobak für mich. Nach kurzer Regungslosigkeit überprüfte ich seine Behauptungen. Er hatte nicht gelogen. Was war nur mit mir los? Wie in Trance legte ich die Kanone nieder, griff zu einem Messer, welches auf einem benachbarten Tisch lag und ging auf Thomas zu. Er zuckte zusammen, als ich seine Fesseln löste und ihn vom Stuhl befreite. „Hau ab“, sagte ich und drehte mich zur Leiche von Rick um. Meine Schuld stank bis zum Himmel. Plötzlich stürzte sich Thomas von hinten auf mich. Eigentlich hätte damit rechnen müssen. Es kam zu einem Gerangel zwischen uns beiden. Wir kämpften beide um das Messer. Unsere Hände drückten die Klinge abwechselnd in alle möglichen Richtungen. Fast hätte er mich gehabt. Mit letzter Kraft brachte ich meinen Körper mit einer Seitwärtsrolle über seinen und warf mein volles Körpergewicht in die Waagschale. Sein Widerstand war gebrochen. Meine Finger gaben das Messer frei. Es steckte bis zum Anschlag in Thomas‘ Brust. Ich blickte in sein gequältes Gesicht. Meine Augenlider begannen zu zucken. Ich schloss zur Beruhigung die Augen. Als ich sie wieder öffnete, kniete ich nicht mehr über Thomas, sondern über mir selber. Ich starrte in mein eigenes Gesicht und es starrte zurück. Ein kleiner Teil von mir ergötze sich an den letzten Atemzügen meines Ebenbildes. Ich hatte es verdient, mich selber leiden zu sehen. Es fühlte sich richtig an. Der Schmerz ist meine gerechte Strafe für all das, was ich getan hatte. Arme Nina. Es tut mir so leid. Könnte ich doch das Geschehene wieder rückgängig machen. Ich stehe auf und nehme die am Boden liegende Kanone in die Hand. Zwei Patronen warten schließlich sehnsüchtig darauf, abgefeuert zu werden. Ich halte die Mündung an meine Schläfe und…. Mein Finger verweigert den Dienst. Scheinbar soll es nicht sein. Ich lasse die Waffe aus meinen Fingern gleiten und sie schlägt hart auf dem Boden auf.

Das hatte nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Erlösung im Tod hatte ich nicht verdient. Mein Unterbewusstsein war zum jetzigen Zeitpunkt nicht bereit, mich von den Qualen, die ich mir selber auferlegt hatte, zu befreien. Ich hatte Sammy getötet, Rick ermordet, mich selbst sabotiert und Todesängste ertragen. Der Cocktail aus Schuld und Schmerzen, war viel zu süß, um ihn jetzt schon herunterschlucken zu dürfen. Mich ereilte die größte Strafe, die es gab: WEITERLEBEN.

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10 thoughts on “tu(t) mir leid

  1. Hallo,
    sehr spannende Geschichte.
    Die Szene mit dem Hund ist höchstdramatisch. Aber ich muss dann immer weiterlesen, ich kann gar nicht aufhören.
    Interessant, dass unser beider Geschichten von Fußball angehaucht sind 🙂
    Liebe Grüße
    (Deadline Day)

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    1. Spannende Geschichte und ein tolles Ende! Ich würde etwas kürzen. Für eine Kurzgeschichte ist deine Story zu lang. Vieles, was du erzählst, ist für den eigentlichen Plot nicht relevant und kann weggelassen werden. Schön wäre es auch, wenn du noch mehr auf die Gefühle des Protagonisten eingehen könntest. Du erzählst einfach, zeige mehr! Was denkt der Protagonist als er mit heruntergelassener Hose auf dem Küchentisch liegt und als er danach erwacht? Was fühlt er? Nur als Beispiel… Ansonsten ist es aber eine gute Geschichte, die mit etwas Überarbeitung noch besser werden kann.

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      1. Danke für dein Feedback inkl. der konstruktiven Kritik. Ich kann die Verbesserungsvorschläge gut nachvollziehen. Glaub mir, ich musste mich ganz schön strecken, um den Plot überhaupt noch einigermaßen mit der Seitenvorgabe in Einklang zu bringen; daher nicht die ganz klassische Kurzgeschichte. Noch stärker den Leser an den Gedanken des Protagonisten teilhaben lassen… da magst du recht haben. Könnte eine noch stärkere Verbindung zur Figur schaffen.

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  2. Moin Ghostwriter,

    das nenn ich mal ne phatte Storie.

    Respekt für die Ausarbeitung. Starker Plot, gut gezeichnete Charaktere und ein Wortschatz der keine Fragen offen lässt. Da ist dir was richtig gutes gelungen!

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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  3. Dank dir Frank. Freut mich sehr, dass dir der Plot und der Charakter meiner Figur gefallen hat. Der Charakter hat sich irgendwie sehr schnell von alleine ergeben, bei der Story habe ich aber immer wieder Feintuning betreiben müssen, bis ich selber recht zufrieden war.

    Habe eben auch deine Story kommentiert, die absolut nachvollziehbar schon von so vielen gelobt wurde. Plus Herz!

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  4. Moin, Ghostwriter! So lange stand Deine Story schon auf meiner „To-be-read“-Liste, heute war es nun endlich so weit. Puuuhhhh, heftig. Damit, dass er im Endeffekt Protagonist und Gegenspieler in einem ist, hätte ich nicht gerechnet. Das hatte ich bisher auch noch nicht, fand ich klasse! Sprachlich hat`s mir auch gefallen. Ich verstehe nicht wirklich, wieso Du nicht schon mehr Likes hast generieren können.

    Kollegiale Grüße! Kathrin aka Scripturine / https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt

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    1. Vielen lieben Dank Kathrin. Ich freu mich jedes Mal sehr, wenn ich lesen darf, dass das Ende überraschend kam. Das ist nämlich auch für mich eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das wichtigste Merkmal einer Thrillers – nicht wissen was passiert.

      Vielleicht wird die Geschichte aufgrund der doch überdurchschnittlichen Länge nicht so gern gelesen, was man natürlich auch ein bisschen nachvollziehen kann. Die verfügbare Zeit wird bei fasten allen Teilnehmern knapp sein. Werde mir mal direkt deinen Story-Namen notieren, damit ich auch dir ein Feedback geben kann. Bis dahin, Grüße.

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