Peter MüllerVergessen

Ein leises, beständiges Summen riss Manuel aus seinen Albträumen. Eben noch hatte er in ein Gesicht geblickt, das ihm vage bekannt vorkam. Es war eine Frau gewesen, sein Bewusstsein klammerte sich an diesen Erinnerungsfetzen –  und damit auch an das Bild eines Gesichtes, das immer seltsamer, immer abscheulicher wurde, das regelrecht vor ihm zerfloss. Zuerst wanderten die Wangenknochen nach unten und unter dem Weiß der Augäpfel entstand ein schwarzer Schlitz. Der Kiefer renkte sich aus und baumelte leblos herab. Das Frauengesicht wurde immer länger und schließlich versagten die Wangenknochen ihren Dienst und das Fleisch tropfte regelrecht herab und hinterließ mit einem unschönen Platschen einen Fleck auf dem Boden vor Manuel. Aus den schwarzen Schlitzen unter den Augen wurden klaffende Löcher, aus denen es schwach rot pulsierte.

Dann setzte das Summen ein und die Welt drehte sich. Manuel öffnete die Augen. Der Fußboden lag links von ihm, die Decke rechts. Er blickte auf ein quer hängendes Regal, dessen Böden von einer leichten Staubschicht überzogen waren.

Mit einem Ächzen richtete sich Manuel im Bett auf und die Welt nahm wieder ihre gewohnte Form an. Der Albtraum hatte ihm den Schweiß auf die Stirn gejagt. Im ersten Moment konnte er nicht sagen, was ihn geweckt hatte. Dann summte es wieder, direkt vor ihm. Manuel stand auf und tastete nach den unteren Regalböden, von woher das Geräusch gekommen war. Seine Finger stießen an etwas Hartes, Flaches. Er zog es heraus: Es war ein Smartphone, offenbar nicht das neueste, denn das Display wies einige Kratzer auf.

Einen Moment lang fragte Manuel sich, woher das Gerät gekommen war. Es kam ihm nicht bekannt vor und er hatte in letzter Zeit auch keinen Besuch gehabt. Es lag nur kalt und schwer in seiner Hand.

Plötzlich leuchtete das Display auf. „7 ausstehende Updates“ stand darauf. Manuel drückte auf das Icon und ein Schloss erschien auf dem Bildschirm. Offenbar war das Gerät passwortgeschützt. Doch schon im nächsten Moment öffnete sich das Schloss und Manuel konnte im Bruchteil einer Sekunde einen Textfetzen erhaschen: t Gesichtserkennung entspe.

Völlig ratlos starrte er auf das Gerät. Er drehte es in seinen Händen, konnte aber keinerlei Besonderheiten wie Aufkleber oder abgeplatzte Stellen erkennen. Er wandte sich wieder dem Display zu und zog die Benachrichtigungsleiste nach unten.

Download Maps: 46%

Download Begleiter für Ihr Smartphone: ausstehend

Download Google Fotos: ausstehend

Er wischte die Meldungen weg und sah dabei, dass das Gerät in ein Wlan-Netz eingeloggt war. Er prüfte den Status: Es war sein eigenes. Manuel zog die Augenbrauen zusammen. Er war sich sicher, am Abend das Wlan ausgeschaltet zu haben – wie jeden Abend. Da er nachts nicht im Internet surfte, hatte er seine Wlan-Box an eine Steckdose mit Schalter angeschlossen, um das Gerät abzustellen und so etwas Strom zu sparen. Vermutlich war es nicht allzu viel, was sich dadurch zusammenläpperte, aber ihm ging es vor allem auch darum, etwas weniger gut erreichbar zu sein. Kein Wlan, keine eingehenden Mails, so einfach war seine Logik. Und sie sorgte immerhin für ruhige Nächte.

Hatte er gestern wirklich vergessen, die Steckdose auszuschalten? Manuel überlegte, doch er war sich sicher, dass sie abgeschaltet gewesen war. Sobald er in das Wohnzimmer kam, würde er nach der Steckdose schauen.

Manuel blickte wieder auf das Display des Smartphones. Es war vollkommen leer. Nur eine Seite, kein Hintergrundbild, keine Shortcuts – nur das Icon der Galerie. Stirnrunzelnd tippte er auf das Symbol.

Eine Liste mit mehreren Ordnern öffnete sich. Manuel tippte wahllos auf ein Bild und erstarrte im nächsten Moment. Das Foto zeigte ihn, doch er hatte keine Ahnung, wann und wo es aufgenommen worden war, denn er konnte sich nicht erinnern, jemals in einer Leichenhalle gewesen zu sein. Und selbst wenn – in diesem Zustand, als regloser Körper auf einer Bahre, hätte er sich vermutlich im Nachhinein auch nicht daran erinnern können.

Ihm gefror das Blut in den Adern. Wer auch immer auf dem Bild zu sehen war, er sah ihm verdammt ähnlich. Ein kleines Detail weckte seine Aufmerksamkeit. Manuel zoomte mit den Fingern in das Bild hinein. Er betrachtete einen kleinen Leberfleck rechts unterhalb des Halses. Wie in Trance wanderte seine Hand hinauf zu seinem Schlüsselbein und strich über die Stelle. Nein, dieser Kerl sah ihm nicht ähnlich, dieser Kerl dort auf dem Bild war er.

Entsetzt schloss Manuel das Bild wieder und betrachtete den Titel des Ordners, in dem es gespeichert war: Zukunft. Es befand sich noch ein weiteres Foto darin. Er öffnete es. Es zeigte einen Mann in einem schwarzen Anzug, der auf ein offenes Grab blickte. Manuel konnte nicht erkennen, wer der Mann war, doch ausgehend von Haarschnitt, Körpergröße und dem Inhalt des anderen Bildes stieg in ihm ein mulmiges Gefühl auf. Auch hier zoomte er wieder hinein, versuchte, die Grabinschrift zu lesen, konnte aber nichts erkennen. Irgendjemand hatte die Buchstaben eher stümperhaft digital verwischt und anschließend „S N“ darüber geschrieben. Manuel hatte keine Ahnung, wofür diese Buchstaben standen.

Er ging zur Übersicht zurück. Noch zwei weitere Ordner waren in der Galerie gespeichert und, wenig überraschend, mit „Gegenwart“ und „Vergangenheit“ betitelt. Er öffnete Ersteren und fand eine Handvoll Bilder, deren Motive ihm besser bekannt vorkamen.

Auf dem ersten Foto war eine Frau abgelichtet. Sie saß an einem sonnigen Tag auf einer Parkbank und las in einem Buch. Viel mehr konnte Manuel nicht erkennen, denn die Aufnahme war unscharf, als wäre sie aus großer Entfernung angefertigt worden. Er scrollte weiter. Die nächste Aufnahme zeigte die Frau aus der Nähe. Manuel erschauderte, als er in ihr Gesicht blickte. Sie hatte langes, braunes Haar und lächelte in die Kamera – trotz des Lächelns lagen ihre Wangenknochen sehr tief. Manuel kannte das Gesicht. Er hatte es erst vor wenigen Minuten in seinen Träumen gesehen, es war vor ihm zerflossen. Wer war diese Frau? Langsam wischte Manuel zum nächsten Foto.

Darauf war sie wieder zu sehen, dieses Mal an seiner Seite. Sie schlenderten gerade durch eine Einkaufspassage, schauten sich an einem Verkaufsstand Schlüsselanhänger an und hielten Händchen. Manuel spürte etwas wie die Ahnung einer Erinnerung. Er betrachtete das blaue Hemd, das er auf dem Bild trug. Irgendetwas in ihm wusste, dass er es erst an diesem Tag gekauft hatte. Es war im Urlaub an der Küste gewesen, das war vielleicht zwei, drei Wochen her. Später hatte er am Strand gebadet, aber ein plötzlicher, kalter Wind hatte ihn wieder aus dem Wasser gezwungen. Das Hemd war bei seiner Rückkehr verschwunden, wahrscheinlich war es vom Wind fortgetragen worden. Manuel hatte sich auf dem Weg zum Hotel in das feuchte Strandtuch gehüllt, und vier Tage später saß er auf dem Nachhauseweg auf dem Beifahrersitz, weil er vor lauter Husten das Lenkrad nicht ruhig halten konnte. Und auf dem Fahrersitz saß …

Manuel spürte ein Stechen in seinem Kopf. Er versuchte, es zu ignorieren und zwang seine Gedanken zurück zum Urlaub. Das unruhiger werdende Pochen und Stechen hielt ihn fest. Nur langsam und unter größerer Anstrengung entstand ein Bild. Ein rotes Handtuch, das ihm von den kalten Schultern fiel. Nein, nicht fiel – gezogen wurde. Dazu ein verschmitztes Kichern. Zwei dunkelgrüne Augen, die erst sein Gesicht musterten und dann an ihm hinunter blickten. Weiße Schneidezähne, die verlegen auf eine Unterlippe bissen. Seine Finger, die über eine Wange strichen. Über die Rundung von tief liegenden Wangenknochen. Ein warmer Hauch an seinem Kinn.

Ein gleißender Schmerz warf ihn zurück in die Realität. Er rieb sich ächzend die Stirn und blickte auf das Bild. Er konnte sich an das Hemd erinnern, an einen Urlaub, und dann war da diese Frau. Aber wer war sie? Und wer hatte das Bild gemacht? In der Hoffnung, Antworten zu finden, wischte er weiter.

Wieder ein Friedhofsbild. Die Aufnahme zeigte offenbar dasselbe Grab wie in dem anderen Ordner, der Fotograf hatte jedoch auf der gegenüberliegenden Seite gestanden, sodass sich Manuel nicht sicher war. Auf dieser Aufnahme konnte er Erde vor dem Grabstein erkennen, die Inschrift war jedoch auch hier unkenntlich gemacht worden. Um den Stein herum lagen zahllose Stofftiere und kleinere Spielzeuge. Es war offenbar das Grab eines Kindes. Doch auch bei dieser Aufnahme kam Manuel der Ort nicht bekannt vor.

Er wechselte zum letzten Ordner, der mit „Vergangenheit“ betitelt war. Im Gegensatz zu den anderen beiden war dieser vollgepackt mit Bildern und Videoaufnahmen. Auf den meisten davon war Manuel zu sehen. Er, wie er mit geschlossenen Augen und lächelnd in einem Liegestuhl in der Sonne lag. Er, wie er breit grinsend bei einer Feier den Verschluss einer kleinen Schnapsflasche auf der Nasenspitze balancierte. Er, wie er am Rand eines Sees stand und auf das Wasser hinausblickte. Es folgten noch weitere Bilder. Manuel betrachtete sie, doch er hatte bei keinem eine spontane Idee, wann und wo es aufgenommen wurde. Beim Anblick der Aufnahmen wurde ihm leicht schwindelig. Er spürte ein dumpfes Brummen ganz hinten in seinem Kopf. Der Kopfschmerz wurde etwas stärker. Wer hatte diese Bilder von ihm gemacht? Und wieso waren sie auf diesem Handy gespeichert, das er nicht kannte und das bei ihm einfach im Regal lag und sich in sein Wlan eingeloggt hatte?

Manuel ging die Bilder weiter durch. Es folgten einige Aufnahmen einer Wohnung, stilvoll eingerichtet, ihm aber völlig unbekannt, und doch waren darunter auch Aufnahmen, die ihn auf dem Sofa sitzend zeigten.

Ein Bild ließ ihn innehalten. Das Hauptmotiv war er selbst, er saß an einem Tisch und verpackte ein Geschenk, wobei er grinsend in die Kamera schielte. Auch hierzu hatte er keine Erinnerung, doch das war es nicht, was ihn stutzig werden ließ. Neben seinem Kopf, im Hintergrund des Bildes, konnte er eine Spiegelung im Fenster erkennen. Da das Foto offenbar abends oder nachts aufgenommen worden war – draußen war es dunkel –, war die Person, die das Foto gemacht hatte, deutlich zu sehen. Die langen, schwarzen Haare und das blässliche Gesicht hätte er überall wiedererkannt. Dort stand Helena und drückte auf den Auslöser. Manuel zoomte in das Bild hinein und konnte ihre schmalen Lippen sehen, die ein Lächeln formten. Ihre Augen waren auf das Display gerichtet und blickten voller Wärme und Glück hinein.

„Und du bist dir sicher, dass das was wird?“, hörte er sie in seinen Gedanken sagen. Endlich, der Fetzen einer Erinnerung! Er wollte ihn festhalten.

„Sieht doch gut aus“, erwiderte er auf ihren Kommentar.

Helena zog eine Augenbraue hoch. „Na wenn du meinst …“

Manuel versuchte, tiefer in die Erinnerung einzutauchen. An welchem Tisch saß er da? Was hatte er eingepackt? Wenn er aufstehen und den Raum verlassen könnte, wo –

Ein plötzlicher, stechender Schmerz hinter der Stirn ließ ihn zusammenzucken. Das Brummen in seinem Kopf wurde wieder lauter. Er wurde von der Erinnerung fortgerissen und unsanft auf sein Bett gestoßen. Übelkeit überkam ihn, er schluckte ein paar Mal schwer und griff dann nach der Flasche, die neben dem Bett stand. Das kühle Wasser half gegen den Brechreiz, aber die Kopfschmerzen konnte es nicht vertreiben. Mit leicht zusammengekniffenen Augen scrollte Manuel weiter durch die Fotos.

Es folgte eine Aufnahme, die verschwommene graue Linien zeigte. Im ersten Moment konnte Manuel mit dem Motiv nichts anfangen, bis er schließlich das Muster einer Ultraschallaufnahme darin erkannte. Es war das Bild eines ungeborenen Kindes. Obwohl Manuel noch nie solche Bilder gesehen hatte, fühlte es sich irgendwie vertraut an. Bekannt. Das Motiv war so zurechtgeschnitten worden, dass die übliche Schrift am Rand, die ihm Aufschlüsse über die Mutter oder den behandelnden Arzt gegeben hätte, fehlte. Unten in der Mitte war jedoch in Computerschrift ein Name eingefügt worden: Mia.

Irgendeine Erinnerung schien sich ihren Weg nach draußen zu bahnen, aber es war, als hielte sie Manuels Gehirn an einer Leine zurück. Die Erinnerung zog und zerrte daran wie ein wild gewordenes Tier, doch sie konnte sich nicht losreißen. So sehr Manuel es auch versuchte, er konnte nicht zu den Bildern vordringen, die irgendwo in seinem Kopf nach ihm schrien.

Plötzlich fuhr das Brummen, das immer noch in seinem Kopf wütete, durch Manuels Finger. Er schrak zusammen und ließ das Handy fallen. Klappernd landete es neben dem Bett. Es hatte gerade vibriert. Manuel bückte sich und hob es auf. Eine Nachricht war eingegangen.

Hallo, Schatz. Hast du gut geschlafen?

Manuel blickte verwirrt auf die sechs Wörter, die dort standen. Schatz? Er wusste nicht, was er antworten sollte, also tippte er gar nichts, sondern starrte nur auf die Nachricht.

Die Minuten vergingen. Schließlich vibrierte das Handy wieder. Eine weitere Nachricht.

Ist alles in Ordnung, Manuel?

Er zögerte. Wäre dieses seltsame, schwarze Ding in seiner Hand, auf dem Bilder von ihm gespeichert waren, an die er sich nicht erinnern konnte, wenigstens sein eigenes Handy gewesen, dann würde er die Situation zwar als merkwürdig empfinden, aber nicht als so latent beängstigend. Eine Weile überlegte er, ob er antworten sollte. Wenn er nichts schrieb, würde vielleicht die nächste Nachricht folgen. Die einzige Chance, Antworten zu finden, bestand offenbar darin, ein Lebenszeichen von sich zu geben. Es schien Helena zu sein, die ihm da schrieb. Er entschied sich dazu, sie von seinem eigenen Handy aus zu kontaktieren.

Langsam beugte er sich zu seinem Nachttisch herüber. Das Wummern in seinem Kopf ließ ihm keine Ruhe. Er tastete mit seinen Fingern nach dem Gerät, doch sie griffen ins Leere. Es lag nicht dort. Manuel erhob sich ächzend und suchte unter dem Nachttisch und im Bett, doch es war nirgends zu finden. Unschlüssig starrte er auf das schwarze Handy, das er neben sich gelegt hatte. Er hob es langsam an und begann zu tippen.

Helena?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Wer sonst? Hast du wieder die Kontaktliste gelöscht? Warte, ich bin gleich da. Ich habe beim Bäcker Brötchen für uns geholt.

Manuel las sich die Nachricht mehrmals durch. Langsam ahnte er, was sich abgespielt haben könnte. Der Schwindel. Ein Zeitriss, der offenbar einige Teile seiner Erinnerung weggespült hatte. Und schließlich die immer schlimmer werdenden Kopfschmerzen. Offenbar hatte er am Abend zuvor zu viel getrunken und war dann einfach in einen tiefen Schlaf gefallen.

Trotzdem – mit dieser Version stimmte etwas nicht. Wer war die Frau, die auf einigen Bildern zu sehen war? Und wessen Grab war das? Außerdem war das da in seiner Hand nicht sein Handy. Manuels Puls beschleunigte sich, sein Atem ging schneller. Irgendetwas war faul an der Sache. Er tippte eine Antwort.

Bleib bitte, wo du bist. Irgendwas stimmt hier nicht. Ich komme dir entgegen und erkläre es dir. Wo bist du gerade?

Er brauchte einige Zeit, um aufzustehen. Sein Kopf forderte Ruhe, er schrie nach Dunkelheit, doch nichts lag Manuel ferner, als sich jetzt wieder ins Bett zu legen. Er griff nach dem T-Shirt, das er am Vorabend offenbar achtlos neben das Bett geworfen hatte, und zog sich, so schnell es ging, eine Hose an. Plötzlich vibrierte das Handy, dieses Mal länger, und eine Tonfolge gesellte sich dazu. Es klingelte. Er starrte auf das Display: Unbekannter Anrufer. War das Helena? Zögernd wischte er den grünen Hörer beiseite.

„Hallo?“

Stille. Manuel lauschte angestrengt. Dann hörte er ein Geräusch. Ein tiefes, langes Seufzen, das aus der Ferne ertönte. Dann ein kurzes, emotionsloses „Ja.“

„Helena, bist du das?“, konnte er noch sagen, bevor ihm eine tiefe Männerstimme das Wort abschnitt.

„Rosenbaum.“

Manuel zog verwundert die Augenbrauen zusammen. Er kannte weder die Stimme, noch konnte er etwas mit dem Wort anfangen. „Was …“

„Zweiundsechzig“, sprach die Stimme weiter. „Hagestolz. Adäquat. Beigefarben.“

Zwischen Manuels Schläfen wurde das Brummen plötzlich lauter. Es begann, die fremde Stimme zu übertönen. Der Druck in seinem Kopf nahm zu, der Schmerz war jetzt in jeder Ecke zu spüren.

„Hallo, wer …“, konnte er sich noch selbst sagen hören. Doch die sonore Stimme brummte weiter.

„Hochgeschwindigkeit. Planieren. Ganglion.“

Den Rest konnte er nicht mehr verstehen. In seinem Kopf tobte es. Mit einem Schlag wurde er zurück in die Kissen geworfen.

 

 

Ein leises, beständiges Summen riss Manuel aus seinen Albträumen. Er öffnete die Augen. Der Fußboden lag links von ihm, die Decke rechts. Er blickte auf ein quer hängendes Regal, dessen Böden von einer leichten Staubschicht überzogen waren. Mit einem Ächzen richtete sich Manuel im Bett auf und die Welt nahm wieder ihre gewohnte Form an.

Er langte mit seiner Hand nach seinem Handy und schaute sich die Benachrichtigung an, die ihn geweckt hatte: „2 ausstehende Updates“ Entnervt ließ er das Handy neben sich ins Bett fallen. Er rieb sich die Augen, dann stand er auf. Beim Hochkommen spürte er ein leichtes Ziehen im Hinterkopf. Er rieb sich mit der Hand über die betreffende Stelle und ging dann ins Wohnzimmer. Helena hatte den Frühstückstisch schon gedeckt, wahrscheinlich war sie gerade Brötchen holen.

Er ging vor die Haustür und holte die Zeitung aus der Rolle. In der Nacht hatte es geschneit, die Kälte kroch ihm unter die Haut, sobald er die Haustür durchquert hatte. Er beeilte sich, wieder zurück ins warme Haus zu kommen. Er würde einen heißen Kaffee zum Aufwärmen kochen.

 

 

Helena stand mit ernstem Gesichtsausdruck am Ende der Straße hinter einer Hausecke verborgen und beobachtete ihn.

„Stimmt irgendetwas nicht, Frau Neuhaus?“ Sie drehte sich in die Richtung, aus der die sonore Stimme gekommen war.

„Ich bin mir nicht sicher.“ Sie wandte den Kopf wieder ab und blickte unschlüssig zum Haus hinüber. „Es ist alles weg?“

„Wie Sie wollten.“ Der Mann mit der tiefen Stimme zündete sich eine Zigarette an.

„Was, wenn sich Sebastian doch wieder an etwas erinnert?“

Der Mann blickte Helena mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Sie meinen Manuel?“

„Richtig, ja. Ich werde mich schon dran gewöhnen.“

Der Mann zog an seiner Zigarette. „Das wird nicht passieren.“

Helena verschränkte die Arme. „Aber er hat auf die Nachrichten auch nicht wie gewünscht reagiert. Irgendetwas muss da noch hängen geblieben sein.“

„Die menschliche Psyche ist nun einmal nicht mit exakten Zahlen zu vergleichen“, erwiderte der Mann schroff und trat einen Schritt auf sie zu. Helena beugte sich unbewusst etwas zurück, blieb aber stehen. „Und immerhin war es Ihre Idee, ihm noch eins auszuwischen mit irgendwelchen Bildern oder was auch immer Sie da angestellt haben. Wenn ich meine Arbeit vernünftig hätte machen können, wäre es längst erledigt.“

Helena biss die Zähne zusammen. Ja, vielleicht war es ein Fehler gewesen, Sebastian – nein, Manuel – mit den Bildern zu konfrontieren, aber ihre eigenen Wunden waren zu tief. Sie würde im Gegensatz zu ihm nicht vergessen, was sich in den letzten Jahren abgespielt hatte. Die Hochzeit. Der Schwangerschaftstest. Die Freude über ein Kind. Und ihn, der kalte Füße bekommen hatte und zu diesem Flittchen gegangen war. Sie hatte gehofft, er würde seine Meinung ändern, sobald er seine Tochter im Arm hielt, und vielleicht hätte er das auch getan, wenn nicht in diesem Moment diese Schlampe um die Ecke gekommen wäre und beiden eine Szene gemacht hätte. So wütend geworden wäre und wild gestikuliert hätte, dass Mia aus seinen Armen gefallen und mit dem Kopf auf den Bürgersteig aufgeschlagen war.

Alles, was sie wollte, war ihr altes Leben. Und dennoch sollte er nicht so einfach davonkommen. Er sollte genauso leiden wie sie. Es hatte lange gedauert, bis alles vorbereitet gewesen war. Bis sie den richtigen Mann für ihr Vorhaben gefunden hatte, der, der jetzt neben ihr stand und eine Zigarette rauchte. Nachdem er Sebastian das erste Mal in Trance versetzt hatte, kam ihr die Idee mit den Bildern. Er sollte wenigstens ein Mal sehen, was er angerichtet hatte. Für Sebastian war es sicherlich schrecklich gewesen, er hatte geschrien und geweint und war schlussendlich durch einen weiteren tiefen Schlaf erlöst worden.

Dennoch hatte sie die alten Bilder behalten. Sie musste wissen, ob die ihr versprochene Löschung seiner Erinnerung auch erfolgreich gewesen war. Also hatte sie ihm das Handy aufs Regal gelegt – offenbar ein Fehler, denn irgendetwas, das zu Sebastians altem Leben gehörte, schien noch in ihm zu wachen.

„Ich habe ihn wie gewünscht getriggert. Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Beim zweiten Versuch hat er schließlich nichts gemerkt, oder?“ Die Stimme des Mannes neben ihr unterbrach ihre Gedanken. Er trat gerade seine Zigarette aus. „Wie Sie es haben wollten, Frau Neuhaus.“

Helena nickte gedankenverloren. Dann langte sie in die Innentasche ihrer Jacke und zog einen dicken Umschlag heraus. Sie reichte ihn dem Mann. „Hier, wie vereinbart.“

Sie wandte sich gerade zum Gehen, als er sie zurückhielt. „Was ist mit dieser Frau da, mit dieser Nina?“

Helena zögerte kurz. Dann griff sie entschlossen in die Innentasche auf der anderen Seite und reichte ihm einen zweiten Umschlag. „Welche Nina?“ Er warf ihr einen gespielt unwissenden Blick zu, dann trennten sich ihre Wege.

Durch den Schnee ging Helena auf das Haus zu. Sie trug einen Beutel mit Brötchen bei sich. Sie würde einfach hinein gehen und mit Sebas- Manuel frühstücken. Als wäre nichts gewesen. Sie beide hatten ihren Preis gezahlt, Helena auf materielle Weise, Manuel auf andere. Nun würde es für ihn nur noch sie geben. Und Mia – Mia würde in ihrer Erinnerung verblassen. Helena würde die Bilder von Manuels Handy löschen, dann würde alles gut sein. Endlich. Nach all den Jahren.

Sie betrat den warmen Flur und zog sich die Jacke aus. „Hallo, Schatz“, rief sie in Richtung des Wohnzimmers. „Hier riecht es aber gut nach Kaffee. Hast du ausgeschlafen?“ Sie trat ein, doch sie war alleine. Der Frühstückstisch war gedeckt, der heiße Kaffee dampfte aus der Tasse. Auf dem Tisch lag ein schwarzes Handy. Sie blickte sich kurz um – niemand zu sehen – und nahm es an sich. Das Display zeigte das Ultraschallbild. Er hatte es gesehen. Doch hatte es etwas in ihm ausgelöst?

„Manuel?“ Aus der Küche kam ein leises Klappern. Helena markierte in aller Eile sämtliche Bilder und drückte auf das Papierkorb-Symbol. Sie würde ihm einfach erzählen, dass er seinen Speicher versehentlich gelöscht hatte, das hatte schließlich schon einmal funktioniert. Dann rief sie ihn wieder beim Namen.

„Manuel, bist du fertig? Können wir frühstücken?“

Keine Reaktion. Sie trat in die Küche. Dort stand er mit dem Rücken zu ihr und bewegte sich nicht.

„Manuel? Ist alles in Ordnung mit dir?“

Langsam drehte er sich um. In seiner Hand hielt er ein großes Fleischmesser.

16 thoughts on “Vergessen

  1. Wahnsinns Geschichte👍🏻Starke Wortwahl…
    ..hat mir mit Abstand am besten gefallen. Ihre Schüler können sich wirklich glücklich schätzen, so einen lockeren Lehrer zu haben. Viel Erfolg und gutes Gelingen im Weiterschreiben. Das kann echt etwas werden 😊 Liebe Grüße

  2. Schade, dass eine Kurzgeschichte ein offenes Ende haben muss, denn ich würde wirklich gerne wissen wie es ausgeht.
    Die Geschichte war nicht nur von der ersten Zeile an fesselnd, sondern auch die Kreativität und die Wortwahl ist sehr gut angewandt wurden. Wenn eine Geschichte es verdient hat gelesen zu werden – dann deine.
    Ich hoffe, dass mehr Leute darauf aufmerksam werden!
    Weiter so:)

  3. Vielen Dank für den Kommentar. 🙂 Mal schauen, es ist ja noch ein bisschen Zeit.
    Mit offenen Enden hadere ich selbst – wenn ich sie lese, denke ich immer: Komm schon, wenigstens noch zwei Zeilen … 🙄 Andererseits mag ich, das Ende beim Schreiben offen zu lassen und mir dann die Gedanken anderer dazu anzuhören. 😁 Vermutungen sind immer willkommen.

  4. Lieber Peter,

    huh, mit dem Ende hätte ich nicht gerechnet 😀

    Sehr stark – aber ganz verstanden habe ich seine Reaktion nicht? Wurde versehentlich bei ihm eine falsche Synapse gekappt und hat irgendetwas in ihm ausgelöst, dass er nun aggressiver ist oder hat gemerkt, dass mit seiner Freundin offensichtlich „irgendwas“ nicht stimmen kann?

    Ich weiß, ich weiß, offenes Ende und so ;), aber ich kann seine Reaktion nicht ganz nachvollziehen, mir reicht auch nur ein kleines Häppchen, bitteeee…. 😉

    Abgesehen davon: Sehr spannend, tragisch und die Schilderung des Alptraumes am Anfang ist sehr gruselig und Dir sehr gut gelungen!!!

    Wenn Du Lust hast, mal über meine Geschichte zu lesen, ich würde mich sehr freuen! („Räubertochter“)

    Liebe Grüße
    Anita

    1. Vielen lieben Dank für die Kritik. 🙂
      Das Ende war schon in der ersten Version so formuliert. Ich habe tatsächlich keine Pläne für die weitere Handlung und weiß daher selbst nicht, wie es weitergeht. 😁 Deshalb lese ich Spekulationen so gerne.
      Mein logischster Ansatz wäre dieser: Er hat das Bild gesehen und es hat eine Erinnerung ausgelöst. Die bisherigen „Bearbeitungen“ waren ja offenbar auch nicht vollständig beendet. Er nimmt sich ein Fleischmesser, das man zum Frühstück jetzt eher selten braucht. Das könnte er benutzen, um das Personal der Geschichte ein wenig zu reduzieren, zwei Leute stehen ja gerade parat. Oder aber er hat den Geschirrspüler ausgeräumt und – ach, ich bin eher bei der ersten Variante. 😁 Aber wem er ein neues Äußeres verpasst, da bin ich wirklich selbst unschlüssig. 🤔 Ich glaube, ich wäre mit allen möglichen Versionen auch nur bedingt zufrieden. Insofern schreibt jeder Leser sein Ende selbst. 😉

  5. Hallo Peter, tolle Geschichte und ein Ende ganz nach meinem Geschmack! Spannung, Grusel, Tragik… alles dabei. Ich wüsste zu gerne, was genau mit der Geliebten passiert ist. Es scheint wirklich grauenvoll gewesen zu sein. Wenn ich es mir so überlege, vielleicht will ich es doch nicht so genau wissen 😉 Auf jeden Fall eine Geschichte, die in Erinnerung bleibt!

  6. Hallo Peter,

    ein sehr interessanter Schreibstil.
    Es gefällt mir, dass man in die Irre geführt wird und dass das Ende offen ist.
    So sollte eine Kurzgeschichte sein.

    Du scheinst Spaß am Schreiben und auch schön öfter Deine Fantasie in Worte gefasst zu haben, das merkt man.
    Weiter so.

    Ich würde mich freuen, wenn Du auch meine Geschichten lesen würdest. Bin gespannt auf Deine Meinung:

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/niemand
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/maedchenmoerder

    Liebe Grüße
    Xanny

  7. Moin, Herr Lehrer! Ha! Endlich darf ich das mal so flapsig sagen! 🙂 Vor (öööööhhhhmmmmmm ….. ) vielen Monden noch hätte ich dafür mindestens einen sehr sehr PÖSEN Blick erhalten *lach* !

    Also, mein erster Gedanke nach diesem Alptraum zu Beginn war ja „Splatter am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen!“ – aber dann war ich irgendwie doch noch „drinner“ in der Story als vorher und irgendwie stellenweise genauso verwirrt, wie SebUel. Das sollte sicher so sein, oder? Ich mein: Ist ja schon heftig, jemanden zu engagieren, der dem Partner (?) das Hirn manipuliert. Habe ich doch richtig verstanden, oder? Wobei: Wenn Helena Mias Mutter ist und diese Aktion auch bezwecken sollte, einen Neuanfang zu ermöglichen (also quasi zurück in die Zeit vor Mia), dann finde ich das auch für sie selbst schwierig, so tun zu müssen, als sei ihr Kind nicht verstorben. Als gäbe es dieses Grab nicht. Als hätte es dieses Kind nie gegeben. Als Mutter eines Sternenkindes weiß ich, dass das nahezu unmöglich ist, es sei denn, man möchte gern innerlich zerfressen werden. Und das will niemand, deswegen versucht man lieber, die Trauer über den Tod ins Leben zu integrieren.

    Ich finde die Story irgendwie dennoch cool, weil sie so schön weird ist!
    Ich fand ja auch Deinen einen Kommentar zum möglichen Ausgang der Story schön:
    „Das könnte er benutzen, um das Personal der Geschichte ein wenig zu reduzieren, zwei Leute stehen ja gerade parat. “ *lach* „Das Personal reduzieren ….“ – wirklich gut. Ich wär da auch für.

    So, Like ist gegeben. Wieso erst das 17.? Verstehe ich schon wieder nicht. Hier gibt es offenbar viele Menschen, die viel zu bescheiden sind und keine Werbung für ihre Geschichten machen (wollen). Ein Jammer! Ich hoffe wirklich, dass auch zu Deiner Geschichte noch ein paar LeserInnen ihren Weg finden!

    Kollegiale Grüße!
    Kathrin aka Scripturine / https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt … ich setze schonmal Kaffee auf, für den Gegenbesuch! Freu mich schon 🙂

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